POLITIK
09/11/2018 11:40 CET | Aktualisiert 09/11/2018 14:00 CET

Wolfgang Thierse zum 9. November: "Pegida und AfD missbrauchen den Ruf 'Wir sind das Volk'"

In der HuffPost äußern sich ehemalige DDR-Bürger zum Jahrestag des Mauerfalls dazu, wie sich ihre Heimat seither verändert hat.

HuffPost / Marco Fieber
SPD-Politiker Wolfang Thierse in seinem Büro im Zentrum von Berlin.

Wolfgang Thierse hat die gesamte DDR-Diktatur bis zur friedlichen Revolution 1989 durchlebt. An die Tage und die Stimmung in Berlin nach dem Mauerfall erinnert sich der SPD-Politiker und langjährige Bundestagspräsident noch immer ganz genau:

“So heiter und fröhlich wie in diesen Tagen war die Stadt nie wieder. Überall feierten Menschen auf den Straßen, Wildfremde umarmten und begrüßten uns mit einem Glas Sekt. Das Glück jener Novembertage werde ich nie wieder vergessen”, sagt Thierse im Gespräch mit der HuffPost.

Kurz vor der Wiedervereinigung trat der heute 75-Jährige der SPD bei und wurde rasch zum wichtigsten Vertreter der Ost-SPD. Thierse galt auch deshalb als Stimme der Menschen in den neuen Bundesländern. 

“Wir sind das Volk” wird verfälscht

Dass heute rechte Gruppierungen und Parteien wieder “Wir sind das Volk”, den Slogan der DDR-Opposition, rufen, kritisiert Thierse scharf. 

“Es ist so unsäglich wie grotesk: Pegida, die AfD und Co. missbrauchen nicht nur unsere damalige Forderung nach Demokratie. Sie verfälschen den Ruf auch zu einer fremdenfeindlichen Losung”, betont Thierse.

Damals habe sich der Ruf gegen die diktatorische Herrschaft der SED gerichtet. “Jetzt richten ein paar Tausende in Dresden und einigen anderen Städten denselben Ruf gegen eine demokratische Regierung, gegen Flüchtlinge und Ausländer”, bemerkt Thierse.

Ihn ärgere “die Inanspruchnahme dieser mit Abstand wichtigsten Losung der Wendezeit”.

“Das alte System wirkt noch nach”

Trotz vieler Probleme seien Ost- und Westdeutschland mittlerweile zusammengewachsen, es gebe aber nach wie vor Unterschiede, sagt der SPD-Politiker. “Gerade ökonomisch liegen die neuen Bundesländer weit hinter den alten zurück. Die Löhne, Gehälter und Renten sind noch viel zu ungleich.”

Dazu kämen kulturelle und mentale Unterschiede. Thierse unterstreicht aber: “Darüber dürfen wir uns nach über 40 Jahren getrennter Entwicklung nicht wundern, das alte System wirkt noch nach.”

Das ganze Interview könnt ihr hier lesen:

Sehr geehrter Herr Thierse, was kommt Ihnen zuerst in den Sinn, wenn sie an den 9. November 1989 denken?

Manchmal gibt es durch einen glücklichen Zufall jähe geschichtliche Wendungen. Der 9. November 1989 war ein solcher Zufall, der zu einem historischen Glück geführt hat.

Was meinen Sie genau?

Es war Schicksal, dass sich Günter Schabowski, damals SED-Politbüro-Mitglied, auf der berühmten Pressekonferenz am Abend des 9. November so undeutlich und unglücklich ausgedrückt hat. Die anwesenden Journalisten und die DDR-Bürger an den Radios und vor den Fernsehern bekamen den Eindruck, die Mauer wird geöffnet – obwohl das Schabowski gar nicht gesagt hatte.

Doch die Grenze musste letztendlich geöffnet werden, die Ost-Berliner drückten die Mauer buchstäblich an den Übergängen zu West-Berlin ein.

Wie haben Sie diesen Abend und den darauffolgenden 10. November erlebt?

