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07/01/2019 14:13 CET | Aktualisiert 07/01/2019 14:13 CET

Wir ziehen jeden Monat in eine neue Stadt – jetzt wissen wir, was wirklich zählt

Es macht Spaß, nicht nur zu sehen, wie andere Menschen leben, sondern auch wie sie zu leben.

Jen Glantz
Der Tag, an dem ich aus meiner Wohnung in New York auszog.

Wenn du lange genug in New York City lebst, kennst du die Momente, in denen du dir ausmalst, wie es wäre, woanders zu leben – irgendwo, wo es nicht so kalt ist und das Hauptverkehrsmittel nicht nach Urin und Müll stinkt. Wo du ein Zimmer haben kannst, in das mehr als nur ein großes Bett und eine schmale Kommode passen.

Nur widerstrebend habe ich in den vergangenen sechs Jahren habe immer am 1. August meinen Namen auf die gestrichelte Linie der Mietvertragsverlängerung für die Wohnung in New York City gesetzt, in der ich meine Kisten ziemlich lange Zeit unausgepackt herumstehen hatte. Mit der Unterschrift stimmte ich zu, exorbitant viel Miete für deprimierend wenig Raum zu zahlen.

Doch vergangenen August – ich war fast eineinhalb Jahre lang mit meinem Freund zusammen – hatten wir uns entschieden, den nächsten Schritt in unserer Millenial-Beziehung zu gehen.

Eines Nachmittags dachten wir laut darüber nach, wie schön es wäre, ein Jahr lang an einem anderen Ort als im Wahnsinn Manhattans zu leben. Das brachte uns zu der Erkenntnis, die uns zu modernen Nomaden werden ließ: Wenn wir nirgendwo feste Mietverpflichtungen hätten, könnten wir es uns leisten, jeden Monat in einer anderen Stadt zu leben.

Da wir beide das unglaubliche Privileg haben, unsere eigenen Chefs zu sein, gab es nur zwei Voraussetzungen, die erfüllt sein mussten: Die Stadt sollte über ein gutes Nahverkehrsnetz verfügen und wir wollten eine Wohnung finden, die weniger kostet als das, was wir beide in New York an Miete bezahlen – pro Nase sind das umgerechnet 1300 Euro. 

Doch dann sponnen wir den Plan noch weiter. Stadt nur eine Stadt zu wählen, in der wir uns für ein Jahr niederlassen, wollten wir lieber immer wieder in eine neue Stadt ziehen. 

Wir verschenkten und spendeten fast unseren gesamten Besitz

Am wichtigsten dafür war, dass wir mit wenig Gepäck reisen konnten. Wir verschenkten oder spendeten fast 90 Prozent unseres Besitzes. Ein paar Müllsäcke mit Kleidung, persönlichen Gegenständen und einige Möbelstücke verstauten wir im Haus der Eltern meines Freundes nahe New Jersey.

Dann packten wir lediglich genügend Kleidung ein für unser Abenteuer: Sie passte in je einen kleinen Koffer und eine Tasche, die im Flieger noch als Handgepäck durchgehen würden.

Im den vergangenen 16 Monaten wechselten wir fast alle vier Wochen die Stadt. An manchen Orten blieben wir länger, weil es uns dort so gut gefiel. Wir lebten in unter anderem in Portland, Austin, Denver, Chicago, Los Angeles und in einigen Vororten von New York (wie Bed-Stuy, Greenpoint und Hell’s Kitchen).

Es gibt dabei 5 Regeln, die mir dabei geholfen haben, durch das ständige Umziehen weder mein Erspartes aufzubrauchen noch meine Karriere gegen die Wand zu fahren:

Jen Glantz
Adam und ich an unserem ersten Ziel: In Portland. Wir wanderten dort zum ersten Mal in unserem Leben.

1. Eine Wohnung als Zwischenmieter übernehmen

Das Wichtigste beim City-Hopping: Schnell eine gute Wohnung finden. Im vergangenen Jahr lebten wir in elf verschiedenen Apartments, schliefen in Betten fremder Menschen, aßen die Reste aus ihrem Kühlschrank und drückten die Daumen, dass keine unerwünschten Hausgäste herumstreunen würden wie Schaben oder Ratten.

