POLITIK
19/06/2018 11:03 CEST | Aktualisiert 22/06/2018 20:56 CEST

Metropole im Ausnahmezustand: So erleben die Bürger Samaras die WM

In der Stadt ist einen Monat lang nichts wie vor der WM.

Ekaterina Bodyagina

Samara, 9 Uhr: Der Wecker reißt Valerii aus dem Schlaf.

Valerii schlürft neun rohe Wachteleier zum Frühstück. Trinkt grünen Tee, der wach macht.

Dann zieht er eines seiner rund 50 Fußballtrikots aus dem Schrank. Das des serbischen Spielers Ognjen Koroman. In ein paar Minuten wird Valerii mit seiner Frau in Richtung der Kosmos-Arena aufbrechen, dem WM-Stadion von Samara.

Costa Rica spielt dort gegen Serbien. Valerii hat seit 25 Jahren kein Spiel seines Heimatclubs verpasst. Die WM ist für ihn ein Höhepunkt in seinem Leben. Denn in der russischen Millionenstadt, die bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion für Ausländer Sperrzone war, ist derzeit die Welt zu Gast.

Valerii hat sich Tickets für alle sechs Spiele gekauft – und für zwei weitere, eines in St. Petersburg, das andere im 400 Kilometer entfernten Kazan, wo er gestern mit dem Auto war.

Seine Stimme ist noch heiser.

Ekaterina Bodyagina
Fan Valerii im Trikot.

“Die Weltmeisterschaft wird wohl nie wieder hierher kommen, sagt er. “Da muss ich jede Sekunde genießen, wie einen Urlaub.

130.000 Rubel kostet dieser “Urlaub, etwa 1.700 Euro, was für viele Russen ein Vermögen ist. Aber Valerii kann es sich leisten. Er arbeitet als Berater für ein Erdgasunternehmen.

Russlands Präsident Wladimir Putin holte die Weltmeisterschaft für Fans wie ihn nach Samara, die sich die hunderte Dollar teuren Tickets leisten können und sich so berauschen lassen.

Samara symbolisiert den Gigantismus dieser Spiele

Dafür hat Putin 12 Milliarden Euro in die Hand genommen, es ist die teuerste WM der Geschichte. Wie viel davon in die vergleichsweise wohlhabende Stadt an der Wolga ging, lässt sich nicht genau beziffern.

Klar aber ist: Die Milliarden flossen in Kilometer neuer Straßen, in neue Hotels und die Sanierung historischer Gebäude in der Innenstadt. 

Ekaterina Bodyagina
Die Kosmos-Arena. 

Und in ein Stadion in der Form eines Ufos. Das steht nicht nur für die Tradition der Luft- und Raumfahrt-Technik der Stadt - zehn Hochschulen und vier Universitäten bildeten zur Zeit der Sowjetunion Studenten aus – sondern auch den Gigantismus dieser Spiele wie kein anderes WM-Stadion symbolisiert.

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Die Form des Stadions ist aber Sinnbild für noch etwas anderes: Wer Samara in diesen Tagen besucht, bekommt den Eindruck, als wäre die Weltmeisterschaft wie ein Raumschiff in der Stadt gelandet. Hunderttausende Fans, die dort noch nie waren und wohl nie mehr zurückkehren, pilgern an die Wolga.

Die Frage, die sich stellt: Wie erleben die Einwohner diesen Ausnahmezustand – und was bleibt, wenn das Ufo Weltmeisterschaft weiterfliegt?

Ekaterina Bodyagina
Die Trikotsammlung von Valerii. 

Um diese Frage zu beantworten, haben wir den Tag mit Menschen aus Samara verbracht, deren Leben in diesem WM-Monat ebenfalls im Ausnahmezustand ist:

Mit Valerii, dem Hardcore-Fan.

Mit Mikhail Matveyev, einem Oppositionspolitiker, der erzählen kann, wie er über Jahre mit dem Turnier und seiner Austragung in Samara rang.

Mit Natalia, die sich drei Jahre als Freiwillige auf die WM vorbereitet hat und nun einen Monat bei den Spielen im Stadion arbeitet.

Mit Barmann Vitalii, der jeden Tag Fans bewirtet, sich aber keine Karte für ein Spiel leisten kann.

