POLITIK
15/06/2018 02:55 CEST | Aktualisiert 08/10/2018 15:00 CEST

Wir schauten das erste WM-Spiel in Sibirien – und haben viel über Russland gelernt

So blicken Anatolii und Julia auf die WM in ihrem Land.

Ekaterina Bodyagina
Anatolii und Julia sahen an diesem Abend ein 5:0 ihres Teams gegen Saudi Arabien.

Anatolii prustet ungeduldig durch die Nase und stochert mit den Stäbchen in seinem Sushi herum.

Auf dem Flachbild-Fernseher singt Robbie Williams in einem roten Anzug “Let me entertain you” zur Eröffnungszeremonie der Fußballweltmeisterschaft.

Anatolii, 27, will endlich seine Mannschaft spielen sehen.

“Niemand braucht diese Zeremonie, fangt endlich an!”, ruft er in Richtung Fernseher in seinem Wohnzimmer mit braunem Sofa und orangener Blumen-Tapete.

Als Russlands Präsident Wladimir Putin in seiner Rede von einer großen Fußballfamilie und der großen Kraft des Sports spricht, schaltet sich auch seine Verlobte Julia ein. “Er liest nur ab, das kommt nicht von Herzen”, sagt sie.

Dann rollt er endlich, der Ball.

Ekaterina Bodyagina
Putin bei seiner WM-Rede.

Meget ist weit weg vom Glitzer der WM

Während die Welt auf Moskau schaut, verfolgen wir gemeinsam mit dem Pärchen das Eröffnungsspiel 5000 Kilometer entfernt von der russischen Hauptstadt. Wir sind an diesem Donnerstagabend in Meget, Sibirien.

Anatolii und Julia wohnen in der obersten Etage eines zweistöckigen Mehrfamilienhaus aus nacktem Backstein und angebauten Wintergärten, bei denen man nicht weiß, wie lange sie noch halten werden. Im Innenhof riecht es nach verbranntem Holz. Ein Nachbar feuert gerade seine Sauna an.

Meget ist lediglich per Satellitenschüssel mit der Glitzerwelt der WM verbundenDas staatliche Fernsehen bringt die Fußballweltmeisterschaft in die Wohnzimmer der knapp 8000 Einwohner.

Russland inszeniert sich als wohlhabendes, technisch fortschrittliches Industrieland. Und wer die WM-Städte bereist, wird diesen Reichtum auch finden.

Er zeigt aber nur einen sehr kleinen Ausschnitt der Realität. Der Reichtum Moskaus, St. Petersburgs und Kaliningrads ist in Meget weit, weit weg.

Ekaterina Bodyagina
Willkommen in Meget – vom Glitzer der russischen Großstädte keine Spur.

Julia und Anatolii stehen in dieser Geschichte für jenen Teil der 142 Millionen Russen, die ein anderes Leben führen, als es der Kreml mit diesem Turnier der Weltöffentlichkeit präsentiert.

Wir sind dank der Kontakte einer Bekannten zu ihnen nach Sibirien gereist, um zu erfahren: Wie blicken sie auf die WM? Sind es auch ihre Spiele? Was denken sie über die Regierung, die das Turnier nach Russland geholt hat?

Sechs Stunden lang fliegen wir gen Osten

Rund 24 Stunden vorher, Mittwochabend: Die Plätze am Gate 55 des Flughafens Domodedovo im Süden Moskaus sind alle besetzt.

Dass Russland die Weltmeisterschaft ausrichtet, ist hier kaum zu übersehen – überall hängen Fahnen der teilnehmenden Länder und mit dem Logo der Spiele, dem Wolf Zabivaka.

Wir warten mit Russen, Chinesen, Mongolen und Japanern auf das Boarding.

Während die Welt nach Moskau fliegt, will jeder der gut 200 Menschen hier nach Sibir, wie der Landstrich auf Russisch heißt. Dahin wird uns die Maschine S7778, eine Airbus A321 der russischen Fluggesellschaft Sibirian Airlines bringen.

