POLITIK
18/03/2018 10:51 CET | Aktualisiert 18/03/2018 11:07 CET

Wieso es ein Irrglaube ist, dass die Mehrheit der Russen Putin unterstützt

Eine Mehrheit der Gleichgültigen ist “das Fundament des Systems Putin“.

ALEXANDER ZEMLIANICHENKO via Getty Images
Putin: Nur ein Drittel der Russen mag ihn.

Die meisten Russen stehen stramm hinter Putin – dieses Bild ist im Westen sehr verbreitet. Einer, der es wissen muss wie kaum ein anderer, glaubt nicht daran. Und kann das belegen.

Berichte, wonach 80 oder mehr Prozent der Russen Putin ihren Präsidenten unterstützten, ja gar lieben würden, seien irreführend, mahnt Russlands bekanntester Meinungsforscher, Lew Gudkow.

Der 71-Jährige ist Direktor des Lewada-Zentrums, Russlands letztem unabhängigen Umfrage-Institut. Das hat vor den so genannten Wahlen von der Regierung eine Sprechverbot verpasst bekommen. Gudkow darf keine Prognosen oder Analysen zum Urnengang nennen – weil sein Zentrum offiziell zum “ausländischen Agenten“ erklärt wurde, ein stigmatisierender Begriff aus der Stalin-Zeit

Große Sympathie ist die Ausnahme 

Der Kreml wolle mit dem Maulkorb offenbar verhindern, dass vor den Wahlen ein realistisches Stimmungsbild bekannt werde, glaubt Gudkow. Die anderen Meinungsforschungsinstitute sind nämlich nicht unabhängig. Kritiker werfen ihnen vor, dass sie die Zahlen verbreiten, die der Kreml wünscht.

Der streitbare Soziologe Gudkow lässt sich den Mund nicht verbieten – und nennt deshalb im Gespräch grundlegendere Ziffern, die nicht direkt mit der Wahl zu tun haben.

Liebe oder große Sympathie zu Putin seien die Ausnahme, die empfänden höchstens fünf bis 15 Prozent der Russen, sagt der 71-jährige mit der eckigen Brille unter Berufung auf seine Umfragen.

Dazu kommen noch rund 15 Prozent, die Putins Außenpolitik schätzen und ihn deshalb unterstützen. Zusammen hat Putin damit laut Gudkow knapp ein Drittel der Bevölkerung hinter sich.

 Die meisten Russen sind gleichgültig

Eine klare Abneigung gegen den Kreml-Chef empfinden demnach nur acht bis zehn Prozent der Russen.

Die überraschende Erkenntnis, die seine Umfragen dem Meinungsforscher gebracht haben: Der Großteil der Russen steht Putin schlicht gleichgültig gegenüber.

dpa
Der russische Soziologe Lew Gudkow (l) und der türkische Journalist Can Dündar mit Alt-Bundespräsident Joachim Gauck.

Typische Antworten, die Gudkow und seine Befrager immer wieder hörten, seien etwa: “Ich weiß wenig über ihn und kann nichts Schlechtes über ihn sagen“ oder “er ist mir egal“.

Diese “Mehrheit der Gleichgültigen” sei “das Fundament des Systems Putin“, so der Soziologe. Ihre Zahl schwanke um die 60 Prozent.  Im Moment sinke sie, Parallel steige die Zahl der Unzufriedenen, wegen der wirtschaftlichen Probleme Russlands.

 Politische Depression

Gudkow: “Die Menschen sehen keine Perspektiven mehr, keinen Ausweg aus der Stagnation, sie spüren die Einkommensverluste, auch wenn die Propaganda von Wachstum spricht. Das erzeugt eine etwas finstere, pessimistische Atmosphäre. Die dominante Stimmung der Mehrheit ist eine depressive. Sie haben keine Hoffnung auf ein besseres Leben in absehbarer Zukunft, haben Angst vor dem Morgen.“

Gudkow spricht von politischer Depression und Apathie.

Seine Befrager haben kaum beachtete, aber umso wichtigere unerwünschte Nebeneffekte der Propaganda ausgemacht: “All die Jahre des patriotischen Aufschwungs mit all dem Stolz, eine Supermacht zu sein, und der Konfrontation mit dem Westen haben große Ängste vor einem großen Krieg erzeugt.“

Diese Ängste seien “schlecht artikuliert, diffus, aber sehr weit verbreitet“, so  Gudkow. Oft hören seine Mitarbeiter von den Befragten Sätze wie diesen: “Der dritte Weltkrieg hat begonnen, wir sind nur noch in seiner kalten Phase.“

 Beliebtheit ist vor allem Putins Außenpolitik

Erstaunlich an Gudkows Zahlen ist auch, wie viele Russen ihre Regierung kritisch sehen. Bis zu 60 Prozent glauben demnach an die Vorwürfe der Opposition gegen Putin, er sei korrupt und betreibe Amtsmissbrauch.

Die Popularität des Kremlchefs beruhe deshalb vor allem auf der Außenpolitik, so Gudkow: “Darauf, dass man den Russen eingetrichtert hat, dass Russland wieder Großmacht ist, auf der internationalen Bühne eine besondere Autorität habe, mächtig, und stark sei, wie die Sowjetunion und dass deshalb der Westen so feindselig sei gegen Russland. Alles das wirkt wie eine ideologische Droge, macht die Leute stolz und euphorisch.“

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Dennoch seien sie sich die meisten Russen bewusst, “dass die Korruption gewaltig ist, die Willkür, dass ein einfacher Russe sein Recht und sein Interesse nicht durchsetzen kann, ungeschützt ist“, so der Soziologe.

Das führe zu einem “Doppeldenken“: “Auf der einen Seite ist da Stolz, auf der anderen die Einsicht, dass die Regierung geldgierig und egoistisch ist, dass die Oligarchen, Bürokraten und Geheimdienstler das Sagen haben, und sie die Bevölkerung ausnützen wie eine Ressource für ihr eigenes gutes Leben.“

 “Das ist keine Wahl, das ist Show-Ballett”

Obwohl er zu den Präsidentschaftswahlen nichts Konkretes sagen darf, wird Gudkow doch sehr deutlich: “Das ist keine Wahl im strengeren Sinn. Das ist eine Akklamation, eine Aktion zur Bestätigung derjenigen, die ohnehin schon die Macht haben.“

Putins Konkurrenten spielen nach Ansicht des Soziologen nur eine Rolle – sie sollen den Hauptdarsteller noch heller erstrahlen zu lassen. Als einzigen soliden, ernsten Politiker. Während die anderen ein schwaches Bild abgeben.

Gudkow: “Das sind keine Wahlen, das ist ein Show-Ballett.“