Und mit Sergei, den wir um 10.30 Uhr in einem Keller in der Innenstadt in einem mehr als 100 Jahre alten Gebäude treffen.

Samara hat eine stolze Fußballgeschichte. Sergei gründete deswegen das einzige Fußballmuseum der Stadt, durch das er während der WM besonders viele Besucher führt.

Man möchte meinen, dass auch für Sergei, wie für Valerii, diese Tage ein Fest sind. Doch Sergei, der auch als Journalist für den nichtstaatlichen Radiosender Echo Moskau arbeitet, sagt: “Die Weltmeisterschaft zerreißt mein Herz in zwei Hälften.

Er nimmt uns in blauer Trainerjacke, mit tiefer Stimme und schnellen Worten mit auf eine Zeitreise in die Jahre ohne Millionengehälter und zurück in die Zeit, als im Stadion in Samara noch “Gulag-Insassen, Geheimdienst-Agenten, Politiker und ganz normale Leute nebeneinander saßen und ihrem Klub zujubelten, wie er sagt. 

Ekaterina Bodyagina
Sergei in seinem Museum. 

“Fußball war immer mehr als Fußball hier, es war eine Insel der Freiheit.

Diese Insel der Freiheit erlebte er schon als Zweijähriger, als er am Stadionrand den Spielern Blumen in die Hand drückte.

Sergei zeigt mit einem Holzstab auf seine Exponate - tausende sind es mittlerweile - die er seit seinen Jugendjahren sammelt.

Handschuhe, die Spieler aus dem fernen Westen mitbrachten, als die Sowjetunion ihren Bürgern noch das Reisen verbot.

“Sergei, du bist ein echter Fan

Oder Schuhe von Spielerlegenden, etwa von Jan Koller, der Hühne aus Tschechien mit der Schuhgröße 50, der zum Ende seiner Karriere in Samara spielte.

Sergei sammelt Trikots und Fußbälle wie Reliquien, zu denen die Besucher seines Museums pilgern wie zu einer religiösen Stätte.

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“Sergei, du bist ein echter Fan, schrieb einer in das Gästebuch seines Museums auf Deutsch.

Das Ufo, das echte Fans wie Sergei eigentlich begeistern und mitreißen soll, ist für ihn ein Fremdkörper. Es steht für all das, was er am modernen Fußballzirkus nicht mag. Da sind zum einen die hohen Ticketpreise. Aber auch die Sicherheitsmaßnahmen.

Die gesamte Innenstadt von Samara ist eine von Polizisten bewachte Sperrzone, in der kein Auto fahren darf; zum Leidwesen von Taxifahrern und Anwohnern. 

Und wer zum Stadion oder Public Viewing möchte oder in einem Hotel wohnt, muss sich Sicherheitschecks wie am Flughafen unterziehen.

Die Behörden wollen damit für Sicherheit sorgen, doch in Sergeis Augen “bringt es die Leute auseinander, obwohl Fußball die Leute doch zusammenbringen soll.

Eigentlich wollte er deswegen auch auf kein Spiel gehen.

Aber nun begleitet er eine gehbehinderte Frau ins Stadion. Vermutlich wird er ihr davon erzählen,  wie er mit seinem Vater als Kind den Spielern zujubelte.

12 Uhr, vier Stunden vor Anpfiff im Norden der Stadt.

Während sich Sergei und Valerii auf dem Weg ins Stadion machen, mit den teils uralten und rostigen Trambahnen und Bussen, treffen wir Natalia.

Vor einer Woche hat die 22-Jährige ihre Masterarbeit für Englisch und Deutsch im Lehramt an der Universität in Samara abgegeben.

Nun schleppt sie die Ausrüstung der serbischen Nationalmannschaft aus dem Mannschaftsbus, vorbei an mächtigen, silbernen Stahlstreben hinein ins Stadion.

Ekaterina Bodyagina
Natalia vor dem Stadion.

Natalia ist Volunteer bei der Weltmeisterschaft und trägt ihre Arbeitskleidung: rotes T-Shirt, rote Kapuzenjacke und blaue Sporthose.

Sie steht für die 2600 Freiwilligen, die alleine in Samara im Einsatz sind. Es sind meist Schüler oder Studenten.

Natalia ist deswegen für die Fifa-Organisatoren vermutlich nur ein winziges Zahnrad im Getriebe des WM-Ufos, doch für die Studentin ist es eine “Herzenssache.

