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28/05/2018 11:11 CEST | Aktualisiert 29/05/2018 13:05 CEST

Wutbrief eines Bauern: “Mit eurem Geiz zerstört ihr mein Leben"

Für mich ist das ein Kreislauf des Irrsinns.

Auch das Video oben beschäftigt sich mit billigen Lebensmitteln: Das müsst ihr vor dem Kauf von Discounter-Fleisch wissen.

Dieser Brief geht an alle, die mein Leben als Landwirt jeden Tag zur Hölle machen. Weil sie Lebensmittel nur nach einem Maßstab einkaufen: Hauptsache billig.

Eine Packung frische Voll-Milch liegt derzeit bei durchschnittlich 69 Cent Verkaufspreis.

Anfang Mai lag der Verpackungs-Preis noch bei 78 Cent.

► Und trotzdem: Im Supermarkt höre ich euch darüber klagen, dass die Milch so teuer ist.

Wisst ihr eigentlich, dass ein Landwirt bei einem Verkaufspreis von 69 Cent nur knapp die Hälfte des Geldes bekommt?

Die Auswirkungen davon spüre ich jeden Tag. Das Geld reicht vorne und hinten nicht. Ich muss neue Kredite aufnehmen, um alte Rechnungen überweisen zu können. Ich kann kein Futter für meine Tier kaufen.

Damit ich immerhin einen Teil meiner Kühe ernähren kann, muss ich den anderen Teil verkaufen.

Zu den psychischen Belastungen für mich selbst habe ich noch gar nichts gesagt: Schon wenn ich frühmorgens aufwache, mache ich mir Sorgen. “Hoffentlich fällt heute keine Reparatur an”, denke ich. “Was ist, wenn ich nicht genügend Milch produziere? Kann ich noch gewährleisten, dass es meinen Tieren gut geht?”

Es ist immer dieselbe Qual – und das jeden Tag. Auch meine Familie bekommt von meinen Existenzängsten mit. Deshalb unterstützt mich meine Frau im Stall. Das Arbeitspensum ist massiv: 14 Stunden arbeiten wir täglich. Um dann abends mit genau denselben Zweifeln ins Bett zu gehen, mit denen wir morgens aufgestanden sind. Für mich ist das ein Kreislauf des Irrsinns.

Westend61 via Getty Images
Viele Landwirte haben es schwer, ihren Betrieb zu halten. 


Konsumenten beschweren sich ständig über die Verkaufspreise

Um Qualität geht es euch Verbrauchern schon lange nicht mehr. Denn: Wer von euch würde zu einem höheren Preis Grundnahrungsmittel kaufen, wenn es sie auch günstiger gibt? Zwar höre ich das als Landwirt von vielen Seiten. Aber wenn tatsächlich die Preise steigen, ist das Geschrei groß.

Die Deutschen sind knauserig, was ihre eigene Verpflegung angeht. Das Finanzportal “Vexcash” hat 2017 in einer Untersuchung festgestellt, dass sie rund zehn Prozent ihres Einkommens für Lebensmittel ausgeben. Das ist die neuntniedrigste Quote weltweit.

Das macht mich fassungslos. 

Wie werden Milchpreise auf dem deutschen Markt angepasst?

Bis 2015 galt die von der Europäischen Gemeinschaft eingeführte Milchquote. Die Menge der Milch wurde in einer festen Produktionsquote festgelegt. Lieferte ein Landwirt zu viel Milch, wurde dieser vom Staat durch Sanktionen bestraft.

Inzwischen sind die Milchpreise von der weltweiten Konkurrenz abhängig. Alle sechs Monate verhandeln Molkereien mit den Handelskonzernen wie Aldi in Kontraktabschlüssen um die Preise.

Die festgelegten Milchpreise von Aldi gelten hier als Orientierungswert. Drückt der Discounter den Milchpreis, fällt dieser oft auch bei allen anderen Supermarktketten. Die wollen schließlich konkurrenzfähig bleiben und reagieren deshalb schnell auf Veränderungen des Discounter-Riesen.

