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25/05/2018 11:07 CEST | Aktualisiert 25/05/2018 11:07 CEST

Wohnform der Zukunft: Warum Tiny Houses immer beliebter werden

Überschaubar und kleinräumig – verantwortbare Strukturen

„Wir leiden heute unter einer nahezu umfassenden Vergötterung des Gigantischen. Daher müssen wir auf die Vorzüge der Kleinheit dringen."

Ernst Friedrich Schumacher, „Small is beautiful“

Die Menschen sind heute weniger sesshaft und möchten sich mehr auf das Wesentliche konzentrieren – das hat auch Auswirkungen auf die Architektur. Der Trend geht zur winzigen Wohnung. Wenn New Yorker Stadtplaner Recht behalten, wird das urbane Wohnen in Zukunft auf kleinstem Raum stattfinden, denn die Zahl der Weltbevölkerung wächst stetig: Heute sind es mehr als sieben Milliarden Menschen, 2050 werden es neun Milliarden sein. Das bedeutet, dass weltweit wöchentlich 400.000 neue Wohnungen gebraucht werden. Nach Angaben der Vereinten Nationen wird die Zahl der Großstädter weiterhin stark steigen (auf mehr als sechs Milliarden im Jahr 2045).

Der moderne Lebenswandel zwingt die Städte, nachhaltig etwas für die Zukunft des Wohnens zu tun. Miniwohnungen machen vor allem dort Sinn, wo Mietpreise in die Höhe gehen. Tiny oder Small House Movement entstand in den USA als Gegenbewegung zum Wachstumsglauben. Lebte eine US-amerikanische Familie in den 1970er Jahren noch durchschnittlich auf 165 m², stieg die Größe des Wohnraums innerhalb von nur 30 Jahren auf 230 m² an. Gerade in den USA, in denen die meisten Häuser nicht aus Stein und Zement oder Beton, sondern aus Pressholzplatten mit ein bisschen Isolierung gebaut werden, ist ein Investment keines für die Ewigkeit. Während in Deutschland mehrere Generationen über ein bis zwei Jahrhunderte ein Haus bewohnen können, beläuft sich die Lebenshaltung für ein nordamerikanisches Haus häufig auf wenige Jahrzehnte.

1997 veröffentlichte die Amerikanerin Sarah Susankanka ein Buch mit dem Titel „The Not So Big House – A Blueprint For the Way We Really Live“. Darin geht es um Minimalismus und das allgemeine Bewusstsein für ein selbstbestimmteres, erfüllteres Leben. Viele Menschen, darunter, auch namhafte Architekten aus bevölkerungsstarken Ländern, ließen sich davon inspirieren und kreierten ihre eigene Version davon.

Inzwischen ist die Tiny House Bewegung auch in Deutschland angekommen. Ihre Anhänger schätzen vor allem die Mobilität und die Möglichkeit des nomadischen Lebensstils. In Berlin hat der Architekt und Erfinder der einfach nachzubauenden Hartz-IV-Möbel Van Bo Le-Mentzel 2015 die Tinyhouse University gegründet. 2017/18 organisierte sie eine Ausstellung mit mehr als zehn Tiny Houses beim Bauhaus-Archiv in Berlin.

In einem Tiny House entspannt zu leben, ist günstig, umweltfreundlich und idyllisch. Häufig werden die Häuschen von ihren Bewohnern selbst gebaut. Für einige ist bereits alles unter 90 m² ein kleines Haus, andere ziehen die Grenze bei einer Apartmentgröße von unter 50 m². Die verbreitetste Maximalgröße liegt bei unter 20 qm². Ein durchschnittliches Tiny House besteht in der Regel aus einem Raum mit einer zweiten Etage, die etwa ein Drittel des Raumes überdacht. Hier befindet sich das Schlafzimmer, das über eine kleine Leiter zu erreichen ist und Platz für ein bis maximal vier schlafende Menschen bietet. Darunter befinden sich häufig die Küchenzeile und ein kleines Badezimmer. Die restlichen Quadratmeter dienen als Wohnraum.

Das Hauptbaumaterial ist (im Idealfall) nachhaltig angebautes – Holz. In Deutschland kann dies Fichte, Buche, Kiefer oder Eiche sein. In den USA ist Zedernholz besonders gefragt. Die Isolierung kann aus Glaswolle, Hanfwolle, Steinwolle oder einer Holzfaserdämmung bestehen. Die Strom- und Wasserversorgung findet in Kombination mit auf dem Dach angebrachten Solarzellen statt.

Für einige steht beim Leben im Tiny House die Ideologie des Downsizing im Vordergrund: Sie besinnen sich auf das Wesentliche. Viele Tiny House Bewohner verbinden die wohnliche Reduktion mit einem naturnahen Leben: Je nach Wetterlage verbringen sie die meiste Zeit draußen und erweitern dadurch ihren inneren wie äußeren Lebensraum. Viele der Tiny Houses ähneln in ihrem Aufbau dem klassischen Wohnwagen.

Wer in Deutschland ein Tiny House kaufen oder bauen möchte, sollte sich detaillierte Fragen stellen, denn die Bauvorschriften sind streng und umfangreich:

· Soll das gesamte Leben umstrukturiert werden?

· Wo soll das Tiny House stehen?

· Wie sehen die Baugenehmigungen für die favorisierte Variante aus?

· Soll das Tiny House selbst gebaut werden, oder sollte ein Fertighaus samt Anhänger gekauft werden?

· Wird ein Kredit benötigt oder kann das Haus bar bezahlt werden?

Auf der Website ist alles Wissenswerte zum Thema Tiny Houses und das Wohnen und Leben auf kleinem Raum zu finden.

Weitere Informationen:

Daniel Fuhrhop: Einfach anders wohnen. 66 Raumwunder für ein entspanntes Zuhause, lebendige Nachbarschaft und grüne Städte. Oekom Verlag 2018.

Oekom Verlag

Ernst Friedrich Schumacher: Small is beautiful. Die Rückkehr zum menschlichen Maß. Aus dem Englischen von Karl A. Klewer. Oekom Verlag 2013.

Claudia Silber und Alexandra Hildebrandt: Gut zu wissen... wie es grüner geht: Die wichtigsten Tipps für ein bewusstes Leben. Amazon Media EU S.à r.l. Kindle Edition 2017.