POLITIK
09/09/2018 20:10 CEST | Aktualisiert 10/09/2018 14:29 CEST

Woher kommt all die Angst vor Flüchtlingen? Ein nächtlicher Streifzug durch Chemnitz

“Wenn man ein Flüchtling ist, dann wird man sofort verurteilt”, sagt Karim. "Es gibt immer einen Tropfen, der das Fass zum überlaufen bringt", sagt ein AfD-Politiker.

Im Video oben: Mit versteckter Kamera – Flüchtling Dimon zeigt seinen Blick auf Chemnitzer Problembezirk.

Karim findet Chemnitz scheiße. 

Am Roten Turm geht langsam die Sonne unter, und während die Lichter der umstehenden Laternen zum Leben erwachen, versammeln sich die ersten Nachtschwärmer um den Brunnen am Rande des kleinen Parks nahe dem Karl-Marx-Denkmal. 

Obdachlose sind darunter, Jugendliche und Punks, Feierabendgänger – und Flüchtlinge. Wie Karim. 

Er komme öfter hier her, sagt er. Zum Trinken. Manchmal kaufe er sich eine Flasche Vodka dafür. Heute trinkt Karim Bier, er ist mit Freunden hier. 

“Wenn man ein Flüchtling ist, dann wird man sofort verurteilt”, sagt er. Das ist der Grund, warum Karim Chemnitz scheiße findet.

Karim ist Anfang 20, er ist Berber und kommt aus Marokko.

Während er spricht, bahnt sich auf dem Platz neben ihm Streit an. Ein alter Betrunkener und ein Flüchtling geraten aneinander, sie keifen sich an – der eine auf lallendem Sächsisch, der andere in einer Mischung aus Englisch, Arabisch und Deutsch. 

Keiner versteht den anderen. Wenig später liegen sie sich in den Armen, alles gut. 

Josh Groeneveld
Chemnitz bei Nacht: In der Innenstadt treffen sich Gruppen von Flüchtlingen. 

“Chemnitz ist nicht Europa”, sagt Karim, der zugeschaut hat. Er habe in Holland gewohnt, in Frankfurt, Dortmund und Stuttgart. Da seien die Menschen nett gewesen. Hier nicht. 

Die Rechten in der Stadt machen ihm Angst. Nicht erst, seit sie in den vergangenen Tagen durch Chemnitz’ Straßen marschiert sind. “Zu wenig Polizei”, sagt Karim. “Zu wenig Überwachungskameras.” 

Er fühle sich nicht sicher, vor allem nachts. Und Karim ist wütend. “Ich respektiere alle Menschen”, sagt er. “Außer, ich bekomme keinen Respekt.” 

Durch die Dämmerung schiebt sich nun ein Polizeiauto, vorbei am Roten Turm und dem Park. Die Gegend gehört zu den 18 sogenannten “gefährlichen Orten” in Chemnitz. Hier dürfen die Beamten strenger kontrollieren, hier sollen sie besonders für Sicherheit sorgen. 

Auch, weil hier Flüchtlinge wie Karim sitzen. Und weil in der Stadt die Angst vor jungen Männern wie ihm umgeht. 

Die Fremdenangst von Chemnitz’ besorgten Bürgern

Etwa bei einer Frau, die am Montagabend im Stadtteil Reichenbrand eine Veranstaltung der AfD besucht. Die AfD-Mitarbeiterin Leyla Bilge hat hier gerade einen Vortrag darüber gehalten, wie aggressiv der Islam Männer mache. 

Die Frau, die in der Fragerunde aufsteht, sagt nun: “Es ist schlimm geworden. Ich traue mich seit Jahren nicht mehr alleine auf die Straße.” 

Es ist der gleiche Vorwurf, den anonyme Frauen aus Chemnitz in der Zeitschrift “Emma” erheben.

“Die 20- bis 30-jährigen jungen Männer sind das Problem! Vor allem die aus Nordafrika, aus Syrien und dem Irak. Diese Männer haben unsere Stadt verändert”, sagt die eine, angeblich eine Lehrerin. “Für Frauen ist das Leben gefährlicher geworden. (...) Diese jungen Männer haben nichts zu tun. Sie haben ein sehr abwertendes Frauenbild, sind sexuell aufgeladen, und es gibt für sie kein Korrektiv.”

