POLITIK
09/11/2018 12:21 CET | Aktualisiert 09/11/2018 12:31 CET

9. November: Ex-DDR-Bürger sagen, wie sich ihre Heimat verändert hat

In der HuffPost äußern sich ehemalige DDR-Bürger zum Jahrestag des Mauerfalls zur Wende von damals und den Wutbürgern von heute.

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Dunkeldeutsch, undemokratisch, ostalgisch.

Das sind nur einige der Attribute, die den Ostdeutschen in den vergangenen Monaten von Journalisten und Politikern zugeschrieben wurden. Vor allem nach den Ereignissen von Chemnitz, die weltweit für Schlagzeilen sorgten.

Die Debatte um die Entwicklungen in Ostdeutschland zeigte dabei aber selten das ganze Bild. So ging zu häufig die erstaunliche wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung in den neuen Bundesländern unter – und das demokratische Engagement einer starken Zivilgesellschaft, die ein Erbe der friedlichen Revolution von 1989 ist.

Diesem Ostdeutschland wollen wir bei der HuffPost zum Jahrestag des Mauerfalls eine Stimme geben. Deshalb haben wir zum 9. November Zeitzeugen der Wende gebeten, einen Blick zurück zu werfen – und auf die Gegenwart.

Ehemalige DDR-Bürger und politische Aktivisten erklären, wie sich ihre Heimat seit der Wiedervereinigung verändert hat, wo Deutschland zusammengewachsen ist – und wo noch nicht.

Viele von ihnen haben auch eine Botschaft an jene, die heute wieder „Wir sind das Volk“ brüllen – und damit vor allem gegen die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung protestieren.

Linken-Politiker Gregor Gysi: “Die Ostdeutschen haben den Umgang mit Muslimen nicht gelernt”

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“Das Beste ist natürlich, dass es einen Krieg zwischen zwei deutschen Staaten nicht mehr geben kann, dass die Mauer weg ist, dass niemand, der die frühere Grenze überschreitet, erschossen wird. Es gibt deutlich mehr Freiheit und Demokratie.

Die jüngere Generation von heute wächst offenkundig zusammen. Bei der älteren Generation ist dies schwierig. Die Ostdeutschen empfinden sich als Verlierer der Geschichte, denn sie hatten die sowjetische Besatzungsmacht.

Bei der Herstellung der Einheit wurden die Ostdeutschen Deutsche zweiter Klasse, was sie bis heute demütigt. Gregor Gysi

Die DDR war eine geschlossene Gesellschaft, so dass sie den Umgang mit Menschen muslimischen Glaubens kaum lernten. Bei der Herstellung der Einheit wurden sie Deutsche zweiter Klasse, was sie bis heute demütigt. Es gab eine im Westen glücklicherweise nie erlebte Massenarbeitslosigkeit, die die sozialen Ängste verdoppelt.(...)

Der Ruf ‘Wir sind das Volk’ diente 1989 dem Widerstand gegen die Führung. Es war eine Diktatur. Dagegen wandten sich die Menschen. Heute bedeutet der Spruch die Ausgrenzung Menschen anderer Nationalität, hat also eine völlig andere Bedeutung. Das Anliegen ist auch gegen das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland gerichtet.”

► Den ganzen Beitrag von Gregor Gysi lest ihr hier. 

DDR-Laborantin Ingrid Fieber: “So hatte ich mir das Ende meines Berufslebens nicht vorgestellt”

HuffPost / Marco Fieber

“Viele Menschen sind nach der Wende nicht auf die Füße gekommen, aber das Sozialsystem hat sie alle aufgefangen. Auch mein Mann und ich hatten letztendlich Glück: Wir sind beide erkrankt und so erwerbsunfähig geworden – doch das hat uns Jahre auf dem Arbeitsamt erspart.

Heute kann ich sagen: Uns ging es noch nie so gut. Wir können uns Wünsche erfüllen, die zu DDR-Zeiten undenkbar gewesen wären. Und zumindest das junge Deutschland ist zusammengewachsen. Die, die nicht mehr erlebt haben, wie es war, sind im Denken ganz anders – das ist gut!

Es wurde viel kaputt gemacht, aber es hätte nicht alles zerschlagen werden müssen. Ingrid Fieber

Doch es gibt auch Dinge, die der Westen vom Osten hätte übernehmen können: die Altstoffsammlung, Kindergärten, Polikliniken oder das Schulsystem. Ich hätte mir auch gewünscht, dass die Entscheider in der Wirtschaft und Politik dieses und jenes besser überdacht hätten. Es wurde viel kaputt gemacht, aber es hätte nicht alles zerschlagen werden müssen.

Dennoch: In den vergangenen drei Jahrzehnten ist unheimlich viel erreicht und geschafft worden. Wir müssen uns nur immer wieder vor Augen führen, wie es in der DDR ausgesehen hat – und wie es ohne den Mauerfall wohl noch immer aussehen würde.”

► Den ganzen Beitrag von Ingrid Fieber lest ihr hier.

