POLITIK
12/10/2018 20:18 CEST | Aktualisiert 12/10/2018 20:18 CEST

Wir waren 4 Stunden an einem Infostand der AfD in Niederbayern – das ist passiert

Schrecklich normal irgendwie.

In Bayern gibt sich die AfD so bieder wie ein Paar Kugelschreiber, Bonbons und Chips für Einkaufswägen. Damit jedenfalls werben die Wahlkämpfer der Partei am Donnerstag in der Deggendorfer Innenstadt. Auch verschiedene Flyer gibt es. Oder den “Deutschland-Kurier”, eine Wochenzeitung, die der AfD inhaltlich nahesteht.

Deggendorf ist die AfD-Hochburg in Bayern. Jeder fünfte Wähler hier gab bei der Bundestagswahl den Rechtspopulisten seine Stimme.

Ihren Wahlkampf-Stand hat die Partei gegenüber der H&M-Filiale am Stadtplatz in Deggendorf aufgebaut. Auf den Rückwänden des Pavillons sind die Füße eines tanzenden Paars abgebildet, natürlich in Tracht. Darüber der Spruch: “Bayern. Aber sicher!” Daneben ein Foto von Katrin Ebner-Steiner, Direktkandidatin im Stimmkreis, ebenfalls in Tracht.

Zwischen acht und zehn Wahlkämpfer stehen gleichzeitig am Stand. Auch gestern waren sie hier, und an den Tagen zuvor auch. Ähnlich ausdauernd sind wohl nur die Zeugen Jehovas, die ihren Stand auf der anderen Straßenseite haben.

Der Wahlkampf der AfD in Deggendorf ist anstrengend für Wahlkämpfer – und überraschend ereignislos. Vier Stunden werden wir am Stand der AfD in Niederbayern verbringen.

► Es sind Stunden, die zeigen, wie sehr die AfD im politischen Alltag angekommen ist. Sie zeigen aber auch, wie stark sich das öffentliche Gesicht der Partei und ihr radikales Auftreten zum Beispiel in den sozialen Medien unterscheiden.

Die Strategien am AfD-Wahlkampfstand

AfD-Wahlkampf in Deggendorf bedeutet an diesem Tag vor allem: Viel herumstehen und immer wieder versuchen, mit Menschen ins Gespräch zu kommen.

Ob es Pöbeleien gebe? Gebe es kaum, sagen die Wahlkämpfer. Wenn man nach abgerissenen Plakaten oder Gegendemonstranten fragt, dann sprechen einige der Wahlkämpfer von “der Antifa”. An diesem Donnerstag ist sie in Deggendorf nicht zu sehen.

Die Strategien unterscheiden sich am Stand: Manche Wahlkämpfer warten einfach am Stand und hoffen, dass sie ein Passant anspricht. Andere versuchen offensiv den Passanten einen “Deutschland-Kurier” anzubieten.

Viele der Angesprochenen ignorieren die AfD dann. Oder sagen entweder höflich oder sehr bestimmt “Nein”. Manche winken ab und antworten, sie hätten schon gewählt. Einige bleiben aber auch stehen, ein Mann geht mit den Wahlkämpfern dann etwa das 100 Seiten starke Wahlprogramm der AfD in Bayern durch.

Mehr zum Thema: Mit einem AfD-Wähler und einem Reichsbürger im Biergarten in Deggendorf

Selten gibt es Beschimpfungen

Wenn man bei 15 Prozent stehe, müsse man auf der Straße damit rechnen, dass 85 Prozent der Wähler nichts von einem wissen wollten, sagt Günter Straßberger. Er ist Listenkandidat der AfD in Landshut und unterstützt die Partei an diesem Tag in Deggendorf.

► Nur vereinzelt fallen die Reaktionen scharf aus.

Ein Mann schimpft im Vorbeigehen auf die “braune” AfD, als ihm ein Flyer hingehalten wird. Ein anderer ruft: “Nein, den Krampf brauch‘ ich nicht.”

Katrin Ebner-Steiner, die AfD-Kandidatin im Dirndl, ist noch Schlimmeres gewohnt. Vor zwei Jahren beschmierten Unbekannte das Haus der Politikerin mit Teer, während sie darin mit ihren vier Kindern schlief.

Die AfD klagt über Benachteiligung und Bedrohung

Auch in diesem Wahlkampf fühlt sich die AfD benachteiligt.

► “Wir haben große Verluste”, sagt der Sprecher der AfD Deggendorf, Fabio Sicker, über abgerissene Wahlplakate. “Die Leute haben keinen Respekt mehr vor fremdem Eigentum.”

Ein Auftritt von AfD-Chef Alexander Gauland am Wochenende in Niederbayern musste abgesagt werden, weil die Partei keinen Gastwirt fand, der sie aufnehmen wollte. 

► Am Freitag wurde zudem bekannt, dass es Hausdurchsuchungen beim Vorstand der Jungen Alternative (JA), der Jugendorganisation der AfD, gab. Grund war eine Aktion der JA vor der CSU-Zentrale in München vor einigen Tagen.

All das nutzt der AfD, um sich als bedrohter Außenseiter im Polit-Betrieb zu verkaufen.

► “AfD-Veranstaltung mit Gauland aus Sicherheitsgründen abgesagt”, schreibt Ebner-Steiner auf ihrer Facebook-Seite. Laut der Partei würden Gastwirte bedroht werden. 

► Andere AfD-Politiker sehen in den Hausdurchsuchungen bei der JA einen Versuch der CSU die AfD einzuschüchtern. 

Skandal-arm durch den Wahlkampf

Schlagzeilen hat die AfD im Bayern-Wahlkampf insgesamt nur wenige produziert. 

