POLITIK
19/03/2018 19:24 CET | Aktualisiert 20/03/2018 20:46 CET

Wie Julia Schramm die Linkspartei fit für das digitale Zeitalter machen will

"Eine digitale Revolution braucht eine soziale Revolution."

Schramm
  • Langweiliger und konservativer als die Linke geht es derzeit fast nicht

  • Die Berliner Linken-Politikerin Julia Schramm trägt Luxus und liest Marx – und will das ändern

Zukunft und Linkspartei – das passt ungefähr so gut zusammen wie Julia Schramm und das Café “Zimt und Zucker”, in dem sie an einem Donnerstagnachmittag in Berlin sitzt.

Nämlich auf den ersten Blick gar nicht.

Im “Zimt und Zucker” ist die Kaffeekarte übersichtlich, die Einrichtung aus schwerem, dunkelbraunen Holz wirkt antiquarisch.

Julia Schramm wiederum ist der Nachwuchsstar der Linken, manche halten sie gar für die größte Polithoffnung der Partei seit Sahra Wagenknecht.

Sie steht für Aufbruch und Erneuerung in einer Partei, die oft so konservativ und unbeweglich erscheint wie kaum eine andere im Bundestag.

Mehr zum Thema:Die deutsche Linke muss sich radikal verändern – oder sie ist schon bald mausetot

Für das “Zimt und Zucker” wie für die Linkspartei gilt: Je mehr sich die Welt verändert, desto schwerfälliger verändert man sich selbst. Überraschungen haben die Gäste – und Wähler – nicht zu befürchten.

Der modrige Geruch der AfD

Hier sitzt die 32-jährige Julia Schramm nun also und erklärt, wie sie das Links der Linkspartei ins 21. Jahrhundert übersetzen will.

Draußen ist es minus acht Grad. Julias schwarze, sommerliche Basecap ist ein fetter Mittelfinger gegen das Sauwetter. Darauf steht in weißen, großen Buchstaben Squad, auf Deutsch: Kader.

Sie hat sich uns mit ihrem Vornamen vorgestellt. Deswegen wollen wir sie auch in diesem Text einfach Julia nennen.

Um zu verstehen, was sie antreibt, warum sie heute überhaupt hier sitzt, muss man rund 70 Jahre zurückgehen in der deutschen Geschichte.

Teile der Familie ihres Großvaters wurden als Kommunisten ins KZ gesteckt.

Parteien haben die sozialen Medien ignoriert

“Das hat natürlich eine historische und emotionale Bedeutung, wenn da im Parlament die Enkelin von Hitlers Finanzminister sitzt und rechte Parolen schwingt und auf der anderen Seite sitzen Vertreter von einer Partei, deren Familien als Kommunisten im Konzentrationslager waren”, sagt sie.

dpa
AfD-Fraktionsvize Beatrix von Storch

Die Enkelin von Hitlers Finanzminister: Damit meint sie die AfD-Fraktionsvize Beatrix von Storch.

Den Abgeordneten der rechtspopulistischen Partei kann Julia kaum aus dem Weg gehen. Man begegnet sich auf den Gängen und im Fahrstuhl des Bundestages, wo sie im Büro des Fraktionschefs Dietmar Bartsch als Vorstandsreferentin arbeitet. Für ihn schreibt sie Reden und Statements.

Einmal lief von Storch an ihr vorbei, mit der sie sich auf Twitter regelmäßig heftig streitet. Die beiden wechselten kein Wort. In Erinnerung blieb Julia aber eine “Wolke von modrigem Geruch”.

Julia Schramm will das Netz nicht den anderen Parteien überlassen

Dass die AfD bei der Bundestagswahl so erfolgreich abschneiden konnte, lag auch an der Sprach- und Ideenlosigkeit der anderen Parteien auf Twitter und Facebook.

Julia formuliert das etwas vorsichtiger. Sie sagt, dass die meisten Parteien das Thema Digitalisierung und Internet zu lange ignoriert haben.

“Ohne ihren Erfolg in den sozialen Medien und die damit verbundenen Debatten wäre die AfD wahrscheinlich nicht zweistellig in den Bundestag eingezogen.”