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Für die hat sie sich vor drei Jahren beworben, zwei Vorstellungsgespräche geführt, mehrere Workshops besucht, auf denen sie Spanisch lernte und, wie man mit betrunken Fans umgeht.

Das Leben vor und nach der Weltmeisterschaft

Nun ist sie quasi Vollzeit einen Monat lang im Einsatz und erhält dafür keinen einzigen Cent. Ihr Lohn ist das Gefühl, “bei etwas so Gigantischem dabeigewesen zu sein, wie sie sagt.

Was von der WM in Samara bleibt? “Ich hoffe, dass mehr Touristen kommen, sagt sie.

Sei teile ihr Leben derzeit in “vor und nach der Weltmeisterschaft. Nach dem letzten Spiel in Samara werde sie erstmal ausschlafen. Und dann weiterschauen.

Dann verschwindet Natalia. Sie wird gleich in den Eingeweiden des Raumschiffs costa-ricanische VIP-Gäste auf ihre Logen führen und den Nationalspielern den Weg zur Kabine zeigen.

Derweil sitzt Mikhail Matveyev auf den vorderen Rängen und wartet auf den Anstoß um 16 Uhr.  

Er ist Mitglied der kommunistischen Partei und einziger Abgeordneter der Opposition im Regionalparlament. Ihn blendet die Sonne, deswegen schaut er sich um.

Dort sitzen Kollegen von ihm aus dem Parlament. Städtische Unternehmer. Eine Oligarchenfamilie aus Samara.

Und mittendrin Mikhail. Er trägt eine Jeansjacke, Jeanshosen und eine Kappe, die schief auf dem Kopf sitzt.

Eigentlich wollte er vor dem Ufo in die Datscha seiner Großmutter fliehen.

“Die Innenstadt wäre ein einziger großer Stau geworden”

Doch daraus wurde nichts – der Gouverneur schenkte ihm ein Ticket. Also sitzt er nun hier zum ersten Mal in dem Stadion, mit dem ihn eine ganz persönliche Geschichte verbindet.

Eigentlich sollte die Arena im Herzen der Stadt stehen, wo sich Wolga und die Samara treffen, auf einer Landzunge dort, wo nun noch ein Hafen ist.

Viele historische Häuser mit ihrer Holzfassade, den Schnitzerein und buntem Anstrich “wären abgerissen worden, sagt der studierte Historiker. “Und die Innenstadt wäre während der WM ein einziger, großer Stau geworden. 

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Mikhail vor dem Stadion – er rettete mit Mitstreitern die historische Altstadt von Samara vor dem Abriss. 

Also begannen er und andere Politiker sowie Planer und Architekten Unterschriften zu sammeln und Stimmung gegen die Pläne des damaligen Gouverneurs zu machen, um das Stadion zu verlegen.

Ein jahrelanger, aber erfolgreicher Kampf, der 2014 mit dem Baubeginn endete. Es folgte ein beispielloser baupolitischer Skandal, den Mikhail heute noch wütend macht.

Putin persönlich nannte es wegen den explodierenden Kosten ein Problemstadion, feuerte den früheren Gouverneur, der seine Leute mit Aufträgen für den Bau versorgte, sagt Mikhail.

Zuletzt wurde der Rasen nicht fertig, sodass dieser aus Deutschland eingefahren werden musste.

Nun steht das Ufo hinter einem Waldstück am Stadtrand wie das ikonische Raumschiff von E.T. Nur ist dort nicht nur für eine Person Platz, sondern für 45.000.

Viele kommen von weit, weit her.

Ende Juni werden zu einem Spiel 20.000 Fans aus Kolumbien erwartet

“Die meisten Leute hier haben noch nie Ausländer gesehen, sagt Mikhail. Samara, muss man wissen, war zu Sowjetzeiten wegen der militärischen Bedeutung eine Sperrzone für Ausländer aus dem Westen.

Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs gab es wiederum wenig Grund für Touristen, die Stadt zu besichtigen. Denen können die Bewohner Samaras nun nicht mehr aus dem Weg gehen.

Die Samaraner posten deswegen in den sozialen Netzwerke Selfies mit WM-Touristen.

Im Mai hing die Stadt überall Schilder auf, die den Touristen den Weg auch auf Englisch weisen.