Auch eine junge Muslima aus Chemnitz sagte der HuffPost: “Seitdem die Flüchtlinge hier sind, hat sich mein Gefühl auf das Chemnitzer Zentrum fokussiert. Ich fühle mich unwohl und förmlich ausgezogen von den Jungpubertierenden.”

Josh Groeneveld
Migranten und Deutsche auf einem Platz im Stadtzentrum von Chemnitz. 

Es ist ein Gefühl der Angst vor Migranten, das einem im Chemnitz immer wieder begegnet.

Wenn man mit Menschen in der Region spricht. Wenn Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer sagt, dass man die Sorgen der Bürger hier ernst nehmen müsse. Wenn, wie in den vergangen zwei Wochen, Teile dieser Bürger Seite an Seite mit Rechten und Rechtsextremen durch die Straßen ziehen. 

Aus Einzelwahrnehmungen, rechtem Kampagnentum, medialer Eile und politischer Sorge entsteht der Eindruck: Chemnitz hat ein außer Kontrolle geratenes Problem mit kriminellen Zuwanderern.   

Doch es ist ein Eindruck, der die Realität in der Stadt verzerrt widerspiegelt. 

Chemnitz wird sicherer – woher also kommt die viele Angst?

Denn Chemnitz wurde in den vergangenen Jahren immer sicherer. 

► Im Jahr 2017 gab es laut offizieller Polizeistatistik 49.081 Straftaten in der Stadt – 8,5 Prozent weniger als im Vorjahr und der niedrigste Stand seit fünf Jahren. 

► Zum Vergleich: In der westdeutschen Stadt Aachen, die mit knapp 250.000 Einwohnern genauso groß ist wie Chemnitz, wurden im vergangenen Jahr 49.142 Straftaten festgestellt

► Die Polizei in Chemnitz ermittelte 19.491 Tatverdächtige, von denen 5775 aus dem Ausland stammen. Fast die Hälfte von diesen (44,8 Prozent) wurde wegen Verstößen gegen das Aufenthalts- oder Asylrecht aufgegriffen.    

► Rechnet man diese Verstöße aus der Statistik heraus, machen Nichtdeutsche einen Anteil von 20 Prozent an den 2017 ermittelten Tatverdächtigen in Chemnitz aus. 

► Gemessen an der Zahl der in Chemnitz lebenden Ausländer (8 Prozent der Bevölkerung) ist das ein hoher Anteil.

Doch wie viele von diesen ausländischen Verdächtigen Flüchtlinge sind – und wie viele der Opfer der Verbrechen es sind –, lässt sich aus den Statistiken nicht ablesen. Sondern nur vermuten.   

Und womöglich liegt hier das Problem: Weil die Polizei keine genauen Angaben macht, bleibt beim Thema Verbrechen durch Flüchtlinge in Chemnitz viel Raum für Interpretationen. Und für Emotionen. 

So fühlen sich laut einer vom Chemnitzer Rathaus im Mai und Juni durchgeführten Umfrage drei Viertel von knapp 2700 befragten Chemnitzern nachts in der Stadt unsicher. 

Es sind Gefühle der Unsicherheit, die vor allem rechte Parteien und Organisationen gezielt schüren und für sich instrumentalisieren. 

So, wie sie es nach der schrecklichen Bluttat an Daniel H. taten, für die zwei Flüchtlinge unter Verdacht stehen, als aus einem “Trauermarsch” rechte Krawalle mit Angriffen auf Journalisten wurden. 

So, wie sie es auch lange nach der Tat noch tun.

Der in Dresden lebende AfD-Politiker Max Krah etwa schrieb unlängst in der rechten Zeitung “Deutschland Kurier”, es habe in Chemnitz seit Jahresbeginn 60 Vergewaltigungen gegeben, von denen 56 von Migranten ausgeübt worden seien. 

Die Polizei Sachsen stellte klar: Es habe bis Ende Juli 14 Vergewaltigungen gegeben, bei denen von zwölf Tatverdächtigen drei Ausländer gewesen seien.  

