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25/06/2018 13:19 CEST | Aktualisiert 02/08/2018 09:28 CEST

Wir sind ein Jahr durch die USA gereist – unsere Chefs haben es nicht bemerkt

Unterwürfigkeit wird nicht belohnt. Angst rettet deinen Job nicht.

Oben im Video seht ihr neun Dinge, die erfolgreiche Menschen niemals tun. 

“Lieber um Vergebung als um Erlaubnis bitten.” So lautet ein gängiges Motto in der Geschäftswelt der USA – wenn es gut genug für die Chefetage ist, ist es auch gut genug für uns.

Wir sind zwei Menschen, deren Vollzeitjobs unerträglich geworden waren. So unerträglich, dass wir uns entschieden, unsere Stadtwohnungen gegen den vagabundierenden Lebensstil von Umhereisenden zu tauschen.

Und: Wir wollten unseren Arbeitgebern nichts davon zu erzählen.

Als Teilnehmer am New Yorker Rattenrennen hatte eine von uns (Hailey) die Nase voll von den Pendlern in der U-Bahn und 12-Stunden-Arbeitstagen. Der andere (Mitch) wusste nicht, wie es weitergehen sollte, nachdem ihm eine unglaublich unfähige Führungskraft vor die Nase gesetzt worden war, die die Teammoral zerstörte.

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Wir wollten beide einen neuen Arbeitsalltag. Aber wir legen auch viel Wert auf eine gute Unternehmenskultur. Daher kam es für uns nicht in Frage, einfach einen Rückzieher zu machen.

Wir wollten allen Chefs und Kollegen beweisen: Menschen Freiheiten zu geben lohnt sich

Stattdessen hatten wir eine Idee. Wir wollten Arbeitgebern – unseren eigenen und allen anderen – beweisen, dass es eine lohnende Investition und kein Risiko ist, Menschen mehr Freiheit zu geben.

Und wir wollten, dass sich US-Arbeitnehmer darauf besinnen, dass sie das Recht auf mentale Gesundheit und Zeit für sich haben – und nicht darum betteln müssen.

Deshalb gaben wir unserem kleinen Experiment den Spitznamen “Rogue Trip”, was so viel bedeutet wie “Schelmen-Reise”.

Und was gibt es Besseres, als die Reise zu machen ohne um Erlaubnis zu fragen? Innerhalb weniger Tage hatten wir eine Route erstellt. Wir planten eine Handvoll Nationalparks, Dutzende Freunde und Hunderte Eisdielen zu besuchen. 

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Unsere Reiseroute

Natürlich war der entscheidende Schritt, unsere Chefs zu überzeugen, uns Telearbeit zu erlauben. Sprich überall arbeiten zu dürfen – außer im Büro.

Mitch arbeitet im Produktmarketing. Remote zu arbeiten war von Anfang an Teil seines Arbeitsvertrags (remote Arbeiten steht für mobiles Arbeiten und bezeichnet ortsungebundene Arbeit an eigenen Projekten, für einen Klienten oder als Mitarbeiter für sein Unternehmen).

Wir sagten, dass wir nach Florida ziehen wollten – doch eigentlich wollten wir reisen

Hailey arbeitete als Teamchefin – einen ungeeigneteren Job für Telearbeit gibt es wohl kaum. Aber nach nur kurzen Verhandlungen stimmte ihre Firma einer internen Umbesetzung zu und befreite sie von der Anwesenheitspflicht.

Im November 2016 teilten wir unseren jeweiligen Firmen mit, dass wir nach Florida ziehen wollten, um näher bei Freunden und Familie zu leben. Manche von ihnen hätten mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen. Das stimmte sogar. Dass dies nur ein Zwischenstopp sein sollte und wir danach durch 45 weitere Bundesstaaten ziehen wollten, ließen wir allerdings unter den Tisch fallen.

Hier sind ein paar bemerkenswerte Erkenntnisse aus unserem Experiment:

Haileys tägliche Fahrt durch NYC entsprache ungefähr zwei Stunden (eine Stunde pro Strecke) Zeitvergeudung. Es bedarf keiner hohen Mathematik für die erschreckende Erkenntnis, dass sie mehr Zeit für die Firma hatte, wenn sie 75 Meilen (121 Kilometer) am Tag durch die USA reiste als wenn sie ins Büro pendelte. Mit anderen Worten: Viele von euch Pendlern sind im Jahr lange genug unterwegs, um die USA zu durchqueren – nur dass ihr hunderte Male im selben winzigen Teil des Landes hin und her fahrt.

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Am meisten sorgte uns, dass wir wegen widriger Umstände Meetings verpassen könnten. Es stellte sich allerdings heraus, dass der Wilde Westen des Internets leichter zu zähmen war als angenommen.

Mit einem unbegrenzten Datenvolumen, das unsere Telefone in Hot Spots verwandelte, und einer App, die die Signalstärke anzeigte, waren wir fein raus. Wenn wir Wi-Fi brauchten, hatten wir Bibliotheken, Parks, Einkaufszentren und Cafés zur Auswahl. Wir trinken beide keinen Kaffee. Dennoch beehrten wir mehr als 150 Cafés. Einen angetrockneten Muffin zu ordern wurde zu unserer Visitenkarte.

