POLITIK
31/03/2018 12:48 CEST | Aktualisiert 31/03/2018 17:26 CEST

Wohlhabend, gebildet und trotzdem AfD – Deutschlands Elite rückt nach rechts

Forscher haben eine Vermutung, was der Grund dafür ist.

Im Video oben: Das sollen sich AfD-Mitglieder hinter den Kulissen einer Talkshow geleistet haben

Der Wutbürger im Jahr 2018 trägt Krawatte.

Diesen Eindruck könnte jedenfalls gewinnen, wer auf die “Erklärung 2018” blickt – einen Aufruf im Internet, der sich gegen die Flüchtlingspolitik von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) richtet.

In der Erklärung heißt es düster: “Mit wachsendem Befremden beobachten wir, wie Deutschland durch illegale Masseneinwanderung beschädigt wird.”

Und weiter: “Wir solidarisieren uns mit denjenigen, die friedlich dafür demonstrieren, dass die rechtsstaatliche Ordnung an den Grenzen unseres Landes wiederhergestellt wird.”

Mehr als 500 Rechtsanwälte, Ärzte, bekannte Künstler, wie der Schriftsteller Uwe Tellkamp, und Naturwissenschaftler haben diese Solidaritätsbekundung mit Pegida und anderen institutionalisierten Protestveranstaltungen inzwischen unterzeichnet. Teilnehmerzahl stark steigend.  

Reich und wütend

Die “Erklärung 2018” ist aber nur die Spitze eines rechtskonservativen Eisberges – sie lenkt den Blick auf eine Entwicklung, die bisher oft übersehen wurde:

Der nationalistische Rollback in Deutschland ist nicht nur ein Phänomen der unteren sozialen Schichten und abstiegsverängstigter, abgehängter Wutbürger. Er betrifft auch die gesellschaftlichen Eliten, das Bildungs- und Wirtschaftsbürgertum.

Das ist umso erstaunlicher, als es der Oberschicht in Deutschland blendend geht: 2016 wurde so viel Vermögen vererbt wie nie zuvor. Der Wertzuwachs bei Immobilien und Aktien hat die Vermögen der Wohlhabenden in den vergangenen Jahren überproportional steigen lassen. 2017 ist die Zahl der Millionäre in Deutschland deshalb um 81.000 auf rund 1,3 Millionen gestiegen.

Wertzuwachs und Wutzuwachs gehen also offensichtlich Hand in Hand.

Hat die Union Menschen mit konservativem Weltbild verloren?

Studien oder Befragungen zur politischen Einstellung der gesellschaftlichen Eliten existieren bisher aber nicht, sagt der Leipziger Soziologe Holger Lengfeld, der sich eingehend mit der AfD und ihrer Wählerschaft beschäftigt hat.

“Inwiefern die Hinwendung zum Rechtskonservatismus oder der Neuen Rechten in bestimmten Milieus größer wird, zum Beispiel bei den Bildungsbürgern, können wir Sozialwissenschaftler deshalb aktuell noch nicht sagen”, erklärt Lengfeld.

Er sagt aber dann doch in Hinblick auf den Mittekurs der CDU unter Merkel: “Wir vermuten: Viele Menschen mit einem konservativen Weltbild haben sich nicht mit der Union mitliberalisiert. Dazu gehört auch ein Teil der gesellschaftlichen Elite, der mit dem Kurs der Regierung Merkel und ihrem Drift in die Mitte nicht einverstanden ist.”

Die Abstiegsängste der Oberschicht

Lengfeld hält es für möglich, dass die Flüchtlingskrise diese Entwicklung noch einmal deutlich verstärkt hat.

Tatsächlich machten bei der Bundestagswahl mehr als eine Million frühere Unionswähler ihr Kreuz bei der AfD. Die FDP, traditionell die Partei der Besserverdienenden, verlor immerhin 40.000 Wähler an die AfD.