Ex-Bundestagspräsident Wolfgang Thierse: “Pegida und AfD missbrauchen den Ruf ‘Wir sind das Volk’”

HuffPost / Marco Fieber

An die Tage und die Stimmung in Berlin nach dem Mauerfall erinnert sich der SPD-Politiker und langjährige Bundestagspräsident noch immer ganz genau:

“So heiter und fröhlich wie in diesen Tagen war die Stadt nie wieder. Überall feierten Menschen auf den Straßen, Wildfremde umarmten und begrüßten uns mit einem Glas Sekt. Das Glück jener Novembertage werde ich nie wieder vergessen”, sagt Thierse im Gespräch mit der HuffPost. 

Pegida, die AfD und Co. missbrauchen nicht nur unsere damalige Forderung nach Demokratie. Sie verfälschen den Ruf 'Wir sind das Volk' auch zu einer fremdenfeindlichen Losung. Wolfgang Thierse

Kurz vor der Wiedervereinigung trat der heute 75-Jährige derSPD bei und wurde rasch zum wichtigsten Vertreter der Ost-SPD. Thierse galt auch deshalb als Stimme der Menschen in den neuen Bundesländern.

Dass heute rechte Gruppierungen und Parteien wieder “Wir sind das Volk”, den Slogan der DDR-Opposition, rufen, kritisiert Thierse scharf.  

“Es ist unsäglich wie grotesk: Pegida, dieAfD und Co. missbrauchen nicht nur unsere damalige Forderung nach Demokratie. Sie verfälschen den Ruf auch zu einer fremdenfeindlichen Losung”, betont Thierse.

Damals habe sich der Ruf gegen die diktatorische Herrschaft der SED gerichtet. 

“Jetzt richten ein paar Tausende in Dresden und einigen anderen Städten denselben Ruf gegen eine demokratische Regierung, gegen Flüchtlinge und Ausländer”, bemerkt Thierse. Ihn ärgere “die Inanspruchnahme dieser mit Abstand wichtigsten Losung der Wendezeit”.

► Den ganzen Beitrag von Wolfgang Thierse lest ihr hier.

Bürgermeister Wolfram Liebing: “Die Politiker sollten sich bei Ostdeutschen entschuldigen”

Privat

“Der Osten hätte sicherlich wirtschaftlich eine andere Chance gehabt, wenn man die Wirtschaft anders umgebaut und die Ostmark länger behalten hätte. Aber das wollten die Menschen auch wieder nicht. Stattdessen ist die Wirtschaft schnell zusammengebrochen.

Dabei muss man auch sagen, dass die Treuhand am Anfang ein Verbrechen war und viele Manager Konkurrenten vom Markt geschafft haben.

Was eine tolle Geste wäre: Wenn sich Politiker heute dafür entschuldigen würden, was die Treuhand damals angerichtet hat.” Wolfram Liebing

Nur ein Beispiel ist das Kühlschrankwerk DKK Scharfenstein im Erzgebirge. Das Unternehmen war wettbewerbsfähig und hat unter anderem den ersten FCKW-freien Kühlschrank gebaut. Trotzdem wurde DKK zerschlagen. Das ist bei den Menschen schlecht angekommen.

Der Westen war da, aber die Arbeitsplätze waren weg. Hier in der Gegend waren rund 10.000 Menschen betroffen, dann hatte man dann auf einmal in einem industriegeprägten ländlichen Raum eine Arbeitslosenquote von 20 Prozent, auch ich war arbeitslos. Das hat zu Frust geführt. Was eine tolle Geste wäre: Wenn sich Politiker heute dafür entschuldigen würden, was die Treuhand damals angerichtet hat.”

► Den ganzen Beitrag von Wolfram Liebing lest ihr hier.

DDR-Bürgerrechtler Frank Richter: “Mit ‘Wir sind das Volk’ werden heute Andersdenkende diffamiert”

HuffPost / Marco Fieber

“Der Umbau der ostdeutschen Gesellschaft, der Wirtschaft und der Politik erfolgte tiefgreifend und umfassend. Viele Dinge änderten sich so schnell, dass es schwierig war, diese überhaupt zu erfassen. Für viele Menschen erfolgte diese Transformation alles andere als problemlos. 

Wenn wir heute die Gesellschaft in denneuen Bundesländern betrachten, sehen wir noch immer viele Verwerfungen, die Unzufriedenheit und die politischen Probleme haben zugenommen. 

Wir haben damals 'Wir sind das Volk' gerufen, damit auch heute jeder rufen kann, was er möchte. Deshalb können wir uns eigentlich nicht beschweren. Frank Richter

Vielerorts taucht dieser Tage auch wieder ein Ruf auf: “Wir sind das Volk”. Doch wenn heute diese Losung von 1989 erneut auf Demonstrationen gerufen wird, sehe ich das ambivalent: Wir haben den Ruf bei der friedlichen Revolution verwendet, um Freiheit zu erringen, dazu gehörte auch die Demonstrations- und Meinungsfreiheit.

