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20/07/2018 17:57 CEST | Aktualisiert 20/07/2018 19:20 CEST

Wien hat eine Lösung für Wohnungsnot gefunden – das kann Deutschland lernen

62 Prozent aller Wiener leben in Sozialwohnungen – und das ist auch gut so.

Rafael_Wiedenmeier via Getty Images
Der Wohn- und Kaufpark Alterlaa ist eine der größten Wohnanlagen Österreichs.

Uwe Mauch nennt Wien seit über 30 Jahren sein “Zuhause”. Der 52-jährige österreichische Journalist und Schriftsteller lebt in einer subventionierten Wohnung im Norden der europäischen Metropole. Er lebt in einer der vielen, kostengünstigen Wohnanlagen, die von der Stadtverwaltung rund um die grünen Innenhöfe errichtet wurden.

Mauch zahlt für seine Ein-Zimmer-Wohnung 300 Euro im Monat – das entspricht nur zehn Prozent seines Einkommens.

“Das ist großartig – ich bin wirklich glücklich, hier zu leben,” sagt er. “Ich mag die ganzen Grünflächen direkt vor meinem Fenster. Wenn mich Menschen aus anderen Ländern besuchen, können sie gar nicht glauben, dass es so schön hier ist und gleichzeitig so billig.”

Goldener Standard für internationale Sozialwohnungen

Mit ihren erschwinglichen und attraktiven Wohnanlagen entwickelt sich die österreichische Hauptstadt schnell zum goldenen Standard für internationale Sozialwohnungen. Die staatlich geförderten Wohnungen werden von der Gemeinde oder gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaften vermietet.

Im Gegensatz zu den öffentlichen Wohnbauprojekten in vielen Ländern Europas und den USA, die auch unbeliebt und unterfinanziert sind, stehen für die Stadt Wien diese Pläne im Vordergrund.

Dabei geht es nicht nur um eine fortschrittliche Planungspolitik, sondern auch um ein nachhaltiges Design.

Ein “autofreies” Wohnprojekt im Stadtteil Floridsdorf, in dem auch Mauch lebt, nutzt beispielsweise den Platz, der normalerweise für Autostellplätze reserviert wäre, für eine Fahrradwerkstatt, für Kinderspielplätze und einige Carsharing-Plätze.

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Bei einem experimentellen, öffentlich subventionierten Entwicklungsprojekt in Oberlaa, im Süden von Wien, werden die Häuser mit den thermalen Abwässern der heißen Quellen beheizt. Für die Toilettenspülungen und die Bewässerung der Gärten wird recyceltes Regenwasser verwendet.

62 Prozent aller Wiener leben in Sozialwohnungen

Seit den 1920er Jahren ist der soziale Wohnungsbau in Wien weit verbreitet. Nach dem Krieg begann die Stadt, unter der Führung der Sozialdemokraten, mit einer dichten Besiedlung der ganzen Stadt – in der Regel waren es sechs- bis achtstöckige Wohnhäuser mit gemeinschaftlichen Grünflächen.

Heute kann sich jeder, der nicht mehr als 46.000 Euro im Jahr verdient, für ein subventioniertes Apartment in Wien bewerben. Und das in einem Land, in dem das durchschnittliche Brutto-Jahreseinkommen bei 27.000 Euro liegt.

► Laut Angaben leben derzeit 62 Prozent aller Wiener in Sozialwohnungen. Die Mieten sind hier reguliert und der Mieterschutz steht an oberster Stelle. Im Gegensatz dazu leben in den USA weniger als ein Prozent der Bürger in Sozialwohnungen. Diese Wohnungen sind ausschließlich für einkommensschwache Familien, ältere Menschen und für Leute mit Behinderung gedacht.

Auch in Deutschland sinkt die Zahl von Sozialwohnungen seit Jahren. Zwischen 2006 und 2016 sind sie um 830.000 gesunken, auf 1,24 Millionen. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe prognostiziert, dass die Anzahl noch weiter sinken wird.

► Der Grund: Sozialer Wohnungsbau in Deutschland wird von Immobilienfirmen als unattraktiv angesehen. Investoren zögern vor dem Hintergrund geringerer Renditen, Mietpreisbindungen und das sozial schwache Mieterklientel. Förderprogramme sind oft unzureichend. 

Wien ist zum neunten Mal Stadt mit der höchsten Lebensqualität

Kathrin Gaál ist Stadträtin in Wien und zuständig für Wohnbau und Frauen. Sie sagt, der soziale Wohnungsbau sei sowohl für Menschen mit niedrigem Einkommen, als auch für eine “breite Mittelklasse” in der Stadt gedacht. “Was Wien so einzigartig macht, ist, dass man anhand der Heimatadresse eines Menschen nicht automatisch darauf schließen kann, was derjenige verdient”, erklärt Gaál.

Eugene Quinn bietet geführte Wanderungen durch einige der Wohnprojekte und durch andere Teile Wiens an. Vor neun Jahren ist er von London in die österreichische Hauptstadt gezogen. Überaus gern spricht er über die “Grill-Partys” der Stadt, auf denen sich die Bewohner der Sozialwohnungen untereinander kennenlernen.

“Die Menschen hier haben sich an die Gemeinschaftsräume der Sozialbausiedlungen gewöhnt. Sie fühlen sich wohl, Tür an Tür mit Leuten zu leben, die einen ganz anderen Hintergrund haben,” sagt Quinn.

