ELTERN
06/02/2019 15:12 CET | Aktualisiert 12/02/2019 13:09 CET

Wilder, lauter, sensibler: So geht ihr mit gefühlsstarken Kindern um

Gefühlsstarke Kinder nehmen mit allen Sinnen besonders stark wahr. Was sie auf der Haut spüren, was sie riechen, was sie sehen und hören – alles wird sehr intensiv wahrgenommen.

TatyanaGl via Getty Images

“Die extremen Gefühle unserer Tochter sind uns zum ersten Mal aufgefallen, als sie ungefähr ein Jahr alt war“, erzählt Lisa Kurschat. “Sie hatte einen Wutanfall, der fast eine Stunde dauerte. Von da an kam das häufiger vor, manchmal zwei oder drei Mal am Tag. Anfangs haben wir es für das typische Trotzverhalten eines Kleinkindes gehalten. Doch dann wurde uns klar, dass unsere Tochter in dieser Hinsicht anders ist als andere Kinder.”

Lisa Kurschat hat zwei Kinder. Eines davon, ihre heute vierjährige Tochter, zeichnet sich durch extrem starke Gefühle aus. Das kann besonders heftige Wut, oder tiefste Traurigkeit sein, aber auch überschwängliche Freude. Jedes Gefühl erlebt die Vierjährige etwa hundertfach verstärkt.

Lisa Kurschats Tochter hat keine Krankheit, keine Störung irgendeiner Art, kein Ungleichgewicht oder sonstiges. Sie ist ein ganz normales Kind mit einem besonderen Persönlichkeitsmerkmal: Gefühlsstärke.

So viel Freude, so viel Wut 

Den Begriff “gefühlsstark” hat im Zusammenhang mit diesen besonderen Kindern die Journalistin und Bestsellerautorin Nora Imlau entwickelt. In ihrem Buch “So viel Freude, so viel Wut” (Kösel-Verlag) schreibt sie über die besonderen Eigenschaften gefühlsstarker Kinder, die Herausforderungen im Umgang mit ihnen und wie Eltern diese Kinder liebevoll und bedürfnisorientiert begleiten können.

Ihr Buch, das 2018 erschien, hat offenbar einen Nerv getroffen. Viele Eltern fühlen sich endlich verstanden, können den Besonderheiten ihrer Kinder nun einen Namen geben und müssen nicht länger fürchten, dass sie in der Erziehung ihrer Kinder versagt haben.

“Diese Kinder gab es schon immer”, sagt Nora Imlau im Gespräch mit der HuffPost. “Früher hat man gesagt, das sind schwierige, verhaltensauffällige oder auch schlecht erzogene Kinder. Es war mir wichtig, über diese Kinder zu schreiben und auch einen Begriff für sie zu finden, der wertschätzend ist und der sie nicht sofort in eine Problem-Schublade steckt.”

Denn für die Eltern dieser besonderen Kinder ist es eine echte Herausforderung, sie zu begleiten. Viele zweifeln an ihren Fähigkeiten als Eltern oder fragen sich, was sie falsch gemacht haben.

Mein Kind ist anders – aber warum?

► Warum können alle anderen Kinder im Liederkreis stillsitzen, das eigene aber wird schon nach wenigen Sekunden hibbelig und unruhig?

► Warum können andere Kinder einfache Regeln befolgen, das eigene Kind aber überschreitet regelmäßig die Grenzen?

► Warum kann ein schief geschnittenes Brot, eine kratzige Strickjacke oder ein leichtes Abweichen von der Alltagsroutine einen ganzen Nachmittag ruinieren?

Die meisten Eltern fühlen sich für das auffällige Verhalten ihrer Kinder verantwortlich, suchen die Schuld zunächst bei sich selbst und ihren Kindern. Und auch der Druck und die Erwartungshaltung von Außen machen es Familien mit gefühlsstarken Kindern häufig schwer, den Alltag zu meistern.

Wir haben ganz lange gedacht, dass wir irgendetwas falsch machen. Wir haben uns immer wieder anhören müssen, dass wir unserer Tochter mehr Grenzen setzen sollten oder konsequenter sein müssten. Aber je mehr Grenzen wir gesetzt haben und je konsequenter wir waren, desto schlimmer wurde es”, erzählt Lisa Kurschat.

Nora Imlau ist es deshalb besonders wichtig zu betonen: Niemand hat Schuld daran, dass ein Kind mit extremen Emotionen ausgestattet zur Welt kommt.

Gefühlsstärke ist angeboren 

Gefühlsstärke ist ein angeborenes Persönlichkeitsmerkmal. Jeder Mensch kommt mit einer individuellen Grundeinstellung des Gehirns zur Welt. Sie bestimmt, wie wir Reize von Außen wahrnehmen und verarbeiten, wie gut oder schlecht wir uns beruhigen können, wie intensiv wir Sinneseindrücke wahrnehmen, wie viel Bewegung wir brauchen, um uns gut zu fühlen und auch, wie sehr wir die Gefühle anderer Menschen in unserer Umgebung erspüren können.