In den ersten Tag fühlt man sich immer wie ein Gast. Aber danach passt man sich an. Es macht Spaß, nicht nur zu sehen, wie andere Menschen leben, sondern auch wie sie zu leben. Das machen die wenigsten von uns. Die meisten Menschen entwickeln ihre eigenen Gewohnheiten und halten ein Leben lang daran fest.

Wenn wir uns für eine Stadt entschieden hatten, schauten wir uns als erstes auf Airbnb um. In einigen Städten gibt es einen Rabatt von 10 bis 30 Prozent, wenn man einen einmonatigen Aufenthalt bucht. Wir durchforsteten aber auch lokale Facebook-Gruppen, um zu sehen, ob jemand seine Wohnung auf Monatsbasis vermietet.

Bevor wir uns für eine Wohnung entschieden, checkten wir die Umgebung. Uns war wichtig, dass sie sicher ist, viele Verpflegungsmöglichkeiten in Laufnähe hat und im Herzen der Stadt liegt, damit wir kein Auto mieten müssen.

2. Ins Freiberufler-Leben einsteigen

Obwohl wir beide ein eigenes Business betreiben, wandten wir uns an eine Website für Selbstständige, um zusätzlich Aufträge in den Bereichen Marketing, Schreiben, Business Development und Social Media zu übernehmen.

Dank der Extra-Einkünfte konnten wir uns Dinge auf unserem Abenteuer leisten, für die wir normalerweise nicht in unseren kleinen Budget-Topf gegriffen hätten. Wir konnten Museen oder Veranstaltungen vor Ort besuchen und öfter essen gehen als früher. 

Jen Glantz
Adam am Flughafen, als wir in eine neue Stadt umzogen.

3. Die Hilfe von Freunden nutzen

Um Geld zu sparen, klopften wir auch bei Freunden an, die in Städten lebten, in die wir reisen wollten. Wir fragten, ob sie größere Reisepläne haben und wir ihre Wohnung hüten können. Letztendlich kamen wir einen Monat lang kostenlos bei einem Freund in Austin unter. Einzige Bedingung war, dass wir uns um die beiden Hunde kümmern, was uns zusätzliches Vergnügen bereitete.

Wir fragten unsere Freunde auch nach den besten Vierteln in der jeweiligen Stadt, der besten Jahreszeit, um dort zu leben oder Sehenswürdigkeiten, die wir unbedingt sehen sollten.  

4. Mit wenig Gepäck reisen

Wer aus einem kleinen Koffer und einer Tasche lebt, wählt die Kleidung, die er mitnimmt, genau aus. Mir wurde klar, dass ich immer die gleichen drei Shirts, vier Hosen und drei Kleider tragen werde. Ich packte sie zusammen mit Jacken, Schuhen und ein paar anderen Dingen zum Leben – wie einem Mini-Föhn, ein paar Büchern, Regenschutz, mein Make-up und Haarprodukte – ein.

Wenn man weniger Dingen besitzt, passt man sich an und plötzlich vermisst man nicht viel. Gelegentlich denke ich an ein Top, einen Pullover oder ein Paar Schuhe, die ich im hinteren Teil meines Schranks aufbewahrt und ab und zu getragen habe; ich vermisse es, mich dank eines Schranks voller Kleidung kreativ kleiden zu können. Aber jetzt werde ich mit den wenigen Dingen, die ich besitze, kreativ – und das macht auf eigentümliche Weise ebenfalls Spaß.

Seine Sachen alle 30 Tage mit umziehen zu müssen führt auch dazu, dass man beim Kauf neuer Dinge bewusster vorgeht. Wenn ich jetzt in Geschäfte gehe, frage ich mich, wie dringend ich diesen Artikel brauche und wie viel Gewicht er meinem bereits 20 Kilogramm schweren Koffer hinzufügt? Meistens gehe ich mit leeren Händen wieder aus dem Laden.

5. Eine neue Work-Life-Balance finden

Wenn man fast monatlich die Stadt wechselt, ist es womöglich der schwierigste Part, eine Work-Life-Balance zu finden, die einerseits Raum lässt, um die neue Umgebung zu entdecken und gleichzeitig alles zu erledigen, was getan werden muss. 