► Ausnahme blieb der Wahlkampfauftritt des AfD-Landtagskandidaten Andreas Winhart. In einer wirren Rede über angeblich durch Flüchtlinge eingeschleppte Krankheiten sagte der: “Ich möchte wissen, wenn mich in der Nachbarschaft ein Neger anküsst oder anhustet, ist er krank oder ist er nicht krank.”

► Im Wahlkampfendspurt sorgte außerdem ein AfD-Sympathisant für Wirbel, der in Regensburg mit einer Schreckschusspistole auf Demonstranten schoss.

Ansonsten betrieb die AfD in Bayern ihren Wahlkampf weitestgehend geräuschlos. Offenbar hat sie Abstand von den Provokationen genommen, wie andere Vertreter der Partei sie immer noch pflegen. 

Für Donnerstag war auch ein Auftritt des AfD-Rechtsaußen Björn Höcke in Regensburg geplant. Aus Sicherheitsgründen sei Höcke dann letztlich nicht angereist, heißt es von der AfD. Vielleicht konnten sie den provokanten Thüringer im Endspurt aber auch nicht gebrauchen?

Gestellte Szenen für Journalisten 

Die AfD in Bayern ist bemüht, ein bürgerliches Image zu pflegen. Ihr hilft dabei auch, dass die Aufmerksamkeit der Medien in diesem Wahlkampf eher der CSU gilt. Die große Frage ist nicht: Wie viel Prozent erhält die AfD? Sondern eher: Wie schlecht wird die CSU abschneiden?

Und dennoch ist die AfD zumindest bei den Journalisten die große Attraktion an diesem Donnerstag auf dem Stadtplatz in Deggendorf. Mittags gibt Ebner-Steiner, die AfD-Politikerin, die im Dirndl und mit Deutschlandflagge wirbt, einem Kamerateam ein Interview, kurz darauf spricht sie mit uns und am Nachmittag wartet ein Team des französischen Senders BFMTV auf sie.

“Populistin im Dirndl” hat der Berliner “Tagesspiegel” Ebner-Steiner mal genannt. Viel Populismus ist heute in Deggendorf aber nicht.

Als die französischen Kollegen sie filmen, schnappt sich Ebner-Steiner selbst die Flyer und stellt sich für die Kamera auf den Gehweg vor dem AfD-Stand. Sie dreht sich nach links und nach rechts. Sie spricht einen Mann an. Aber der geht einfach weiter, schaut sie nicht einmal an. Es dauert einige Minuten, bis ein Passant stehen bleibt. Das Bild vom AfD-Wahlkampf, das die Kamera in diesem Moment für die französischen Zuschauer einfängt, ist also realistisch.

Die AfD ist angekommen in Bayern

Teilweise kennen sich die Wahlkämpfer und die Passanten auch, dann lästern sie über die CSU. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder hatte am Tag zuvor die “Ehe für alle” gelobt – Vorgänger und jetzt Bundesinnenminister Horst Seehofer gab vor einem Jahr noch Rechtsgutachten zu ihrer Abschaffung in Auftrag. Wieder einmal sei die CSU also umgefallen, sagt ein Rentner zu den AfD-Wahlkämpfern. “Das kennen wir ja”, antworten die.

► Diese Szenen zeigen: Die AfD ist angekommen, nicht nur im Bundestag, sondern auch in Bayern.

Bei der Bundestagswahl seien die Menschen noch sehr scheu gewesen und hätten sich nicht an den Stand getraut, sagt Ebner-Steiner der HuffPost. Jetzt würden sie stehen bleiben und auch diskutieren. “Das Klima hat sich total verändert.”

Nach den anstehenden Landtagswahlen in Bayern und Hessen wird die AfD – davon ist auszugehen – in allen deutschen Landesparlamenten sitzen. Die AfD in Bayern bereite sich bereits auf die Arbeit in der Opposition im Landtag vor, sagt Ebner-Steiner.

Die AfD in Bayern macht Wahlkampf, die AfD im Bundestag poltert menschenverachtend

Dann sind wahrscheinlich auch im bayerischen Landtag Szenen zu erwarten wie am Donnerstag im Bundestag. Während die bayerischen AfD-Wahlkämpfer Zettel verteilten, präsentierte die AfD-Bundestagsfraktion einen Antrag zur angeblichen Unvereinbarkeit des Islams mit dem Grundgesetz.

AfD-Mann Gottfried Curio nannte den Islam im Bundestag ein “reales Killerspiel”. Die Texte des Korans würden den “inneren Frieden” gefährden, warnte Curio. Er warf dem Islam vor “Ehrenmorde”, “Vollverschleierung” und “Homophobie” zu fördern.

Was Curio zu diesem Zeitpunkt verschwieg: Wenige Stunden später brachte die AfD selbst einen Antrag zur Rückabwicklung der Homo-Ehe ein.

Um kurz nach 23 Uhr am Donnerstagabend wetterte also der AfD-Abgeordnete Thomas Ehrhorn im Bundestag in Bezug auf die Ehe für Alle: “Gesunde Gesellschaften” würden den “eigenen Fortbestand” anstreben, sagte Ehrhorn.

Und weiter: “Die Hoffnung auf den Volkstod zumindest ist weltweit einzigartig”. Er implizierte damit, dass die Homo-Ehe diesen Volkstod zumindest beschleunigt.

Weiter polterte er: “Vielleicht müssen wir uns fragen, ob wir es hier mit dem Vorboten einer degenerativen Geisteskrankheit zu tun haben.”

Wenig überraschend nannte das LGBT-Magazin “Queer” den Redebeitrag des Politikers Thomas Ehrhorn die “bislang homophobste Rede im Bundestag”.

HuffPost Dahoam