ELTERN
13/02/2018 15:41 CET | Aktualisiert 13/02/2018 16:05 CET

Wie sich der Körper von Männern verändert, wenn sie Kinder haben

Die Zellen des Immunsystems verändern sich komplett.

AleksandarNakic via Getty Images
"Im Endeffekt hätten die beiden Elternteile aus immunologischer Sicht mehr gemeinsam als eineiige Zwillinge."
  • Forscher fanden heraus, dass die Immunsysteme von zwei Elternteilen sich nach der Geburt ihrer Kinder anpassen
  • Denn beide Eltern stimmen ihre alltäglichen Gewohnheiten immer mehr aufeinander ab

Stell dir vor, die Liebe deines Lebens wäre 25 Zentimeter kleiner als du. Da diese Tatsache euch beiden nicht stört, wagt ihr den nächsten Schritt und zieht zusammen. Irgendwann bekommt ihr dann gemeinsame Kinder.

Doch mit der Zeit geschieht plötzlich etwas Eigenartiges: Du scheinst immer kleiner zu werden, während deine Partnerin immer weiter wächst. Am Ende bist du noch immer größer als dein Partnerin.

Doch mittlerweile ist der Größenunterschied zwischen euch beiden um die Hälfte geschrumpft und beträgt nur noch 12,5 Zentimeter.

Und genau das Gleiche passiert mit deinem Immunsystem, wenn du ein Kind bekommst.

Beide Eltern hätten mehr gemeinsam als eineiige Zwillinge

“Die Zellen, die dein Immunsystem ausmachen, verändern sich dabei komplett. Und diese Veränderung ist so radikal, als würde sich deine Körpergröße verändern”, so Adrian Liston, der als Wissenschaftler am Translational Immunology Laboratory am VIB-Institut in Belgien tätig ist.

Im Jahr 2016 konnte Liston mit einem Team von anderen Wissenschaftlern beweisen, dass die physische Struktur der Immunzellen von zwei Elternteilen sich veränderte und sich an die Immunzellen ihrer Partner anpasste.

► Im Endeffekt hätten die beiden Elternteile aus immunologischer Sicht mehr gemeinsam als eineiige Zwillinge, sagt Liston.

Mehr zum Thema: Deshalb sind Eltern noch viel erschöpfter als du denkst

Es ist eindeutig, dass du dich veränderst, wenn du ein Kind bekommst

Und bedeuten diese Veränderungen nun etwas Gutes oder etwas Schlechtes? Diese Frage lässt sich schwer beantworten, denn Eltern zu werden bringt sowohl Vor- als auch Nachteile mit sich.

Darüber hinaus gibt es so etwas wie das perfekte Immunsystem ohnehin nicht. Die Stärke eines Immunsystems liegt in seiner Vielfalt und es ist schwer zu sagen, ob der Aufbau des einen besser ist als der Aufbau eines anderen. Im Grunde genommen hängt es komplett davon ab, wofür du dein Immunsystem brauchst und welche Aufgaben es für dich erfüllen soll.

Es ist eindeutig klar, dass es dich grundlegend verändert, wenn du ein Kind bekommst. Jetzt wissen wir jedoch auch, dass diese Veränderung auch Auswirkungen auf die Zellen hat und dass sie die Struktur unseres inneren Abwehrsystems definiert.

Momentan gibt es noch mehr Fragen als Antworten darüber, wie das Ganze funktioniert. Die folgenden fünf Faktoren könnten jedoch möglicherweise zu dieser Veränderung beitragen.

Eltern haben gleiche Gewohnheiten

Gründer von Startup-Unternehmen würden vermutlich für die Durchsetzungskraft eines schreienden Neugeborenen töten. Wir Menschen sind Gewohnheitstiere und behalten gerne unsere alltäglichen Abläufe bei.

Unter normalen Umständen ist auch unser Immunsystem relativ stabil. Hin und wieder muss es einen Angriff abwehren, doch danach kehrt es meist schnell wieder in seinen Normalzustand zurück. Ein Kind stellt dein Leben und das Leben deines Partners jedoch vollkommen auf den Kopf. Dabei bietet sich dir die einzigartige Gelegenheit, die Verhaltensmuster innerhalb deiner Familie umzukrempeln.