Gefühlsstarke Kinder nehmen mit allen Sinnen besonders stark wahr. Was sie auf der Haut spüren, was sie riechen, was sie sehen und hören – alles wird als sehr intensiv empfunden.

Da Gefühlsstärke angeboren ist, haben Eltern darauf genauso wenig Einfluss wie auf die Haar- oder Augenfarbe ihrer Kinder. Doch Imlau will betroffenen Eltern mit ihrem Buch zeigen, dass sie durchaus einen Einfluss darauf haben, wie ihr Kind an dieser besonderen Eigenschaft wachsen und mit ihr glücklich werden kann.

Für Imlau ist es eine Herzensangelegenheit, anderen Eltern zu helfen, denn sie ist selbst Mutter eines gefühlsstarken Kindes. Kurz nach dessen Geburt merkte sie, dass es ganz andere Bedürfnisse hatte als ihre anderen Kinder. 

“Im Gegensatz zu meinen anderen Kindern hatte mein gefühlsstarkes Kind von Anfang an Schwierigkeiten, sich selbst zu regulieren. Es hat unglaublich viel geschrien und geweint und hatte extreme Emotionssausschläge in alle Richtungen. Die meisten Babys haben zwischendurch Phasen, in denen sie zufrieden vor sich hinbrabbeln. Mein Baby hingegen kannte nur überschäumende Freude, völlige Verzweiflung oder tiefste Wut – und nichts dazwischen”, erzählt Imlau.  

Die Journalistin begab sich auf die Suche nach den Ursachen dieser extremen Gefühle. Sie befasste sich viele Jahre lang mit den Persönlichkeitsmerkmalen dieser Kinder, sprach mit Wissenschaftlern, aber vor allem auch mit anderen Eltern von gefühlsstarken Kindern.

Gefühlsstarke Kinder nehmen ihre Umwelt anders wahr 

Heute weiß sie: Es gibt Jungen und Mädchen, die einfach anders sind als andere Kinder. Sie nehmen ihre Umwelt intensiver wahr. Sie haben mehr Begeisterung, mehr Tatendrang, mehr Freude – aber auf der anderen Seite auch mehr Traurigkeit, mehr Wut und mehr Aggression.

“Gefühlsstarke Kinder nehmen oft mit allen Sinnen besonders stark wahr. Was sie auf der Haut spüren, was sie riechen, was sie sehen und hören – alles wird als sehr intensiv empfunden. Und das kann oft zu einem Grundstresspegel führen”, erklärt Imlau.

Jedes Geräusch ist wie eine Explosion. Jedes normale Licht ist wie ein Blitz.

Diese Kinder sind keine absolute Seltenheit. Es gibt Hunderttausende von ihnen. Überall auf der Welt. Etwa jedes siebte Kind kommt mit diesem besonders explosiven Mix der Persönlichkeitsstruktur zur Welt.

Sie bewegen sich nie in der Mitte, sondern immer im Extremen. Das macht den Umgang mit ihnen so schwierig.

“Bei meinen Jungs gibt es nur Extreme. Entweder die Gefühle sind auf der Skala bei 0 oder bei 10. Dazwischen gibt es nichts”, erzählt Swetlana Enns. Die 31-Jährige hat einen eineinhalbjährigen und einen fast dreijährigen Sohn. Beide sind gefühlsstark.

Täglich erlebt die Mutter, dass ihre Kinder so überschwänglich glücklich sind, dass sie gar nicht wissen, wohin mit all der Freude. Doch schon kurz danach kann es ins andere Extrem umschlagen und eine zerbrochene Banane wird zur Katastrophe.

Jedes Gefühl ist hundertfach verstärkt

Enns betreut inzwischen beide Kinder zu Hause. Bei der Tagesmutter hat ihr ältester Sohn sich nicht mehr wohlgefühlt. Offenbar war sie mit seinem starken Temperament nicht zurechtgekommen und hatte öfter mit ihm geschimpft.

Seitdem die Mutter weiß, dass ihre Kinder gefühlsstark sind, kann sie viel besser auf sie eingehen und verstehen, warum sie in bestimmten Situationen so extrem reagieren:

Wenn mein Sohn Milan ein weinendes Kind sieht, muss er fast mitweinen. Aber er weiß gar nicht wohin mit diesem Gefühl, weil er es selbst nicht einordnen kann. Und dann fängt er oft an zu hauen. Er will, dass das Gefühl weggeht und anders kann er sich in dem Moment nicht helfen”, erzählt Enns.

Manche Eltern können nicht nachvollziehen, warum ihr Kind es nicht schafft, sich zusammenzureißen. Ihnen versucht Nora Imlau es so zu erklären:

“Alles, was ihr fühlt, fühlt euer Kind noch hundert Mal so stark. Jedes Geräusch ist wie eine Explosion. Jedes normale Licht ist wie ein Blitz. Ihr müsst euch alles in der Extremvariante vorstellen.”