Als unser Flugzeug in den Abendhimmel abhebt, zieht Moskau – das Leuchten und Glitzern – vor unserem Plexiglasfenster vorüber. Sechs Stunden lang fliegen wir nun gen Osten, über flaches, meist unbewohntes Land.

Die weite, große Leere Russlands liegt unter uns. Am Horizont begleitet uns ein orangener Streifen, denn wir jagen den Sonnenaufgang. Als wir in Irkutsk landen, haben wir fünf Zeitzonen überflogen und es ist 8:50 Uhr am Morgen.

Dobroe utro, guten Morgen, sagt die Stewardess durch die Lautsprecher.

Schon in Irkutsk ist die WM-Stimmung verschwunden

Vor 350 Jahren wurde Irkutsk als Kosakenfort gegründet, ist mittlerweile mit 560.000 Einwohnern Gebietshauptstadt und weltweit bekannt für den nahe gelegenen, gigantischen Baikalsee.

► Von der WM ist hier schon nichts mehr zu sehen.

Keine Spur von Fans, Fahnen oder Touristen-Aktionen. Nicht einmal die riesigen Reklametafeln an den Straßen werben mit dem Sportereignis.

Stattdessen fahren wir vorbei an Schildern mit Gesichtern von Kindern, die eine neue Familie suchen. “Ich suche ein neues Zuhause. Sergei, 14”, steht dort etwa. Vier Prozent aller Kinder in Sibirien sind Waisen, ein ungewöhnlich hoher Wert für eine Industrienation.

Ekaterina Bodyagina
Auf dem Weg nach Meget.

Das und die kaputten Straßen, die vielen baufälligen Gebäude sind nur eine Facette der sozialen und wirtschaftlichen Probleme in diesem Landstrich, die mit Julia und Anatolii einige Stunden später ein Gesicht bekommen.

Als wir Meget am späten Nachmittag erreichen, wartet Anatolii auf einem Parkplatz vor einem Supermarkt auf uns. Er trägt kurze Hose und ein rot-weißes Kurzarmshirt. In Sibirien ist es in diesen Tagen so warm wie an der spanischen Riviera.

Wir begegnen einem höflichen und aufgeschlossenen jungen Mann, der es es kaum erwarten kann, uns seinen Heimatort zu zeigen.

Anatolii erzählt von den wilden Zeiten

Anatolii führt uns zu seiner Schule, die er bis vor zehn Jahren besuchte. Als wir ihn fragen, welche Erinnerung er an diese Zeit hat, sagt er als erstes: “Die Kämpfe.” In einer Ecke schlugen die Jungs aufeinander ein, wenn einer etwas falsches sagte, dann “ging es los”.

Es waren wilde Zeiten, in denen Anatolii manchmal lieber mit seinen Freunden Fußball spielte als zu lernen – hier, zehn Gehminuten von der Schule entfernt.

Er zeigt uns einen Bolzplatz, die Tore sind verrostet und um uns herum schwirren gelbe, fette Mosquitos durch die schwüle Luft. “Die beißen, wenn man sich nicht bewegt.”

Ekaterina Bodyagina
Anatolii auf dem Bolzplatz seiner Jugend.

Es hätte bei ihm laufen können wie bei vielen anderen Kindern in Sibirien.

Arbeitslosigkeit, Suchtverhalten, materielle Not und ein sozial auffälliges Verhalten der Eltern seien der Grund für die dramatische Zunahme an Jugendkriminalität in Sibirien, warnt die Caritas in einem aktuellen Report.

Als Kind träumte Anatolii von einer Fußballkarriere, sagt er. Wer weiß, vielleicht wäre aus ihm auch mal einer der Elf geworden, die in Moskau heute die Weltmeisterschaft eröffnen.

“Aber dann habe ich verstanden, dass das sehr weit weg von mir ist”, sagt er. “Mir wurden andere, bodenständige Werte wichtiger.”

