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31/08/2018 12:43 CEST | Aktualisiert 31/08/2018 12:59 CEST

Plastikverbot, Veggie-Day, Tempolimit: Ein Plädoyer für weniger Freiheit

Freiheit bedeutet oft, nicht die nachhaltigste, sondern bequemste Lösung zu wählen.

Goxy89 via Getty Images

Freiheit ist das höchste Gut des Menschen. Wir brauchen Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, die Freiheit, uns frei zu bewegen und eigene Entscheidungen treffen zu können. 

Doch betrachten wir einmal näher, was wir mit unserer Freiheit alles anstellen, welche negativen Konsequenzen unsere unendlichen Möglichkeiten haben können, dann könnte man meinen: Wir haben unsere Freiheit eigentlich gar nicht verdient – zumindest nicht dort, wo wir damit auch Schaden bei anderen anrichten. 

Mit unserem Konsum- und Mobilitätsverhalten zum Beispiel.

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Freiheit bedeutet oft, die bequemste Lösung zu wählen – ungeachtet der Konsequenzen

Wir genießen die Freiheit, jeden Tag Fleisch zu konsumieren, wenn wir wollen. Fast 60 Kilogramm Fleisch isst der Durchschnittsdeutsche pro Jahr – das ist mehr als ein Kilo pro Woche. Dabei schadet die Massentierhaltung der Umwelt massiv.

► Wir genießen die Freiheit, mehrmals pro Jahr zu verreisen – gerne auch mit dem Flugzeug. Etwa 38 Prozent der Urlaubsreisenden in Deutschland bevorzugen dieses Verkehrsmittel - und treiben damit die Erderwärmung an.

► Wir genießen die Freiheit, auf bequemstem Wege in die Arbeit zu gelangen – das kann mit dem Fahrrad, der Bahn, aber auch mit dem Auto sein.

So nutzen zum Beispiel zwei Drittel aller Pendler in Deutschland das Auto, um zur Arbeit zu kommen. Auch das verstärkt den Klimawandel. 

► Wir genießen die Freiheit, nicht kochen zu müssen, sondern jedmögliche Nahrung unterwegs zu erwerben und zu konsumieren – von Coffee to go über Salate in Plastikschalen und Asia-Nudel-Boxen bis hin zu Softdrinks in PET-Flaschen sowie Butterbrezen in Papiertüten.

Da wundert es nicht, dass Deutschland den europaweiten Spitzenplatz in der Produktion von Verpackungsmüll belegt.

Wir genießen die Freiheit, Unmengen an Lebensmitteln zu kaufen, nur um sie danach in den Müll zu werfen, wenn sie das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten haben.

Jeder Bundesbürger wirft im Schnitt pro Jahr Lebensmittel im Wert von mehr als 200 Euro in den Müll; etwa elf Millionen Tonnen Lebensmittel landen in Deutschland jährlich im Müll

Oft genug wählen wir die bequemste Option

Diese Liste könnte man endlos fortführen.

Jeden Tag stehen uns zig Möglichkeiten zur Verfügung, unser Leben frei zu gestalten – und oft genug wählen wir nicht die nachhaltigste und für die Allgemeinheit beste, sondern die für uns bequemste Option.

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Jedem, der in jeder Lebenslage ungeachtet der Konsequenzen die bequemste Lösung wählt – denn wir sind ja so frei – möchte ich sagen: Ihr seid nicht frei. Ihr seid faul. 

Nachhaltige Entscheidungen zu treffen ist nicht leicht

Und natürlich nehme ich mich selbst da nicht raus.

Wie oft habe ich mir den fertig geschnittenen Salat in der Plastikverpackung geholt, anstatt selbst zu schnippeln? Wie oft habe ich vergessen, zum Einkaufen einen Leinenbeutel mitzunehmen? Wie oft pro Jahr verreise ich mit dem Flugzeug, anstatt eine lange Zug- oder Busreise auf mich zu nehmen?

Es ist nicht einfach, immer die nachhaltigste Entscheidung zu treffen, vor allem. Freiheit geht eben auch mit großer Verantwortung einher – einer Verantwortung, der wir, zumindest was unser Konsumverhalten betrifft, nicht immer gewachsen sind. 