Gefühlsstarke Kinder scheinen deshalb dauerhaft unter Strom zu stehen. Jede Kleinigkeit kann für sie schon ein Reiz sein. Imlau erklärt:

“Oft fällt es uns selbst nicht auf, aber wenn wir uns dann in der Wohnung umsehen, bemerken wir eine Uhr, die permanent tickt und eine Stereoanlage, bei der ständig ein Licht blinkt. Vielleicht mischen sich der Geruch von den Schuhen im Flur und der des Kompost in der Küche. Bei gefühlsstarken Kindern führen all diese Sinneseindrücke häufig zu dauerhaftem Stress.”

Das Gehirn im Notfallmodus

Eine Erklärung dafür ist die Gehirnstruktur gefühlsstarker Kinder. Ihr Emotionszentrum, die sogenannte Amygdala, ist ein kleines Areal im Gehirn, das auf Wut und Angst besonders empfindlich reagiert. Bei Menschen mit einer sehr empfindlichen Amygdala wird schon bei relativ geringen Stresslevel ein Signal an das Stammhirn gesendet, in den Notfallmodus umzuschalten.

So kommt es vor, dass Kinder mit dieser Gehirnstruktur auf Kleinigkeiten reagieren, als wären sie eine Katastrophe. Ihre Eltern haben das Gefühl, dass sie ständig überreagieren.

Wenn das geschieht und das Gehirn der Kinder im Notfallmodus ist, können sie sich kaum selbst aus ihren Gefühls-Anfällen befreien. Sie schreien, schlagen um sich, beißen, werfen sich auf den Boden und es dauert oft sehr lange, bis sie es schaffen, sich zu beruhigen.

Wichtig ist dabei, die Kinder liebevoll zu begleiten, geduldig abzuwarten und nicht zu schimpfen, sondern Nähe und Körperkontakt zuzulassen. Gerade in den ersten Lebensjahren brauchen gefühlsstarke Kinder besonders viel Zuwendung und Unterstützung im Umgang mit ihren extremen Emotionen. Später ist es dann wichtig, ihnen Werkzeuge an die Hand zu geben, mit denen sie sich selbst helfen können.

Hilf mir, mir selbst zu helfen

“Für mich war es eine ganz wichtige Erkenntnis, zu verstehen: Mein Kind macht das nicht mit Absicht, mein Kind will mich auch nicht ärgern. Aber es kann auch nicht meine Aufgabe sein, dauerhaft die Gefühle meines Kindes zu regulieren. Wir müssen gemeinsam daran arbeiten und herausfinden, wie mein Kind Strategien entwickeln kann, um mit diesen überbordend starken Gefühlen selbst umzugehen”, sagt Nora Imlau.

Denn für Eltern gefühlsstarker Kinder ist es auch wichtig, gut auf sich selbst zu achten:

“Ich habe häufig beobachtet, dass insbesondere Mütter sich in der Begleitung ihres gefühlsstarken Kindes so verausgaben, dass sie irgendwann selbst in einem Burnout landen. Weil es so anstrengend ist und sie sich nicht mehr abgrenzen können”, sagt Imlau.

“Die schwierigste Balance für Eltern von gefühlsstarken Kindern ist, verbunden zu bleiben, aber trotzdem die eigenen Grenzen zu wahren. Ich bin für dich da, aber ich lasse mich von dir nicht in dieses große Gefühl mit hineinreißen.”

Meine gefühlsstarken Kinder haben mich dazu gebracht, mich mit meinem eigenen inneren Kind auseinanderzusetzen.

Es gibt trotz all der Schwierigkeiten und Herausforderungen aber auch viele schöne Dinge, über die betroffene Eltern sich freuen können.

Weltverbesserer und Visionäre 

Zwar sind gefühlsstarke Kinder leicht reizbar, sehr sensibel, fordernd, wild und scheinbar dickköpfig. Doch auf der anderen Seite zeichnen sie sich häufig durch ein hohes Maß an Kreativität, Neugier, Mut, Ausdauer, Leidenschaft, Empathie, Klugheit und Begeisterungsfähigkeit aus.

Sie sind kleine Weltverbesserer, Erfinder, Revolutionäre, Künstler und Visionäre. Sie tragen unglaubliche Stärken und großes Potenzial in sich.

Ja, gefühlsstarke Jungen und Mädchen bringen ihre Eltern nicht selten an deren Grenzen. Aber mit dem richtigen Blickwinkel, kann das auch als Chance betrachtet werden, über sich selbst hinauszuwachsen:

Meine gefühlsstarken Kinder haben mich dazu gebracht, mich mit meinem eigenen inneren Kind auseinanderzusetzen”, erzählt Swetlana Enns. “Ich habe mich selbst besser kennengelernt und mehr und mehr verstanden, warum ich in bestimmten Situationen nicht so gelassen reagieren kann, wie ich gerne würde. Und dafür bin ich sehr dankbar.” 

(ak)