In einer Mitteilung an die HuffPost zur Arbeit der Polizei gegen Flüchtlingskriminalität in Chemnitz hieß es zudem: 

“Unsere Maßnahmen zur unmittelbaren Kriminalitätsbekämpfung richten sich nicht an Zuwanderern aus. Regelmäßig führen wir sogenannte Komplexkontrollen im Stadtgebiet zur Bekämpfung der Straßen- und Betäubungsmittelkriminalität durch. Ebenso regelmäßig gibt es dabei Feststellungen von deutschen und nichtdeutschen Tatverdächtigen.”

Chemnitz hat also ein Problem mit kriminellen Migranten – jedoch keines, das Sondereinsätze der Polizei nach sich zieht oder Panik unter den Bürgern rechtfertigen würde. 

Und doch, das hat die Reaktion auf den Tod von Daniel H. gezeigt, gibt es sie, diese Panik, diese Wut. 

“Es gibt immer einen Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt”, rechtfertigte der AfD-Bundestagsabgeordnete Marc Bernhard, der beim gemeinsamen “Trauermarsch” der AfD mit Pegida und Rechtsextremen in vorderster Reihe mitlief, die rechten Demonstrationen und Krawalle in Chemnitz im Gespräch mit der HuffPost.

Es bleibt jedoch die Frage: Warum war dieses Fass überhaupt so voll? 

Ohne Fremdenfeindlichkeit lässt sich Chemnitz nicht erklären 

Seit Tagen werden nun Antworten auf diese Frage bemüht. 

Es wird auf das mutmaßliche Demokratiefremdeln der ehemaligen DDR-Bürger im Osten hingewiesen, der Vergleich zwischen dem angeblich weiter entwickeltem Westen und dem abgehängten Osten bemüht.

Es wird über die schwierige Beziehung der Chemnitzer und Sachsen zur Bundesrepublik spekuliert und der regierenden CDU vorgeworfen, diese gerade angesichts der verbreiteten rechtsextremistischen Strukturen im Land nicht verbessert zu haben. 

All diese Analysen mögen einen Teil der Erklärung für die Furcht vor Ausländern in Chemnitz liefern. Doch wahr ist vor allem: Die Ereignisse von Chemnitz lassen sich nicht ohne Fremdenfeindlichkeit erklären. 

Ohne die aggressiv-verängstigte Stimmung gegen Flüchtlinge und Migranten, die von einem rechten Spektrum, das von der AfD bis zu gewaltbereiten Rechtsextremen reicht, in der Stadt geschürt wird. 

Ohne die selektive Wut, die sich aus dieser Stimmung gebiert.

Erst im April geschah in der Kleinstadt Stollberg, eine halbe Stunde südlich von Chemnitz, ein Mord, über den landesweit berichtet wurde. Ein Deutscher brachte seine Lebensgefährtin mit einem Messer um

Danach gab es keinen Aufschrei, keine Trauermärsche der AfD oder wütende Tiraden gegen die Berliner Politik. Bei Daniel H. war das anders. Weil die Tatverdächtigen Flüchtlinge und mutmaßliche Muslime waren. 

“Wir verlieren Schritt für Schritt die Kontrolle über unser Land und unsere Kultur”, wütet der AfD-Politiker Bernhard am Montagabend in Chemnitz.

Die AfD-Mitarbeiterin Bilge vergleicht Muslime mit Azteken, die ihren heiligen Opfern die Herzen herausrissen, und ruft: “Wir können den Islam in Deutschland nicht dulden. Schluss mit der falschen Toleranz, die uns zerstört.” 

Es sind Aussagen wie diese, die seit Jahren die Furcht vor Fremden in Chemnitz entfachen. Und die einen genauen Blick auf die Kriminalität durch Zuwanderer verhindern. 

Kriminalität durch Flüchtlinge in Chemnitz: Die Wahrheit ist differenziert

“Kriminalität hat verschiedene Ursachen, die bei jedem Kriminellem individuell sind”, sagt Saadat Ahmed der HuffPost. Das sei eben auch bei Flüchtlingen so. 

Von denen kennt Ahmed in Chemnitz viele. Er hat viele Asylbewerber als Sozialarbeiter begleitet und ist in der muslimischen Gemeinde der Stadt aktiv, die zum allergrößten Teil aus Flüchtlingen besteht. 

