POLITIK
11/08/2018 10:03 CEST | Aktualisiert 11/08/2018 10:03 CEST

Wir sagen nicht mehr "Neger" in der Schule – Rassismus gibt es dennoch

Rassismus an Schulen gibt es immer noch – deswegen müssen wir Lehrpläne- und material überarbeiten.

shironosov via Getty Images

Letztens auf dem Schulhof habe ich gehört, wie ein Junge einen anderen “Zigeuner” nannte. Ich nahm den Jungen zur Seite.

“Sag, mal, weißt du überhaupt, was Zigeuner sind?”, fragte ich ihn.

Der Junge antwortet: “Das sind so Leute, die im Müll wühlen und in komischen Wohnungen leben.”

Ich erkläre dem Jungen, dass die “Zigeuner” eigentlich Roma heißen und ein Volk sind, das schon seit über 500 Jahren in Europa lebt. 

Der Junge wusste das einfach nicht. Im Schulunterricht wird so etwas in der Regel selten thematisiert. 

Rassismus gibt es an Schulen immer noch

Ich unterrichte mittlerweile seit über 20 Jahren an Brennpunktschulen in Berlin – hier ist der Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund besonders hoch: An 158 von 359 Grundschulen in Berlin haben mehr als die Hälfte der Schüler Migrationshintergrund, vor allem in Neukölln und Mitte. 

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Natürlich erlebe ich solche Szenen, wie oben beschrieben, immer wieder: Rassistische Ausdrücke werden sowohl von deutschen als auch ausländischen Kindern genutzt. Oft auch ohne dass sie wissen, was diese Ausdrücke eigentlich bedeuten oder welche Konsequenzen sie für andere Menschen haben können.

Das liegt daran, weil an unseren Schulen zu wenig Wissen über andere Kulturen vermittelt wird und so Rassismus einfacher entstehen kann: Unsere Kinder bekommen an deutschen Schulen einfach zu selten den Blick über den Tellerrand geboten. 

Es geht nicht mehr zu wie in der “Judenschule” – aber es ist noch viel zu tun

Natürlich gibt es keinen offenen Rassismus mehr an Schulen – zumindest sind mir keine Fälle bekannt. Das war früher natürlich noch anders.

Meine Lehrer damals sind zum Beispiel im Schulsystem vor 1945 groß geworden, in dem noch “Rassenkunde” unterrichtet wurde. Das hat meine Lehrer geprägt. Als ich noch zur Schule gegangen bin, war es dementsprechend normal, von Lehrern solche Ausrufe zu hören wie: “Hier geht es ja zu wie in der Judenschule!” Oder wir haben “Die zehn kleinen Negerlein” auswendig gelernt.

Natürlich unterrichtet in der Schule heutzutage niemand mehr solche Liedtexte. Dennoch: Es gibt immer noch viel zu tun – denn was in der Schule vermittelt wird, ist sehr einseitig und schärft so kein interkulturelles Bewusstsein. Unsere Schulbücher und Lehrpläne sind immer noch sehr euro- und ethnozentristisch.

Dass man die deutsche Kultur und Geschichte behandelt, ist wichtig und gut – allerdings würde es nicht schaden, auch einmal eine andere Perspektive einzunehmen. Das Judentum zum Beispiel wird nur im Rahmen der Shoa thematisiert – dabei ist die Geschichte und Kultur doch viel breiter.

Schüler müssen lernen, über den Tellerrand hinauszuschauen 

Auch wird natürlich mal über griechische oder römische Geschichte gesprochen – aber nicht darüber, wie diese mit unserem Land heute zusammenhängt.  

Wenn wir in Musik über die europäische Klassik sprechen, vergessen wir, außer-europäische Einflüsse mit zu diskutieren – beim Türkenmarsch zum Beispiel hat sich Mozart tatsächlich von türkischer Militärmusik beeinflussen lassen. Goethe war beeinflusst vom persischen Dichter Sadi.

Ich finde es wichtig, Schülern zu zeigen: Wir haben es geschafft – aber wir haben es nicht allein geschafft. Das lehrt Bescheidenheit, und Bescheidenheit und Rassismus schließen sich gegenseitig aus, denn wer bescheiden ist, stellt seine Kultur und sein Heimatland nicht über andere. Die Kinder würden lernen, es geht nicht nur um Deutschland und Europa.

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Generell werden zu viele wichtige, geschichtliche Themen im Unterricht ausgeblendet. Europa als Kolonialmacht wird zum Beispiel nur am Rande gestreift, wie viel Elend durch Kolonialisierung und Sklavenhandel auch von uns verursacht wurde, wissen nur wenige.

Dass viele Deutsche in den letzten Jahrhunderten ausgewandert sind, auch aufgrund von Armut, ist auch nicht bekannt. Wenn solche Fakten zur Allgemeinbildung gehören würden, wären wir vielleicht auch toleranter gegenüber Flüchtlingen. 

Zeitlich begrenzte Projekte zu Rassismus allein reichen nicht

Es muss den Kindern einfach deutlich gemacht werden, was unsere aktuelle Situation hier in Deutschland – Flüchtlingskrise, Integration, Rassismus – wirklich mit uns selbst zu tun hat. Und das kann man am einfachsten im Klassenzimmer vermitteln, und zwar nicht nur über zeitlich begrenzte Projekte.

Wir müssten unsere gesamten Lehrpläne und -materialien überprüfen und einzelne Themen breiter darstellen, interkulturelle Blickpunkte zulassen, Verbindungen knüpfen. Nur so können wir unsere Kinder für Menschen sensibilisieren, die anderen Kulturen angehören.

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Nachdem ich dem einen Jungen übrigens erklärt habe, was “Zigeuner” bedeutet, hat sich herumgesprochen, dass man dieses Wort nicht als Schimpfwort verwenden sollte. Erst dann haben sich einige Kinder getraut, zuzugeben, dass sie Roma seien.

Ein wenig Aufklärung hat so für ein toleranteres Umfeld gesorgt – die Situation beweist: Kinder sind dankbar, wenn man ihnen etwas erklärt. Wir sollten ihnen diese Gelegenheit bieten, vor allem in der Schule.