Ich hielt mir jeden Tag zwei bis drei Stunden frei, um auf Erkundungstour zu gehen – egal ob das am frühen Morgen, während der Mittagspause oder am Abend war. Weiter achtete ich darauf, täglich zwischen 8 und 9 Stunden an einem Schreibtisch, im Café oder in einem Co-Working-Space zu arbeiten.

So konnte ich einen normalen Arbeitsplan einhalten und zugleich sicherstellen, dass ich jedes Quäntchen, das die neue Stadt zu bieten hatte, auskoste. Ich führte arbeitsfreie Wochenenden ein, um samstags und sonntags Abenteuer in der Stadt erleben zu können, wobei ich diese Regel natürlich in arbeitsreichen Wochen brach.

Jen Glantz
Adam und ich in Los Angeles beim Surfen an meinem 30. Geburtstag. Wir lebten dort im Winter.

Mein Freund, der eine eigene Marketingfirma hat, verbringt den größten Teil des Tages am Telefon und vor dem Computer. Selten muss er Kunden persönlich treffen, und wenn er das tut, springt er ins Flugzeug (mit Flugmeilen).

Ich leite nicht nur mein eigenes Hochzeitsgeschäft, sondern auf freiberuflicher Basis biete ich auch Workshops im ganzen Land an. Wenn ich für meine Arbeit in einer bestimmten Stadt sein muss, reise ich dorthin, um anschließend in die Stadt zurückzukehren, in der ich mich in diesem Monat niedergelassen habe. Wenn ich weiß, dass ich für ein oder zwei Wochen an einem Ort sein muss, versuchen wir, unsere Reise und unsere “Stadt des Monats” entsprechend anzupassen.

Das Reisen hat unsere Beziehung in ihrer Entwicklung beschleunigt

Mein Freund und ich haben beide jahrelang hart gearbeitet, um unsere eigenen Chefs zu werden und überall arbeiten zu können. Wir sind stolz darauf, das geschafft zu haben, auch wenn an manchen Tagen die Hektik ausbricht und wir übermäßig viel arbeiten.

Diese Art zu reisen hat unsere Beziehung in ihrer Entwicklung beschleunigt. Wir erlebten Krisen und Probleme, mit denen andere Paare womöglich jahrelang nicht konfrontiert sind, da wir uns immer wieder mit Dingen wie dem Leben in einer neuen Stadt auseinandersetzen mussten, in der wir beide niemanden kennen.

Wir müssen den Stress bewältigen, auf Reisen kreative Wege finden, um unsere Rechnungen zu bezahlen, geeignete Kommunikationswege für unsere Arbeit finden – auch wenn wir beide an einem neuen Ort sind, an dem wir uns womöglich unwohl fühlen.

Das brachte uns näher zusammen. Wir verließen uns auf die Stärke unserer Beziehung, damit sich “neu” innerhalb weniger Tage wie “unser” anfühlt und um mit den ständigen Veränderungen zurechtzukommen.

Wir sind Meister darin geworden, mit den Überraschungen im Leben umzugehen und immer unterwegs zu sein. Und wir freuen uns schon auf den Tag, an dem wir unsere Beziehung wie die meisten anderen prüfen: indem wir die Kunst des Zusammenlebens über lange Zeit am selben Ort lernen.

Es beruhigt, wenn man seinen Kopf jede Nacht auf seine extra weich gepolsterte Matratze legen und im Lieblingsladen um die Ecke Eiscreme holen kann. Allerdings hat es auch etwas Spannendes, herumzukommen, aus einem Koffer zu leben und zu verstehen, dass es weitaus magischere Orte auf dieser Welt gibt als New York City.

Ich weiß nicht, ob einer dieser Orte die Stadt sein wird, in der ich irgendwann eine dauerhafte Postanschrift haben werde. Das muss ich noch herausfinden – allerdings nicht so bald. Ich will erst einmal weiter herumzureisen – zumindest so lange, bis ich von meinen ständig verknitterten Kleidern genug habe.

Der Artikel ist ursprünglich in der HuffPost US erschienen und wurde von Sandra Tjong aus dem Englischen übersetzt und redaktionell angepasst.

(ujo)