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06/10/2018 11:35 CEST | Aktualisiert 06/10/2018 11:35 CEST

Wird hier der Traum vom neuen Wohnen wahr?

300 Menschen, ein paar Schubkarren und eine Vision: Wir bauen unser eigenes Dorf!

Lars Hauch
Blick von Hitzacker auf die Elbe.

Was passiert, wenn 300 Menschen – darunter 100 Geflüchtete – gemeinsam ein Dorf bauen?

Ich habe mich auf den Weg ins norddeutsche Nirgendwo gemacht, um Antworten auf diese Frage zu finden. Denn hier, im kleinen Städtchen Hitzacker, das idyllisch an der Elbe zwischen Hamburg und Berlin liegt, findet gerade ein Freiluftexperiment statt, das diese Frage beantworten soll.

5 Tage werde ich hier verbringen, mit Menschen, die versuchen, Worthülsen wie “nachhaltiges Zusammenleben” mit greifbarem Inhalt zu füllen. Menschen, die einen Mittelweg suchen zwischen Landflucht und einem Leben in überfüllten Ballungsräumen.

Was sie verbindet, ist die Überzeugung: So wie es ist, kann es nicht weitergehen.

Die zukünftigen Bewohner haben einiges vor. Sie kümmern sich um High-Speed-Internet, planen die Eröffnung von Gewerbe innerhalb des Dorfes und suchen die Zusammenarbeit mit Politikern und Vereinen in der Umgebung. Sie müssen Millionen auftreiben, um ihre grünen High-Tech-Häuser zu bauen, und gleichzeitig Konflikte schlichten, wenn sie bei all dem Trubel aneinandergeraten.

Was sie verbindet, ist die Überzeugung: So wie es ist, kann es nicht weitergehen. Mit ihrem Dorf wollen sie nicht nur sich selbst einen angenehmen Lebensraum schaffen, sondern zeigen, wie eine Gesellschaft aussehen kann, die unsere Umwelt erhält, Menschen zusammenbringt und den Kapitalismus zügelt.

Ich komme an – im Wendland und in Hitzacker

Hitzacker liegt im Wendland, einer Region in Niedersachsen, die für ihren Aktivismus gegen Castor-Transporte bekannt ist. Auf der Hinfahrt ist das nicht zu übersehen. Immer wieder entdecke ich entlang der Landstraßen die gelben Anti-Atom-Xe und mahnende Plakate.

In Hitzacker angekommen, an dessen Rand nun das neue Dorf entstehen soll, unternehme ich einen kleinen Streifzug. Der historische Kern des knapp 5.000 Einwohner zählenden Städtchens ist hübsch anzusehen: Kleine Geschäfte haben ihren Platz in den mittelalterlichen Fachwerkhäusern gefunden und locken jetzt im Sommer Touristen an.

Vom zentral gelegenen Bio-Bäcker, bei dem ich das wohl beste Kartoffelbrötchen meines Lebens erstehe, sind es nur 400 Meter bis zum Rand der Elbe. Dort eröffnet sich ein toller Blick auf den Fluss und seine Auen. An einem Steg steht eine Fähre bereit, die nach Bedarf ans andere Ufer übersetzt.

Vom Stadtkern fahre ich mit dem Auto noch 5 Minuten bis zum Dorfgelände.

Als ich das Gelände erreiche, fällt mein Blick zuallererst auf einen alten Bauwagen, der mich an Peter Lustigs Kult-Behausung erinnert. Die blaue Farbe blättert an einigen Stellen ab, ein metallener Schornstein lässt einen Ofen im Inneren vermuten.

Direkt daneben ist ein riesiges Tarp, das einem Gartenpavillon ähnelt, über eine Sitzecke aus ausgemusterten und selbst gebauten Holzmöbeln gespannt worden. In diesem gemütlichen Arrangement, das in Berlin zweifelsohne als hippe Bar durchgehen würde, sitzen einige der zukünftigen Dorfbewohner – oder Genos, wie sie sich nennen – und begrüßen mich freundlich.

“Genos” ist die Kurzform von “Genossen”. Das Dorf ist nämlich als Genossenschaft organisiert. Das heißt: Jeder, der einziehen möchte, muss Genossenschaftsanteile erwerben.

