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15/05/2018 13:36 CEST | Aktualisiert 15/05/2018 13:36 CEST

Wie Mikroben uns eine umfassende Ansicht vom Leben vermitteln

Ho New / Reuters

Mikroben sind Bakterien und andere Lebewesen, die nur mit dem Mikroskop zu sehen sind. Sie leben hauptsächlich auf und in unserem Körper. Mehrheitlich sind es Bakterien, doch es gibt auch Pilze sowie ganz viele Viren. Mit anderen Worten: Billionen von Mikroorganismen bevölkern unseren Körper.

Der erste Mensch, der Mikroorganismen gesehen hat, war der 1632 im niederländischen Delft geborene Antoni van Leeuwenhoek. Er brachte sich selber bei, Linsen herzustellen und betrachtete dann im Mikroskop Wasser aus einem nahegelegenen See – und sah, „dass es in dem Wasser von Leben wimmelte.“ Eine ganze Tierwelt, von schlangenähnlichen Gebilden, die sich auf- und abwickelten bis zu ovalen Lebewesen mit vielfältigen, winzigen Füsschen, präsentierte sich seinen Augen. „Ausserdem sah er Exemplare aus einer noch kleineren Klasse von Lebewesen; sie waren tausendmal kleiner als das Auge einer Laus und ‘drehten sich mit einer Schnelligkeit, als würden wir einem Kreisel bei einer Bewegung zusehen’ – Bakterien!“, schreibt der Wissenschaftsjournalist Ed Yong in Winzige Gefährten. Wie Mikroben uns eine umfassende Ansicht vom Leben vermitteln (Verlag Antje Kunstmann, München 2018).

Mittlerweile wissen wir, dass Mikroorganismen sich auf Gehirn und Verhalten auswirken können. Untersucht wird heutzutage auch, ob Bakterien bei der Bewältigung von Stress, Ängsten und Depressionen helfen können. „Wenn man viel Alkohol trinkt, wird der Darm durchlässiger, und Mikroorganismen können das Gehirn leichter beeinflussen – wäre das vielleicht eine Erklärung dafür, warum Alkoholiker häufig unter Depressionen und Ängsten leiden? Durch unsere Ernährung verändern sich die Mikroorganismen im Darm – könnten solche Veränderungen höhere Wellen schlagen und unseren Geist beeinflussen?“

War man vor einigen Jahren noch der Auffassung, Bakterien gehörten alle abgetötet, glaubt man heute tendenziell eher, Bakterien seien unsere Freunde und wollten uns helfen. Laut Ed Yong ist die erste Aussage genau so falsch wie die zweite. „Wir können nicht einfach davon ausgehen, dass ein bestimmter Mikroorganismus ‘gut’ ist, nur weil er in uns lebt.“ Entscheidend ist – wie immer – der Zusammenhang. „Genau wie Unkraut eine Blume am falschen Platz ist, so sind auch unsere Mikroorganismen unter Umständen in einem Organ von unschätzbarem Wert, in einem anderen aber gefährlich, oder sie sind innerhalb unserer Zellen lebenswichtig und ausserhalb davon lebensbedrohlich.“

Mikroorganismen, das macht Ed Yongs Winzige Gefährten. Wie Mikroben uns eine umfassende Ansicht vom Leben vermitteln deutlich, sind allgegenwärtig und lebenswichtig. Sie formen unsere Organe, sie schützen uns vor Giften und Krankheiten, bauen unsere Nahrung ab, halten unsere Gesundheit aufrecht, regeln unser Immunsystem und steuern unser Verhalten.

Bedenkt man die Mikroorganismen mit, sieht die Welt ganz anders aus. Unsere Mitmenschen und auch die Tiere kommen uns dann wie eine Welt auf Beinen vor, „wie ein bewegliches Ökosystem, das mit anderen interagiert und sich seiner inneren Vielheiten in der Regel nicht bewusst ist.“

Eines der Phänomene, die Ed Yong aufführt, hat mich ganz speziell fasziniert: Bei unserer Geburt erben wir Gene von unserer Mutter und von unserem Vater. Die ererbten DNA-Stücke begleiten uns ein Leben lang, sie sind nicht austauschbar. Bakterien hingegen betreiben Gentransfer schon seit Jahrmilliarden. „Sie können DNA so leicht austauschen, wie wir es mit Telefonnummern, Geld oder Ideen tun. Sie legen sich einfach nebeneinander, stellen eine physische Verbindung her und schieben DNA-Stücke hindurch – das ist ihre Entsprechung zum Sex.“

Je besser wir verstehen, wie Mikroorganismen funktionieren, desto besser können wir Einfluss auf sie nehmen. Im Guten wie im Schlechten, zu unserem Nutzen als auch zu unserem Schaden. Ed Yong schildert in diesem Buch vor allem die positiven Seiten der Forschung, seine Begeisterung ist ansteckend.

Winzige Gefährten. Wie Mikroben uns eine umfassende Ansicht vom Leben vermitteln ist ein spannendes und ungemein lehrreiches Buch. Meine Sicht auf die Welt hat es definitiv verändert.