POLITIK
29/10/2018 14:55 CET | Aktualisiert 30/10/2018 09:29 CET

Wieso Merkel in ihrer schwächsten Stunde die SPD düpiert

Die HuffPost-These.

Florian Gaertner via Getty Images

In der Stunde ihrer wohl größten persönlichen Niederlage gelang Angela Merkel etwas Erstaunliches.

Mit der Ankündigung ihres Rückzugs vom CDU-Vorsitz (kurzfristig) und aus der Politik (mittelfristig) löste Merkel eine lange ungekannte Euphorie innerhalb ihrer Partei aus.

Mit Friedrich Merz, Annegret Kramp-Karrenbauer und Jens Spahn werden gleich drei hochkarätige und aussichtsreiche Kandidaten für den Parteivorsitz gehandelt.

Der CDU stehen spannende Wochen bevor, der deutschen Parteienlandschaft ein belebendes Schauspiel.

Was fast noch entscheidender ist: Merkel düpierte mit ihrem Rückzug die SPD im Fernduell. Die Sozialdemokraten haben sich seit der verpatzten Bundestagswahl im September die “Erneuerung” auf die Fahne geschrieben; die vollzieht jetzt aber die CDU. 

Die SPD streitet aber erneuert nicht

Interne Querelen begründen die Roten seither immer wieder mit ihrem Charakter als “Mitglieder-” und “Basispartei”. Und dennoch: Außer Stunk ist beim Projekt “SPD erneuern“ bislang nichts rumgekommen.

Noch immer ist die SPD weit von einer ehrlichen Erneuerung entfernt. Ein paar Online-Foren und “Debattencamps” –  und ein paar vorsichtige Personalverschiebungen in den vorderen Reihen können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Sozialdemokraten keinen Schritt weiter sind als nach der Bundestagswahl.

Selbst viel beklatschte Polit-Talente wie Kevin Kühnert ließ die SPD-Führung abprallen. Innerhalb der SPD-Bundestagsfraktion gilt Kühnert mit seinem forschen Umbruchwillen bei einigen gar als “Störenfried”.

Ausgerechnet die Union übt Revolution

Die lange als bis zur Treudoofheit disziplinierte und unreformierbar verschmähte Union hat derweil innerhalb von wenigen Wochen eine Grundsanierung von unten durchgedrückt.

Zuerst erhob sich die Bundestagsfraktion gegen den Fraktionschef und Merkel-Vertrauten Volker Kauder und machte den bis dato fast unbekannten Ralph Brinkhaus zu seinem Nachfolger.

Dann drängte – diese Interpretation liegt zumindest nah – die CDU-Basis Angela Merkel zum Verzicht auf den Parteivorsitz. 

Wenn die Partei es schafft, dass das Rennen zwischen Kramp-Karrenbauer, Spahn, Merz und womöglich weiteren profilierten Kandidaten zu einem demokratischen Ringen um die bessere Idee statt zu einer Schlammschlacht um Macht wird, hat sie etwas Historisches erreicht.

Merkel hat dafür die Tür geöffnet. Ihre schwächste Stunde ist damit auch eine ihrer stärksten.

(ben)