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02/03/2019 15:29 CET | Aktualisiert 02/03/2019 15:29 CET

Wir sind seit neun Monaten zusammen – und bereits in Paartherapie

Wir sind beide erst 27.

Antonio_Diaz via Getty Images
Wir sind nun seit drei Monaten wöchentlich in Therapie und haben gelernt eine gesunde Beziehung zu haben, in der es Platz für Fehler gibt.

Ich habe Untreue immer aufs Tiefste verachtet. Es war diese eine Verletzung innerhalb einer Beziehung, bei der ich offen über meine Intoleranz sprach und ich fühlte eine gewisse Überlegenheit denjenigen gegenüber, die “schwach genug“ waren, mit ihrem Betrüger zusammen zu bleiben.

War ich mit jemandem zusammen, hielt ich ihn an der kurzen Leine, um mit diesem schwachen Versuch sicherzustellen, dass mir das niemals passieren würde – bis es dann doch geschah.

Mein Freund und ich sind beide 27 Jahre alt. Als wir 2016 zusammenkamen fühlte sich das an als hätte das Universum die letzten zwei Stücke eines 1000-Stücke-Puzzles zusammengefügt.

Nach dem Höhenflug kommt der Tiefpunkt

Wir hatten alles gemeinsam, von unserer geteilten Liebe zu Hip Hop hin zu dem Eifer, unsere neue Stadt Philadelphia zu erkunden. Aber für jeden Höhenflug erlebten wir auch einen Tiefpunkt.

Unsere Liebe, zunächst wie in einer romantischen Komödie, wurde zu einer Tortur. Lügen, Betrügen, Gehässigkeit, endlose Streitereien, die uns atemlos zurückließen.

Mancher könnte meinen, es dauert Jahre, so eine Strichliste mit den Fehlern des Anderen zu haben, aber zwischen all unserem Schlussmachen und dann doch wieder zusammenkommen über zwei Jahre hinweg, befanden wir uns tatsächlich nur neun Monate in einer ernsthaften Beziehung.

Er schlug immer wieder eine Therapie vor

Jeder in unserem Umfeld riet uns, es gut sein zu lassen. “Ihr beide seid einfach nicht lange genug zusammen gewesen, um damit klarzukommen“, hörte ich beinahe wöchentlich von meinen besorgten Mitbewohnern.

Das Gift kroch schleichend in unsere Freundesclique, Arbeitstage, Schlafzeiten. Aber dennoch verloren wir nie diesen Schimmer der Hoffnung, dass wir mit genügend Mühe unsere Muster durchbrechen und zu unserer Liebe vom ersten Tag zurückkehren könnten.

Er hatte schon unzählige Male eine Therapie vorgeschlagen. Meine Tendenz, abzuwarten, ob sich die Dinge nicht von alleine lösten, standen in starkem Kontrast zu seinem proaktiven Naturell. Ob wir nun in einem hitzigen Streit steckten oder uns ruhig während des Abendessens unterhielten: Ich stellte mich taub, sobald er professionelle Hilfe ansprach.

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Mir war klar, ich würde ihn verlieren

Wir waren beide in Therapie gewesen, jeder für sich, und wussten um deren Nutzen, aber ich hatte Angst und wehrte mich dagegen, das Gleiche als Paar zu versuchen.

Die Streitereien nahmen zu – auch an Häufigkeit und Intensität. Ich bekam Panikattacken, wenn wir beide zur Arbeit gingen, wo wir uns acht Stunden lang per Chat stritten. Die Unterhaltungen drehten sich dermaßen im Kreis, dass wir ganz vergaßen, worüber wir eigentlich stritten.

Es gibt ein Stigma um das Thema Paartherapie, das schlimmer wird, je jünger das Paar ist.

Ich werde niemals vergessen, was für mich der Wendepunkt war. Ich schrie einen meiner typischen Sätze (“Raus aus meiner Wohnung“), während ich eigentlich hoffte, er würde Leidenschaft und Liebe zeigen, indem er sich weigerte zu gehen.

Aber zu meiner großen Überraschung ging er tatsächlich. Und mir wurde klar: Wenn ich nicht auf seine verzweifelten Bemühungen einging und mich nicht ebenfalls bemühte, würde ich ihn verlieren. Ich brauchte Hilfe.

Ich wusste, dass ich ihn liebte

Also hielten wir uns eines Tages an den Händen und wagten den Schritt. Wir benutzten die Suchfunktion von “Psychologie Heute“, um einen Therapeuten zu finden, der von unserer Krankenkasse gezahlt wurde.

Der Plan geriet ins Rollen und ich konnte mir nicht helfen, geriet in Panik. Ich war immer in irgendwelchen Beziehungsidealen gefangen gewesen und das hier war nichts anderes: “Bleibe ich wirklich in einer Beziehung, die eine Therapie braucht, um zu funktionieren? Es gibt doch sicherlich jemanden da draußen, mit dem es einfacher wäre zusammen zu sein.“

Nichtsdestotrotz wusste ich, dass ich ihn liebte und sein Bemühen, sich zu verändern, ließ mich ihn nur noch mehr lieben.

