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03/06/2018 19:16 CEST | Aktualisiert 04/06/2018 17:16 CEST

Wir alle haben einen kleinen Dachschaden – und das ist gut so

Unsere Ticks machen uns einzigartig.

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Wir sind alle ein bisschen crazy.

Klassenfahrt, zehnte Klasse: Ich putze mir gerade die Zähne am Waschbecken eines Südtiroler Herbergszimmers, als meine Schulfreundin völlig ausflippt.

Sie fängt an zu schreien, dass ich sofort “damit” aufhören solle.

“Womit?”, frage ich irritiert und mache weiter. Im Spiegel sehe ich, dass sie zusammengekauert im Bett liegt und sich mit einem Waschlappen die Ohren zuhält.

Als ich sie frage, was los ist, sagt sie, dass sie die Geräusche des Zähneputzens nicht ertragen könne.

Den Rest der Klassenfahrt habe ich mir die Zähne dann im Gemeinschaftsbad auf dem Flur geputzt.

Wie langweilig wäre die Welt, wenn jeder normal wäre?

Mittlerweile kenne ich viele Menschen, die irgendeinen “Tick“ haben.

Das Wort bezeichnet laut Duden eine ”lächerlich oder befremdend wirkende Eigenheit“. Meine Freunde haben eine Menge solcher Eigenheiten.

Da wäre zum Beispiel meine Freundin, die auf der Straße immer links von mir gehen muss. Die Freundin, die alles mögliche zählt. Eine andere Freundin, die Schilder immer zuerst rückwärts lesen muss.

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Ein Freund von mir wird nervös, wenn die Klopapierrolle falsch herum in der Halterung hängt. Ein Bekannter muss Dinge immer symmetrisch anordnen. Ein Freund kann es nicht leiden, wenn jemand mit den Zähnen auf Baumwolle beißt.

Die Liste ist endlos.

Warum uns die Ticks anderer irgendwann nerven

Wie sehr das Thema die Menschen bewegt, zeigt auch die Resonanz, auf die der Blog “Spleen 24” stößt. Dort können Menschen seit vier Jahren anonym aufschreiben, welche ungewöhnlichen Angewohnheiten sie haben.

Aus der Vielzahl der Beiträge ist mittlerweile ein 324-seitiges Buch entstanden, das tausende Marotten beschreibt.

So lustig die Beiträge auch sind (“Wenn ich Steine anfasse, läuft es mir eiskalt den Rücken runter und meine Zähne tun weh”) – irgendwann nerven uns die Ticks unserer Mitmenschen.

Dass wir merkwürdige Angewohnheiten irgendwann nicht mehr lustig finden, ist laut einer Studie des Psychologen Michael Cunningham von der Universität Louisville in Kentucky normal.

Je mehr man mit den Marotten einer Person in Kontakt kommt, desto stärker sei man davon genervt.

Cunningham vergleicht das mit den Symptomen einer Allergie: Je öfter man mit einem Allergen in Kontakt kommt, desto stärker reagiert man darauf.

Trotzdem finde ich es wunderbar, dass meine Freunde ein bisschen aus der Reihe tanzen. Ihre Ticks machen sie zu liebenswerten Geschöpfen mit Wiedererkennungswert.

Jeder von ihnen wird durch seinen Tick einzigartig.

Ticks sind Markenzeichen

“Unsere Ticks sind unsere Markenzeichen”, sagt Akram Iskandar, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie am AWO Psychiatriezentrum in Köngislutter.

Jeder Mensch weiche in seinem Verhalten von der Norm ab. Einen kleinen Tick zu haben, sei vollkommen normal. Die Norm sei ohnehin nur eine “statistische Mitte”, ein Richtwert.

Das heißt, dass wir alle Eigenschaften in uns tragen, die nicht normal sind. Laut Iskandar könne man einen Tick auch “Normvariante” nennen.

Meine Freunde und ich lieben es, uns gegenseitig mit diesen “Normvarianten” aufzuziehen. Wenn ich bei meinem Kumpel mit dem Klopapiertick zu Besuch bin, kann ich es nicht lassen, die Klopapierrolle heimlich umzudrehen.

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Wenn er mich dann aus dem Badezimmer heraus verflucht, freue ich mich jedes Mal. Einmal schrie er als Reaktion darauf, dass ich ihm immer denselben Streich spiele: “Das ist doch nicht normal!“

Ein Tick ist in Ordnung, solange er das Leben nicht beeinträchtigt

“Was normal ist und was nicht, hängt von den kulturellen und gesellschaftlichen Verhältnissen ab, in denen sich jemand befindet“, erklärt Iskandar. Was in Deutschland gesellschaftlich verpönt ist, kann in anderen Ländern normal sein.

In Deutschland finden es viele möglicherweise komisch, dass die Menschen in Japan an allen möglichen und unmöglichen Orten schlafen.

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Iskandar hat folgende Faustregel für Ticks parat: “Ein Tick ist in Ordnung, solange er das eigene Leben und das der Mitmenschen nicht beeinträchtigt.”

Wer aufgrund seines Ticks nicht mehr am gesellschaftlichen Leben teilnehmen kann, sollte sich allerdings behandeln lassen.

“Medizinisch auffällige Ticks sind gut behandelbar. In vielen Fällen ist eine Psychotherapie bereits ausreichend.“

Abschließend rät mir Iskandar, dass man sich nicht so viele Gedanken darum machen soll, was normal ist und was nicht. Jeder von uns habe eben seine Eigenart, die andere akzeptieren müssen.

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Unsere kleinen Ticks machen uns zu den Menschen, die wir sind. Sie sorgen dafür, dass wir unseren eigenen Fußabdruck auf dieser Welt hinterlassen.

Wie meine Freundin von der Klassenfahrt, die mir aufgrund ihres lustigen Ticks bis heute im Kopf geblieben ist.

(ujo)