POLITIK
17/04/2018 19:18 CEST | Aktualisiert 18/04/2018 22:30 CEST

Wie Junge Union und Junge Liberale um weibliche Mitglieder kämpfen

Und meistens scheitern.

Florian Gaertner via Getty Images

Nicht Horst Seehofer hat ein Frauen-Problem – sondern Deutschland. Durch ein ungeschicktes Foto ist das Bundesinnenministerium unter dem CSU-Chef zwar zum Sinnbild einer männerdominierten Politik geworden. Die Problematik zieht sich jedoch durch alle Ressorts – und Parteien.

Nur 29 Prozent der Minister, Staatsminister, Staatssekretäre und Abteilungsleiter der Regierung sind Frauen. 

► Genauso schlimm sieht es bei der Vergabe der Mandate im Bundestag aus: Weniger als jeder dritte Abgeordnete ist eine Frau. Der schlechteste Wert seit 1994. In der Politik kommt der gesellschaftliche Fortschritt offenbar nicht an.

► Besonders negativ fallen neben der AfD die traditionsreichen Parteien CDU, CSU und FDP auf: Bei der FDP ist jeder vierte Parlamentarier weiblich, bei der Union sogar nur jeder fünfte.

Ein Zustand, der sich im 21. Jahrhundert verbieten sollte. Gegen den vor allem die junge Polit-Generation aufbegehren könnte. Doch tut sie das?

Wir haben in den Landesverbänden der Jugendorganisationen von Union und FDP gefragt, wie die Beteiligung von Frauen bei Ihnen aussieht – und was sie tun, um mehr Frauen für ihre Politik zu begeistern.

Die Junge Union: Ein Drittel sind Frauen – mehr nicht

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JU-Chef Paul Ziemiak auf einer Pressekonferenz vor Beginn des Deutschlandtags der Jungen Union Herbst 2017

Bei der Jungen Union teilten 5 der 18 Landesverbände mit, wie viele weibliche Mitglieder sie haben. Die Ergebnisse sind ein Spiegelbild des Status Quo auf der höchsten Bundesebene.

► Auffallend: In keinem der Landesverbände, die auf die HuffPost-Anfrage geantwortet haben, sind mehr als ein Drittel der Mitglieder weiblich.

► Besonders männlich ist die Junge Union demnach in Sachsen, wo nur 24 Prozent der Mitglieder Frauen sind. In Thüringen sind immerhin 33,2 Prozent der Mitglieder weiblich, wie Landesgeschäftsführer Peter Tscherny der HuffPost berichtete.

► Ebenso bei rund einem Drittel weiblicher Mitglieder liegt die Junge Union in Schleswig-Holstein. Der Landesvorsitzende Tobias Loose erklärte: “Aktuell haben wir circa 1000 weibliche Mitglieder von 3500 Mitgliedern.” Zumindest die Tendenz sei positiv: “Vor 10 Jahren hatten wir um die 20 Prozent weibliche Mitglieder.”

Die Jungen Liberalen: Hier machen noch weniger Frauen Politik

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Bild vom Bundeskongress der Jungen Liberalen in Celle 2013

Bei den Jungen Liberalen antworteten 9 der 16 Landesverbände auf die HuffPost-Anfrage. Auch hier liegt der Anteil weiblicher Mitglieder in den meisten Bundesländern zwischen 20 und 25 Prozent. Auf über 30 Prozent kommt kein Landesverband.

In Sachsen-Anhalt ist der Anteil der JuLi-Frauen besonders gering. Der Landesvorsitzende Kai Krause sagte der HuffPost: “Der Verband hat momentan etwa 100 Mitglieder. Der weibliche Mitgliederanteil schwankte zuletzt etwa zwischen 10 bis 20 Prozent.”

Je nach Schwankungen machen in Sachsen-Anhalt damit nur rund 10 junge Frauen Politik für die Liberalen.

In Berlin sind es immerhin rund 100. “Zum Jahreswechsel 2017/2018 hatten wir bei 430 Mitgliedern einen Frauenanteil von etwa 25 Prozent”, erklärte der Landesvorsitzende David Jahn auf Anfrage der HuffPost.

► Auch in Hamburg hat der Landesverband der JuLis einen Anteil weiblicher Mitglieder von 25 bis 30 Prozent – bei insgesamt 280 Engagierten. 

