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10/03/2019 13:57 CET | Aktualisiert 10/03/2019 13:57 CET

Panikattacken und Angststörung: Wie eine Sekte mein Liebes- und Sexleben zerstörte

"Ich habe immer noch eine Angststörung. Ich habe immer noch Panikattacken. Aber ich übergebe mich nicht mehr, wenn ich verabredet bin."

HANNAH BRASHERS
Die Autorin als Teenagerin.

Die Amerikanerin Hannah Brashers ist Literatur-Wisssenschaftlerin und Journalistin. In ihrem Blog für die HuffPost berichtet sie, welche nachhaltigen Risiken radikale religiöse Dating-Ratgeber und deren restriktive Sexualmoral für die Psyche von Teenagern bergen können.

Im März 2018 hing ich über der Toilette in meinem Lieblings-Frühstückscafé. Während ich mir die Seele aus dem Leib kotzte und dabei weinte, aß die Frau, mit der ich verabredet war, nichtsahnend ihre Heidelbeerpfannkuchen.

Ich hatte sie über das Internet kennengelernt und eine Fernbeziehung mit ihr begonnen. Alles schien einfach zu sein. Und das, obwohl ich nie zuvor mit jemandem zusammen gewesen war.

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Noch ein Jahr zuvor gehörte ich einer kleinen fundamentalistischen Baptistengemeinde an, die wie ein Kult funktionierte. Von den Mitgliedern wurde erwartet, dass sie die Kirche über die Familie stellen. Für Kleinigkeiten wie eine falsche Bibelausgabe wurden sie diszipliniert oder sogar exkommuniziert. Ich fühlte mich isoliert unter den Mädchen der Gemeinde – während ich einen Beruf anstrebte, kreisten ihre Gedanken allein um Ehe und Kinder.  

“Die Kirche verglich Homosexualität mit Sodomie und Pädophilie”

In den Monaten vor der Präsidentschaftswahl 2016 nahm die republikanische Rhetorik in den Predigten immer weiter zu. Schließlich fühlte ich mich nicht mehr wohl damit und beschloss auszutreten.

Die Kirche verglich regelmäßig Homosexualität mit Sodomie und Pädophilie. Ihr den Rücken zuzukehren, glich dem Gefühl, einem Gefängnis aus düsteren Gedanken zu entkommen. Schon drei Monate später kam ich zu dem Entschluss, dass ich lesbisch war. Nachdem ich mich mit meinem Agnostizismus und meiner Homosexualität abgefunden hatte, fühlte ich mich bereit, jemanden zu daten.

Jetzt wartete diese wunderbare Frau draußen im Café, und ich konnte nicht aufhören, mich zu übergeben. Aus Angst. Sie hielt das ganze Wochenende über an. Als wir uns in jener Nacht mein schmales Doppelbett teilten, spürte sie meine Panik. “Wir müssen nichts tun”, flüsterte sie. Ich klammerte mich dankbar an sie. Es war mir ein Rätsel, warum ich so viel Angst hatte.

Das Wochenende ging vorüber. Jedes Mal, wenn ich überlegte, sie wiederzusehen, stieg Panik in meiner Brust auf.

Schluss wegen Angst-Attacken

“Das zeigt, dass sie nicht die Richtige für dich ist”, sagten meine Freunde. Und so beendete ich die Beziehung. Da ich so etwas noch nie erlebt hatte, verbuchte ich den Vorfall als einzelne Angstattacke.

Ich dachte nicht mehr daran, bis ich ein paar Monate später auf Twitter über negative Auswirkungen des Buches “I Kissed Dating Goodbye”, einem Bestseller aus dem Jahr 1997 (deutscher Titel: “Ungeküsst und doch kein Frosch”), las.

User schrieben, das Buch habe ihnen eine ungesunde Vorstellung von der Ehe vermittelt, einige hatten wie ich Angstattacken erlebt, und manche hatten sogar eine posttraumatische Belastungsstörung erlitten.

Während ich das las, erinnerte ich mich auf einmal an alles, was ich über Reinheit, Jungfräulichkeit, Ausgehen und Homosexualität gelernt hatte.

Dating nach biblischen Prinzipien

Der Autor Joshua Harris war zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung gerade 21 Jahre alt. Er beschreibt darin die moderne Partnersuche als ein Minenfeld. Überall lauerten Versuchung und Herzschmerz.

Stattdessen propagiert er die Rückkehr zu den biblischen Prinzipien der Brautwerbung. Der Mann solle den Vater der Frau um Erlaubnis bitten, sie umwerben zu dürfen – allerdings nur, wenn das Paar wirklich heiraten will. Jede Art von körperlicher Intimität vor der Ehe sei sündhaft und verboten.