Wenn wir allerdings die Freiheit zu konsumieren nicht radikal einschränken, müssen wir bald mit drastischen Konsequenzen rechnen.

Unser Ziel, CO2 bis 2020 um 20 Prozent zu senken, werden wir nicht erreichen

Seit 1950 lässt sich ein durch Menschen verursachter Klimawandel nachweisen. Eine wesentliche Rolle dabei spielt der Treibhauseffekt, der durch CO2-Austoß mit verursacht wird. Von den Konsequenzen des Klimawandels haben wir alle schon gehört – Überflutungen, Dürre, Hurrikans. Unbequeme Wahrheiten, die schön bequem weit weg sind und uns nicht dazu motivieren, zum Beispiel weniger Auto zu fahren oder nachhaltiger einzukaufen und uns besser zu ernähren. 

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So kaufen wir Deutschen, obwohl wir uns doch für umweltbewusst halten, so viele SUV, also große Autos mit hohem Spritverbrauch, wie niemals zuvor – 2017 stiegen die Verkäufe um 42 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Dabei wollte Deutschland den Ausstoß von Treibhausgasen bis 2020 im Vergleich zu 1990 um 40 Prozent senken. Aktuell liegen wir bei 32 Prozent Ersparnis – damit ist es sehr wahrscheinlich, dass wir unser Ziel in den nächsten zwei Jahren nicht erreichen werden. 

Auch übermäßiger Fleischkonsum trägt zur Umweltzerstörung bei

Neben dem Verkehr trägt auch übermäßiger Fleischkonsum zur Erderwärmung bei: Weltweit stammen 14,5 Prozent aller Treibhausgasemissionen aus der Haltung und Verarbeitung von Tieren.

Der Fleischkonsum geht zwar zurück, dennoch haben die Deutschen im Jahr 2016 immer noch 59 Kilo Fleisch pro Jahr gegessen. Das ist nicht zu verantworten – und zwar nicht nur aufgrund der damit verbundenen Treibhausgas-Emission: Bei der Produktion von einem Kilo Rindfleisch zum Beispiel werden über 15.000 Liter Wasser verbraucht

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Kein Wunder, dass Umweltschützer mittlerweile fordern: Die Deutschen sollten ihren Fleischkonsum mindestens halbieren. So sagte auch Hubert Weiger, der Vorsitzende des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung” kürzlich: “Weniger und dafür besser ist die Lösung. Die Bundesregierung muss noch in diesem Jahr die Weichen für einen nachhaltigen Umbau der Tierhaltung stellen.“

Deutschland belegt den europäischen Spitzenplatz in der Müllproduktion

Nachhaltige Lösungen brauchen wir auch in Hinblick auf unsere Müllproduktion: Im Jahr 2016 hat jeder Deutsche durchschnittlich 220,5 Kilo Verpackungsmüll produziert – mehr als jeder andere Europäer. 

Einen großen Teil davon machen Take-Away-Verpackungen aus, wie Wissenschaftler der Berliner Humboldt-Universität in einer Studie zu Littering, sprich der Vermüllung öffentlicher Plätze, herausgefunden haben.

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Den Menschen ins Gewissen zu reden, bringt offenbar nichts

An die Moral der Einzelnen zu appellieren, hat bisher nicht viel gebracht.

► Wir gönnen uns lieber das billige Steak, als an erbärmliche Haltungsbedingungen der Tiere und Klimabilanz zu denken.

► Wir trinken lieber noch einen Coffee to go, als daran zu denken, dass der Plastikdeckel unseres Bechers wahrscheinlich nicht recycelt wird und eine Tasse Kaffee bis zu 140 Liter Wasser verbraucht

► Wir fliegen lieber mit dem Flugzeug, als einen Gedanken an die armen Eisbären zu verschwenden.

Wenn die Entscheidungsfreiheit in unserem Konsumverhalten dazu beiträgt, dass wir unsere Welt zerstören, wenn wir die Verantwortung für gute und nachhaltige Entscheidungen nicht tragen können, dann brauchen wir strengere Gesetze.

Denn wenn wir uns nicht freiwillig für den Umweltschutz einsetzen, müssen sich die Regierungen stark machen und uns vor unseren schlechten Entscheidungen bewahren.

