POLITIK
13/08/2018 12:20 CEST

Wir verlieren Pflegekräfte aus dem Ausland, wenn wir ihnen nichts bieten

"Ich wünsche mir mehr Wertschätzung für Pflegekräfte aus dem Ausland."

ullstein bild via Getty Images
Eine Pflegerin reicht einer alten Frau das Frühstück in einem Pflegeheim (Symbolbild).

Lieber Herr Spahn, 

in ihrem neuen Gesetzesentwurf zur Besserung des Pflegenotstands fordern Sie, dass 13.000 neue Arbeitsplätze für Pflegekräfte geschaffen werden sollen. Abgesehen davon, dass diese Zahl den Mangel nicht decken wird (um den Bedarf zu decken, bräuchten wir mehr als die doppelte Menge an Pflegern) – wo wollen Sie die Kräfte hernehmen?

Die Antwort liegt auf der Hand: Wir brauchen Unterstützung aus dem Ausland. Leider wird es auch sehr gut ausgebildeten Migranten oft zu schwer gemacht, in Deutschland den Pflegeberuf zu ergreifen. Wenn wir nicht in immigrierte Pflegekräfte investieren und ihnen den Einstieg erleichtern, wandern sie in andere Länder ab. 

Ich selbst stamme gebürtig aus Mazedonien und bin in Deutschland aufgewachsen. Seit zwei Jahren bin ich als unabhängiger Pflegeberater tätig. Davor war ich etwa 15 Jahre lang Fachgesundheits- und Krankenpfleger. Ich kenne also die Herausforderung, die der Beruf mit sich bringt und versichere: Pflegekräfte aus dem Ausland haben mit noch mehr Schwierigkeiten zu kämpfen.

Sie müssen den immigrierten Pflegekräften auch etwas bieten, Herr Spahn

Als Pflegeberater habe ich schon mehrere meiner Landsleute nach Deutschland vermittelt: Gut ausgebildete, talentierte Menschen, die teilweise sogar einen Bachelorabschluss in Pflege haben.

Die Probleme fangen schon bei der Antragstellung um eine Arbeitsgenehmigung beim jeweiligen Landesprüfungsamt an. Teilweise müssen Migranten drei bis sechs Monate warten, bis sie überhaupt eine Antwort bekommen.

Dass Sie, Herr Spahn, Pflegekräfte aus den Balkanländern, aus dem Kosovo und Albanien anwerben möchten, halte ich für eine gute Idee. Aber Sie müssen den Migranten auch etwas bieten.

Denn die aktuelle Situation ist für Migranten zu belastend – nicht nur psychisch, sondern auch finanziell. Ein langfristieg Aufenthalt in Deutschland ist für viele Zuwanderer aus den Balkanstaaten mit enormen Kosten verbunden. Sie haben oft nicht das Geld, um so lange auf eine Arbeitserlaubnis zu warten.

Pfleger aus dem Ausland  – ja bitte. Aber nur, wenn sie Geld mitbringen

Arbeitsminister Hubertus Heil will, um immigrierende Pflegekräfte zu unterstützen, eine halbjährige Arbeitserlaubnis für sie einführen – in dieser Zeit dürfen sie allerdings nicht von den Sozialkassen finanziert werden. Es wirkt so, als wollten Sie, die Politiker, sagen: Pflegekräfte aus dem Ausland – ja bitte. Aber nur, wenn sie ihr eigenes Geld bringen.

Unter solchen Bedingungen ist es schwierig, von Anfang an gute Arbeit zu leisten, von der wir doch alle profitieren würden. Wenn wir talentierte Pflegekräfte wollen, müssen wir auch bereit sein, in sie zu investieren.

Zudem wird das Pflegeexamen aus den westlichen Balkanstaaten in Deutschland leider nicht anerkannt. Obwohl die Pflegerausbildung zum Beispiel in Mazedonien sehr theorielastig ist, müssen die Pflegekräfte hier teilweise noch zwei Jahre eine Schule besuchen, anstatt direkt Praxiserfahrung zu sammeln, die viel wichtiger ist.