Wir Landwirte arbeiten hart für eure Grundnahrungsmittel

Wenn ihr im Supermarktregal nach einer Packung Milch, dem Stück Butter oder einem Becher Joghurt greift, handeln viele von euch ohne Gewissen, ohne Gedanken an uns Milchbauern. 

Wie hart wir Landwirte jeden Tag für eure Grundnahrungsmittel arbeiten, daran denkt ihr nicht, wenn ihr einkauft.

► Ebenso wenig ahnt ihr wahrscheinlich, wie hart es für uns ist, für den Erhalt unseres Betriebs zu kämpfen, damit er bei solchen Preisen überhaupt noch kostendeckend wirtschaftet.

Als Beispiel für meinen Hof: Im Durchschnitt fallen für jede meiner knapp 80 Kühe etwa 1800 Euro Grundkosten an. Futter, Tierarzt, Klauenpflege – dem Tier soll es schließlich gut gehen.

Eine Kuh gibt durchschnittlich 7000 Liter Milch pro Jahr. Bei der Menge und dem aktuellen Milchpreis von 35 Cent, die dem Landwirt zustehen, komme ich auf knapp 2450 Euro Umsatz für eine Kuh

Ein Gewinn bleibt trotzdem nicht. Denn von den Einnahmen muss ich auch noch Steuern oder mögliche Reparaturen zahlen und Kredite für den Stall begleichen.

Ein Traktor kostet schon doppelt so viel wie ein SUV-Fahrzeug

► Zudem züchten wir selbst Kälber nach. Das bedeutet, dass die Kühe von einem Tierarzt künstlich besamt werden, was auch kostet. Nur eine Kuh, die gekalbt hat, gibt nämlich Milch. Da es rund 30 Monate dauert, bis ein Neugeborenes herangewachsen und selbst zur Mutterkuh geworden ist, bringt das ebenfalls Unkosten mit sich. 

► Ein sehr großer Posten ist der Stall. Der Betrieb wird stets modernisiert. Allein weil sich die Ansprüche an einen guten Stallplatz in den vergangenen Jahren stark erhöht haben. Ich gehe also mit neuen Auflagen um, erneuere, verbessere und baue um. Alles zum Wohl des Tieres.

Dazu kommen noch Betriebskosten wie Wasser, Strom, Diesel und Heizung. Und natürlich noch all die Maschinen, um den Tieren das Futter zu liefern: Da kommt ein ganzer Fuhrpark zusammen, bei dem ein Traktor doppelt so viel kostet wie ein SUV-Fahrzeug.

► Für den Job selbst bekomme ich nichts. Die Arbeit wird einfach gemacht: Jeden Tag von sechs Uhr morgens bis 20 Uhr abends – auch am Wochenende. Und ohne 30 Tage Mindesturlaub im Jahr.

Konsumenten zerstören durch ihre Denkweise meine Arbeit als Landwirt

Selbst wenn die Preise stabil bleiben würden: Rücklagen kann ich aus meinen Einnahmen kaum bilden. Eine einzige größere Reparatur würde für mich bereits den Ruin bedeuten.

Mit eurem Verlangen nach immer günstigeren Preisen zerstört ihr, die Konsumenten, meine Arbeit als Landwirt.

Der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft hat festgestellt, dass allein im Jahr 2017 rund 7600 Bauernhöfe in Deutschland schließen mussten. 

Es ist nicht zu viel verlangt, wenn ich von allen Verbrauchern mehr Bewusstsein für unsere Arbeit fordere. Bewusstsein für die Nahrungsmittel, die ihr täglich konsumiert. Weil in jedem Produkt eine Menge Wissen, Arbeit und Leidenschaft steckt.

Ein bisschen mehr Wertschätzung für unsere Leistung, ein bisschen weniger Gejammer über die Preise. Wir Landwirte wollen schließlich auch nur eins: von unserer Arbeit leben können.

(nmi/jds)