Ja, ich will, dass Strohhalme, Plastikgeschirr und Plastiktüten verboten werden

Ja, ich will, dass Strohhalme und Plastikgeschirr verboten werden. Die EU diskutiert gerade einen Gesetzesentwurf, der Einwegprodukte aus Plastik, wie Strohhalme, Besteck oder Wattestäbchen verbieten und durch umweltfreundlichere Alternativen ersetzen soll.

Für Einwegprodukte, die nicht preiswert durch andere Materialien ersetzt werden können, sollen zum Beispiel die Preise erhöht werden. 

In Ländern wie Ruanda oder Kenia sind Plastiktüten oder -säcke teilweise schon seit Jahren verboten. In Italien sind nur noch Plastiksäcke aus biologisch abbaubaren Materialien erlaubt.

In Deutschland sind Plastiktüten seit 2016 immerhin kostenpflichtig – damit ging der Verbrauch im Jahr 2017 immerhin um 1,3 Milliarden Tüten zurück. Das zeigt, wie positiv sich ein Eingriff des Staates auswirken kann. 

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Ja, ich will, dass Menschen weniger Fleisch essen 

Ja, ich will, dass Menschen weniger Fleisch essen – per Gesetz, wenn notwendig. Schon vor fünf Jahren haben die Grünen dazu einen viel diskutierten Gesetzesentwurf verfasst, um den sogenannten den “Veggie Day” an deutschen Kantinen einzuführen: Einen Tag pro Woche soll fleischlos gegessen werden.

Medien wie “Die Welt” zerrissen die Idee nicht nur als “albern”, sondern auch als “richtig dumm”.

Wie furchtbar der Gedanke, einen Tag pro Woche auf Fleisch zu verzichten! Was denken sich die Grünen dabei, unser Essverhalten mitbestimmen zu wollen! Wir lassen uns von niemandem etwas vorschreiben – auch dann nicht, wenn wir dabei etwas Gutes für uns und die Umwelt tun.

Ja, ich bin für eine CO2-Steuer

Ja, ich bin für eine CO2-Steuer. Unternehmen, die fossile Brennstoffe aus dem Ausland importieren oder in Deutschland fördern, müssten dann zusätzliches Geld an den Staat zahlen.

Dann würden Autofahren, Fliegen und Heizen zum Beispiel teurer werden – die zusätzlichen Einnahmen könnte man allerdings an die Bürger zurück ausschütten, zum Beispiel über Steuersenkungen an anderen Stellen oder in den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs stecken. 

In Schweden zum Beispiel gibt es die CO2-Steuer schon seit 1991. Dabei gingen die Emissionen bis 2015 zurück und stagnieren seitdem – während gleichzeitig die Wirtschaftskraft, gemessen am Bruttoinlandsprodukt (BIP), um knapp 80 Prozent anstieg. 

Wir wollen nicht unbequem leben – aber wir müssen etwas ändern

Natürlich wollen wir in unser sowieso schon stressiges Leben nicht noch mehr Unbequemlichkeit bringen. Und weder Veränderung noch Verzicht klingen besonders verlockend.

Manchmal aber muss man etwas einfach mal machen, um zu merken, dass es gar nicht so schlimm ist. Wenn man selbst die Motivation dafür nicht findet, muss stellenweise eben der Staat nachhelfen.

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Bewahrt uns vor der Öko-Diktatur!

Bevor jetzt wieder Kritiker losschreien, dass wir Deutschland vor der Öko-Diktatur bewahren müssen und wir kein Nanny-Staat werden dürfen:

Es geht nicht um flächendeckende Reglementierungen. Es geht nicht darum, Menschen in ihrer Lebensgestaltung nachhaltig einzuschränken. Aber wir dürfen unsere Freiheitsliebe nicht mit Recht auf Ignoranz und Zerstörung unseres Planeten verwechseln.

Dabei stehen nicht nur die Individuen in der Verantwortung: Alle Regierungen, nicht nur die Deutsche, müssen aktiv werden. Wir brauchen Regeln und Gesetze, hierzulande und auf der ganzen Welt.

Denn nur so können wir sie erhalten und nachfolgenden Generationen dieselbe Freiheit garantieren, die wir heute so genießen. 

(tb/ujo)