► Liston geht davon aus, dass die Immunsysteme von zwei Elternteilen sich nach der Geburt ihrer Kinder vor allem deshalb zunehmend aneinander angleichen, weil diebeiden Eltern auch ihre alltäglichen Gewohnheiten immer mehr aufeinander abstimmen.

Wenn Paare zusammenziehen, machen sie immer häufiger die gleichen Dinge. So kann es sein, dass ein Partner auf Wunsch seines nichtrauchenden Partners mit dem Rauchen aufhört. Paare machen entweder viel Sport zusammen, oder sie treiben gar keinen Sport.

Sie essen dieselben Lebensmittel und sind in ihrem Zuhause der gleichen Menge an Giftstoffen ausgesetzt. Und all das gilt erst recht, wenn man ein gemeinsames Kind hat.

Insgesamt wirken sich diese täglichen Umwelteinflüsse stärker auf dein Immunsystem aus als alles andere. In Listons Studie werden jedoch einfach nur Paare, die zusammenleben und gemeinsame Kinder haben, mit zufällig ausgewählten anderen Paaren verglichen.

Man kann zu diesem Zeitpunkt also noch nicht sagen, ob die Veränderungen des Immunsystems durch die gemeinsamen Kinder oder einfach nur durch das Zusammenleben ausgelöst werden.

Man kann jedoch relativ sicher davon ausgehen, dass Mitbewohner sich bis zu einem gewissen Grad aneinander anpassen. Jedoch nicht so signifikant wie Paare, die zusammenleben. Und bei Weitem weniger als Eltern von gemeinsamen Kindern. Ob dies nun gut oder schlecht ist, hängt größtenteils davon ab, ob die Veränderungen des Lebensstils insgesamt gesünder sind oder nicht.

Mikrobiome gleichen sich an

Die Billionen Mikroben, die auf und in deinem Körper leben, interagieren permanent mit deinem Immunsystem. Sie sind so etwas wie die Fitnesstrainer deines Immunsystems, die deinen Immunzellen jeden Tag ein Fitnesstraining verpassen, damit sie in Form bleiben.

Es gibt immer mehr Hinweise darauf, wie wichtig die mikrobielle Exposition für die Entwicklung eines gesundes Immunsystems ist, so Marie-Claire Arrieta, eine pädiatrische Mikrobiom-Forscherin an der University of Calgary und Co-Autorin des Buches “Let Them Eat Dirt”.

► Es hat sich gezeigt, dass Kinder, die im Geburtskanal, über die Muttermilch, durch Bauernhoftiere oder Haustiere mit Mikroben in Kontakt geraten, im späteren Leben gesünder sind, weil ihre Immunantwort besser funktioniert.

Mehr zum Thema: Japaner leben länger als alle anderen – das Geheimnis liegt in ihren Erziehungsregeln

Die Frage, inwiefern Kinder die Mikrobiome ihrer Eltern beeinflussen, konnte noch nicht wirklich beantwortet werden. Die meisten Untersuchungen zu den Mikrobiomen von Erwachsenen haben ergeben, dass Störungen nur kurzfristig auftreten.

► Nach einem Vorfall, wie beispielsweise einer akuten Erkrankungen, kehrt deine einzigartige Kolonie dann schnell wieder in ihren Normalzustand zurück.

Studien haben jedoch ergeben, dass die mikrobiellen Gemeinschaften von Familien sich häufig aneinander angleichen. Dies ist insbesondere der Fall, wenn ein Hund im Haushalt lebt. Es ist also wahrscheinlich, dass auch Kinder dafür sorgen könnten, dass die beiden Elternteile mehr gemeinsame Bakterien besitzen.