Dass dabei oft auch Buchstaben oder ganze Wörter durcheinander gerieten, macht nun ebenfalls in den sozialen Netzwerken auf Fotos die Runde.

Die Flut an den roten und blau-roten Trikots der Fans des Spiels am Sonntag waren dabei nur der Anfang.

Ende Juni werden zu einem Spiel 20.000 Fans aus Kolumbien erwartet. Eine kleine Invasion.

Und Mikhail stellt sich auch die Frage, was von ihr und der WM bleiben wird. Natürlich bleiben das Stadion, die neuen Straßen und dutzende renovierten Häuser, sagt er.

Aber viele in Samara haben von den Milliarden rein gar nichts abbekommen, sagt er.

Wo Samaras Hipster auf die Fans treffen

Die Wohnhäuser fernab des Zentrums sehen noch so baufällig aus wie vor einem Jahr. Und “auch die Hoffnungen auf Beschäftigung und einen wirtschaftlichen Boost haben sich nicht erfüllt, klagt Mikhail.

An Großprojekten wurden nur Unternehmen aus anderen Gegenden Russlands beteiligt. Viel Geld versank in Korruption und Vetternwirtschaft.

Einer, der mit Weltmeisterschaft ganz legal Geld verdient, ist Vitalii, 25 Jahre, drahtig, blond, in einem schwarzen Nike-T-Shirt.

Um 22 Uhr Ortszeit zapft er hinter dem Tresen der Bar Turbaza Veterok Bier, während auf einer großen Leinwand das Spiel Brasilien gegen die Schweiz läuft.

Ein Pils kostet hier 150 Rubel, rund zwei Euro – und ist damit günstiger als anderswo in dieser Lage in der Innenstadt.

Das zieht viele Touristen an, die “deutlich spendierfreudiger sind als die Einwohner”, sagt Vitalii.

Seit Beginn der Weltmeisterschaft bekommt er doppelt so viel Trinkgeld.

“Außerdem ist die Atmosphäre besser”, sagt er. In dem schummrigen Raum sitzen Hipster mit zu großen Pullovern und Fußballfans mit ihren roten Costa-Rica-Trikots.

Vorher haben hier manchmal die Gäste rumgebrüllt und sich die Köpfe eingeschlagen, “damit ist es jetzt erstmal vorbei”, sagt Vitalii.

Ekaterina Bodyagina
Vitalii bei der Arbeit in seiner Bar.

“Die Menschen von hier sind freundlicher und neugierig, wer neben ihnen ein Bier trinkt” sagt er.

Ob diese neue Freundlichkeit die Weltmeisterschaft überlebt?

“Ich würde mich sehr darüber freuen”, sagt er. “Aber am Ende ist es so wie immer. Dann geraten die Leute wieder außer Kontrolle.”

Während wir uns unterhalten, spielt draußen ein DJ vor der Bar Chartmusik, zu der eine Menge junger Leute tanzt. Sie zünden im Überschwang zwei Bengalos.

Auch das geht hier in Russland während der Weltmeisterschaft.

Das Ufo wird abheben und weiter nach Katar fliegen

In Deutschland wäre schon längst die Polizei angerückt. Auf Samaras Straßen steht sie nur daneben. Diese Freiheit ist durchaus überraschend in einem Polizeistaat, mit seinen Sperrzonen und Sicherheitskontrollen im Schatten des Ufos.

Das lässt die Jugend hier nicht ungenutzt. Die bis spät nach Mitternacht feiert, während Vitalii drinnen Bier zapft.

Um vier Uhr wird Vitalii seine Bar abschließen, nach Hause fahren und sich neben seine Frau ins Bett legen.

Morgen geht alles wieder vorne los.

Nicht nur bei ihm, sondern auch bei Volunteer Natalia, Fan Valerii, Politiker Mikhail und dem Fan Sergei. Fünf Menschen, die für den Ausnahmezustand in Samara stehen.

Dieser Ausnahmezustand endet in einem Monat, am 15. Juli nach dem Finale in Moskau, wenn das Ufo abhebt und weiter fliegt nach Katar.

huffpost

HuffPost-Reporter Jürgen Klöckner berichtet für die HuffPost aus Russland über die Fußball-Weltmeisterschaft und die Geschichten neben dem Sport.

Autor: Jürgen Klöckner; Fotografin und Stringer: Ekaterina Bodyagina