Insofern überrascht es wenig, wenn auf Partys Mitt- und Enddreißiger aus Akademiker- und Managerfamilien berichten, wie ihre Eltern plötzlich die Angst vor Überfremdung umtreibt – obwohl in ihrem Münchner Villenvorort Flüchtlinge in etwa so präsent sind wie Autos mit weniger als 100 Pferdestärken.

Wer etwas tiefer gräbt, findet aber dann doch Anhaltspunkte und Gründe für den Rechtsruck unter den Eliten. Die Gründe gleichen sich dabei – überraschenderweise – ganz unten und ganz oben in der Gesellschaft.

So zeigte eine im Februar 2018 veröffentlichte Studie der gewerkschaftsnahen Hans Böckler Stiftung: In der Oberschicht sind Abstiegsängste und Bedrohungsgefühle deutlich stärker ausgeprägt als in der Mittelschicht.  

“Es herrscht eine allgemeine soziale Verunsicherung”

 “Auffällig und unerwartet ist, dass finanzielle Sorgen am oberen Rand der Gesellschaft wieder steigen”, sagt die Autorin der Studie, Bettina Kohlrausch, Soziologin an der Universität Paderborn.

► Von denen, die sich “ganz oben” in der Gesellschaft einordnen, geben in der Studie immerhin 47,6 Prozent an, sich große oder sehr große finanzielle Sorgen zu machen.

► Mehr als ein Drittel fürchtet außerdem den Verlust seiner gesellschaftlichen Position.

► Und ein knappes Drittel der Menschen, die über ein Nettoeinkommen von über 4000 Euro verfügen, ist der Überzeugung, ihren Lebensstandard nicht langfristig halten zu können.

Kohlrausch diagnostiziert in ihrer Studie eine “allgemeine soziale Verunsicherung” quer durch alle Gesellschaftsschichten.

Forscher: AfD spricht alle Bevölkerungsschichten an

Wer diese Zahlen kennt, kann den Befund des Leipziger Soziologen Lengfeld leicht nachvollziehen, dass “Arme wie Reiche AfD wählen”. Für beide Gruppen sei die AfD eine Partei, die Tradition pflegen und das Land gegen “kulturell Fremde und den Islam” abschotten will.

Damit habe es die AfD im Stile einer Volkspartei geschafft, alle Bevölkerungsschichten anzusprechen.

“Weht der neue Geist im Land rechts?”

Erst vergangene Woche berichtete die Wochenzeitung “Die Zeit” erstaunt über einen rechten Debattiersalon in Berlin, der fast alles Personal vereint, das in konservativen Intellektuellen-Zirkeln berühmt und bei Linken berüchtigt ist:

vom Bestsellerautor Thilo Sarrazin über den “Welt”-Kolumnisten Henryk M. Broder, den renommierten Berliner Osteuropaforscher Jörg Baberowski bis zum irrlichternden ehemaligen “Spiegel”-Starjournalisten Matthias Matussek.

Was alle laut “Zeit” verbindet: die Sorge vor der angeblich ungesteuerten Zuwanderung und einer Medienöffentlichkeit, die jede rechte Äußerung sofort als Tabubruch verurteilt.

“Weht der neue Geist im Land rechts?”, fragte die “Zeit” provokant.

Einer, der für diesen neuen Geist steht, ist der Berliner Journalist Andreas Lombard. Auch Lombard ist laut eigener Aussage Teil des Berliner Salons. Der 54-Jährige hat im vergangenen Jahr ein neues Magazin unter dem Titel “Cato” herausgebracht.

Im Heft geht es unter anderem darum, was deutsch ist, wie Muslime die europäischen Gesellschaften destabilisieren und an den Rand des Bürgerkrieges treiben – Themen auf Dutzenden Seiten sind aber auch Kunst und Kultur, wie der Neubau des Berliner Stadtschlosses, Städtebau in Großbritannien oder die nationale Bedeutung von Dürer-Zeichnungen.

