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18/02/2018 19:16 CET | Aktualisiert 18/02/2018 19:16 CET

Wohntrends 2018: Sehnsucht nach Heimat

„Das Wohnen aber ist der Grundzug des Seins.“ Martin Heidegger („Bauen, Wohnen, Denken“, 1951)

Wohnen ist die Weise, in der wir uns in der Welt befinden und der Versuch zu leben, ohne sich zu verlieren. Im Zuge gesellschaftlicher Umwälzungen sowie veränderter Lebensmodelle und Ansprüche gewinnt die Sehnsucht nach Heimat immer mehr an Bedeutung - und damit nach Privatheit, Geborgenheit, Ruhe und Wärme. Die neue Gemütlichkeit, geprägt durch Materialien wie Holz, Baumwolle, Leder, Filz und Naturstein, ist die Antwort auf unsere rastlose Gesellschaft. Wer ihr entfliehen will, schließt die Tür hinter sich und zelebriert die eigene Wohnkultur, in der wir uns ganz als uns selbst erfahren und „wirklich“ sind.

Wohntrends von A bis Z

Dekoration

Je mehr die grüne Welt draußen schrumpft, desto mehr hält sie Einzug in unser Zuhause, in dem Alltagsobjekte wie Aufbewahrungsorte einer intakten Natur erscheinen. Angesichts der „wachsenden“ Untergangsszenarien wird der Ruf nach Dekoration immer lauter. Die schöne neue Ding- und Motivwelt aus der Natur wird zum Appell, „den Tag zu pflücken“ (Horaz).

Essbereich

Einrichtungsgegenstände gewinnen zunehmend an Wohlfühlcharakter, was sich auch im Essbereich zeigt: Hier dominiert der Trend zu ausladenden Tischen und gepolsterten Sitzbänken sowie komfortablen Armlehnstühlen, die Großzügigkeit und behagliche Wärme vermitteln.

Farben

Zu den Trendfarben gehören samtige Nudetöne (Creme, Karamell und Schoko), aber auch pastellige Grün-, Blau- oder Grautöne. Schwarz hat es allerdings schwer, weil damit Bedrohung und Pessimismus assoziiert werden.

Küche

Viele Deutsche investieren inzwischen mehr in die eigene Küche als ins Auto, das längst kein Statussymbol mehr ist. Das ist nicht „abgefahren“, sondern hat mit der Lust am Bleiben und am Analogen zu tun. Es geht darum, sich aus der Dauererreichbarkeit auszuklinken, achtsam und in sich ruhend im Hier und Jetzt zu sein und einer Sache seine volle Aufmerksamkeit zu schenken. Die moderne Küche stillt unsere Sehnsucht nach Heimat und Überschaubarkeit in einer globalisierten Welt.

Möbel

Maßarbeit und Nachhaltigkeit sowie ressourcenschonende Fertigungstechniken gewinnen beim Möbelkauf in einer Zeit voller Technisierung, Digitalisierung, Massenproduktion, Komplexität und Tempowechsel immer mehr an Bedeutung – vor allem der Werkstoff Holz als „analoger Ruhepol" wird immer beliebter. Die Wertschätzung des Handwerks in Zeiten tiefgreifender gesellschaftlicher Veränderungen und Instabilität ist unter anderem darauf zurückzuführen, dass alles nicht Greifbare immer mehr für Unbehagen sorgt.

Motive

Je härter die Realität, desto ausgeprägter ist die Sehnsucht nach Leichtigkeit, nach dem Schwebenden, das man festhalten möchte, aber doch nicht wirklich fassen kann. So tauchen seit einigen Jahren vor allem Wolkenmotive auf Textilien, Handyhüllen, Schneidbrettern und Sitzmöbeln auf.

Polster

In den vergangenen Jahren präsentierte die Möbel- und Einrichtungsbranche ein Wolkenmeer aus Stoffen und Drapeterien, aber auch ausladende watteweiche Sitzlandschaften. Die „gepolsterten“ Errungenschaften stammen bereits aus dem 16. Jahrhundert, zuvor gab es Felle und Stroh. Die Polstergarnitur ist eine Erfindung aus dem 18. Jahrhundert, bestehend aus einem Sofa und zwei Armlehnstühlen. Auch sie erlebt gerade eine Renaissance.

Schlafbereich

Schlafen und Matratzen gehören derzeit zu den größten Lifestyle-Themen. Die niederländische Trendforscherin Lidewij „Li“ Edelkoort sagte bereits vor einigen Jahren voraus, dass wir künftig mehr in Schlafbereichen leben werden, weil die Grenzen von Arbeit und Muße in unserer beunruhigten westlichen Kultur immer fließender werden. Schlafzimmer werden als Orte des Träumens künftig immer wichtiger, weil wir im Schlafen lernen, körperlich stillzuhalten und der Geist vom rationalen Denken befreit wird.

Teppiche

Der Teppich feierte in den vergangenen Jahren ein grandioses Comeback, nachdem jahrelang vor allem Parkett, Linoleum oder Estrich in Wohn- und Arbeitsräumen verlegt wurden. Er ist heute so etwas wie ein „mentaler Rückzugsraum“. Der Vintage-Look vieler Teppiche (aus entfärbten Versatzstücken alter Teppiche werden neue kombiniert) steht für die Sehnsucht nach Verwurzelung, Einzigartigkeit, Authentizität und Handwerkskunst.

Wohntextilien

Anbieter von nachhaltigen Heim- und Wohntextilien werben heute verstärkt mit der „Gemütlichkeit in den eigenen vier Wänden“ (memolife). Da Wohntextilien direkten Hautkontakt haben, achten immer mehr Menschen darauf, dass sie frei von Schadstoffen sind.

Urban Jungle

Als Urban Jungle wird innen fortgesetzt, was als Urban Gardening im Außenbereich begann: Er steht für einen grünen Rückzugsort zwischen Asphalt und Beton. Gern gekauft werden grüne Lifestyleprodukte wie Plant-Hanger oder „Boob-Pot” (die ganz nebenbei an einen weiblichen Oberkörper erinnern). Zimmerpflanzen gehören ebenfalls zu den neuen Statussymbolen.

Nachhaltigkeit ist die neue Heimat.

Literatur von Claudia Silber und Alexandra Hildebrandt:

Gut zu wissen... wie es grüner geht: Die wichtigsten Tipps für ein bewusstes Leben. Amazon Media EU S.à r.l. Kindle Edition 2017.

Gartenzeit: Wie wir Natur und Kultur wieder in Gleichklang bringen. Amazon Media EU S.à r.l. Kindle Edition 2017.

Küchen-Kultur und Lebensart: Warum Verantwortung nicht zwischen Herd und Kühlschrank aufhört. Amazon Media EU S.à r.l. Kindle Edition 2017.