Weitere Botschaften aus dem Buch: Mädchen sollen bescheiden und sanftmütig sein. Jungen sind sexuell ausgerichtete Wesen. Wenn sie unreine Gedanken über dich haben, sei es deine Schuld. Körperliches Begehren sei um jeden Preis zu unterdrücken. Harris’ Ideen waren gleichbedeutend mit der Reinheitslehre, die evangelische Kreise wie meine vertraten.

“I Kissed Dating Goodbye” erschien auf dem Höhepunkt der evangelikalen Reinheitsbewegung in den USA. Ein paar Jahre zuvor waren zu einer Kundgebung der Gruppe “True Love Waits” (übersetzt: Wahre Liebe wartet) in Washington mehr als 200.000 junge Menschen gekommen. Sie unterschrieben Karten mit dem Gelöbnis, keinen Sex vor der Ehe zu haben.

Ich wollte lernen, sanftmütig und bescheiden zu leben

In den 1990er-Jahren waren “Reinheitsbälle” populär. Auf diesen Veranstaltungen tanzten fein angezogene Töchter mit ihren Vätern, nachdem sie versprochen hatten, ihre Jungfräulichkeit für ihre zukünftigen Ehemänner aufzubewahren.

Harris‘ Buch war sicherlich nicht das einzige dieser Art, aber es war das gefragteste. In meiner Jugend hatte es jeder in meinem fundamentalistischen Kreis gelesen. Oder zumindest davon gehört. Als ich das Buch das erste Mal las, durchlebte ich gerade eine besonders fromme Phase – ich trug bodenlange Röcke und schrieb Tagebucheinträge darüber, wie man lernt, sanftmütig und bescheiden zu sein.

Dazu kam, dass ich keinerlei Interesse am anderen Geschlecht hatte, verletzlich war und mich leicht beeinflussen ließ. Ich passte perfekt in Harris’ Zielgruppe. Ich las seine Worte und glaubte sofort, was er schrieb. An einem Thanksgiving versuchte ich sogar, meine “weltlichen” Cousinen – alle Teenager – davon zu überzeugen, dass sie aufhören sollten, mit Jungs auszugehen.

Autor will Reinheitsbuch aus dem Handel nehmen

Ich wuchs nicht nur mit der Ideologie der Reinheitskultur auf – jung wie ich war, glaubte ich sie mit jeder Faser meines Körpers. Als ich die repressive Kirche meiner Kindheit verließ, dachte ich, ich könne die Prinzipien der Reinheitslehre einfach ablegen. Wie naiv!

Die Angststörung, die durch mein Eintauchen in die Welt des Feierns und Flirtens ausgelöst wurde, bewies, dass mir die Prinzipien gewaltsam in die Psyche eingehämmert worden waren.

“I Kissed Dating Goodbye” wurde mehr als 1,2 Millionen Mal verkauft. Allerdings machte Harris kürzlich mit einer Erklärung Schlagzeilen: “Nach wie vor stehe ich zu der Aufforderung in meinem Buch, andere aufrichtig zu lieben. Allerdings hat sich meine Einstellung in den vergangenen 20 Jahren geändert. Ich vertrete nicht mehr die zentrale These, dass man nicht daten soll. Wegen der Irrtümer in ‘I Kissed Dating Goodbye’ wäre es am besten, das Buch aus dem Handel zu nehmen.“  

Vor ein paar Monaten veröffentlichte Harris eine Dokumentation mit dem Titel “I Survived I Kissed Dating Goodbye”. Darin trifft er sich mit Lesern, die von seinem Buch beeinflusst wurden. Ich schaute den Dokumentarfilm an in der Hoffnung, Harris würde Verantwortung übernehmen für die unbestreitbare und skrupellose Art und Weise, mit der sein Buch eine ganze Kultur geprägt hat. Und ich hoffte, es würden Menschen gezeigt, die ähnliche Erfahrungen gemacht hatten wie ich.

Panikattacken, andauernde Übelkeit und Appetitlosigkeit vor Dates

Stattdessen entschuldigte sich Harris schlicht für die Vorschriften, die er in seinem Buch macht. Die schädlichen Folgen der Reinheitslehre erwähnte er mit keinem Wort. Jemand, der wie ich Jahrzehnte später mit einem Trauma zu kämpfen hat, ausgelöst durch das Buch und seine Reinheitslehre, fehlte.

Im Sommer nach dem Vorfall im Café verabredete ich mich ab und an zu einem Date. Die Treffen verursachten allerdings kein Prickeln – über viel mehr als ein erstes Beschnuppern gingen sie nicht hinaus.