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Wir gaben unsere Liebe nicht auf

Es gibt ein Stigma um das Thema Paartherapie, das schlimmer wird, je jünger du bist, wenn du sie in Anspruch nimmst.

Sowohl Freunde als auch Therapeuten sagten uns, wenn wir schon so früh vor einer Heirat Therapie brauchten, sollten wir wohl besser nicht zusammen sein.

Aber wenn zwei Menschen sich gegenseitig ihre schlimmsten Fehler eingestehen und immer noch bereit sind, alles für die Beziehung zu geben, gibst du diese Liebe nicht auf. Zumindest wir taten es nicht.

Die Therapeutin war überrumpelt von unserer Ehrlichkeit

Zu unserer ersten Sitzung kamen wir entschlossen und offen. Der Raum war angefüllt von Unbeholfenheit, während wir die jeweiligen Versionen unserer Geschichte erzählten und was wir mit einer Therapie erreichen wollten.

Ich fühlte eine unerklärliche Erleichterung, der Therapeutin von Dingen zu erzählen, die mich sonst erschaudern ließen: Etwa das Gefühl, nicht gut genug für ihn zu sein.

Die Therapeutin war ganz überrumpelt von unserer sofortigen, puren Ehrlichkeit und ihr Glaube in uns war ansteckend.

Die Therapie war für uns lebensverändernd

Von Anfang an war die Therapie sehr praxisorientiert. Wir lernten zwei sehr wichtige Fakten: Zwischen uns gab es kein Vertrauen und wir gehen unterschiedlich mit Konflikten um.

Konflikte sind in Beziehungen unumgänglich und wenn du weißt, wie du mit ihnen richtig umgehst, wird das helfen, Vertrauen aufzubauen.

Unsere Therapeutin ist spezialisiert auf Verhaltenstheraphie. Für uns war es lebensverändernd.

Ich war unsicher und misstrauisch, beschuldigte meinen Freund ständig und schnüffelte in seinem Telefon herum. Durch die Verhaltenstherapie konnte ich lernen, diese Gedankenmuster zu erkennen und sie abzulegen.

Ich werde nie einen Meilenstein nach unserer vierten Sitzung vergessen: Wir waren ausgegangen, tranken und irgendwann nach dem fünften Glas Wein sagte ich: “Wenn ich nicht hier wäre, würdest du mit anderen Mädchen reden.“

Ich riss mich zusammen und rief beinahe sofort: “Nein, ich meine das nicht so, ich will keinen Streit anfangen und es tut mir leid, dass ich das gesagt habe.“ Eine ganze Woche lang schwelgten wir vor Stolz.

Ich flüchtete immer in meine Ideale

Wir sind nun seit drei Monaten wöchentlich in Therapie und haben gelernt, eine gesunde Beziehung zu haben, in der es Platz für Fehler gibt. Fehler passieren und wir können nicht in Angst leben, dass wir verlassen werden, wenn wir welche machen.

Die Therapie hat mir eine menschliche Seite von Beziehungen gezeigt, vor der ich mich lange versteckt habe, während ich Zuflucht in meinen Idealen suchte. Wir fühlen uns alle zu anderen Menschen hingezogen. Wir alle geraten in Versuchung. Jeder macht Fehler.

Und wenn du wie wir bist, hast du vielleicht eine schwierige Vergangenheit. Nur, wenn du jemanden großzügig liebst, ohne Erwartungen, liebst du wahrhaftig und behandelst die Person mit dem Respekt und der Liebe, die sie verdient.

Momentan leben wir in einer offenen Beziehung

Die Therapie hilft mir nicht nur, meine Unsicherheit zu überwinden, sie hat mir auch gezeigt, dass ich an Liebesbeziehungen interessiert bin, die über die heterosexuelle und monogame Norm hinausgehen, die einst das selbe Mädchen kontrolliert haben, das aus Bars stürmte, wenn ich dachte, seine Augen hätten die einer anderen Frau getroffen.

Ich fühle mich natürlich und frei und ihm geht es auch so. Wir probieren derzeit eine offene Beziehung aus, die gesünder und glücklicher ist als je zuvor.

Auch wenn wir uns bereits sehr verändert haben, gehen wir nach wir vor einmal die Woche in Therapie.

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Wir wachsen gemeinsam als Paar

Manche Leute machen nur eine Therapie, bis es ihnen besser geht. Aber wir empfinden sie als präventiv. Wir wollen weiter wachsen als Paar und lernen, wie wir mit den Auf und Abs gesund umgehen.

Ich glaube, wenn die Liebe echt ist, beide das gleiche Bedürfnis haben, zusammen zu sein und du deine Ärmel hochkrempelst und bereit bist, daran zu arbeiten, ist Therapie die beste Möglichkeit.

Die Gesellschaft könnte denken, du bist nicht mehr zu retten, da wir alle nach Perfektion streben. Aber du hast die Wahl zu glauben, dass wir alle mehrdimensionale Menschen sind, die die Fähigkeit haben, sich zu ändern.

Jedes Paar hat seine eigene Geschichte und ich glaube, dank der Therapie hat unsere erst begonnen.

Dieser Artikel erschien ursprünglich bei der HuffPost US und wurde von Babette Habenstein aus dem Englischen übersetzt.

(jg)