700 Euro Monatslohn

Anatolii studierte Volkswirtschaft in einer nahegelegenen Stadt und schlug sich mit unterschiedlichen Jobs durch, unter anderem als Supermarkt-Leiter und LKW-Fahrer. Derzeit arbeitet er als Verkäufer für das russische Telekommunikationsunternehmen Tele 2, wo er genug Geld verdient, um über die Runden zu kommen, sagt er.

► Etwa  50.000 Rubel, also etwa 700 Euro, verdient er monatlich. Das liegt knapp über dem Durchschnittseinkommen der Russen.

Bei einem seiner Jobs lernte er auch Julia kennen, die derzeit als Köchin in Irkutsk arbeitet. Sie stößt zu unserem Spaziergang hinzu.

Ihr junges Leben lässt sich nicht ohne die gigantischen Distanzen Russlands erzählen.

Mit vier Jahren zogen sie und ihre Eltern aus der Nähe von Wladiwostok nach Meget. Ihre alte Heimat liegt nocheinmal 4000 Kilometer weiter östlich als Meget und mit dem Teil der Familie, die dort geblieben ist, verbindet sie nur noch Skype.

“Vielleicht möchte ich irgendwann einmal wegziehen, dahin, wo es wärmer ist”, sagt sie. Die harten sibirischen Winter sind eine Tortur für sie, wenn das Thermometer auf fast Minus 40 Grad fällt.

Im Sommer spielen Kinder auf der Straße, die Einwohner treffen sich, um Karten zu spielen. Im Winter aber friert nicht nur die Natur, sondern auch das Leben in Meget ein.

Ekaterina Bodyagina
Die Bewohner von Meget treffen sich zum Kartenspielen. 

Außerdem gebe es anderswo bessere Chancen auf einen Job und darauf, die Welt zu sehen, sagt Julia.

Nicht nur die WM, auch Putin ist weit weg 

Anatolii träumt hingegen davon, ein Haus zu bauen, vielleicht in fünf Jahren. Über all dem schweben die Sorgen über niedrige Renten und hohe Zinsen. Woran die Politik schuld ist, vielleicht sogar Putin – darüber wollen die beiden lieber nicht reden. Sie winken ab.

Während der Westen von Russland eigentlich nur noch Putin kennt, ist der russische Staatschef hier in Sibirien genauso weit weg von den Menschen wie die WM. Die unsichere wirtschaftliche Lage im Land trifft auch Anatolii und Julia.

► Für ihren Alltag scheint es aber kaum Auswirkungen zu haben, wer gerade im Kreml sitzt. 

Ihre Zukunftspläne sind ein Kondensat der Sehnsüchte, die die Menschen im Russland der Gegenwart haben. Ebenso wie ihre die Zuversicht, dass schon alles gut werden wird. Normalno, wie der Russe sagt.

Fußball interessiert Julia eigentlich nicht 

Es ist Zeit, nach Hause zu gehen, vor den Fernseher.

Hinter uns liegt ein Kontrastprogramm zur Glitzerwelt der neugebauten Hotels, Stadien und Straßen in den WM-Städten, von denen keine in Sibirien liegt.

Mehr als 12 Milliarden Euro hat Russland laut der Wirtschaftszeitung “RBK” investiert – und damit mehr als jedes andere Land zuvor in ein solches Turnier.

Dass von diesem Milliardenbudget auch nur ein Euro in Meget angekommen ist, kann sich Julia nicht vorstellen. Zu sehen ist davon jedenfalls nichts.

“Schaut euch doch nur mal um”, sagt sie zu uns.

Ekaterina Bodyagina
Ein Wohnhaus in Meget.

Während Anatolii zumindest noch ein sportliches Interesse an den Spielen hat, ist Julia die WM völlig egal. Sie sieht das Turnier zwar als “große Chance” für den Teil des Landes, der davon etwas hat. Aber Fußball interessiert sie nicht und damit auch nicht die Weltmeisterschaft.

Wir sitzen jetzt in dem Wohnzimmer des Pärchens in einer etwa 40 Quadratmeter großen Wohnung mit einem dritten Bewohner Patrick, einem Kater.