“Ich will das Netz nicht den anderen Parteien überlassen”, sagt sie. “Und auch wir Linken haben da noch zu lernen.”

Und damit ist Julia schon bei einem zentralen Anliegen für ihre Partei: Für sie haben die Themen Internet und Digitalisierung Priorität.

Bisher kommen die Wörter “Gründer” und “Start-up” im Wahlprogramm der Linken nicht vor. Und in der Liste der wichtigsten Themen ihrer Wählerschaft liegt Internet und Digitalisierung auf dem letzten Rang.

Kein Wunder: Knapp die Hälfte der Mitglieder sind älter als 61.

Es sind verdammt ernste Zeiten. Viele Menschen leben in Existenzangst und haben mit dem Alltag zu kämpfen

Julia gehört zu einer anderen Welt, nicht nur weil sie Anfang 30 und eine Frau ist. Knapp 22.000 Menschen folgen ihr auf Twitter. Ihre politische Expertise sammelte sie bei der untergegangenen Piratenpartei, bevor sie 2016 zu den Linken wechselte.

“Es sind verdammt ernste Zeiten”, sagt sie.

“Viele Menschen leben in Existenzangst und haben mit dem Alltag zu kämpfen.” Damit meint sie jene Menschen, die nicht einmal Geld zum Heizen haben – oder um ihre Miete zu bezahlen. Eigentlich klassische Linkswähler.

Linke hat massiv Wähler an die AfD verloren

Die aber sind in vergangenen Jahren teils zur AfD gegangen. Bei der Bundestagswahl machten 400.000 ehemalige Links-Wähler ihr Kreuz bei der AfD. Gemessen an den Abstimmungsergebnissen verzeichnete keine andere Partei so hohe Verluste an die Rechtspopulisten.  

Seither kämpft die Linke in vielen westdeutschen Regionen um ihre Existenz, im Osten um ihre Stellung als Volkspartei.

Das gesellschaftliche Klima habe sich in den vergangenen Jahren so “extrem vergiftet”, sagt Julia. “Das müssen wir viel, viel ernster nehmen.”

Höhere Löhne. Mehr Umverteilung. Das sind die gängigen linken Antworten auf diese Krise, an der vermeintlich verantwortungslose Großunternehmen, Banker, aber auch neue Technologien schuld sind.

Im Wahlprogramm der Linken steht etwa: “Digitalisierung und die Arbeit und Auftragsvergabe über Clouds und Plattformen schaffen neue, oft entgrenzte und prekäre Beschäftigungsformen.”

Manche Linke sehen technischen Fortschritt zu negativ

Julia hingegen sucht Antworten auf diese Krise, die man nicht bei der Linkspartei vermutet. Für sie ist das Internet kein Alptraum, der irgendwann vorüber geht.

Ich will urlinke Ziele mit der Digitalisierung verbinden. Denn eine digitale Revolution braucht eine soziale Revolution

“Ich finde, wir sollten technische Entwicklungen nicht als Gefahr darstellen, die man aufhalten muss – sondern die daraus resultierenden sozialen Folgen betrachten und lösen”, erklärt sie.

Sie will “urlinke Ziele mit der Digitalisierung verbinden. Denn eine digitale Revolution braucht eine soziale Revolution.”

Julia ist eine der wenigen Politikerinnen innerhalb Linken, die die Bedeutung und Herausforderungen der Digitalisierung für die Arbeiterschaft verstanden hat – und darauf auch Antworten findet.

Für die Partei schrieb sie bereits an der Digitalen Agenda mit, gemeinsam mit den bekannten Netzpolitikern Martin Delius und Anke Domscheit-Berg.

► Soziale Aspekte und die Umverteilung der Gewinne sind darin wichtige Themen.

► So sei es etwa genug, 30 Stunden zu arbeiten.

► Und wenn die künftige Arbeitswelt nicht mehr für jeden einen bezahlten Job bietet, sei das Grundeinkommen die Antwort darauf. 

Teile davon finden sich auch im Wahlprogramm wieder.

► Darin wird der Zugang zu Computern und dem Internet als “ein Teil des Existenzminimums” beschrieben. 

► Die in der Werbung versprochene Bandbreite müsse auch bei den Internet-Kunden ankommen, heißt es. 