Und das ist wahrscheinlich etwas Positives. Es gibt jedoch noch keine Beweise für diese Theorie. Wissenschaftler in Arizona arbeiten jedoch bereits daran, indem sie den Einfluss von Hunden auf die Gesundheit von älteren Menschen untersuchen. Sie wollen dadurch herausfinden, ob Menschen besser vor Krankheiten geschützt sind, wenn sie über dieselben Mikroben verfügen wie ihr Hund.

Der Kontakt mit Pathogenen

Wenn Babys auf die Welt kommen, geraten sie mit Pathogenen in Kontakt, die ihr Immunsystem bisher nicht kannte, und werden dadurch krank. “Da ich selbst Vater von zwei kleinen Kindern bin, kann ich aus eigener Erfahrung sagen, dass ich durch sie mit vielen Infektionen in Berührung komme”, sagte Darragh Duffy, ein Immunologe am Pasteur Institute in Paris.

“Ob das gut oder schlecht ist, hängt aber tatsächlich von den genauen Umständen ab.”

Die meisten Infektionen, mit denen dich deine Kinder in Kontakt bringen, sind nicht besonders schlimm, wie beispielsweise Erkältungen oder Grippeerkrankungen. Im Normalfall würde man sich schnell davon erholen und danach sogar noch über einen stärkeren Immunschutz verfügen, erklärte Duffy.

Wenn man wegen seiner Kinder jedoch irgendwann nur noch krank bist, könnte dies schwerwiegende Folgen haben, so Liston. “Es kann passieren, dass man sich eine chronische Infektion zuzieht, die die Gesundheit langfristig beeinträchtigt. Wenn man alle zwei, drei Wochen an einer Atemwegsinfektion leidet, werden die Lungen irgendwann geschwächt und man kann dadurch langfristige gesundheitliche Probleme bekommen.”

► Es gibt auch keinen Beweis dafür, dass der Kontakt mit Krankheitserregern dein Immunsystem nach deiner Genesung allgemein stärkt.

Du bist zwar vor den Erregern geschützt, die dein Körper bereits kennt. Deshalb bist du jedoch nicht besser ausgestattet, um zukünftige Gefahren abzuwehren.

Das Schlafverhalten und der Stresspegel

Kinder großzuziehen ist anstrengend. Und wenn du nicht genug schläfst und permanent gestresst bist, wirkt sich das nicht gerade positiv auf deine Immunfunktion aus. Was dein Immunsystem betreffe, könnten die meisten Einflüsse je nach den genauen Umständen entweder positiv oder negativ sein, so Liston. Doch “Stress ist ziemlich eindeutig schlecht.”

Man hat herausgefunden, dass der Gesundheitszustand von Eltern davon abhängen könnte, wie zufrieden sie mit ihrem Leben mit Kindern sind.

Listons Team untersuchte die Bewohner eines belgischen Dorfes, die wegen einer Trinkwasserverschmutzung krank geworden waren. Das Team nahm den Patienten während der Krankheit und nach ihrer Genesung Blut ab.

Die Patienten, die einen geringen Pegel an Stressmarkern im Blut hatten, erholten sich meist schnell. Die Patienten, die unter hohem Stress litten, hatten jedoch langfristig mit Problemen zu kämpfen. “Eigentlich hätten sie sich von dieser Magen-Darm-Infektion innerhalb von zwei Tagen komplett erholen sollen. Doch einige von ihnen entwickelten ein Reizdarmsyndrom, das zu jahrelangen unregelmäßig auftretenden Krämpfen, Durchfall und Verstopfung führen kann”, sagte Liston.

Im Jahr 2015 wurde in einer Studie der Northwestern University der Einfluss von elterlichem Stress auf die Immunfunktion direkt untersucht.

► Die Wissenschaftler fanden heraus, dass Eltern, die sehr empathisch waren, besonders darunter litten, wenn ihre Kinder bestimmte Anzeichen von Depressionen zeigten.

Das Immunsystem der Eltern geriet aus dem Gleichgewicht und reagierte auf diese relativ harmlose Bedrohung mit starken Entzündungen. Chronische Entzündungen schwächen deine Abwehrkräfte und sie machen dich auf lange Sicht anfälliger für Krankheiten.