Wer die Dorfgemeinschaft wieder verlassen möchte, bekommt das für die Anteile eingezahlte Geld zurück. Und für diejenigen, denen das nötige Kleingeld für die Anteile fehlt, gibt es einen Solidaritätsfonds.

Dort können diejenigen, die etwas Geld übrighaben, eine Anlage einzahlen und Menschen mit weniger Geld so den Einzug ins Dorf ermöglichen. Mehrere Familien wurden so bereits unterstützt.

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Ländlich wohnen in internationalem Umfeld

Unter freiem Himmel erledige ich am Nachmittag gemeinsam mit Pia den Abwasch. Pia ist Anfang 50 und lebt am Hamburger Fischmarkt. Während wir ein paar Essensreste von den Tellern auf den Kompost werfen, erzählt sie von ihrem Weg ins Dorf.

“Ich möchte gern ländlicher wohnen, gleichzeitig aber in einem politischen und internationalen Umfeld”, erklärt sie. Das Dorf sieht sie als Möglichkeit, die ihr wichtigen Dinge zu vereinen. “Dazu zählt auch, sich mal dreckig zu machen!”, fügt sie hinzu, während sie etwas später das Wasser aus der Spülwanne in einen Busch schüttet.

Lars Hauch
Der Bauwagen und das daneben gespannte Tarp dienen als Treffpunkt, solange die Häuser noch nicht bezugsfertig sind.

Als ich später zur Baustelle schlendere, begegne ich Kerstin. Die 32-jährige Zahnärztin ist noch unsicher, ob sie gemeinsam mit ihrem Mann und den 3 kleinen Kindern von Hannover in das Dorf ziehen möchte.

Kerstin findet die Häuser fantastisch. Das angedachte Gemeinschaftsleben auch. Wenn da nicht die Lage wäre. Ihr Mann arbeitet an einer Universität und würde in Hitzacker nur schwierig Arbeit finden. Und ob die Kinder auf dem Land glücklich wären, wenn sie erst einmal in die Pubertät kommen, weiß Kerstin auch nicht.

Einziehen könnte sie aber sowieso nicht direkt. Derzeit steht nämlich erst das eine Haus, vor dem wir uns gerade unterhalten. Bezugsbereit soll es im November sein, die beiden Wohnungen darin sind bereits vergeben.

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Kerstins Begeisterung für die Häuser kann ich gut verstehen: Die Verkleidung aus Kiefernholz ist hell und freundlich. Wenn die Fassade und das Flachdach erst einmal grün bewachsen sind, sieht es bestimmt richtig heimelig aus. Auch von innen wirkt das Haus urig. Das Fachwerk wird mit Lehmziegeln aufgefüllt und später auch mit Lehm verputzt.

Ob die Kinder auf dem Land glücklich wären, wenn sie erst einmal in die Pubertät kommen?

Einige Teile der Bauarbeiten übernehmen die zukünftigen Bewohner selbst – 13 Prozent der Baukosten wollen sie in Eigenleistung stemmen. Zu diesem Zweck muss jeder Geno, sofern er oder sie gesundheitlich dazu in der Lage ist, 300 Stunden auf der Baustelle abarbeiten.

Dazu kommen 300 Stunden im sozialen oder organisatorischen Bereich. Jeder soll sich da einbringen, wo es ihm möglich ist: Kochen für die Mittagspausen, Aufräumen des Bauwagens oder die Betreuung von Kindern anderer Genos.

Durch die Eigenleistungen spart die Gemeinschaft Geld. Außerdem lernen die Genos sich kennen. “Das ist total wichtig”, erklärt mir Jutta, die neben einem Container steht und Schilfmatten vorbereitet, die gerade in den Wänden der Häuser verbaut werden. “Ich möchte Leute kennenlernen, die dann mit mir ein Haus beziehen. Und das geht am besten während der Arbeit auf der Baustelle.”

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Was versteht die Gemeinschaft unter “Nachhaltigkeit”?

Ein möglichst harmonisches Miteinander von Mensch, Tier und Umwelt ist den Genos ein zentrales Anliegen. Aber was heißt das konkret?