Die Jungen sind nicht fortschrittlicher als die Alten

Damit sind die Jugendorganisationen der Parteien nicht erheblich weiblicher als ihre Mütter- beziehungsweise Väterparteien. Zur Bundestagswahl 2017 hatte die CDU 26 Prozent weiblicher Mitglieder, die CSU lediglich 21 Prozent. In der FDP lag der Anteil bei 23 Prozent.

Zum Vergleich: Immerhin 39 Prozent der Grünen sind Frauen, bei der SPD zumindest jedes dritte Mitglied. Die Linke liegt genau dazwischen, bei 36,5 Prozent.

Steffi Loos via Getty Images
Union und FDP: Auch in der Bundespolitik dominieren die Männer.

Es ist also noch ein weiter Weg zur Parität – und alle Parteien geloben fortwährend Besserung. Von “Erneuerung” ist die Rede – nicht nur bei den Sozialdemokraten. “Jünger und weiblicher”: So wollen sich die Parteien in Zukunft präsentieren, wie etwa Ex-Generalsekretär Peter Tauber für die CDU deklarierte.

► Doch wie, wenn aus dem eigenen Nachwuchs zu wenige Frauen hervorkommen? 

Die Junge Union ist nicht durchweg unzufrieden

Ein erster Schritt wäre die ehrliche Fehleranalyse. Doch nicht überall ist man sich der eigenen Schwächen bewusst. Paul Schäfer, Sprecher der JU Sachsen, erklärte etwa, man sei sehr zufrieden mit der Partizipation von Frauen.

Dabei ist nicht einmal jedes vierte Jugend-Mitglied in dem Bundesland weiblich. “Uns ist die Unterscheidung unserer Mitglieder in männlich oder weiblich nicht wichtig. Wichtig ist uns, dass sich jeder einbringen kann”, teilte Schäfer mit.

Mit Bianca Schulz vertrete die Jugendorganisation immerhin eine engagierte Frau im Bundesvorstand der Jungen Union. In Sachsen gibt man sich mit wenig zufrieden.

Anders in Bremen. In der Hansestadt legt der konservative Nachwuchs ein größeres Problem-Bewusstsein an den Tag. Zwar gebe es keine aktuellen Zahlen. “Mit der Partizipation von Frauen in unserem Landesverband sind wir dennoch nicht vollständig zufrieden. Auf Veranstaltungen könnte die Teilnahme höher sein”, sagte der Landesvorsitzende Phillipp van Gels der HuffPost.

In Thüringen betonen die Christdemokraten hingegen den positiven Trend. 

Die weibliche Beteiligung innerhalb der JU Thüringen habe in den letzten Jahren sowohl bei den einfachen Mitgliedern – wie auch bei den aktiv engagierten jungen Frauen in Vorständen und Arbeitskreisen – kontinuierlich zugenommen. “Wir hoffen, dass sich dieser Trend weiterhin fortsetzt”, sagte Landesgeschäftsführer Tscherny.

Liberale geben sich selbstkritisch

Bei den Jungen Liberalen mehren sich hingegen die offen kritischen Stimmen. Niedersachsens Landesvorsitzender Lars Alt spricht von einem “wesentlichen Problem”. In seinem Verband gibt es zwischen 20 und 25 Prozent Frauen. 

Alt sorgt sich um “das Verbandsklima, die programmatische Diskussion und vor allem die Außenwirkung der Jungen Liberalen und Freien Demokraten”. Das Problem liege vor allem darin, dass zu wenige Interessentinnen überhaupt einen Erstkontakt zu den Jungen Liberalen finden würden, “der Lust auf mehr macht”.

Würde die Hürde erst einmal genommen werden, wäre die weibliche Partizipation oft vorbildlich. Daher pocht Alt darauf, das Diskussionsklima bei  Veranstaltungen und Kongressen zu verbessern

In Sachsen-Anhalt gibt es ähnliche Probleme. “Mit dem aktuellen Anteil von weiblichen Mitgliedern sind wir nicht zufrieden und können uns auch nicht zufrieden geben. Dazu arbeiten wir momentan an einem speziellen Konzept”, erklärte Landeschef Krause.