Erika Manczak, die Hauptautorin dieser Studie, arbeitet mittlerweile als Postdoktorandin an der Stanford University. Sie sagt, dass ein hohes Maß an Empathie zwar sowohl für die Eltern als auch für die Kinder positiv sei, dass die Eltern jedoch darauf achten sollten, für ihre Kinder nicht ihre eigene Gesundheit aufs Spiel zu setzen.

“Wenn man müde und erschöpft ist, ist es tatsächlich sehr schwer, achtsam, liebevoll und unterstützend zu sein”, sagte Manczak. “Man sollte unbedingt darauf achten, dass die eigenen Bedürfnisse gestillt werden. Denn dadurch kann man sich auch besser um andere kümmern.”

Das psychisches Wohlbefinden

Man hat herausgefunden, dass der Gesundheitszustand von Eltern davon abhängen könnte, wie zufrieden sie mit ihrem Leben mit Kindern sind. Die Wissenschaftlerin Rodlescia Sneed untersucht am College of Human Medicine der Michigan State University den Zusammenhang zwischen sozialen Beziehungen und dem psychischen und körperlichen Gesundheitszustand.

Als Studentin im Aufbaustudium an der Carnegie Mellon University hatte sie eine Studie durchgeführt, die zeigte, dass Eltern seltener krank wurden, wenn sie mit einem Erkältungsvirus in Berührung kamen.

Menschen, die bereits Antikörper gegen diesen Virus entwickelt hatten, waren von der Studie ausgeschlossen worden. Das Untersuchungsergebnis hatte also nichts damit zu tun, dass manche Studienteilnehmer wegen früherer Infektionen bereits immun gegen den Virus waren.

Die Studie liefert zwar keine direkten Antworten auf die Frage, warum dies so ist. Sneed geht jedoch davon aus, dass man eine gewisse psychische Stärke erlangt, wenn man ein Kind bekommt. Und dies Stärke schützt die Eltern wiederum vor Krankheiten.

Mehr zum Thema: Studie warnt Mütter: Kaiserschnitt erhöht Risiko einer späteren Fehlgeburt

Manche Eltern berichten, dass sie seit der Geburt ihrer Kinder mehr Sinn in ihrem Leben sehen und dass sie im Allgemeinen zufriedener mit sich selbst sind. Und allein die Tatsache, dass man sich an seinem Platz in der Welt wohl fühlt, kann einem bereits zu einer besseren Gesundheit verhelfen.

“Diese Erkenntnis deckt sich mit umfassenderen wissenschaftlichen Beweisen, die besagen, dass die sozialen Beziehungen eines Menschen wichtig für seine Gesundheit und insbesondere für sein Immunsystem sind”, so Sneed.

► Die Studie kam zu dem Ergebnis, dass Teilnehmer mit Kindern seltener krank wurden als kinderlose Studienteilnehmer.

Und dies war sogar noch der Fall, nachdem andere mögliche Faktoren ausgeschlossen worden waren, wie beispielsweise der Familienstand oder die Größe des sozialen Netzwerkes der Kandidaten.

Auch Untersuchungen mit Primaten kamen zu ähnlichen Ergebnissen. Eine Studie mit Rhesusaffen aus dem Jahr 2016 hat ergeben, dass der Platz eines Affens in der sozialen Hierarchie Einfluss auf seine Immunfunktion hat. Wenn Affen aus der Gruppe ausgeschlossen wurden, entwickelten sie schneller entzündliche Reaktionen.

Dies ist zwar gut, um bakterielle Infektionen abzuwehren. Auf lange Sicht kann es jedoch zu gesundheitlichen Problemen wie chronischen Entzündungen führen.

Die meisten Eltern sehen mehr Sinn in ihrem Leben, seit sie Kinder haben. Und dieses Gefühl beeinflusst deine Gesundheit wahrscheinlich um einiges mehr als die Keime, die dein Kleinkind aus der Kita mitbringt.

 

Bei Fatherly findest du weitere Artikel zum Thema Gesundheit.

Dieser Artikel erschien ursprünglich bei Fatherly und bei der HuffPost USA und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.

(ks)