“Und weil die Menschen nicht so gebeutelt von den Mieten sind, wie in anderen Großstädten, haben sie auch ein bisschen mehr Zeit, um kreativ zu sein, um zu studieren und sich für die Gemeinde zu engagieren.”

Der positive Einfluss, den Wien damit auf seine Bürger ausübt, ist nicht unbemerkt geblieben. Anfang dieses Jahres wurde die Stadt zum neunten Mal in Folge zur Stadt mit der höchsten Lebensqualität weltweit gekürt.

Eva Bauer ist Leiterin des Österreichischen Verbands gemeinnütziger Bauvereinigungen (GBV). Sie sagt, bezahlbarer Wohnraum sei ein wichtiger Faktor für das Wohlergehen der Bürger. 

Tatsächlich ist Wien eine der günstigsten Metropolen weltweit, aufgrund des Umfangs an gefördertem Wohnraum. Laut den Angaben der GBV beträgt die durchschnittliche Monatsmiete für die staatlich subventionierten Wohnungen 405 Euro für Mieter der Stadtverwaltung und 517 Euro für Mieter bei den Wohnungsbaugesellschaften.

Wer die Miete nicht alleine aufbringen kann, hat die Möglichkeit, monatliche Unterstützung zu beantragen. Durchschnittlich geben die Wiener 27 Prozent ihres Einkommens für die Miete aus.

In Deutschland gibt rund eine Million Haushalte in den 77 deutschen Großstädten mehr als die Hälfte ihres Einkommens für die Miete aus, 40 Prozent der Haushalte in der Bundesrepublik müssen mehr als 30 Prozent ihres Nettoeinkommens ausgeben, um ihre Bruttokaltmiete zu bezahlen. So das Ergebnis einer von der Hans-Böckler-Stiftung geförderten Studie an der Humboldt-Universität Berlin aus dem Jahr 2017.

Die Regierung finanziert ein Drittel der neu gebauten Wohnungen in Wien 

Der soziale Wohnungsbau hat einen hohen Stellenwert in Österreich. Er wird durch die Einkommenssteuer, die Körperschaftssteuer und einen wohnungsspezifischen Beitrag aller erwerbstätigen Bürger finanziert.

Laut Stadträtin Gaál beläuft sich das jährliche Wohnungsbudget Wiens – das für die Renovierung älterer Wohnungen in der Stadt, sowie für den Bau neuer Sozialwohnungen verwendet wird – auf 603 Millionen Euro. Davon kommen 457 Millionen Euro von der Bundesregierung in Österreich.

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Bauer sagt, dass rund ein Drittel der 13.000 Wohnungen, die jährlich in Wien neu geschaffen werden, von der Regierung finanziert und an die Wohnungsbaugesellschaften übertragen werden.

“Sozialwohnungen sind sehr beliebt,” sagt sie. “Viele junge Leute wollen sich bei den Wohnungsbaugesellschaften einmieten, auch wenn sie einige Jahre auf einer Liste stehen und auf eine Wohnung warten müssen, bevor sie etwas bekommen.”

Die Stadt wächst. Deshalb bestehe die Herausforderung darin, genügend bezahlbaren Wohnraum zu schaffen und die Qualität zu halten, die ihn so beliebt gemacht habe.

Angelo Hornak via Getty Images
Ein Wohnkomplex in Heiligenstadt.

In den 1990er Jahren wurde ein Wettbewerb der Bauunternehmer ins Leben gerufen. Architekten, Anwälte und andere Immobilien-Experten sitzen dabei in den Ausschüssen und beurteilen die Angebote für den Bau neuer Sozialwohnanlagen. Sie stellen sicher, dass die Bauunternehmer hochwertige und energieeffiziente Wohnungen anbieten.

Während Wien ein Beispiel dafür ist, wie man den öffentlichen Wohnungsbau verbessern kann, so war Österreich doch nicht vor der Angst gefeit, dass auch die zugewanderten Flüchtlinge von der staatlichen Unterstützung der vergangenen Jahre profitieren könnten.

Nicht nur reiche Leute sollen in guten Verhältnissen leben

Das Land hat im Dezember eine rechtsgerichtete Regierung unter Führung von Kanzler Sebastian Kur an die Macht gewählt. Und die Ansicht, die Einwanderer würden die öffentlichen Mittel beschneiden, nahm sogar in der kosmopolitischen Hauptstadt zu.

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“Der Gedanke, dass der öffentliche Wohnungsbau für jeden da ist, ist weiterhin stark vertreten,” sagt Andreas Rumpfhuber, Architekt aus Wien.

“Aber wir haben ähnliche Probleme wie andere Länder auch. Wir haben Rechtspopulisten, die darüber sprechen, ob Flüchtlinge eine Sozialwohnung verdient haben. Es lauern also noch Gefahren für das (Wiener) Modell.”

Möglicherweise gibt es doch dunkle Wolken am Himmel. Aber der starke Kontrast zwischen Österreich und anderen Ländern bleibt bestehen. 

In Wien sind die Menschen weiterhin stolz darauf, was ihre Stadt im öffentlich geförderten Wohnungsbau geleistet hat.

“Bei uns herrscht schon lange der Gedanke, dass nicht nur reiche Leute in guten Verhältnissen leben sollen”, sagt Mauch.

Er kann sich nicht vorstellen, jemals wieder woanders als in Wien zu leben. “Es ist ein wichtiger Gedanke und wir sollten daran festhalten.”

Dieser Artikel erschien zuerst in US-Ausgabe der HuffPost und wurde von Patrick Steinke aus dem Englischen übersetzt und von Uschi Jonas dem Verständnis angepasst.

(ll)