Es geht los beim Bau: Alle Häuser entsprechen hohen ökologischen Standards. Verbaut werden nahezu ausschließlich wiederverwertbare Materialien. Mauern aus Lehm sorgen nicht nur für ein angenehmes Raumklima, sondern isolieren in Kombination mit Baustoffen wie Zellulose effektiv und sparen Heizkosten.

Die Energie, die zum Heizen und für die Warmwasserbereitung dennoch nötig ist, wollen die Genos von einer nahegelegenen Biogasanlage beziehen, die zusammen mit eigenen Windkraft- und Fotovoltaikanlagen zukünftig eine autarke Energieversorgung gewährleisten sollen.

Lars Hauch
Das erste Haus soll im November bezogen werden. 

Weiter geht es bei der Mobilität: Das Dorf selbst soll zwar eine verkehrsfreie Zone sein, grundsätzlich wollen die Genos aber nicht auf Autos verzichten. Gemeinsames Car-Sharing soll dabei die Gesamtzahl der Autos verringern. Volkert, ein Fahrradladenbesitzer Anfang 60, hat sich sogar dazu durchgerungen, der Gemeinschaft sein geliebtes Ford-Wohnmobil zur Verfügung zu stellen:

“Erst war ich da so typisch deutsch, von wegen: ‘Mein Auto!’, aber ich habe mich mit dem Gedanken angefreundet. Und wenn Familien mit dem Wohnmobil in den Urlaub fahren können, ist das doch toll.”

Die Straßen im Dorf werden nicht asphaltiert, sondern aus Kopfsteinpflaster gebaut, sodass der Boden nicht versiegelt wird. “Wo wäre denn der Nachteil für die Umwelt bei den wenigen schmalen Straßen?”, frage ich Felix, einen Tischlermeister, Ende 60, der gerade die Tür an einen Holzschuppen montiert hat.

“Ach, wahrscheinlich gibt es keinen. Das Wasser kann ja von den Seiten in den Boden ziehen. Ein wenig Ideologie ist da bestimmt bei – und schöner ist Kopfsteinpflaster allemal!”, antwortet er.

Ein wenig Ideologie ist da bestimmt bei – und schöner ist Kopfsteinpflaster allemal!

Die Flächen abseits der Häuser sollen so gestaltet werden, dass sie eine ökologische Ernährung fördern. Geplant sind unter anderem Anbauflächen für Obst und Gemüse im Sinne einer Permakultur. Es soll Nisthilfen für Vögel, Insekten und andere Kleinlebewesen geben.

“Alles können wir natürlich nicht selbst anbauen”, erklärt mir Gitta, eine Kinderpsychotherapeutin im Ruhestand. “Darum wollen wir uns gemeinsam einer solidarischen Landwirtschaft anschließen. Indem wir Nahrungsmittel als Gruppe beziehen, wollen wir Bioqualität für alle erschwinglich machen.”

Die Grenzen der Toleranz

Werden Menschen, die sich Bio-Lebensmittel nicht leisten können oder wollen, aus der Gemeinschaft ausgeschlossen?

“Nein”, sagt Claudia, während wir abends mit einigen Genos unter dem Tarp zusammensitzen. Es ist dunkel geworden, und das flackernde Licht einer roten Laterne auf dem Tisch lässt ein gewisses Lagerfeuergefühl aufkommen.

“Ich pendle selbst zwischen Penny und Bioladen. Anders kann ich es mir nicht leisten. Aber wir versuchen, die Möglichkeiten für biologische Ernährung zu verbessern.”

Ich frage mich, wo für die Genos die Grenzen der Toleranz liegen. Klaus, ein Ingenieur, Anfang 60, zündet sich eine Zigarette an und erzählt von einem befreundeten Geflüchteten aus Somalia, den er sehr wertschätzt, der aber selbst kleine Wege mit dem Auto zurücklegt.

Klaus hat ihn darauf angesprochen, der Mann kümmert sich aber nicht sonderlich um die unnötigen Abgase. 

Es ist wichtig, über Fragen von Nachhaltigkeit Konflikte austragen zu können, um Lösungen überhaupt möglich zu machen.

