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05/01/2019 19:13 CET | Aktualisiert 05/01/2019 19:13 CET

Wie wird die Geschichte über uns urteilen? Ein Gedankenanstoß

Wir strapazieren unsere natürliche Umwelt in hohem Maße über, während gleichzeitig die globale soziale Ungleichheit immer weiter wächst.

Chavalit Likitratcharoen / EyeEm via Getty Images

Laut dem aktuellen Bericht des Global Footprint Network verbrauchen wir Menschen seit Juli bereits mehr natürliche Rohstoffe, als unser Planet in einem Jahr zur Verfügung stellen kann. Wir missachten die Grenzen unserer Erde – jeder Einzelne von uns tut das jeden Tag.

Wie werden wohl die Menschen in Anbetracht dieser Lage  in 150 Jahren über uns und unser Konsumverhalten denken und urteilen? Ein Gedankenspiel.

Eins steht fest: Grundsätzlich wird die Meinung über uns eher kritisch ausfallen. Das muss noch nicht einmal zwingend daran liegen, wie wir uns verhalten haben. Sondern erst einmal daran, dass Urteile über die Vergangenheit generell eher schlecht ausfallen. Dieses Phänomen ist auch als negative Ontologie der Geschichte bekannt. Im Nachhinein ist man schließlich immer schlauer.

Wir haben das Gefühl, dass wir nichts ändern können – aber das ist falsch

Nichtsdestotrotz steht außer Frage, dass wir auf zu großem Fuß leben und das in vielerlei Hinsicht. Unsere schöne und günstige Kleidung wird häufig unter menschenunwürdigen Bedingungen produziert, mit unseren Flugreisen verursachen wir einen CO2-Ausstoß, der die begrenzte Aufnahmefähigkeit der Erde von Schadstoffen ignoriert. Außerdem werden bei der Herstellung von (Luxus-)Gütern endliche und wertvolle Ressourcen verwendet.

Wir strapazieren unsere natürliche Umwelt in hohem Maße über, während gleichzeitig die globale soziale Ungleichheit immer weiter wächst.

All das scheint scheinbar spurlos an uns vorbeizugehen, es ist uns irgendwie egal. Warum? Weil wir das Gefühl haben, dass wir nicht daran ändern können, dass wir keine Macht haben und dass das alles weit weg von unserer Lebensrealität liegt. Experten nennen das einen “Entfremdungsprozess”.

Der Konsument erhält kein unmittelbares Feedback, welche Folgen seine Handlungen nach sich ziehen: Die Zuständen in den Textilfabriken in Asien liegen weit weg von uns und CO2 ist schlicht unsichtbar.

Trotzdem. Über Fernsehen, Internet und Zeitungen wissen wir eigentlich ganz genau Bescheid über die negativen Auswirkungen, die wir mit unserem Konsum auslösen und mittragen.  Aber wir verdrängen es und entziehen uns der Verantwortung, etwas zu ändern.

Nur durch Unterdrückung der dritten Welt kann unser Wohlstandssystem aufrechterhalten werden

Betrachten wir aus unserer heutigen Perspektive historische Missstände, stellen wir uns häufig die Frage, warum kaum etwas gegen die menschenunwürdigen Bedingungen unternommen wurde: ‘Wie konnte man damals das nur zulassen?’ Wir diskutieren, was die Bevölkerung wohl  wirklich über die Missstände wusste – und trotzdem einfach nur zugesehen hat.

Wir können jedenfalls heute kaum leugnen, dass wir nicht wüssten, welche Folgen unser Konsumverhalten hat. Und genau das macht uns schuldig. Wir muten mit unserer “Geiz ist geil”-Mentalität einem großen Teil der Weltbevölkerung ein menschenunwürdiges Leben zu.

Nur durch die Unterdrückung der dritten Welt kann unser Wohlstandssystem aufrechterhalten werden und unter den Folgen der globalen Zerstörung werden noch viele Nachfolgegenerationen zu leiden haben.

Das einzige, was ein wenig Mut macht: Trotz der ganzen – eigenverschuldeten – Miseren hat die Menschheit bis heute durchgehalten. Hier und da mussten die Schwächeren hohe Preise für dieses Verhalten in Kauf nehmen, die Menschheitsgeschichte ist geprägt von Grausamkeiten und Katastrophen.

So könnten die weltweite ökologische Übernutzung und die globale soziale Ausnutzung auch als bloße “Fehler” betrachtet werden, unerfreulich zwar, aber nicht unverzeihlich, denn irren ist ja bekanntlich menschlich.

Und sind am Ende die mit dem Fortschritt einhergehenden negativen Folgen nicht sogar der Motor, der die menschliche Entwicklung vorantreibt? Der Zwang zur Optimierung und der Ausbesserung von Fehlern hält die Menschheit am Laufen.

So steigt aktuell beispielsweise die Lebenserwartung in so gut wie allen Regionen der Erde. Auch gibt es immer mehr Menschen, die dem Trend des Öko-Lifestyles folgen und sich mit ihrem Umweltverhalten, unter anderem bezogen auf die Ernährung, mit den Folgen ihres Konsums beschäftigen und versuchen, Dinge zu verändern.

Motivation unser Verhalten konsequent zu verändern, scheint nur bedingt vorhanden zu sein

Die ständigen Optimierungsversuche und “Symptombehandlungen” halten uns vielleicht auf Trab, allerdings ist der Umwelt und der sozialen Gerechtigkeit wenig damit geholfen.

Als Beispiel: Unterm Strich ist die Ernährungsumstellung nur ein Tropfen auf den heißen Stein, solange wir noch mehrmals im Jahr in ferne Länder fliegen oder unnötigerweise für einen Reise innerhalb Deutschlands in den Flieger steigen. So wird allein durch einen einzelnen Flug von Berlin nach Madrid ca. 500 kg CO2 in die Atmosphäre abgegeben.

Durch ein strikte Umstellung von einem Fleischesser auf einen vegetarischen Lebensstiel werden im durchschnittlich im Jahr lediglich 600 kg CO2 eingespart. Veganer sparen jährlich immerhin 800 kg CO2 gegenüber einem Fleischesser. Doch wie kommen wir aus Madrid wieder zurück nach Berlin? Konsequentes Verhalten sieht anders aus und unsere Umwelt zieht mal wieder den Kürzeren.

Nun zurück zu unserer Ausgangsfrage: Wie werden wohl die Menschen in 150 Jahren über uns und unser Konsumverhalten denken und urteilen. Wir wissen, was wir tun und die Motivation unser Verhalten konsequent zu verändern, scheint nur bedingt vorhanden zu sein.

Daher lässt sich vermuten, dass das Urteil begründeter Weise negativ ausfallen wird – also schuldig!

(ujo)