Von Scheidungsraten und Sozialabgaben

Das Projekt deshalb als nischiges Lifestylemagazin für ältere weiße Männer abzustempeln, griffe aber zu kurz. Eine fünfstellige Auflage erreiche das Heft aus dem Stand, sagt Lombard. Von der positiven Resonanz sei er selbst überrascht.

Und wer “Cato” liest und sich mit Lombard darüber unterhält, versteht besser, was die konservativen und neurechten Bildungsbürger umtreibt.

► “Wir haben eine Scheidungsrate von 50 Prozent in Deutschland”, sagt Lombard. “Mir brennt da unter den Nägeln: Wie retten wir die Ehe? Wenn Kinder mit im Spiel sind, ist das kein privates Problem mehr, sondern ein gesellschaftliches.”

► “Beim Bürgerlich-Konservativen geht es um eine Haltung. Man vermeidet harte Schnitte und arbeitet mit dem Bestehenden”, sagt der Chefredakteur. “Nicht das Hergebrachte muss sich rechtfertigen, sondern das Neue.”

► “Der Staat ist dabei, die Mittelschicht an die Wand zu drücken”, erklärt Lombard weiter. Während hohe Hartz-IV-Sätze Arbeit unattraktiv machten, werde die Mittelschicht mit steigenden Abgaben und Steuern übermäßig belastet. Gleichzeitig sei Deutschland Zahlmeister in Europa.

Bis hierhin sind es Themen, die auch bei CDU- und FDP-Mitgliedern eine zentrale Rolle spielen.

“Vom Grundkonsens der Mehrheit im Land entfernt”

Lombard zeigt aber auch, warum die beiden Parteien so viele konservative und rechte Wähler verloren haben.   

Denn er beklagt im Gespräch die Messergewalt in Deutschland, die Anwendung der Scharia und die Ghettobildung – alles Phänomene, die es tatsächlich gibt. Dafür allerdings, dass sie tagtäglich und dauerhaft den gesellschaftlichen Frieden gefährden, existieren bisher keine Anhaltspunkte.

Lombard aber bleibt dabei: Diese Probleme hätten inzwischen schon ein bürgerliches Viertel wie Berlin-Tempelhof erreicht, wo er selbst wohnt.

Verbunden ist die dramatische Lage für Lombard – wie für viele AfD-Wähler und Nationalkonservative – vor allem mit dem Namen Angela Merkel. “Die CDU unter Merkel hat sich von dem Grundkonsens der Mehrheit im Land entfernt”, glaubt er.

Wo wird das alles enden?

Wer sich mit Lombard über Deutschland unterhält, der bekommt den Eindruck eines Landes im Krisenmodus. Diese Stimmung spiegelt sich auch in den Wahlergebnissen der AfD, in der Unterschriftenliste der “Erklärung 2018” und in den Befragungen der Soziologen wieder.

Wo das enden könnte? Auch diese Frage beantwortet “Cato”.

In einem Artikel mit der Überschrift “Der lange Weg nach Osten” malt sich einer der Autoren aus, welche Folgen die Zuwanderung haben könnte: “Zu befürchten ist die Tribalisierung und in der Folge eine Dekultivierung bis hin zur Barbarisierung Deutschlands und Europas.”

Diese Entwicklung würde im Rückfall Europas in die Kleinstaaterei des Heiligen Römischen Reiches gipfeln.  

Die christliche weiße Mehrheit muss in seinem Tableau wieder den Lebensraum im Osten – den die osteuropäischen Staatschefs frei von muslimischen Flüchtlingen gehalten haben – besiedeln, um ihre Kultur zu bewahren.

“Für die Deutschen wäre die europäische Ostverschiebung noch am leichtesten zu bewältigen”, heißt es in dem Text.

Konservatives Bewahren und reaktionäres Zerstören

Ob die Anklänge an die düsteren Kapitel deutscher Geschichte beabsichtigt sind, wird in dem Artikel nicht klar.

Sicher ist allerdings: Der Artikel zeigt, wie gefährlich nah sich konservatives Bewahren und reaktionäres Zerstören kommen können.