Ausländische Pfleger werden oft wie Arbeitskräfte zweiter Klasse behandelt

Oder aber werden ausländische Pflegekräfte als Hilfskräfte eingesetzt, wobei sie hauptsächlich Aufgaben wie das Putzen oder Waschen der Patienten übernehmen. Dafür sind sie häufig überqualifiziert.

Gerade am Anfang, wenn die Migranten ohne ihre Familien herkommen, um sich beruflich zu etablieren, vielleicht die deutsche Sprache noch nicht richtig können, brauchen sie Unterstützung von ihren Kollegen. Dennoch werden ausländische Pfleger oft nicht für voll genommen und wie Arbeitskräfte zweiter Klasse behandelt:

Sie bekommen anstrengendere oder unangenehmere Aufgaben zugeteilt, machen mehr unbezahlte Überstunden, weil sie Angst haben, ihre Stelle sonst zu verlieren, und ihnen wird aufgrund meist befristeter Verträge keine zuversichtliche Bleibeperspektive geboten. 

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An der Uniklinik Aachen funktioniert Integration

Aber es gibt auch Lichtblicke: Die Uniklinik in Aachen zum Beispiel hat, wie ich finde, ein Integrationsprogramm für immigrierte Pflegekräfte aufgebaut, das Vorbild für sämtliche Kliniken in Deutschland sein könnte, Herr Spahn. Vielleicht lassen Sie sich davon inspirieren?

An der Uniklinik Aachen durchlaufen immigrierte Pflegekräfte ein Vier-Phasen-Programm:

► Zunächst erhalten Migranten einen sechsmonatigen Sprachkurs, um das B1-Sprachniveau zu erlernen, das mindestens notwendig ist, um als Pfleger hier arbeiten zu können.

► In den nächsten sechs Monaten, der zweiten Phase, werden die Pfleger schon in einer Station eingesetzt und erhalten weiterhin Sprachunterricht.

► Nach insgesamt einem Jahr werden sie ihrer Zielstation zugeteilt, das ist die dritte Phase.

► Nach weiteren sechs Monaten kommt die vierte Phase, die die Entfristung des Arbeitsvertrags bedeutet.

Ich wünsche mir mehr Anerkennung für ausländische Pflegekräfte

Ich würde mir wünschen, Herr Spahn, dass die Einarbeitung von guten, teils hoch qualifizierten Leuten aus dem Ausland standardmäßig so verläuft.

Ich bin mir sicher, dass Pflegekräfte nicht in unser Land immigrieren würden, wenn sie nicht das Talent für diesen Beruf mit sich bringen würden. Das müssen wir nutzen, um unseren hohen Bedarf an Pflegekräften zu decken.

Sie, Herr Spahn, können sich nicht vorstellen, wie viele Anrufe von ausländischen Pflegekräften ich pro Tag bekomme, die mir erzählen: Sie hätten Schwierigkeiten mit den Ämtern. Sie würden unbezahlte Überstunden machen. Sie würden als billige Aushilfen ausgenutzt werden.

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Ich wünsche mir, dass in Deutschland ein einheitliches und vereinfachtes System geschaffen wird, das es Pflegern aus dem Ausland möglich macht, hier Fuß zu fassen. Und ich wünsche mir, dass diese Arbeitskräfte wertgeschätzt werden.

Wir brauchen die zusätzliche Unterstützung.

Viele Grüße

Mevaip Beari 

Mevaip Beari stammt gebürtig aus Mazedonien und ist in Deutschland aufgewachsen. Die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt er seit über 20 Jahren. 

Seit zwei Jahren ist er als unabhängiger Pflegeberater in Essen tätig und für alle Kassen in Deutschland zugelassen. Davor war er 15 Jahre lang als Fachgesundheits- und Krankenpfleger für Anästhesie und Intensivpflege tätig, davon fünf Jahre als Freiberufler, unter anderem in den Universitätskliniken Essen, Frankenthal, Offenbach, Wiesbaden, Köln, Münster und Kiel.

Das Gespräch wurde von Agatha Kremplewski aufgezeichnet.

(amr)