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02/08/2018 18:41 CEST | Aktualisiert 02/08/2018 18:41 CEST

Wie Roboter und automatisierte Texte den Journalismus verändern

Machen Roboter Redakteurinnen und Redakteure bald arbeitslos?

Foto: Henrik Andree / meko factory

Mittlerweile wird auch in deutschen Redaktionen eifrig mit Künstlicher Intelligenz experimentiert: Algorithmen durchsuchen komplexe Datensätze, Arbeitsprozesse werden automatisiert und so mancher Text nicht mehr vom Menschen sondern von einer Maschine produziert. Aber müssen Journalisten sich deswegen wirklich sorgen machen? Ist der Roboter ein unterstützender Helfer oder macht KI Redakteurinnen und Redakteure bald arbeitslos? Diese und mehr Fragen haben die Gäste des Mediensalons diskutiert, zu dem der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) Berlin, die Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) in ver.di und meko factory am 09. Mai ins Berliner Vodafone-Institut geladen hatten.

„Als Gewerkschaft sehen wir den Einsatz von Roboterjournalismus natürlich kritisch“, macht Renate Gensch von der dju in ver.di in ihrem Eingangsstatement klar. Vor dem Hintergrund massiver Kosteneinsparbemühungen in den Medienhäusern sei zu befürchten, dass der Einsatz von KI von Verlegern als Vorwand für weiteren Personalabbau benutzt werde. Zumal, ergänzt Moderator Johannes Altmeyer von WeltN24 im Anschluss, „Roboter nie krank werden und auch keine Lohnerhöhung verlangen“.

Das Bild von einem vermenschlicht aussehenden Roboter, der an einer Tastatur sitzt, widerstrebt hingegen Sissi Pitzer vom B5 Medienmagazin des Bayerischen Rundfunks. Diese klischeehafte Vorstellung habe mit der tatsächlichen Arbeitsrealität in den Redaktionen nichts zu tun. Zwar arbeite sie noch nicht mit KI, würde dieses „teilautomatisierte Schreiben“, wie sie es definiert, allerdings begrüßen.

Foto: Henrik Andree / meko factory
Sissi Pitzer ist Medienjouranlistin beim Magazin B5 des Bayerischen Rundfunks

Von „Textautomatisierung“ spricht auch Jan Georg Plavec, Multimedia-Redakteur bei Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten. Er hat am Projekt „Feinstaubradar“ mitgearbeitet, mit dem Leserinnen und Lesern aus Stuttgart und Region stündlich überprüfen können, wie viel Feinstaub in ihrem Gebiet aktuell in der Luft ist. Dafür werden vom OK Lab Stuttgart die Daten von rund 300 Sensoren bezogen, die Privatleute in der Region selbst aufgehängt haben. Diese Feinstaubmesswerte werden dann auf einer Live-Karte visualisiert.

Foto: Henrik Andree / meko factory
Jan Georg Plavec ist Multimedia-Redakteur bei der Stuttgarter Zeitung

Die Feinstaubberichte, etwa 80 am Tag, werden hingegen automatisiert erstellt, mit Hilfe einer Fremdsoftware von AX Semantics, ein Stuttgarter Unternehmen, das auf datenbasierte Textgenerierung spezialisiert ist. Anders als man vermuten könnte, benötige man für solch ein Projekt auch nicht übermäßig viele Ressourcen. Die Kosten für Lizenzen seien überschaubar, hinzu kämen noch rund 200 Mannstunden, „da schaut die Geschäftsführung natürlich nicht so gerne drauf“, sagt Plavec, der auch Betriebsrat ist. Insgesamt sei das Projekt ein Experiment und eine Ergänzung zu normalen redaktionellen Arbeit.

Sonja Peteranderl, die über den Feinstaubradar im „Journalist“ berichtet hat, schließt sich dieser Sichtweise an. Der Einsatz von KI in Redaktionen mache überall dort Sinn, wo massenhaft Daten ausgewertet und Muster erkannt werden müssen, also vor allem in der Wirtschafts- und Finanzberichterstattung, teilweise auch beim Wetter. Dabei sei die automatisierte Textproduktion kein Widerspruch zum Qualitätsjournalismus, es komme darauf an, wie man sie einsetzt. Journalismus sei heute mehr und mehr datengetrieben, investigativer Journalismus ohne Automatisierungssoftware „nicht mehr möglich“. Das hätten nicht zuletzt die Recherchen zu den Panama Papers gezeigt. Insofern müsse man automatisierte Textproduktion als „unsichtbaren Helfer“ sehen, der den Journalisten hilft, „besser zu berichten“. Problematisch sei es allerdings, warnt Peteranderl, wenn die Daten von Dritten bezogen werden, sich aber irgendwo in der Logistikkette ein Fehler einschleiche, „etwas schief läuft“. Wer trage dann in einem solchen Fall die Verantwortung?

Foto: Henrik Andree / meko factory
Sonja Peteranderl ist Journalistin und hat im "Journalist" über den Feinstaubradar der Stuttgarter Zeitung berichtet

Und hier kommt der Mensch ins Spiel. Denn das Ergebnis hänge nicht nur von der Fehlerlosigkeit der Daten, sondern auch davon ab, wie gut der Redakteur die Software trainiere, sagt Peteranderl. Und auch Pitzer findet, dass die Grenzen des Algorithmus relativ klar seien. Immer dann, wenn etwas interpretiert werden müsse, „braucht man den Menschen“. Kein Grund zur Hysterie also, da sind sich die Podiumsgäste einig. Zwar werde der Anteil an automatisierten Texten sicher größer werden, allerdings würden diese nur eine überschaubare Anzahl von Themen abdecken, so Plavec. Auch Peteranderl schätzt ein, dass die Automatisierung nur in Teilbereichen oder in spezifischen Projekten wie eben dem Feinstaubradar zum Einsatz kommen werde. „Und der Journalismus selber wird überhaupt nicht aus automatisierten Texten bestehen“, ist sich Pitzer sicher. Dies wohl die beruhigendste Erkenntnis des Abends.

Text: Monique Hofman