POLITIK
28/06/2018 15:29 CEST | Aktualisiert 08/07/2018 14:55 CEST

Wir haben das deutsche WM-Aus mit einem AfD-Politiker geschaut

Ein Gespräch über Bayern, die CSU – und Adolf Hitler.

Getty
Der Anfang vom Ende: Marco Reus und seine Teamkollegen betreten das Stadion in Kazan. 

“Das ist ein Debakel”, sagt Oliver Multusch. Auf dem Bildschirm rennt Son Heung-Ming auf das leere deutsche Tor zu. Manuel Neuer ist nirgendwo zu sehen. 

Son trifft und jubelt, Deutschland ist raus

Der 49-Jährige lacht trocken: “Das ist ein bisschen eine Parallele zur politischen Entwicklung in Deutschland.”

Multusch, groß gewachsen, hartes Gesicht, strenge Brauen über den grünen Augen, ist Teil dieser Entwicklung. Er ist Landtagskandidat für die AfD in der oberbayerischen CSU-Hochburg Mühldorf am Inn.  

2013 holten die Christsozialen hier bei der Bundestagswahl mit 65,8 Prozent ihr stärkstes Erststimmenergebnis in ganz Bayern. Doch vier Jahre später waren es nur noch 55 Prozent. 

Die AfD hingegen hatte im gleichen Zeitraum ihr Ergebnis von 4 auf 14,5 Prozent gesteigert. Sie wurde zweitstärkste Kraft in Mühldorf – angeführt von ihrem Vorsitzenden Multusch. 

Das zeigt: das konservative Bayern wandelt sich.

Es sind Politiker wie Multusch, die die Hegemonie der CSU angreifen, die den Christsozialen die Deutungshoheit über die bayerische Identität abjagen wollen. Die die CSU links liegen lassen. 

“Die CSU hat ihre Basis verloren”, behauptet Multusch. Die Partei befinde sich im Abstieg, seine AfD sei in Bayern auf dem Vormarsch. 

Tatsächlich steht die AfD in Bayern in Umfragen zur Landstagswahl im kommenden Herbst stabil bei 13 Prozent, die absolute Mehrheit für die CSU wäre bei so einem Ergebnis unerreichbar. “Von der AfD lernen, heißt Siegen lernen”, sagt Multusch. 

Auf dem kleinen Bildschirm im Bistro am Mühldorfer Stadtplatz steht es da noch 0:0. Die deutsche Blamage deutet sich an. 

“Viel Deutsches hat der Özil nicht mitbekommen” 

Multusch ist direkt von der Arbeit zum Spiel gekommen. Auf seinem rosa Poloshirt finden sich viele bunte Flecken. Der AfD-Politiker ist Lackierer, hat früher für eine Autofirma am Fließband gestanden, bevor er sich selbstständig machte. 

“Als Unternehmer und Bayer war es lange Pflicht, die CSU zu wählen”, sagt er. Aber dann sei Merkel gekommen. “Das hat Deutschland nicht gut getan.” Flüchtlingspolitik, Globalisierung und Multikulturalismus hätten zu einem “Linksruck” geführt.

Bei der deutschen Mannschaft klappt es weder über links noch über rechts. Immer wieder rennen sich die Nationalspieler im koreanischen Abwehrriegel fest.

Auch Mesut Özil

Josh Groeneveld
Oliver Multusch verfolgt das Spiel Deutschland gegen Südkorea: "Es fehlt da eine Achse in der Mannschaft." 

Der hat am Ende des Spiels sieben Torschüsse aus dem freien Spiel vorbereitet – so viele wie noch kein Spieler bisher bei dieser WM. Aber Multusch kann mit dem Deutschtürken nichts anfangen.

“Da spielt er wieder”, seufzt er schon zu Beginn des Spiels. “Ich hätte den nicht mitgenommen.” Schon sportlich nicht, sagt er und meint: “Der spielt nur Sicherheitspässe, da fehlt einfach die Attraktivität, da fehlen Leadqualitäten.” 

Und für Multusch auch die richtige Herkunft. Trotz Özils deutschem Pass.

“Ich finde, der ist ein Beispiel für nicht gelungene Integration”, sagt Multusch. “Ein Khedira ist da für mich höher auf der, ich sage mal, Integrationsliste.”

Özil sei zwar hier geboren, aber sozialisiert worden sei er in Stadtteilen im Ruhrgebiet, wo es einen hohen Migrationsanteil gebe. 

Solche Brennpunkte in Deutschland seien oft mit Muslimen “durchsetzt”. Auch Özil sei ja bekennender Muslim. “Viel Deutsches, was seine Persönlichkeit hätte prägen können, hat der nicht mitbekommen”, sagt Multusch. 

Dass Özil Gelsenkirchen und nicht etwa die Türkei seine Heimat nennt –  für Multusch scheint das egal. Wie viele Mitglieder seiner Partei scheint er das Deutschsein für Menschen mit Migrationshintergrund vorbestimmen zu wollen. 