Wir sind nicht sofort zur Grenze gerannt. Meine Frau und ich dachten damals: Wenn das stimmt, was wir da im Fernsehen sehen, dann wollen wir das zusammen mit unseren Kindern erleben. Doch die lagen schon im Bett, sodass wir erst an den darauffolgenden Tagen nach West-Berlin – wie Zehntausend andere auch – geströmt sind.

So heiter und fröhlich wie in diesen Tagen war die Stadt nie wieder. Überall feierten Menschen auf den Straßen, Wildfremde umarmten und begrüßten uns mit einem Glas Sekt. Das Glück jener Novembertage werde ich nie wieder vergessen.

Überall feierten Menschen auf den Straßen, Wildfremde umarmten und begrüßten uns mit einem Glas Sekt. Das Glück jener Novembertage werde ich nie wieder vergessen. Wolfgang Thierse

Die Mauer fiel 1989, knapp ein Jahr später kam die Wiedervereinigung – was hat sich seitdem am stärksten verändert?

Das sichtbarste ist, dass die Straßen und Plätze saniert sind. So schön, wie die ostdeutschen Städte jetzt sind, haben sie zu DDR-Zeiten nie ausgesehen.

… und das weniger sichtbare?

Fakt ist: Aufgrund des völlig anderen wirtschaftlichen, politischen und sozialen Systems hat sich das Leben aller Ostdeutschen radikal verändert. Die Wiedervereinigung hat Verlierer erzeugt, aber auch sehr viele Gewinner.

Sind die beiden Teile Deutschlands in den vergangenen Jahrzehnten dennoch zusammengewachsen?

Ja, Ost und West sind zusammengewachsen – aber man erkennt noch Unterschiede. Gerade ökonomisch liegen die neuen Bundesländer weit hinter den alten zurück. Die Löhne, Gehälter und Renten sind noch viel zu ungleich.

Dazu kommen kulturelle und mentale Unterschiede. Aber darüber dürfen wir uns nach über 40 Jahren getrennter Entwicklung nicht wundern, das alte System wirkt noch nach.

Wo klappt es dagegen schon sehr gut?

Bei den jüngeren Generationen ist das schon viel besser. In den vergangenen 28 Jahren sind etwa vier Millionen Menschen aus dem Osten in den Westen gegangen. Das ist eine schmerzliche Zahl für die, die zurückgeblieben sind.

Im gleichen Zeitraum sind allerdings auch zweieinhalb Millionen Menschen den umgekehrten Weg gegangen. So entsteht eine neue deutsche Mischung, mit der ich Hoffnung verbinde: Wir Ostdeutschen sind nicht mehr unter uns.  

Was denken Sie über jene, die heute auf die Straße gehen und wie 1989 “Wir sind das Volk” rufen – und damit vor allem gegen die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung protestieren?

Mich ärgert die Inanspruchnahme dieser mit Abstand wichtigsten Losung der Wendezeit. Damals richtete sich der Ruf “Wir sind das Volk” gegen die diktatorische Herrschaft der SED. Hunderttausende riefen ihn in Leipzig, Rostock oder Erfurt.

Jetzt richten ein paar Tausende in Dresden und einigen anderen Städten denselben Ruf gegen eine demokratische Regierung, gegen Flüchtlinge und Ausländer. Es ist so unsäglich wie grotesk: Pegida, die AfD und Co. missbrauchen nicht nur unsere damalige Forderung nach Demokratie. Sie verfälschen den Ruf auch zu einer fremdenfeindlichen Losung.

“Wir sind das Volk”: HuffPost-Aktion zum 9. November

 

Zum Jahrestag des Mauerfalls spricht die HuffPost mit Zeitzeugen, die die friedliche Revolution in der DDR miterlebt haben. Sie blicken zurück auf die Wendezeit und wie sich Ostdeutschland seitdem entwickelt hat. Unter diesem Link findet ihr den Überblick mit allen Zeitzeugen. Das sind die einzelnen Beiträge:

 

HuffPost / Marco Fieber

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