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Hailey, wie sie ein wenig Arbeit auf der Rout 12 in Boulder, Utah erledigt.

Hilfreich war auch die Tatsache, dass Konferenzschaltungen heutzutage ohnehin grauenhaft sind: weil sich Menschen zehn Minuten zu spät vom Flughafen einwählen oder Schwierigkeiten haben, den Bildschirm zu teilen, oder sich stumm schalten, damit sie ein Nickerchen machen können. Im Vergleich dazu waren wir oft die aufmerksamsten Teilnehmer im virtuellen Raum.

Am heikelsten waren bei unseren Telefonkonferenzen Hintergrundgeräusche. “Also, lasst uns mit Q2 weitermachen. Wir wollen – Entschuldigung, hört sonst noch jemand Papageien?”

Das Unangenehmste: Unsere Kollegen etwas vortäuschen zu müssen

Zum Glück war unsere Tarnung als Florida-Bewohner eine gute Ausrede. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie oft “Florida” als Grund für einen seltsamen Ton, der durch Ihr Telefon dringt, ausreicht. Sogar im Fall von Bären.

Die vielleicht einzige Kehrseite unseres Experiments war, Kollegen in eigentlich harmlosen Situationen immer wieder etwas vortäuschen zu müssen. Wenn man zum Beispiel bei der Frage “Wie ist das Wetter da unten?” erst googelt, um dann wie ein Meteorologe zu antworten.

Auf der anderen Seite hatte der Abstand von bestimmten Mitarbeitern eine magische Wirkung: Mitch erhielt tatsächlich von seinem Problem-Vorgesetzten ein dokumentiertes Lob für “viel besseres Verhalten”.

Wie hat sich unsere Arbeit im Laufe des Experiments entwickelt?

Ein paar Monate nach Reisestart fiel Haileys Stelle im Zuge einer Entlassungswelle weg (was nichts mit ihrer heimlichen Abwesenheit zu tun hatte). Zu diesem Zeitpunkt informierte sie ihre Mitarbeiter, dass sie auf Reisen war.

Der positive Beweis für das, was für bezwecken wollten, folgte wiederum einige Monate später: Ihre Firma stellte sie wieder als Beraterin ein und zeigte damit, dass sie ihren nomadenhaften Lebensstil voll unterstützt und darin kein Hindernis für ausgezeichnete Arbeit sieht.

Mitchs Anstellung hielt tatsächlich das ganze Jahr, bis er im Februar 2018 freigestellt wurde. Ein ziemlich häufiges Schicksal in der Tech-Welt. Sein ehemaliger Arbeitgeber und seine Ex-Kollegen erfahren mit diesem Text zum ersten Mal von unserem Projekt.

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Was wir vor allem mitnehmen: Wären wir wie gehorsame Hunde an unseren Schreibtischen geblieben anstatt durch die USA zu streifen, wären wir wahrscheinlich genauso entlassen worden.

Wir sind nicht im Jahr 1968. Unterwürfigkeit wird nicht belohnt. Angst rettet deinen Job nicht.

Eine weitere wichtige Lektion: Nirgendwo steht geschrieben, dass dich deine Arbeit nerven soll oder dass die Leistungen besser werden, wenn dich deine Arbeit ankotzt. Während der Reise haben unsere Arbeitgeber kein einziges Mal unsere Leistung in Frage gestellt.

Du wirst nicht unproduktiver, wenn du remote arbeitest

Nachdem wir den Beweis erbracht haben, möchten wir, dass du ihn als scharfes Geschoss einsetzt. Wenn du nur deshalb nicht remote arbeitest, weil du befürchtest, unproduktiver zu werden, sind wir hier, um dir zu sagen: Das stimmt nicht.

Das Leben in einem Van mag nicht dein Ding sein – was mit dem Minimalismus, sporadischem Duschen und was auch immer zu tun haben mag. Aber was immer du mit der Freiheit der Fernarbeit tust, ist sicher besser, als die Stadt mit deiner Pendelei zu verschmutzen und deinen Geist mit hektischem Treiben zu belasten.

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Wir haben viel über unser Land und seine Leute erfahren. Wir haben in einem Jahr mehr Freunde und Verwandte besucht, als es einige in ihrem gesamten Leben tun werden. 

Letztendlich hat uns unsere Reise auch viel über uns selbst gelehrt. Wir haben gelernt, wie sehr die Umgebung unsere Kreativität beeinflusst. Wir wurden darin bestätigt, dass wir viel produktiver sind – selbst wenn wir kürzer arbeiten. Vor allem haben wir gelernt, dass Partnerschaften – sowohl beruflich als auch privat – in Freiheit erblühen.

Dieser Text ist zuerst in der US-Ausgabe der HuffPost erschienen und wurde von Sandra Tjong aus dem Englischen übersetzt.

(ujo)