Uns erwartet russische Gastfreundschaft.

Es riecht nach Essen, der Fernseher läuft schon. Auf einem braunen Holztisch stehen Sushi, Fleisch- und Käsescheiben und selbstgemachte Fischtorte. Im Laufe des Abends gibt es alkoholfreies Bier, Tee und Kaffee.

Russland gewinnt am Ende 5:0 

Um 22:58 Uhr lokaler Zeit, vor dem Anpfiff, tippen wir. Julia sagt diplomatisch 1:1, Anatolii hofft hingegen auf ein 1:0 für Russland.

Hier ist man vorsichtig – die russische Mannschaft verlor die vergangenen Freundschaftsspiele. Aber Saudi-Arabien ist der einfachste Gegner der Gruppe, also warum nicht gewinnen?

Ekaterina Bodyagina
Anatolii und Julia vor dem Fernseher.

23 Uhr, Anstoß.

Endlich geht es los. Anatolii klatscht in die Hände – und jubelt bereits nach zwölf Minuten, als das erste Tor fällt.

Dann passiert erstmal nichts. Es wird zäh. Weitere 31 Minuten dauert es bis zum zweiten Tor der Russen.

“Ich lag falsch”, sagt Anatolii. Und wie falsch er lag.

In der 87 Minute ziehen die Kommentatoren bereits Bilanz, da steht es schon 3:0 für Russland.

“Es war ein guter Start und ein gutes Zeichen für die Zukunft”, sagt einer.

Und Anatolii?

Der drückt sich vorsichtiger aus.

► “Entweder war Saudi-Arabien nicht so gut oder wir waren einfach…”

Er kann seinen Satz nicht zu Ende führen, weil ein Russe zum vierten Mal den Ball in das gegnerische Tor knallt.

Jetzt zieht auch Julia Bilanz und sagt: “Gut gemacht, Jungs. Aber es war immer noch langweilig.”

Und Anatolli will hinzufügen: “Ja, wir sind stolz auf unser Laaa…”

Da fällt das 5:0.

“Wie schön”, jubelt Anatolii und springt vom Sofa auf.

Da wird Putin eingeblendet, der sich in seinem Sitz im Moskauer Stadion zurücklehnt und beide Hände wie erschrocken erhebt.

Um 6:40 Uhr werden die beiden aufstehen

Julia beschreibt die Geste mit Worten, Anatolli macht sie nach.

Da sind die beiden ihrem Präsidenten doch noch nahe gekommen, so weit er doch entfernt ist. Alle drei und viele Millionen weitere Russen haben für ihr Land gejubelt und haben vielleicht für einen Moment die Alltagssorgen vergessen.

► Vielleicht sind es diese Momente, für die der Kreml seine Milliarden locker gemacht hat.

Während nun Reporter die Spieler interviewen, schaut Anatolli auf sein Handy.

Da rattern die Nachrichten seiner Kollegen durch.

Einer schreibt: Mir geht’s schlecht, ich gehe morgen nicht zur Arbeit.

Es ist nun 1 Uhr morgens, doch Anatolii und Julia werden um 6.40 Uhr aufstehen wie an jedem Arbeitstag.

Er setzt sie dann bei ihrem Job ab und fährt weiter zu seiner Arbeit. Feierabend gegen fünf, das gleiche Spiel nur umgekehrt. Danach arbeiten sie auf der Datscha zwei Stunden im Garten und reden mit der Großmutter.

Dann geht es aufs Sofa, jeder hat Zeit für sich. Anatolii wird sich fragen, wie lange er noch arbeiten muss, um sich ein Haus kaufen zu können. Julia wird von einem Leben weit weg von Sibirien träumen. 

Auch dann noch, wenn diese Spiele schon längst Geschichte sein werden.

huffpost

HuffPost-Reporter Jürgen Klöckner berichtet für die HuffPost aus Russland über die Fußball-Weltmeisterschaft und die Geschichten neben dem Sport.

Autor: Jürgen Klöckner; Fotografin und Stringer: Ekaterina Bodyagina

(jg)