Die Anfeindungen der Rechten gegen Migranten habe es in Chemnitz schon lange vor den Ereignissen der vergangenen Wochen gegeben, sagt Ahmed – und die Flüchtlinge in der Stadt würden ganz unterschiedlich damit umgehen. 

“Es gibt die, die fragen: Warum sollen wir uns auf bestimmte Weise verhalten, weil die uns hassen? Ich habe doch gar nichts gemacht, ich benehme mich nicht so”, sagt Ahmed. 

“Und da gibt es die, die sagen: Wenn die sagen, wir sind kriminell, dann sind wir auch kriminell. Wenn die Angst vor uns haben, dann sollen die auch Angst vor uns haben.” 

Leonhard Landes
Der Sozialarbeiter Saadat Ahmed betreut in der muslimischen Gemeinde von Chemnitz Flüchtlinge.

Das habe viel mit Frust zu tun, erklärt der Pädagoge: “Es gab hier Geflüchtete, die wussten über ein Jahr nicht, was sie tun sollten. Keine Arbeit, keine Beschäftigung, keine Perspektive. Und irgendwann geben die Menschen dann auf.”

Es sei eine schwierige Aufgabe, immer neue Wege zu finden, diese Menschen neu zu motivieren. So würde sich die muslimische Gemeinde in Chemnitz dafür einsetzen, dass die Menschen beschäftigt bleiben, dass sie sich in der Gesellschaft engagieren und in ihr Netzwerke knüpfen. Das gelinge oft. 

“Doch außerhalb der Gemeinde gibt es auch andere Fälle”, sagt Ahmed. “Da kommt es etwa zum starken Alkohol- oder Drogenkonsum. Die Menschen suchen nach Mitteln, den angesammelten Frust auszuschalten. Doch der Stress wird mehr, hinzu kommen Aggressionen, die rausgelassen werden.”

Das könne ein Grund dafür sein, warum Geflüchtete kriminell werden. 

“Daniel war einer von uns”

Mitternacht am Roten Turm. 

Karim ist verschwunden, aber noch immer sitzen kleine Gruppen von Deutschen und Geflüchteten am Brunnen und im Park. Vor der Postbank auf der anderen Seite der Straße der Nationen hockt eine Gruppe Punks, deren Hund unablässig bellt. 

Die Polizei fährt weiter ihre Runden, zwischendurch steigen drei Beamte aus dem grün-weißen Bulli und kontrollieren die Ausweise von ein paar Jugendlichen. Alles okay, die Nacht geht weiter. 

Mehr Ali sitzt noch hier, auf einer Bank unweit einer Gruppe Betrunkener, die mehrere halbleere Bierkisten vor sich stehen haben. Ali und seine Freunde kommen aus Belutschistan, einer Provinz zwischen Pakistan und Afghanistan, die vom pakistanischen Militär besetzt wird. 

“Daniel war einer von uns, sein Vater kam aus Kuba. Wir sind genauso traurig wie die Deutschen, dass er tot ist.”, sagt Ali, “wir sind gegen die Menschen, die ihn umgebracht haben.” 

Josh Groeneveld
Mehr Ali und seine Familie leben als politisch Verfolgte in Chemnitz. 

Er verstehe die Politik der AfD nicht, sagt er. “Aber ich mag sie nicht.” 

In den vergangenen Tagen hätten er und seine Freunde sich nicht aus dem Haus getraut, wegen der Rechten auf den Straßen.“Aber jetzt fühlen wir uns wieder sicher”, sagt Ali. 

Sein Asylantrag wurde angenommen, er lebt mit seiner Frau und seinen Kindern nun fest in Chemnitz. Alis drei Begleiter warten noch auf die Entscheidung über ihre Zukunft, sie haben Angst, dass sie Deutschland wieder verlassen müssen. 

Sie sind nervös. “Wir lieben Deutschland”, sagen sie immer wieder. “Wir lieben Chemnitz.” 

Bevor die vier jungen Männer die Treppe zum Roten Turm hinuntersteigen und Am Wall entlang nach Hause gehen, bringen sie noch ihre leeren Bierflaschen zu den Pfandsammlern auf der Bank nebenan. 

In dieser Dienstagnacht wird es in der Stadt keine Krawalle geben. So, wie auch an allen anderen Tagen der Woche nicht. 

(ame)