“Als die Mauer gefallen ist, hab ich immer gesagt: ‘Jetzt müssen die Leute erst mal 10 Jahre Cola saufen, damit sie merken, dass das Scheiße ist.’ Und so eine Zeit müssen wir allen Menschen zugestehen.”

Klaus ist es wichtig, über Fragen von Nachhaltigkeit Konflikte austragen zu können, um Lösungen überhaupt möglich zu machen. Er selbst sei natürlich auch nicht frei von Widersprüchen, merkt er selbstkritisch an, als ich ihn auf den nicht fair gehandelten Tabak anspreche, der auf dem Tisch liegt.

Nachts ist die Temperatur auf 10 Grad Celsius gefallen. Im Vergleich zu den tropischen Nächten der letzten Wochen in der Stadt fühlt sich das richtig kalt an.

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Als ich gegen 8 Uhr etwas zerknautscht aus meinem Zelt komme, freue ich mich auf eine Dusche. Erfreulicherweise haben die Genos ein Stück hinter dem Bauwagen eine provisorische Wasch- und Duschstation eingerichtet. Ein angenehmer Nebeneffekt: Die Morgensonne hat das Wasser im 10 Meter langen Wasserschlauch erwärmt und es fühlt sich ziemlich erhaben an, nackt mit einem Schlauch über dem Kopf auf einer Wiese zu stehen.

Später erfahre ich, dass es einen aufstellbaren Sichtschutz gibt. Mögliche Hippie-Klischees wollen die Genos bei den Nachbarn nämlich nicht bedienen.

Ein Mangel an Geflüchteten

Lars Hauch
Sabrina und ihre Kinder stehen mit anderen Genos auf dem Dach ihres zukünftigen Hauses.

Von den Geflüchteten, die einziehen sollen, habe ich bisher keinen gesehen. Sabrina, die Migrationskoordinatorin, erklärt mir, dass zwar bereits Familien aus Afghanistan an Bord sind, die Geflüchteten insgesamt aber nicht besonders präsent seien. “Das Thema geht im ganzen Bautrubel derzeit etwas unter”, sagt sie.

Klaus glaubt, das liege auch daran, dass das Dorfprojekt für viele Geflüchtete noch abstrakt und der Bezug zu den Plenen und Arbeitsgruppen bedingt durch Sprachhindernisse schwierig sei. Außerdem seien viele gerade erst so richtig angekommen. Ihre bisherige Wohnung und das damit einhergehende Sicherheitsgefühl würden sie nicht so schnell aufgeben wollen.

Trotzdem halten die Genos am Ziel fest, 100 Geflüchtete in ihren Reihen zu begrüßen: “So ist die Idee des Dorfes ja überhaupt erst entstanden. Wir haben damals überlegt, wie wir dem Zuzug so vieler Menschen konstruktiv begegnen können”, meint Sabrina.

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An einem Gemüsebeet am Rand des Geländes lerne ich am Abend Hengameh kennen. Die 22-jährige Afghanin erntet gerade mit ihrer Schwester und deren Verlobten Kürbisse. Ob sie sich auf den Umzug freut, möchte ich wissen.

“Ja, ganz bestimmt. Wir waren früher bei allen Treffen und die Leute sind total nett. Gerade mache ich eine Ausbildung, darum kann ich nicht viel mithelfen. Aber auf das Zusammenleben freue ich mich”, sagt sie.

Am nächsten Tag arbeite ich mit Uwe auf der Baustelle. Wir befestigen Matten aus Schilf an den Holzbalken, damit der Putz aus Lehm später hält.

Wie er sich das Leben im Dorf vorstellt, wenn alle Häuser erst mal stehen, frage ich den bekennenden Motorradfan. “Och, das wird sich alles entwickeln. Was ich mir einfach wünsche, ist, dass wenn ich abends die Dorfstraße entlang gehe, Felix, Volkert oder Gitta auf der Veranda sitzen und ich mich spontan noch für einen Schnack dazusetze.”

Lars Hauch
Uwe und ich befestigen Schilfmatten an Holzbalken, auf die später Lehmputz aufgetragen wird.

Dieser Artikel ist zuerst bei Perspective Daily erschienen.

(amr)