Und wir haben damals “Wir sind das Volk” gerufen, damit auch heute jeder rufen kann, was er möchte. Deshalb können wir uns eigentlich nicht beschweren. 

Auf der anderen Seite war es natürlich der Ruf der Opposition in einer Diktatur gegen die Staatsmacht.

Der Ruf war verbunden mit Gewaltlosigkeit, Friedfertigkeit und er war eine Einladung an die DDR-Führung in Verhandlungen zu treten. Heute ist der Ruf eine Ausladung an demokratisch gewählte Politiker, er dient auch der Diffamierung Andersdenkender.

Ja, diese Ambivalenz müssen und können wir aushalten. Klar ist aber auch:Wir müssen uns gegen die Feinde der Demokratie stellen.” 

► Den ganzen Beitrag von Frank Richter lest ihr hier.

Hotelier Werner Molik: “Es ist gut, dass Menschen wieder unter “Wir sind das Volk”-Rufen auf die Straße gehen”

ARD / Screenshot

“Dass auch heute wieder Menschen unter ‘Wir sind das Volk’-Rufen auf die Straße gehen, finde ich gut. Die Bundesregierung will das Land in ein Gebilde überführen, in das jeder hereinkommen kann. Ihr Ziel: Die kulturelle Identität soll verwischt werden. 

Ebenso gibt es jetzt weniger Freiheit als in der alten BRD: Journalisten, die sich nicht an ein bestimmtes Format halten wollen, werden entlassen, und nicht nur das Netzwerkdurchsetzungsgesetz (NetzDG) erinnert viele Ostdeutsche an DDR-Verhältnisse.

Die Freiheit ist gefühlsmäßig eingeschränkt – und die Ostdeutschen kriegen das eben eher mit, weil sie aufgrund ihrer Erfahrungen dafür sensibilisiert sind. Werner Molik

Sie wollten eigentlich im Westen ankommen, doch stellen nun plötzlich fest, dass sie – wie früher – wieder zweifeln, ob sie ihre Meinung offen kundtun sollten.

Denn die Freiheit ist gefühlsmäßig eingeschränkt – und die Ostdeutschen kriegen das eben eher mit, weil sie aufgrund ihrer Erfahrungen dafür sensibilisiert sind.”

► Den ganzen Beitrag von Werner Molik lest ihr hier.

Ex-Unternehmensberater Rainer Zenner: “Die Ausgrenzung hat im Osten nie aufgehört”

Privat

Zenner berichtet: Mobbing und Ausgrenzung, die seine Familie in der DDR erlebte, seien immer noch spürbar. Die feindselige Stimmung werde sogar wieder deutlicher und aggressiver– vor allem von rechts. “Das sind die ‘Wir sind das Volk’”-Rufer von heute”, sagt Zenner. 

“Für jede geschlossenen Steinkohlegrube in NRW gibt es einen Traditionsverein, für die geschlossenen Volkseigenen Betriebe gab es nichts.” Rainer Zenner

Der HuffPost berichtet er: “Von unseren Bekannten in Sachsen wurden wir davor gewarnt, von unserer Tätigkeit in der Tafel zu berichten. Dann könnte unser Auto beschädigt werden.”

Zum einen wäre Aufklärung nötig, findet der ehemalige DDR-Bürger.

Zum anderen müsse die Politik die Verletzungen der Wendezeit und den sozialen Abstieg vieler Ex-DDR-Bürger ernst nehmen.

Zenner kritisiert: “Für jede geschlossenen Steinkohlegrube in NRW gibt es einen Traditionsverein, für die geschlossenen Volkseigenen Betriebe (VEB) gab es nichts.”

► Den ganzen Beitrag von Rainer Zenner lest ihr hier.

Autor Steffen Gresch: “Meinungsfreiheit wird genutzt, um kulturelle Selbstabschottung einzufordern”

Privat

“Die ersehnte kulturelle Einheit Deutschlands ist etwas tief gewachsen historisches. Doch war es das dann auch schon.

Die ostdeutschen Mitläufer, die sich 1989 urplötzlich aus der Deckung wagten, wollten vor allem Westgeld und Reisefreiheit.

Die ostdeutschen Mitläufer, die sich 1989 urplötzlich aus der Deckung wagten, wollten vor allem Westgeld und Reisefreiheit. Steffen Gresch

Die Meinungsfreiheit, die sie auf dem Silbertablett mit serviert bekommen haben, nutzen sie heute dazu, die Aufrechterhaltung ihrer kulturellen Selbstabschottung einzufordern. Sie sind also tief im Inneren DDR-Untertanen geblieben. 

Daran lässt sich nach nahezu 30 Jahren Einheit nicht mehr viel ändern. Der Westen, und sicher auch manche Teile des Ostens, werden weiterhin weltoffen und pluralistisch orientiert sein. Das ist sehr, sehr viel wert. Mehr erwarte ich nicht.”

In unserem Podcast über Ostdeutschland widmen wir uns mit den Interviewgästen den Themen, die in der Tagesberichterstattung häufig zu kurz kommen. Über das Banner gelangt ihr auf eine Übersicht der bisherigen Folgen.