WIRTSCHAFT
28/02/2018 21:00 CET | Aktualisiert 28/02/2018 21:38 CET

Viele Deutsche glauben genauso irrational an den Diesel wie Amerikaner an die Knarre

Das Urteil aus Leipzig? Am besten ignorieren.

Kay Blaschke via Getty Images
Eine Liebe, die nicht enden soll: Der Deutsche und sein Diesel.
  • Die Deutschen spielen sich nach US-Amokläufen gerne als Moralapostel auf
  • Dabei sollten sie vielmehr selbstkritisch sein: beim Thema Diesel

Es gibt Momente in der Geschichte, da werden Gesellschaften mit ihren Lebenslügen konfrontiert.

Das Recht auf Waffenbesitz war den Gründungsväter der USA Mittel zum Zweck. Auf diese Weise sollte das Land jederzeit in der Lage sein, eine Miliz zur Landesverteidigung aufzustellen.

Mittlerweile haben die Vereinigten Staaten eines der größten stehenden Heere der Welt. Doch den Verfassungszusatz gibt es immer noch.

► Jedes Jahr kommen 30.000 Menschen in den USA durch den Gebrauch von Schusswaffen ums Leben.

Wie dumm muss man sein, um so etwas nicht zu erkennen?

Die Zahlen liegen doch auf dem Tisch. Jeder kann sich ausrechnen, was es der Gesellschaft kostet, wenn Gesetze erlassen werden, die es einigen wenigen erlauben, sich über das Recht der anderen zu stellen.

Und immer wieder weinen die Angehörigen und Freunde. Sie wie jetzt nach dem jüngsten Schulmassaker in Florida. Könnte man nicht, müsste man nicht, sollte man nicht?

Halt. Wir sollten mit dem Moralisieren etwas vorsichtig sein.

Der blinde Fleck der Deutschen

Auch wir Deutschen haben unsere blinden Flecke. Und anhand des Dieselmotors lässt sich ganz gut nachvollziehen, wie gesellschaftliche Verdrängungsmechanismen funktionieren.

► Zugegeben: Anders als bei Kugeln, die aus einer Waffe abgefeuert werden, lassen sich bei Feinstaub- und Stickoxidausstoß die Folgen für die Menschen nicht so genau beziffern.

► Experten des Umweltbundesamts gehen von mindestens 6000 Menschen aus, die in Deutschland jährlich vorzeitig alleine an Herz-Kreislauf-Krankheiten sterben, die von Stickoxid ausgelöst werden.

► Und das ist noch eine vorsichtige Rechung. Die EU, die anders rechnet, geht von sogar 10.400 vorzeitigen Todesfällen aus.

Kurzum: Schlechte Luft ist tödlich.

Tödlicher Diesel-Boom

Welchen Anteil Autoabgase daran haben, lässt sich nicht genau beziffern. Wahr ist jedoch auch, dass seit Beginn des Dieselbooms vor etwa 15 Jahren erst die Feinstaub- und dann die Stickoxidwerte in die Höhe gegangen sind

Noch Ende des 20. Jahrhunderts waren Dieselmotoren vor allem in Nutzfahrzeugen verbaut worden. Das änderte sich, als die Autoindustrie – wohl nicht ganz ohne Zufall bei parallel steigenden Spritpreisen – angebliche Fortschritte beim Dieselmotor vermeldete.

Diesel kostet weniger an der Zapfsäule. Und Geiz war ja bekanntlich eine Zeit lang in Deutschland recht geil.

Wir alle wussten, dass Dieselfahrzeuge nicht sauber sind. Das war spätestens seit einer Studie der Uni Essen-Duisburg aus dem Jahr 2013 klar, die damals in vielen Leitmedien zitiert wurde

► Wir haben uns von der Industrie einen Bären aufbinden lassen. Klangen die Euro-Normen nicht so verheißungsvoll nach Umweltschutz?

► Wir waren bereit für den Betrug, weil wir betrogen werden wollten. Manche aus wirtschaftlichen Gründen.

AfD – die Diesel-NRA Deutschlands

Andere hatten für die Bereitschaft zum Betrogenwerden eine patriotische Veranlagung: Deutsche Industrie, deutsche Ingenieurskunst, deutsche Technologie. Das muss doch Weltniveau haben, das kann doch kein Schrott sein.

Und die Politik?

Hat sich in die Hosen gemacht bei dem Gedanken, gegen die wohl mächtigste Branche in Deutschland durchzugreifen.

► Chef-Lobbyist der Automobilindustrie ist mit Matthias Wissmann ein früherer CDU-Verkehrsminister. Der Mann galt noch vor 25 Jahren als geschätztes „Polit-Talent“ in der Union.

Und sein Nach-Nachfolger Alexander Dobrindt erwies sich als das wohl unfähigste Kabinettsmitglied, das unter Angela Merkel jemals eine Ministerurkunde in Empfang nehmen durfte.

Bei der Regulierung des Automobilmarktes erfüllte er allenfalls die Interessen der Industrie, und nicht die der Verbraucher. „Schwarze Null“ nennt ihn „Spiegel Online“. Dobrindt darf das als Kompliment nehmen. Denn Nullen machen eigentlich nichts kaputt.

Und seitdem Fahrverbote drohen, haben wir in Deutschland auch so etwas wie eine NRA. Und die heißt AfD.

Eine Liebe, die nicht enden soll: Der Deutsche und sein Diesel

Offen bezieht die AfD Stellung: Gegen jede Vernunft, gegen die Gewaltenteilung, gegen wissenschaftliche Erkenntnisse. Sie will, dass der deutsche Michel weiterhin fahren darf, was er einmal – trotz besseren Wissens – gekauft hat.

► Das richterliche Urteil aus Leipzig? Am besten ignorieren.

Die Erkenntnisse zum Schadstoffausstoß bei Dieselfahrzeugen? Ohren zuklappen.

Und das Schlimmste ist noch, dass es für derlei Sermon in Deutschland auch einen Markt gibt.

Kennen wir diese antiwissenschaftliche, scheinbar unvernünftige und zudem noch so ungemein sture Haltung nicht irgendwo her? Wie war das mit den dummen Amerikanern, die trotz aller auf dem Tisch liegenden Zahlen nicht von ihren Waffen lassen können?

► Was den Amis ihre Knarren sind, das ist dem Deutschen sein Diesel.

Und was in den USA das „Recht, Waffen zu besitzen und zu tragen“ heißt – das ist in der Bundesrepublik die „freie Fahrt für freie Bürger“.

(mf)