BLOG
01/10/2018 14:47 CEST | Aktualisiert 01/10/2018 14:47 CEST

Wie Meme die Gesellschaft polarisieren – oder wieder zusammenführen

Matthias Rietschel / Reuters

Kann das weitere Auseinanderdriften der Gesellschaft verhindert werden?

In Chemnitz wurde ein Mensch getötet. Einige Tage später sind 8000 „besorgte Bürger“ auf die Straße gegangen und haben zusammen mit Neonazis gegen Ausländer demonstriert. Eine Woche später versuchte eine rechte Gruppe in Hamburg Kapital aus der Situation zu schlagen und meldet eine Demo zum Thema an.

Diesmal geschieht etwas ganz anderes. Die Demo besteht aus etwas mehr als 100 Personen, aber es finden sich 10.000 Gegendemonstranten ein, um sich ihnen in den Weg zu stellen. Wieso ist das in Hamburg so und Chemnitz so anders? Diese Frage mag banal erscheinen, aber ihre exakte Beantwortung könnte eine Spaltung der Gesellschaft verhindern.

Die meisten glauben, dass eine politische Haltung etwas ist, was sich im Kopf der jeweiligen Person abspielt. Wenn die Einwohner einer Region mehrheitlich eine ähnlich Haltung haben, dann wird davon ausgegangen, dass hier gruppendynamische Prozesse am Werk sind, die mit der Kommunikation unter einander zu tun haben. Falls das zutreffen würde, wäre es theoretisch möglich, diese Personen mit Hilfe von Informationen von ihrer Meinung abzubringen.

Aus der Perspektive des Yogas ist eine Haltung – egal ob politisch oder nicht – etwas, was sich nicht im Kopf abspielt, sondern dort nur reflektiert wird. Die Haltung unseres Körpers spiegelt unsere innere Haltung wider. Unser Gehirn hat darauf Einfluss, aber dieser Einfluss ist begrenzt. Eine Haltung ist etwas materielles, was über die gedankliche Ebene hinaus geht.

Hier ist ein Mechanismus am Werk ist, der sich unterhalb der Wahrnehmungsschwelle befindet, aber sehr konkrete Auswirkungen hat. Der politische Gegner wird nicht mehr toleriert. Im Vergleich zwischen Chemnitz und Hamburg wird die andere politische Haltung nicht bloß abgelehnt – es gibt vielmehr eine Reaktion, als müsste man etwas essen, was Übelkeit auslöst oder vergiftet ist. Die Betroffenen sind glücklich, dass sie nicht dort leben müssen, wo die andere Haltung vorherrscht.

Wenn sie es doch tun müssen, sind sie innerlich angespannt. Dies ist eine körperliche Reaktion. Es fühlt sich an wie eine Art politischer Geruch, der als unerträglich empfunden wird. Wo kommt dieser Geruch her? Wenn es wirklich ein Geruch ist, dann muss er einen materiellen Ursprung haben. Er entsteht nicht bloß als Idee in unseren Köpfen. Es riecht in Chemnitz anders als in Hamburg.

Der Geruch des Rassismus

Ein Yogalehrer aus Mexiko hatte in einem Kurs über einen interessanten Aspekt von Rassismus berichtet. Er behauptete, dass die spanischen Einwanderer einen anderen Geruch haben als die einheimischen Indios. Der Geruch der Indios wird von den Einwanderern als unangenehm empfunden. Sie verbinden ihn mit etwas Fremden, während der Geruch der eigenen Bevölkerungsgruppe als angenehm empfunden wird.

Wer eine sehr feine Nase hat, kann möglicherweise tatsächlich zwischen zwei Bevölkerungsgruppen einen unterschiedlichen Geruch wahrnehmen. Dies kann alle möglichen Gründe haben. Zum Beispiel leben in unterschiedlichen Teilen der Welt unterschiedliche Bakterien, die sich im Darm oder auf der Haut einnisten. Manchmal sind die Essgewohnheiten verschieden, was den Körpergeruch beeinflusst. Vielleicht gibt es auch genetische Unterschiede, die sich auf den Geruch auswirken.

