POLITIK
14/03/2018 09:01 CET | Aktualisiert 14/03/2018 09:52 CET

Wie unsere Intoleranz gegenüber anderen Meinungen die Demokratie zerstört

Fast die Hälfte der Bundesbürger kann es nicht ertragen, dass es andere Meinungen gibt als die eigene.

Hannibal Hanschke / Reuters
Polizisten bei einer Demo in Berlin 2015.

Angela Merkel wird heute ihre vierte Amtszeit als Kanzlerin antreten - und sie wird ein gespaltenes Land regieren. 

Denn in den politischen Debatten macht sich ein seltsamer Unfriede bereit. Shitstorm um Shitstorm fegt durch das deutschsprachige Internet. Mal weht der Wind von links, mal von rechts.

Mal trifft die Wut Schriftsteller, mal Politiker. Das einzige, was derzeit in der Bundesrepublik sicher scheint, das ist die Bereitschaft der Deutschen, sich aufzuregen.

“Gesinnungskorridor an erwünschten Meinungen”

Da wäre die Debatte um den Schriftsteller Jürgen Tellkamp, der auf einer Podiumsdiskussion mit Durs Grünbein am 8. März in Dresden einige krude und sehr wahrscheinlich auch faktisch falsche Aussagen gemacht hat.

″Über 95 Prozent” der Asylbewerber kämen nach Deutschland, um von den Sozialsystemen zu profitieren. Oder: Mit dem Geld, das in Deutschland für Flüchtlinge ausgegeben wird, ließe sich das “Rentenloch” beseitigen. Es gebe in diesem Land überdies einen “Gesinnungskorridor” an erwünschten Meinungen.

 Der Suhrkamp-Verlag tat allen Empörungsbereiten dann noch den Gefallen, Öl ins Feuer zu gießen, in dem er einen Tweet in bestem Pressesprecher-Gestelze absetzte, den man als Distanzierung von Tellkamp lesen konnte.

Im linken Lager waren viele zufrieden über “so viel Klarheit”. Im Dresdner Pegida-Lager fühlte man sich mal wieder als “Opfer” des “linken Mainstreams” und raunte über “Redeverbote” und “Maulkörbe”.

Hängen blieb am Ende bei vielen, dass einer der renommiertesten deutschen Verlage bereit war, einen seiner bekanntesten Autoren zu opfern.

Rechte Verlage sollen weg von der Leipziger Buchmesse

Und als ob das noch nicht genug gewesen wäre, mischten sich Mitarbeiter und Studierende der deutschen Literaturinstitute tags darauf in die Debatte ein und forderten einen Ausschluss rechter Verlage von der Leipziger Buchmesse.

Wenn man schon rechten Verlagen das Publizieren nicht verbieten kann, dann will man sie wenigstens nicht auf einem der wichtigsten Branchentreffen des Jahres sehen. Dahinter steckt wohl die Hoffnung, dass man rechte Publizisten durch Wegschauen und Totschweigen marginalisieren könnte. Die Leipziger Buchmesse als gefilterte Bubble des deutschen Literaturbetriebs.

Warum fällt es uns eigentlich heute so schwer, Aussagen und Meinungen von Andersdenkenden auszuhalten?

Anja Karliczek (CDU), künftige Bildungsministerin im vierten Kabinett von Kanzlerin Angela Merkel, bekam ein Shitgewitter aus dem Lager der Strukturkonservativen und Bildungsbürger ab: Wie könne man so eine nur zur Ministerin machen, die ihr Diplom “lediglich” via Fernstudium gemacht, während sie im Hotelbetrieb ihrer Familie gearbeitet hat? Und die noch nicht einmal promoviert ist?

Neue Minister werden vorverurteilt

Jedes einzelne Wort von Karliczek wurde auf die Goldwaage gelegt – und bei einem etwas hölzernen Interview mit dem WDR fanden viele endlich die Gelegenheit, ihrem Unmut freien Lauf zu lassen. Dass diese Frau auch Menschen mit unkonventionellen Bildungsbiografien Mut machen könnte - das fiel unter den Tisch vor lauter Getöse.

Auch die künftige Staatsministerin für Digitalisierung, Dorothee Bär (CSU) bekam schon vor ihrem Amtsantritt gleich mehrmals den Willen der Öffentlichkeit zur Häme zu spüren.