Wer hier lebe, müsse die Werte des christlichen Abendlandes, die deutschen Werte leben, sagt Multusch. Özil tue das nicht. 

Özil sei früh ins Ausland gegangen. Und der Islam, den Özil lebe, sei eigentlich auch keine Religion, sondern eine politische Bewegung. Damit folgt Multusch dem Islambild seiner Parteigenossen.

Während der AfD-Politiker gegen Özil wettert, spielt der auf dem Platz in Russland einen starken Schnittstellenpass auf Timo Werner. Der Stürmer verzieht. Multusch ärgert sich. 

Getty
Mesut Özil nach dem Abpfiff: Niedergeschlagen – und in den Medien schon Hauptschuldiger am WM-Aus. 

“Wir haben uns nicht verändert – sondern die CSU” 

Der AfD-Mann vermisst die alte Garde in der Nationalmannschaft.

Spieler wie Philipp Lahm, Per Mertesacker, Bastian Schweinsteiger oder Miroslav Klose: “Da fehlt einfach eine Achse im Team.”

Multusch schwärmt von Spielern wie Stefan Effenberg oder Lothar Matthäus, die auch “einfach mal dazwischen gehauen” hätten, wenn ein Spiel nicht lief. 

So, wie es Franz Josef-Strauß in Bayern früher getan habe. Seit dem Übervater der CSU habe es in der Partei keinen Politiker mehr gegeben, der wirklich etwas tauge, sagt Multusch. Die heutige Politiker-Generation sei einfach aus der Jungen Union hochgezogen worden, “von denen hat noch keiner jemals hart gearbeitet.” 

Er habe immer CSU gewählt. Aber irgendwann habe sich die Partei zu sehr verändert. 

Veränderung – sie ist es, die den Erfolg der AfD in Bayern erklärt. Besonders auch in Mühldorf. 

Die Stadt ist reich, sie liegt in wunderschöner Natur, ist sauber und traditionell. Heimat also im besten CSU-Sinn. Die bayerische Regierungspartei hat jüngst eine neue Anbindung an die Autobahn in die Wege geleitet, ein neues Gewerbegebiet entsteht, das Investoren aus München anlocken soll. 

Die Moderne erhält Einzug in Mühldorf. Und es gibt Menschen, die sich daran stören. Die früher alles besser fanden. Menschen wie Oliver Multusch. 

“Es gibt hier eine Lebensqualität, die wir uns erhalten wollen”, sagt er. Er spricht von Zukunftsängsten, die die Menschen hätten. Ängsten, die die CSU nicht mehr ernst nehme. 

“Ich wollte nie in eine Partei eintreten”, sagt der Unternehmer. Aber dann sei die AfD gekommen. Deren Ansätze für direkte Demokratie hätten ihn überzeugt. “Allein wegen der Flüchtlingsthematik wäre ich nicht eingetreten”, sagt Multusch.

Aber es ist eben diese Thematik, diese neue und diffuse Angst der Menschen, mit der er Wahlkampf macht. 

Es werden X-Milliarden für Migranten ausgegeben, aber für wichtige Dinge bleibt kein Geld mehr Oliver Multisch

“Ich fahre hier jeden Tag über die Brücke, am Friedhofsberg vorbei und an der Spitalstraße in Richtung Töging”, erzählt Multusch. “Von den Flüchtlingsunterkünften dort machen sich am Morgen dann immer schwarze Frauen auf: Ein Kind an der Hand, eines im Wagen, eines im Bauch.” 

Die Zuwanderer würden sich keine Gedanken über das Kinderkriegen machen, sagt der AfD-Kreisvorsitzende. ”Über so etwas denken die Leute hier dann natürlich nach.” 

Mehr zum Thema: Wie die AfD Bitterfeld-Wolfen eroberte – obwohl es der Stadt auf den ersten Blick gut geht

Multusch fordert deshalb die Schließung der Unterkünfte in der Region Mühldorf. In diesen hatte es in der Vergangenheit Krawalle gegeben, die Lage sei für die Anwohner nicht mehr zumutbar. 

Es sei doch legitim, solche Missstände anzuprangern, sagt Multusch. “Uns wird immer vorgeworfen, dass wir Ängste schüren, aber das tun wir gar nicht.” 

Auf der Facebook-Seite der AfD-Mühldorf stellt sich das anders da. Hier begegnet einem die typische Polemik der AfD. In Großbuchstaben wird hier Merkels Abgang gefordert, der Islam als blutrünstig dargestellt, geschimpft, dass das Land von Idioten regiert werde und vom Volksverrat der Grünen fabuliert. 

Wer persönlich mit Multusch spricht, der begegnet einem Mann, der diese Hysterie nicht ausstrahlt. Der AfD-Politiker spricht ruhig und informiert. Er will “nicht verallgemeinern” und “differenzieren”. 