►Außerdem soll jedes Kind ein “mobiles Endgerät als Teil der Bildungsausstattung” erhalten. 

Inga Kjer via Getty Images
Linken-Fraktionschef Dietmar Bartsch

Das ist der neue Sound der Linken, an dem Julia einen gehörigen Anteil hat – und auch in Zukunft haben wird.

Mit ihrem Wechsel in das Büro von Dietmar Bartsch ist sie in den inneren Zirkel der Partei aufgestiegen.

Manchmal bedeutet das 12 Stunden harte Arbeit am Tag, von 9 bis 9.

“Die Taktung ist wahnsinnig hoch”, sagt sie und schnippt mehrmals mit den Finger. Erste Politliga eben, aber sie prägt das Bild der Linken jetzt von innen heraus mit.

Doch sie ist nicht mehr die, die für sich selbst in Interviews oder Reden spricht, sondern textet, was andere nun in die Kamera sagen. Eine neue Rolle, an die sie sich noch gewöhnen muss.

Marx und Luxus – bei Julia Schramm kein Widerspruch

“Ich habe durchaus ein schnelles Mundwerk, aber das hab ich mittlerweile gelernt, auch mal zu halten”, sagt sie. Hinter den Kulissen fühlt sie sich derzeit aber wohler und ist dort auch besser, findet sie.

Schramm / Instagram
Julia Schramm mit ihrem Buch "Es muss Liebe sein"

Vor ihrem Sprung in den Bundestag schrieb sie Bücher, ihr neustes erschien im Januar. Es ist ihr Drittes.

“Es muss Liebe sein” heißt es und ist eine Sammlung von Hassnachrichten, die sie über die Jahre bekam. Ihr wohl erfolgreichstes Buch verfasste sie über die Kanzlerin. Der Titel: “Fifty Shades of Merkel”.

100.000 Euro Vorschuss soll sie für eines ihrer Bücher erhalten haben. Das machte sie zeitlich so unabhängig, dass sie ein Marx-Seminar belegen konnte.

Von dem Honorar für ein anderes Projekt kaufte sie sich vor vier Jahren eine Luxus-Tasche der Marke MCM. Kostenpunkt: 500 Euro. “Ich habe hart gearbeitet und gönne mir das jetzt”, habe sie sich damals gesagt. Seitdem hat sie die Tasche fast immer dabei.

Marx und Luxustasche, Kommunismus und Kapitalismus – es gibt kaum einen Artikel über Julia, der die vermeintlichen Widersprüche nicht thematisiert.

Und tatsächlich versteckt sie diese Widersprüche nicht. Bei unserem Treffen  trägt sie etwa ein Oberteil der Billigmarke Primark, hergestellt in China, ein Produkt der Globalisierung. Marx und vielen Linken würde das vermutlich Tränen in die Augen treiben.

Julia nicht. Sie hat kein Problem damit zu provozieren.

Auf Twitter etwa legt sie sich schon seit Jahren mit Rechten an. In der Häufigkeit, mit der sie Tweets absetzt, wirkt sie wie Marx’ digitales Maschinengewehr.

Schramm / Instagram
Julia Schramm beim Angeln und Abschalten

In einer Rede auf der Konferenz “Republica” in Berlin sagte sie schon 2016: “In Neuland wird scharf geschossen”. Neuland, so nannte Kanzlerin Merkel das Internet noch 2013, als Facebook schon fast zehn Jahre online war.

Ihren wohl größte Shitstorm bekam sie, als sie den provokanten Reim “Sauerkraut, Kartoffelbrei, Bomber Harris, Feuer frei” twitterte.

Der Brite Harris befahl Bombardements deutscher Städte wie Dresden. Seither führen sie die Rechten unter dem Begriff Deutschlandhasserin.

Doch für eine Deutschlandhasserin hat sie jedenfalls ein sehr deutsches Hobby. Kürzlich hat sie einen Angelschein gemacht. Dann fährt sie raus aus der Hauptstadt ins ländliche Brandenburg. Am oder auf dem See genießt sie die Stille, schaltet ab.

Mitten im Funkloch. Ganz ohne Netz.

(mf)