Zuletzt, weil sie Twitter als einen Ort bezeichnete, an dem “nur Politiker, Journalisten und Psychopathen unterwegs” seien.

War die Ironie in diesem Satz so schwer herauszuhören? Und natürlich hatte diese Aussage einen wahren Kern: Denn natürlich ist Twitter in Deutschland bis heute ein Medium der Kommunikationseliten geblieben.

Stattdessen ging ein Stöhnen durch das Netz: Diese Frau soll sich tatsächlich künftig um die Digitalisierung kümmern? 

Das Falsch-verstehen-Wollen hat in Deutschland mittlerweile System. Dahinter steckt der Unwille, andere Meinungen als solche wenigstens zu akzeptieren, wenn man sie schon selbst nicht annehmen will. Und deswegen erleben wir eine Empörungswelle nach der anderen.

Wo hört das Wir-Gefühl auf? 

Die “Zeit” veröffentlichte jüngst eine Umfrage zu diesem Thema: Gerade einmal 52 Prozent der Deutschen meinen, man müsse auch solche Ansichten tolerieren, denen man eigentlich nicht zustimmen kann. Anders gesagt: Die Hälfte der Bundesbürger können es nicht ertragen, dass es andere Meinungen gibt als die eigene.

Die von der “Zeit” beauftragten Meinungsforscher von Infas näherten sich der Materie auch noch mit einer anderen Frage: Wo hört für die Deutschen das gesellschaftliche Wir-Gefühl auf? Was gehört nicht mehr zu “uns”?

► Für 82 Prozent gehören Menschen anderer Religionen zu “uns”

► Homosexuelle für 80 Prozent

► Flüchtlinge für 71 Prozent

An letzter Stelle rangierten Menschen, mit deren politischer Einstellung man nicht einverstanden ist: Lediglich für 62 Prozent der Deutschen gehören sie zum “Wir” dazu. Zwei Fünftel der Deutschen möchte solche Menschen nicht mehr um sich wissen.

Wahrscheinlich wird diese Bereitschaft zur Ignoranz anderer Meinungen durch die Mechanismen der sozialen Netzwerke verstärkt.

Der vor einem Jahr verstorbene Philosoph Zygmunt Bauman schrieb in seinem Buch “Retrotopia”, dass es durch die sozialen Netzwerke so einfach wie nie sei, Grenzen zwischen “ihnen” und “uns” zu ziehen – und das damit die Möglichkeit geschaffen worden sei, “Macht an anderen auszulassen”.

Mehr zum Thema: Angstmaschine Facebook - eine HuffPost-Analyse zeigt, wie sich Hassmeldungen in dem sozialen Netzwerk immer stärker verbreiten.

Wer AfD-Fans entfreundet bekommt Applaus

Anders gesagt: Früher musste man AfD-Fans mittags in der Kantine oder abends in der Kneipe ertragen. Heute verkündet man per Statusmeldung auf Facebook, dass man alle AfD-Fans “entfreundet” – und bekommt dafür auch noch Applaus von Gleichgesinnten.

Dass damit zunehmend die Fähigkeit verloren geht, solche Leute gesellschaftlich wieder zu integrieren, wird zwischen den ganzen Likes für den eigenen Aktionismus schnell vergessen.

Durch unsere Bereitschaft zur Empörung vertiefen wir die Gräben, die es ohnehin schon in unserer Gesellschaft gibt. Wir verschaffen jenen Kräften zu einem unverhofften Sieg, die spalten wollen statt Kompromisse zu schließen.

Es sind aber gerade die Kompromisse, die das Leben in einer Demokratie ausmachen.

► Konkret: Die Fähigkeit, Meinungen anderer zu ertragen, weil ich selbst möchte, dass meine Meinungen von anderen ertragen werden.

Ohne diesen Grundkonsens brauchen wir keine Wahlen mehr. Denn dann sprächen wir Andersdenkenden pauschal das Recht ab, im Namen aller zu regieren.

Trotzig dächten wir, dass alle anderen Unrecht haben. Und wenn wir ehrlich sind, dann ist Deutschland von diesem Geisteszustand nicht mehr allzu weit entfernt.

(ben)