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29/05/2018 18:00 CEST | Aktualisiert 31/05/2018 19:37 CEST

"Wie mein Laptop meiner Weltreise einen Sinn gab"

Ganz unbewusst bin ich diesem Trend gefolgt und fand, besser hätte es nicht laufen können.

Um die Welt reisen und dabei Geld verdienen: Das klingt nicht nur traumhaft, sondern ist sogar machbar. Unzählige sogenannte digitale Nomaden machen es vor – sie verdienen ihr Geld als Blogger oder Fotografen, Online Marketing Manager oder Softwareentwickler.

Sie arbeiten in Jobs, für die es oft nicht mehr braucht als einen Laptop und eine solide Internetverbindung.

Was steckt hinter dem Trend? Sicherlich Langeweile und Tristesse, die viele von uns in unseren oft eintönigen Büro-Jobs verspüren. Dabei waren die USA Vorreiter der Bewegung, seit 2006 schon verdienen Arbeitnehmer online und von unterwegs aus ihr Geld. 2013 ist der Trend auch in Deutschland angekommen, ein Jahr später fand die erste Konferenz zum digitalen Arbeiten statt

Der Drang nach Freiheit

Die genaue Zahl von digitalen Nomaden in Deutschland zu erfassen, ist schwierig – denn nicht jeder, der diesen Lebensstil pflegt, nennt sich auch so. Auch ist “digitaler Nomade” keine geschützte Berufsbezeichnung.

Viele, die nach diesem Arbeitsmodell leben, kommen nicht direkt aus der digitalen Welt, haben sich ihre Kenntnisse eigenständig angeeignet oder sind durch eine Verkettung glücklicher Zufälle bei ihrem aktuellen Job gelandet.

Agatha Kremplewski
Arbeiten vom Flughafen aus - manchmal geht es nicht anders als digitaler Nomade.

Was die digitalen Nomaden gemeinsam haben, ist der Drang nach Freiheit, Selbstständigkeit und Flexibilität. Und die Neugier, die Welt zu entdecken.

Dass ich selbst zeitweise digitale Nomadin war, wurde mir, ehrlich gesagt, erst ziemlich spät bewusst. Wie viele andere bin ich in diesen Lebensstil ein wenig hinein gerutscht.

Ich hatte das Gefühl, im falschen Film zu sein

Nach meinem Studium habe ich ein Volontariat in einer Online-Redaktion gemacht und habe danach im Projektmanagement eines Karrierenetzwerks gearbeitet. Mein Job dort gefiel mir, aber mir zappelten die Füße: Während meines Studium habe ich immer viel gearbeitet, bin kaum eine Woche nach meiner letzten Prüfung in den Vollzeit-Job eingestiegen. Eine richtige Pause habe ich nie gemacht.

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Doch irgendwann stellte ich mir immer öfter die Frage: Soll das nun so weitergehen? Ist das jetzt mein Leben – 40 Stunden pro Woche arbeiten, heim kommen, mit dem Hund gehen, schlafen? Obwohl alles gut lief, war ich unzufrieden. Ich hatte das Gefühl, im falschen Film zu sein.

Dank meines digitalen Nomaden-Daseins war ich neun Monate lang unterwegs

Nach zwei Jahren im Beruf hatte ich genügend Geld zusammengespart, um den entscheidenden Schritt zu wagen: Ich kündigte meinen Job, gab meine Wohnung auf und verschenkte alle meine Möbel. Ich wollte drei Monate lang reisen – oder solange mein Erspartes eben reicht.

Aus drei Monaten wurden neun. Und das habe ich vor allem den Jobs zu verdanken, die ich von unterwegs aus machen konnte.

Durch einen Zufall kam ich an einen Übersetzer-Job. Aus einem Auftrag wurden unzählige und ich übersetzte Blog-Artikel in Hostels in Albanien, in den Bergen Panamas und am Strand in Australien.

Agatha Kremplewski
Ein typischer Arbeitstag am Strand in Australien.

Alle paar Tage erhielt ich also eine Nachricht mit einem Auftrag, den ich in relativ kurzer Zeit übersetzen und zurückschicken musste. Im Schnitt arbeitete ich etwa zehn Stunden pro Woche, manchmal mehr, manchmal hatte ich auch eine Woche frei.

Außerdem übernahm ich für meine alte Firma noch kleinere Projekte im Bereich Online- oder Social-Media-Marketing.

So konnte ich nicht nur nebenbei meine Reisekasse füllen, sondern die Jobs gaben mir auch mehr Struktur. Ich konnte frei sein und von überall aus, wo ich WLAN hatte, arbeiten, ohne zu sehr in der Reise-Welt zu versacken. 

Mir war natürlich bewusst, dass ich irgendwann nach Deutschland zurückkommen und wieder sesshaft werden würde. So war die Rückkehr vom Backpacker-Dasein in die reale Berufswelt keine krasse Umstellung.

Flexibel, selbstständig und ein Hauch von Abenteuer

Die meisten, denen ich unterwegs von meinem Job als Übersetzerin und Online-Marketing-Managerin erzählte, waren beeindruckt:

“Dann bist du ja eine richtige digitale Nomadin!” “Ja? Ja, stimmt!” Ganz unbewusst bin ich diesem Trend gefolgt und fand, besser hätte es nicht laufen können.

