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13/03/2018 20:45 CET | Aktualisiert 13/03/2018 20:45 CET

Wilder Westen inclusive: In welcher Verfassung ist Deutschland?

Spätestens seit dem Nockerberg 2018 wissen wir: Der Western-Stil zieht sich nicht nur durch aktuelle Modekollektionen und die Musik von Justin-Timberlake, der in seinem Video zum neuen Album “Man of the Woods” mit Holzfällerhemd und Truckerjeansjacke zu sehen ist, sondern auch durch die deutsche Politik. „Je kontroverser die Auseinandersetzung mit den USA ist, desto wichtiger werden nationale Identitäten. Modisch heißt das: Die Politik wird auf dem Laufsteg ausgetragen“, schrieb Silke Wichert kürzlich in ihrem Beitrag „Ein Colt für alle Fälle“ in der Süddeutschen Zeitung. Das war noch vor dem Nockerberg, wo am 28. Februar im neuen Singspiel von Richard Oehnmann und Stefan Betz im Western-Style ebenfalls die Colts rauchten: Eine kleine Westernstadt, die Heimat, wird von Indianern bedroht. Da eilt “Die Glorreiche 7” (nicht “Die glorreichen Sieben”) herbei, um sie zu verteidigen. „Wir sind in unseren eigenen Kugelhagel geraten”, sagt Chorst Seehofer (Christoph Zrenner). Das freut den Totengräber (Claus Steigenberger), die personifizierte AfD. El Marco Söder (Stephan Zinner) hat noch drei Jubel-Cowboys von der Jubelunion mitgebracht. Ganz auf die Sieben kommen die Glorreichen nie, doch sie casten noch Dr. Hoppy Reiter Hofreiter (Wowo Habdank), der die Rolle des lustigen Greenhorns spielt (“Meine Waffe ist der Humor”), und eine jodelnde Natascha Kohnen (Nikola Norgauer) von der SPD.

“Guck mal Horst, wie urig. Hier erschießt man sich noch auf der Straße”, sagt die zerrupfte Angela Merkel (Antonia von Romatowski) mit Federboa und Popo-Polstern. Unter ihrem Balkon läuft der Showdown-Landler: Die Sieben haben sich gegen Söder verschworen, es stören nur die Indianer bei diesem Putschversuch. Der Indianer stellt sich als Münchner Ureinwohner heraus, der die Welt nicht mehr versteht. Später kommt er mit dem legendären Halbblut Apanatschi (Uschi Glas), einer Immobilienheuschrecke, zurück. Sie hat die Westernstadt (die Heimat) einfach gekauft. Reiter appelliert zwar an das Gewissen, aber es hilft nichts, wie Apanatschi sagt: “Mei, Heimat muss man sich auch leisten können.” Söder wird als Maulheld enttarnt und muss als künftig als Einzelkämpfer agieren. Alle, die ihn soeben noch bejubelt haben, jagen ihn jetzt über die Bühne.

Dass Uschi Glas noch so vielen Jahrzehnten noch einmal die Apanatschi spielt, hat eine starke Symbolkraft: In einer immer globaler und komplexer werdenden Welt nimmt die Beschäftigung mit nationalen Identitäten unweigerlich zu. Uschi Glas spielte nicht nur 1966 die Apanatschi, sondern war auch “deutsche Frau des Jahres 1995”, “Uschi nationale” und die “Traummutter der Nation”.

Wo die Mutter fehlt, braucht es Verkleidungen. Madonna ist dafür ein gutes Beispiel: Ihre Persönlichkeit ist so komplex und sprunghaft wie die gesellschaftlichen Phänomene, die wir heute erleben. Sie bediente sich unzähliger unterschiedlicher Quellen und bündelte sämtliche kulturelle Einflüsse zu einer eigenen Vision. „Ich denke, der Hauptgrund dafür, dass ich mich ausdrücken konnte und nicht habe einschüchtern lassen, lag vor allen Dingen darin, dass ich keine Mutter hatte“, sagte sie einmal. Von ihrem fünften Lebensjahr an bereitete sie sich darauf vor, ihren eigenen Weg zu gehen, und ihr Vorbild (aktiv agierend, selbstbestimmend, zielgerichtet) war männlich. Schon als Kind erkannte sie die Macht von Kleidung. Für ihr Album „Music“ (2000) erschuf Madonna ihre Cartoon-Cowgirl-Figur und schwelgte in uramerikanischen Bildern, die sie zugleich auf den Arm nahm.

Das Singspiel vom Nockerberg wirkt dagegen zwar wie „Unsere kleine Farm“, aber Landespolitik im Kleinformat ist nicht nur greifbar, sondern durch Verkleidung und Humor auf ein erträgliches Maß heruntergebrochen. Die Bilder liefert hier der unzufriedene Ureinwohner: “Do mag i gar nimma wohna, in euerm brunzbieselblöden Biobullerbü.” (Indianer)