Was auch immer da riechen mag, der Geruchssinn ist der älteste Sinn des Menschen und er hat eine tiefe Wirkung auf das Unterbewusstsein. Der Geruch entscheidet oftmals, ob uns eine Person angenehm ist oder nicht. Auch in Deutschland wurden Einwanderer mit Gerüchen in Verbindung gebracht. Der „Kümmeltürke“ der nach Knoblauch riecht, ist nur eines von zahllosen Beispielen aus der jüngeren Vergangenheit. Wenn wir wissen, dass wir uns unterbewusst von Gerüchen beeinflussen lassen, können wir besser mit der eigenen Fremdenfeindlichkeit umgehen.

Wir können sagen: Ich bin diesen Geruch nicht gewöhnt, deshalb löst er in mir Unbehagen aus. Aber das sagt nichts über diesen Menschen aus, es ist eben einfach nur ein anderer Geruch. Wenn wir das nicht machen, dann erzeugt der Geruch in uns eine rational nicht erklärbare Abwehrreaktion. Wird diese von vielen Menschen geteilt, kann dies einen rassistischen Reflex auslösen. Dieser Reflex ist dann nicht mehr individuell sondern kollektiv. Wir sprechen in diesem Fall von einem fremdenfeindlichen Mem, das über den Geruch weiter verbreitet wird.

Meme als Informationsträger

Der Begriff Mem kommt ursprünglich aus der Evolutionsbiologie. Seit einiger Zeit wird er als Bezeichnung für Internetphänomene benutzt, die sich massenhaft verbreiten. Seine eigentliche Bedeutung ist aber eine andere. So wie das Gen Erbinformationen trägt, trägt das Mem soziale Informationen, die sich in den Körperzellen einnisten. Mit Hilfe von Yogaübungen und Meditation können diese Meme gezielt beeinflusst werden.

Der Geruch ist in dem Beispiel oben der materielle Träger. Der eigentliche Rassismus wird vom Bewusstsein der riechenden Menschen aufgenommen und dann unbewusst umgesetzt. Dies ist ein evolutionärer Mechanismus, über den sich Gruppenbewusstsein aufbaut. Ein Kollektiv wird durch Meme geprägt, die materiell verankert sind. Teil des Mechanismus ist es, dass er nie bei allen Mitgliedern eines Kollektives funktioniert. Es gibt immer Minderheiten, die sich davon absetzen und anderweitig orientieren.

In Hamburg und Chemnitz riecht es tatsächlich anders, schließlich gibt es viele geologische Unterschiede. Der Geruch für sich genommen erklärt nichts, aber er hilft dabei, die Mechanismen der Polarisierung zu verstehen. Die jeweils unterschiedliche politische Positionierung der Mehrheit hat sicherlich vielfältige geschichtliche Ursachen, aber dass, was sie aufrecht erhält, sind unterschiedliche Meme, die sich an diesen Orten befinden und die sich materiell verorten lassen – z.B. über den Geruch.

Das Interessante an dieser Sichtweise ist, dass es nicht nur erklärt, wieso so viele Menschen in Hamburg anders ticken als in Chemnitz. Es bietet zudem einen Handlungsrahmen, um die Haltungen der Menschen zu beeinflussen. Die Hamburger werden die Menschen in Chemnitz nicht beeinflussen können, solange sie in Hamburg bleiben. Über das Internet kann nur eine Minderheit erreicht werden, die sowieso eine ähnliche Haltung hat.

Ein Mem entsteht, wenn das Bewusstsein eines Menschen eine Erfahrung macht. Diese Erfahrung wird in den eigenen Körper, in Gegenstände um einen herum oder eben in einem Geruch gespeichert. Der Chemnitzer hat nichts von der Erfahrung des Hamburgers – und umgekehrt – solange sie sich nicht begegnen und austauschen. Und riechen. Vor dem Mauerfall wurden „Westpakete“ aus der BRD in die DDR geschickt, um die Trennung zwischen den Familien erträglicher zu machen. Diese enthielten viele kapitalistischen Meme.

Vielleicht wäre es sinnvoll, einen Geschenk-Service zwischen den fremdenfreundlichen und den fremdenfeindlichen Teilen Deutschlands zu organisieren. Die enthaltenen Meme könnten der gesellschaftlichen Polarität entgegen wirken. Noch effektiver wäre es allerdings, wenn sich die betroffenen Menschen direkt begegnen würden – sozusagen mit Leib und Seele. Welches Mem würde sich durchsetzen? Vielleicht entsteht eine ganz neue gemeinsame Haltung, eine Art Grundkonsens, der im Augenblick noch nicht absehbar ist.