Doch die sorgsam gewählten Sätze vermögen es nicht, den Inhalt von Multuschs Worten zu überdecken. Nicht, wenn er über Mesut Özil spricht. Und auch nicht, wenn es um den Nationalsozialismus geht. 

Catherine Ivill via Getty Images
Das Ende für Deutschland bei der WM: Son Heung-Min sinkt auf die Knie, Toni Kroos ist fassungslos. 

“Jeder Deutsche ein Nazi – das geht mir zu weit”

Özil flankt gerade auf Hummels, der kommt frei zum Kopfball – wieder kein Tor. Sechs Minuten Nachspielzeit, “Weltmeisterbonus”, lacht Multusch. Er wirkt entspannt. 

Dann kommt das 1:0 für Südkorea, dann kommen Son und das WM-Aus. Und Multusch zuckt mit den Schultern. 

Er glaube nicht, dass das Ausscheiden der Nationalmannschaft große Auswirkungen auf die Landtagswahl in Bayern habe. “2006 kam die Euphorie mit dem Sommermärchen, jetzt kommt vielleicht die Lethargie”, sagt Multusch. 

Er selbst sei ohnehin nicht richtig mit dem Herzen dabei gewesen in diesem Jahr, zu viel habe er im Wahlkampf zu tun. Knapp zwei Stunden hat Multusch jetzt über diesen Wahlkampf gesprochen.

Flüchtlingspolitik, Heimat, Identität – während des Spiels klingt der AfD-Mann oft wie der bayrische Ministerpräsident Markus Söder. Doch nach dem Abpfiff ändert sich das.

Jetzt klingt Multusch eher wie AfD-Chef Alexander Gauland

Seine Frau Andrea hat sich mit an den Tisch gesetzt. Sie hat lange blonde Haare, ist in Multuschs Alter. Sie zündet sich eine Zigarette an – und hört erst einmal zu.

Multusch geht es nun nicht mehr um Mühldorf, sondern um Berlin. Um das Deutschtum und den “Schuldkomplex”. 

Er habe im Bendlerblock die Ausstellung zum Widerstand im Nationalsozialismus gesehen, sagt der AfD-Mann. Er sei empört gewesen: Die Führerin habe immer wieder gesagt, die Deutschen seien schuld an der Nazizeit. 

“Aber jeder Deutsche ein Nazi – das geht mir zu weit”, sagt Multusch. Nicht jeder Deutsche habe damals Verbrechen begangen. “Viele sind nicht für Hitler gewesen”, behauptet Multusch, “aber sie konnten das Rad nicht zurückdrehen.” 

Die Deutschen hätten sich empfänglich für die Nazi-Ideologie gezeigt, dass könne man ihnen ankreiden. Dann wird es verschwörerisch: “Aber es waren vor allem auch die Intellektuellen, die Eliten, die hinter Hitler standen.” 

Multusch will da nicht falsch verstanden werden. Er agiert wie andere AfD-Politiker vor ihm, wie Höcke und Gauland: Die NS-Zeit sei ja schlecht und schlimm gewesen, aber ... 

Bei Multusch, bei Gauland, bei Höcke: Immer klingt es so, als sei der Nationalsozialismus kein Verbrechen des deutschen Volkes, sondern ein Verbrechen einiger weniger. Und das sogar am deutschen Volk. 

Da wird eine Asylindustrie aufgebaut, die frisst alles auf." Andrea Multusch, die Ehefrau von Oliver Multusch

“An dem Regime gibt es nichts schön zu reden”, sagt Multusch. “Schon allein deshalb, weil das deutsche Volk nach dem Krieg absolut am Boden lag.” 

Andrea Multusch nickt während des Vortrags ihres Mannes eifrig. “Es wird immer gesagt, wir dürfen nicht stolz sein, wo wir herkommen”, sagt sie. Es hätten doch auch andere Völker Genozide begangen

Konfrontiert mit der grausamen Einzigartigkeit der von den Deutschen errichteten Vernichtungsindustrie sagt Frau Multusch: “Und heute gibt es einen Reflex. Wir waren ja so böse, da müssen wir alle aufnehmen. Da wird eine Asylindustrie aufgebaut, die frisst alles auf.” 

Ihr Mann nickt und nimmt einen Schluck aus seinem Weißbierglas.

Er sagt: “Hilfsbereitschaft darf nicht zur Selbstaufgabe führen. Es werden X-Milliarden für Migranten ausgegeben, aber für wichtige Dinge bleibt kein Geld mehr.” 

Multuschs Ehefrau muss weiter, das Bistro ist jetzt fast leer, nur noch der AfD-Politiker und ein beleibter Mann im Deutschlandtrikot sitzen an ihrem Platz. Der Fan kommt herüber. 

“So eine Scheiße”, sagt er und regt sich erstmal über Özil auf, und dann über Merkel. “Das ist wie in der Politik”, schimpft der Mann. “Wenn die da alle zu lang an ihrem Amt kleben. Die wissen nicht, dass ihre Zeit vorbei ist.” 

Multusch grinst.