“Für junge Frauen ist das demotivierend”

Das Diskussionsklima: Es könnte einer der Hauptgründe sein, warum Politik auch in den Jugendorganisationen noch eine Männerdomäne ist.

Die Soziologin Jasmin Siri von der LMU München sagte der HuffPost zuletzt: “Auch wenn sich harte Geschlechtergrenzen aufgelöst haben, selbst nach 100 Jahren Frauenwahlrecht ist das Poltern und das ausdrückliche Bekenntnis zur Macht für viele Frauen schwer umzusetzen.”

Es sei für junge Frauen häufig demotivierend, wenn sie mit diesen Strukturen konfrontiert würden.

Eine HuffPost-Umfrage unter 95 jungen Politikerinnen ergab im Januar, dass mehr als 7 von 10 Politikerinnen das Gefühl haben, ihre männlichen Kollegen würden in Diskussionen ernster genommen werden.

HuffPost / Infogram

Rund 4 von 10 Politikerinnen berichten zudem, sie würden regelmäßig in Diskussionen übertönt, unterbrochen oder übergangen.

Sexuelle Belästigung bleibt ein Thema

Doch es geht auch immer wieder um Belästigung

Die Vorsitzende eines Stadtverbandes berichtete der HuffPost anonym: “Ständig werden Mädchen bei uns belästigt.” Die Folge seien “viele Tränen und viele Austritte”.

“Die meisten machen das nicht lange mit”, bestätigte auch die Landesvorsitzende einer Jugendorganisation. Auch dadurch manifestiere sich die männliche Dominanz in ihrer Jugendorganisation. 

Soziologin Siri sagt: “Eine Politikerin oder ein Politiker werde sich vermutlich gut überlegen, ob sie einen Übergriff offen thematisiert. Denn darüber zu sprechen, könnte sie massiv beschädigen.”

Besonders die Jungen Liberalen scheinen das Problem erkannt zu haben. Der Niedersachse Lars Alt sagte der HuffPost: “Wir haben Vertrauenspersonen für unsere Veranstaltungen etabliert, die als Ansprechpartnerinnen bei sensiblen Situationen, wie Kongresspartys, zur Verfügung stehen.”

Auch in Brandenburg haben die Liberalen diesbezüglich etwas in Bewegung gesetzt. Landeschef Matti Karstedt erklärte: “Wir haben zahlreiche präventive Maßnahmen getroffen, um Diskriminierung, sexuellen Missbrauch und ähnliches unter unseren Mitgliedern zu verhindern.” 

Auch in der JU gibt es Initiativen

Die Landesverbände der Jungen Union wollen derzeit vor allem für neues Engagement werben – und engagierte weibliche Mitglieder in politische Ämter zu bekommen.

Anders als Männer brauchen Frauen oft mehr Zuspruch sich persönlich zu engagieren. Tobias Loose, CDU Schleswig-Holstein

Der Landeschef von Schleswig Holstein, Tobias Loose, analysiert selbstkritisch: “Bei der vergangenen Landtagswahl waren 2 der 5 JU-Kandidaten Frauen. Allerdings ist heute keine im schleswig-holsteinischen Landtag. Das hat aber auch damit zu tun, dass innerhalb der CDU oft männliche Platzhirsche um die 50 für weibliche Kandidaturen wenig Platz lassen.” 

Das sei aber nicht die einzige Baustelle. “Wir versuchen durch gezielte Ansprache Frauen für Politik zu begeistern. Anders als Männer, brauchen Frauen oft mehr Zuspruch sich persönlich zu engagieren”, berichtet Loose.

Auch in Nordrhein-Westfalen will die JU hier Fortschritte machen — und blickt auf erste Erfolge. Bei der Landtagswahl im vergangenen Jahr hätten junge Frauen viel Unterstützung bekommen, betont Pressreferent Yannic Kascholke.

Der Anteil der tatsächlich gewählten Abgeordnetinnen aus Reihen der JU NRW betrage sogar 50 Prozent. “Diese Vorbilder sind aus unserer Sicht auch ein Schlüssel zur Begeisterung zum Engagement für weitere Frauen.”

Bislang ist das ein Teilerfolg. Ein Teilerfolg, der zeigt, dass es geht. 

(mf)