Als ich mich im Herbst dieses Jahres mit einer Frau verabredete, war es plötzlich anders. Nach einem Treffen hatte ich das Gefühl, daraus könne etwas Ernstes werden.

Wieder bekam ich unkontrollierbare Angst. Ich wollte sie sehen und doch hing ich jedes Mal eine Stunde vor dem Date über der Toilette. Panikattacken, andauernde Übelkeit und Appetitlosigkeit suchten mich heim.

Damals erkannte ich, welch tiefgreifende Auswirkungen die Reinheitslehre auf meinen Körper und Geist hatte.

Beim Gedanken an ein Date kapitulierte mein Körper

Flirten und Sex hatte ich so lange als Gefahr und Sünde empfunden – ganz zu schweigen von dem biblischen Vergehen, sich mit einer Frau zu verabreden. Ich hatte gelernt, alles Begehren auszuschalten. Jetzt, da mein Verlangen erwacht war, löste das einen inneren Kampf aus, eine Fluchtreaktion. 

Hannah Brashers
Hannah Brashers heute

Beim Gedanken an ein Date kapitulierte mein Körper, so sehr ich mich auch zu überzeugen versuchte, dass nichts passieren kann. In meiner Jugend dachte ich, es sei meine freie Wahl, mich nicht zu verabreden und keinen Sex zu haben.

Jetzt musste ich erkennen, dass ich über meinen Körper nicht entscheiden konnte. Meine fundamentalistische Erziehung hatte ihn regelrecht in Angst und Schrecken versetzt.

Unfähig zu funktionieren, begann ich eine Therapie.

Natürlich ist Joshua Harris nicht allein für meine Angststörung verantwortlich. Doch anhand seines Buches wird anschaulich, welche nachhaltigen Schäden die Reinheitsideologie verursachen kann. Obwohl ich das Buch seit Jahrzehnten nicht mehr gelesen habe, ist mein Körper noch immer von den Lehren traumatisiert. Als Lesbe kann ich allmählich die Homophobie, die ich verinnerlicht hatte, ablegen. Ich bin nicht krank und meine Wünsche sind nicht böse.

Mein Körper ist nicht krank – er versucht nur, mit mir zu kommunizieren

Vor Kurzem stieß ich auf Jamie Lee Finch, eine selbst ernannten “Beziehungsexpertin und Sexhexe”. Finch stellt sich auf Twitter entschieden gegen die Reinheitslehre. Ihre Arbeit hat mir geholfen, die physischen Manifestationen meines religiösen Traumas zu verstehen.

“Unser Körper hat eine Sprache, und diese Sprache ist unsere Muttersprache”, schreibt Finch.

“Traumata in jeglicher Form – einschließlich toxischer Erfahrungen mit fundamentalistischem Glauben – verringern unsere Fähigkeit, mit unserem Körper kommunizieren zu können; jede Art von Krankheit, Unausgewogenheit oder Störung ist der frustrierte Versuch unseres Körpers, sich wieder mit uns zu verbinden und zu uns zu sprechen.”

Mein Körper ist nicht krank – er versucht nur, mit mir zu kommunizieren. Von Finch ermutigt, lerne ich, wieder auf meinen Körper zu hören – ihn ernst zu nehmen und freundlich zu ihm zu sprechen.

Ich habe noch immer Angst, aber es geht mir langsam besser

Ich habe immer noch eine Angststörung. Ich habe immer noch Panikattacken. Aber ich übergebe mich nicht mehr, wenn ich verabredet bin. Ich kann wieder essen. Ich habe eine Partnerin, die meine Grenzen respektiert und meine Ängste versteht. Ich gehe jede Woche zur Therapie. Mein Weg ist ein schmerzhaft langsamer Prozess, aber ich mache Fortschritte.

Ich habe homosexuelle Menschen und ehemalige Christen gesehen, die die Kirche verlassen und mühelos in die Dating- und Sex-Welt eintauchen. Aber mir war es unmöglich, mich auch nur zu einem Treffen zu verabreden. Jedes Mal, wenn ich wieder auf dem Badezimmerboden lag, beschimpfte ich mich. Ich warf mir vor, verrückt zu sein.

Vor Kurzem las ich von Menschen, die ebenfalls von “I Kissed Dating Goodbye” traumatisiert wurden. Nun fühle ich mich weniger allein. Deshalb habe auch ich meine Geschichte niedergeschrieben.

Ich hoffe, dass sich irgendwo jemand anderes wertvoll und gesehen fühlt, gekannt und geliebt. 

Dieser Text erschien zuerst in der HuffPost US erschienen und wurde von Sandra Tjong aus dem Englischen übersetzt. 

(ujo/ll)