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Die Vorteile eines solchen Arbeitslebens liegen auf der Hand - Flexibilität, Selbstständigkeit und ein Hauch von Abenteuer.

Aber trotzdem ist, wie in jedem anderen Job auch, nicht immer alles perfekt.  

Zum einen plagt sich der digitale Nomade unter Umständen mit denselben Problemen wie jeder andere Selbstständige auch: Wann kommt der nächste Auftrag? Was ist, wenn ich keine Aufträge mehr erhalte?

Die Unsicherheit kann nervtötend sein. Dass die Auftragslage stimmt und man regelmäßig neue Projekte bekommt, ist keine Selbstverständlichkeit und setzt ein wenig Eigeninitiative voraus.

Gerade, wenn man nicht vor Ort ist und somit keinen persönlichen Kundenkontakt pflegt, kann das eine Herausforderung sein.

Agatha Kremplewski
Ein Café in Albanien, in dem ich einmal einen Abend lang gearbeitet habe.

Wer durch die Welt reist, steht oft noch vor einem weiteren Problem: unterschiedliche Zeitzonen.

Nicht selten musste ich von Nicaragua oder Australien aus meinen Wecker auf vier Uhr morgens stellen, um einen Telefontermin in Deutschland wahrzunehmen oder bis in die Nacht einen Text fertig übersetzen, um die Deadline einzuhalten.

Dafür muss man dann nicht am nächsten Tag um 8 Uhr im Büro sitzen.

Arbeiten in Party-Hostels, nächtliche Termine und Internet-Wüsten

Auch einen geeigneten Arbeitsplatz zu finden, ist nicht immer einfach. Einmal saß ich in einem Party-Hostel mitten in den Bergen Panamas und versuchte, einen Text für ein Unternehmen zu schreiben.

Im Hintergrund tobte eine Salsa-Tanzstunde. Leider gab es nirgendwo in der Nähe ein Café, in das ich hätte ausweichen können und das ewig-schnulzige “Amoooor, amooor” der Salsa-Sänger machte mich halb wahnsinnig. Aber der Auftrag musste fertig werden.

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Ein anderes Mal fuhr ich in ein Öko-Hostel auf einer Insel in Nicaragua. Darüber, dass die Gegend womöglich mit keiner guten Internetverbindung ausgestattet ist, hatte mir null Gedanken gemacht.

Die Arbeit als digitaler Nomade ist nicht immer bequem

Spinnennester in der Dusche, Schlafen in einer Hängematte, Plumpsklo - alles kein Problem. Aber als ich erfuhr, dass es kein WLAN gibt, reiste ich gleich am nächsten Tag ab.

Die Betreiber des Hostels hielten mich offensichtlich für eine ziemliche Großstadt-Tussi - aber aufgrund meines Jobs konnte ich nicht mal eben ein paar Tage lang in der Wildnis verschwinden, ohne mich vorher bei meinen Auftraggebern abzumelden.

Agatha Kremplewski
Ometepe in Nicaragua - WLAN gab’s nicht überall, dafür schöne Ausblicke.

Als digitaler Nomade muss man sich darauf einstellen, dass die Arbeitsorte nicht immer komfortabel sind. Dass flexibel sein auch bedeutet, den Strandtag oder die Wanderung abzusagen und sich ein Café mit WLAN zu suchen, um zu arbeiten.

Dass man sich, je nach Ortschaft, auf mangelnde Internetverbindungen oder regelmäßige Stromausfälle einstellen muss. Aber die Vorteile überwiegen allemal.

Wie wird man eigentlich digitaler Nomade? Meine Tipps:

Ich glaube, so richtig planen kann man das nicht. Ich denke, das Wichtigste ist, dass man vieles ausprobiert. Wenn du schon vorher einen Job in der digitalen Branche hattest, ist das umso besser, aber auch nicht notwendig.

Viele Reisende verdienen sich mittlerweile auch ihren Lebensunterhalt, weil sie einfach angefangen haben, über ihre Erlebnisse zu schreiben, Fotos zu machen oder Reise-Tipps zu geben. Wichtig ist, dass man seine Nische findet oder eine bestimmte Region, über die es noch nicht genügend Infos gibt. Oder man entwickelt einen ausgefallen Stil, der User einfach anzieht.

Vielleicht bist du auch schon selbstständig und denkst darüber nach, wie du deinen Beruf mit dem Reisen verbinden kannst. Überlege dir, wie du dein Business trotz ständigem Unterwegssein kundenfreundlich gestalten kannst. Du musst ja auch nicht alle drei Tage den Ort wechseln, sondern zum Beispiel mal zwei Monate an einem Ort bleiben und schauen, wie es ist, von einem anderen Land aus zu arbeiten.

Oder vielleicht unterstützt dich dein jetziger Arbeitgeber auch bei deinem Reisewunsch? Schließlich bieten immer mehr Unternehmen flexible Arbeitsmodelle an.

Ich bin jedenfalls froh, diese neun Monate lang von unterwegs aus gearbeitet zu haben und schließe es nicht aus, das noch einmal zu tun.

Diese Zeit hat mir bewiesen: Es gibt so viele verschiedene Arbeitsmodelle, die wir uns oft nicht trauen, auszuprobieren. Also packt euren Laptop ein und auf geht’s!

(ujo)