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04/07/2018 20:31 CEST | Aktualisiert 06/07/2018 11:15 CEST

"Wir sind durch 24 Länder mit dem E-Auto gereist – in Deutschland ist es kompliziert"

Ohne Internetzugang mit der notwendigen Datenbank sei man in der Bundesrepublik mit einem Elektroauto aufgeschmissen.

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Benedikt Ummen und Magdalena Witty haben mit ihrem Tesla 24 Länder bereist.

23.275 Kilometer, 24 Länder, 140 Tage – Magdalena Witty und Benedikt Ummen wollten einmal im Leben eine große Reise machen. Aber das ist keine Geschichte von Weltenbummlern, die mit einem Backpacker-Rucksack oder einem alten VW-Bully die Welt entdecken wollten.

Das junge Paar wollte es mit einem Elektroauto schaffen. Einem Wagen also, dessen Batterie alle paar 100 Kilometer wieder aufgeladen werden muss.

Sie fuhren von der Schweiz aus über die Alpen an die Adria, über den Balkan, den Kosovo, Bulgarien über den Bosporus in die Türkei, am Schwarzen Meer entlang nach Georgien, Armenien, in den Iran, durch die Wüste und Steppe in Turkmenistan, Usbekistan und Kasachstan nach Kirgisistan, Russland und Estland bis nach Deutschland.

Anfängliches Misstrauen wandelte sich immer in Begeisterung

Ihr Tesla war auf den Straßen vieler Länder das erste Elektroauto, das jemals dort gefahren ist. Außerhalb der EU war das Misstrauen an den Grenzen oft groß.

Aber dann: “In vielen europäischen und asiatischen Ländern waren viele begeistert, als sie verstanden hatten, dass unser Auto ohne Benzin, Diesel oder Gas funktioniert”, sagt Ummen. Sie waren überall eine Attraktion.

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Die Reiseroute von Benedikt Ummen und Magdalena Witty

Schwarz lackiert, mit gelben Streifen und Länderflaggen beklebt und einer Weltkarte auf der Heckscheibe: Auffällig ist der Wagen auch am Berliner Hauptbahnhof, wo wir das Paar treffen und gemeinsam mit ihm eine Runde durch die Hauptstadt drehen.

Kanzleramt. Reichstag. Halt vor der Landesvertretung von Schleswig-Holstein und Niedersachsen, dort gibt es eine kostenlose Ladestation.

“Wir wollten beide mal ein Abenteuer erleben”, sagt der 28-Jährige Ummen. “Wir wollten zeigen, dass das geht, dass man mit einem Elektroauto durch die Welt reisen kann – und es hat geklappt.”

Die Euphorie für E-Autos hält sich in Deutschland in Grenzen

Der Verkehr auf der Welt wird in Zukunft nicht mehr ohne Elektromobilität funktionieren. Verpestete Luft, Lärmbelastung – auch Deutschland braucht dringend eine Verkehrsrevolution. E-Autos sind umweltfreundlicher (solange der Strom aus erneuerbaren Quellen kommt) und leiser.

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Strom gibt es per Kabel aus der Steckdose zuhause oder unterwegs an einer Ladestation, manchmal sogar kostenlos. Und generell ist Strom billiger als Diesel oder Benzin, Elektromotoren sind fast wartungsfrei und haben eine hohe Lebensdauer und E-Autos sind in den ersten fünf Jahren nach Kauf KfZ-steuerfrei.

In Deutschland hält sich die Euphorie dennoch in Grenzen. 64 Millionen Autos gibt es hierzulande – nur knapp 54.000 davon mit einem elektrischen Antrieb. Einer internationalen Studie der Unternehmensberatung Deloitte aus dem März 2018 zufolge erwägen nur sieben Prozent der Deutschen, bei ihrem nächsten Autokauf einen elektrisch betriebenen Wagen zu wählen.

Die Reise von Witty und Ummen soll auch ein Zeichen sein, dass sich das ändern muss – und kann.

Mulmige Gefühle am Zoll

Für Adrenalin sorgte meist nicht die Suche nach Strom – sondern die Grenzübergänge. Visa für die Länder außerhalb der EU zu bekommen und die Einreise zu überstehen, sei komplizierter und anstrengender gewesen, als an Strom zu kommen, erzählen die beiden.

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An der Grenze von Kirgisistan nach Kasachstan zum Beispiel wurde Witty mit dem Wagen in eine Werkstatthalle vom Zoll geschickt. Wer hier landet, wird auf der Suche nach Drogen komplett auseinandergenommen. Die Wachmänner um sie herum verstand sie nicht. Die wiederum verstanden Witty nicht.

Aber eine Frau als Autobesitzerin? Das passte irgendwie nicht ins Bild der Wachmänner – und Witty durfte weiterfahren. “In solchen Situationen wurde mir schon etwas mulmig”, sagt sie hinterher.

Einreisen durften sie am Ende in jedem Land – und waren eine Attraktion. Ein Schüler im Iran nahm sie für ein Referat mit in seine Schule, im Kosovo wurde das Paar spontan auf eine Hochzeit eingeladen und durfte den Konvoi anführen. Zwischen dem Iran und Russland wollten hunderte Journalisten Interviews mit den beiden.

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In vielen Regionen war das Paar mit dem Tesla eine Attraktion und wurde von Einheimischen eingeladen – wie hier zu einem Picknick in Bojnurd im Iran.

Strom gab es immer – egal ob in Hotels, Werkstätten oder an Tankstellen

Auf ihrer Reise mussten sie 72 Tage lang ohne Ladestationen auskommen. Da haben die beiden dann Tag für Tag improvisiert. “Aber im Endeffekt ist das kein Problem, du brauchst einfach nur Strom”, sagt Ummen. Ein Elektroauto lädt mit dem gleichen Strom, der aus dem Sicherungskasten in jedem Keller kommt – 380 oder 400 Volt, dreiphasig.

Manchmal habe seine Freundin “mit ihrem Charme” den Hotelbesitzer überzeugt, während er schon längst um das Gebäude geschlichen sei, und genau wusste, wo er Strom abzapfen kann, erzählt Ummen. Wenn es kein Hotel war, war es ein Bauernhof, eine Werkstatt oder auch mal eine Tankstelle.

Alles was der 28-Jährige dafür benötigte: einen Schraubenzieher, ein offenes Kabel – und seine Elektrokenntnisse.

“Benedikts Fachwissen hat es uns einfacher gemacht, aber theoretisch kannst du dein Elektroauto auch einfach an einer normalen Steckdose laden – das dauert dann nur statt zwei Stunden 30”, sagt Witty.

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Manchmal gab es Strom auch in einer Werkstatt – so wie hier fernab jeglicher anderer Zivilisation an der einzigen Raststätte für 300 Kilometer am Balchaschsee, Kasachstan.

 

Einfach nur eine Steckdose gibt es in Berlin – außer in der eigenen Garage – nicht. Kaum haben wir vor der Ladesäule an den Ministergärten geparkt, kommt ein Angestellter der Landesvertretung aus dem Gebäude gestürmt: “Sie dürfen hier aber nur eine Stunde stehen bleiben, ja?!”

Die Ladeinfrastruktur in Deutschland ist mangelhaft

800 Ladestationen gibt es in Berlin und rund 2000 Elektroautos. Keine schlechte Quote, aber: “Das ist alles extrem unregelmäßig”, sagt Ummen. “Manche Städte sind zugesät, andere haben vielleicht eine einzige am Rathaus.”

Statistiken über die Verteilung im Land gibt es nicht. Fest steht, dass ein großer Teil der Ladestationen nicht dauerhaft öffentlich zugänglich istrund 28 Prozent der Anfang 2018 erfassten 8666 Ladestationen befinden sich in Parkhäusern oder Parkplätzen, 9,7 Prozent in Unternehmen, 7,4 Prozent in Hotels.

Deutschland ist in Sachen Elektromobilität noch ein Entwicklungsland. Gerade auch im Vergleich mit den unmittelbaren Nachbarländern.

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Benedikt Ummen und Magdalena Witty haben mit ihrem Tesla 24 Länder bereist.

Ohne Internetzugang mit der notwendigen Datenbank sei man in der Bundesrepublik mit einem Elektroauto aufgeschmissen, sagt Ummen. Die schlechte Ladeinfrastruktur ist laut der Deloitte-Studie für 20 Prozent der Deutschen ein Hauptgrund, sich gegen ein E-Auto zu entscheiden.

“In Georgien gibt es einfach in jeder größeren Stadt an den Tankstellen eine Ladestation. Das könnte bei uns auch viel besser geregelt sein”, sagt Ummen.

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Seine Forderung geht noch viel weiter: “Es müsste einfach an jeder Laterne entsprechende Steckdosen geben – da fließt schließlich sowieso Strom. Dann bin ich einkaufen oder auf einem Geschäftstermin – und wenn ich zurückkomme, hat mein Auto wieder mehr Saft.”

Die Reichweite von E-Autos sollte im Alltag kein Problem darstellen

Für 35 Prozent der potenziellen Käufer ist die Reichweite der entscheidende Grund, sich gegen ein Elektroauto zu entscheiden. Ummen hält das für Unsinn. Ein voll geladenes Elektroauto fährt bis zu 400 Kilometer.

Im Durchschnitt fahren deutsche Autofahrer 38 Kilometer am Tag. Vor allem in den verstopften Großstädten wird täglich ja noch viel weniger gefahren.”

Und mit seiner Reise hat er schließlich bewiesen, wie weit man mit dem E-Auto kommen kann.

“Wir haben natürlich viel gelesen über Roadtrips, bevor wir unsere Reise geplant haben. Und der erste Tipp, den du von den Reisenden bekommst ist: ‘Stürz dich nur mit einem Auto ins Abenteuer, für das es so gut wie überall auf der Welt Ersatzteile gibt.’ Das kann in diesen Regionen eigentlich nur Toyota erfüllen, sagt Ummen.

Darüber konnten die beiden am Ende nur lachen. Während es allein im Motor eines Benziners dutzende Teile gibt, die irreparabel kaputt gehen können, sind es beim Elektroauto genau zwei: der Akku oder die Leistungselektronik vom Elektromotor, sprich der Elektromotor.

Nur einmal hatten sie auf ihrer Reise Schwierigkeiten mit dem Wagen, aber die waren selbst verschuldet. “Wir haben blöderweise mal den Schlüssel im Auto liegen lassen”, sagt Witty. “Da mussten wir den Wagen mit zwei Ästen wieder aufbrechen. Aber auch das hat geklappt.”

(jds)