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06/12/2018 12:35 CET | Aktualisiert 06/12/2018 12:35 CET

Wie Indien traditionelles Ayurveda mit Künstlicher Intelligenz vereint

Fotolia © donyanedomam

Massagen, Kräuter und Diät - Ayurveda ist in Deutschland vor allem aus dem Wellness-Bereich bekannt. Doch im Ursprungsland Indien ist die traditionelle Methode sehr viel mehr als eine bloße Entspannungstechnik. Der Begriff Ayurveda bedeutet übersetzt „Wissen vom Leben“. Die Heilkunst gilt auf dem indischen Subkontinent als gleichwertig mit der westlichen Medizin und wird an Universitäten gelehrt. Nun soll die Tradition in die digitale Moderne überführt werden. Denn in Indien werden Heilpraktiker schon bald mit der Hilfe von Künstlicher Intelligenz arbeiten.

Im Oktober einigten sich Indien und Japan darauf, traditionelle indische Heilmethoden wie Ayurveda und Yoga gemeinsam zu fördern. In einer Kooperationsvereinbarung einigten sich das indische „Ministry of AYUSH“ – das Ministerium für Ayurveda, Yoga und Naturheilkunde, Unani, Siddha und Homöopathie – und die Regionalregierung der japanischen Präfektur Kanagawa auf eine enge Zusammenarbeit. Konkret heißt das, dass japanische Entwicklungen im Bereich der Künstlichen Intelligenz mit der jahrtausendealten indischen Heilkunst verbunden werden sollen. Was für westliche Ohren seltsam klingen mag, verwundert in Asien kaum jemanden. Denn dort liegen Tradition und High-Tech sehr viel näher beieinander als bei uns.

Was ist Ayurveda?

„Ayurveda folgt einem ganzheitlichen Ansatz“, sagt die Ayurveda-Therapeutin Swapna Alex-Abraham aus Zürich. Eine zentrale Rolle spielen die drei Bioenergien, sogenannte "Doshas": Vata, Pitta und Kapha. Sie sind die dynamischen Funktionsprinzipien, welche in einem für jeden Menschen individuellen Gleichgewicht, die körperliche Konstitution und Gesundheit prägen. Wenn dieses Gleichgewicht gestört sei, dann käme es zu Krankheiten, erklärt Alex-Abraham. Um Balance wiederherzustellen werden zum Beispiel bestimmte Ernährungsweisen empfohlen, aber auch Kuren und Massagen. Die Grundlage für solche Empfehlungen ist ein umfangreiches Gespräch. Im Rahmen dieser „ganzheitlichen Standortbestimmung“ stellt die Therapeutin dem Klienten nicht nur Fragen zum körperlichen Wohlbefinden, sondern auch zu seinen Lebensgewohnheiten und zu seinem sozialen Umfeld.

Professor Bhushan Patwardhan forscht an der Universität von Pune im indischen Bundesstaat Maharashtra. Der Naturwissenschaftler versucht, eine Brücke zu schlagen zwischen der westlich geprägten Wissenschaft auf der einen und der Philosophie und Spiritualität Asiens auf der anderen Seite. „Wenn wir Traditionen mit einer kritischen, aber nicht abweisenden Haltung betrachten, dann können indische Gesundheitstraditionen wie Ayurveda eine Führungsrolle übernehmen, indem sie aktiv mit globalen Initiativen zur Systembiologie und der personalisierten Medizin zusammenarbeiten“, schreibt Bhushan Patwardhan in einem Fachartikel. Entwicklungspotenzial sieht er vor allem in Bereichen wie der Präventivmedizin oder bei patientenzentrierten Behandlungsmethoden. Hier kann die moderne Medizin seiner Ansicht nach von einer ganzheitlichen Sichtweise profitieren.

Mit Ayurveda dem Genom auf der Spur

Am Institut für Genomik und Integrative Biologie in Neu-Dehli untersucht die Forscherin Bhavana Prasher die Zusammenhänge zwischen Ayurveda und dem menschlichen Genom. Den Forschungsbereich nennt sie „Ayurgenomics“. Ayurveda-Praktizierende glauben, dass bestimmte Prädispositionen entscheidend sind für die Erfolgsaussichten einer Therapie. Und die Genomstudien der letzten Jahre scheinen diese Behauptung weitgehend zu belegen. In einer Reihe von Untersuchungen haben Prasher und ihre Kollegen nachweisen können, dass Menschen, die nach Ayurveda-Maßstäben in die Kategorien Vata, Pitta und Kapha eingeteilt wurden, tatsächlich subtile Unterschiede in ihrer Genstruktur aufwiesen. Diese Abweichungen könnten demnach Auswirkungen auf das Risiko für Blutungen, Fettleibigkeit, Herzinfarkt oder andere Erkrankungen haben.

Doch Bhavana Prasher und ihre Kollegen haben nicht nur gezeigt, dass es einen nachweisbaren Zusammenhang zwischen der Genstruktur und den Ayurveda-Methoden gibt. Ihr Ziel sei es, die traditionelle Heilmethode von der subjektiven Sichtweise des Therapeuten zu lösen, sagten die Wissenschaftler gegenüber The Telegraph India. Ihr Ansatz ziele darauf ab, objektive Kriterien zur Einstufung der Patienten zu finden. Die Patiententypen sollten demnach anhand von Körpergröße, Verhalten, Hautbild, Darmtätigkeiten oder Ernährungspräferenzen bestimmt werden. Die uralten Heilmethoden sollen denselben wissenschaftlichen Standards genügen können wie die westliche Schulmedizin.

Künstliche Intelligenz und althergebrachte Heilkunst

Den Durchbruch dazu soll Künstliche Intelligenz bringen. Denn lernfähige Maschinen könnten die Patienten in Zukunft noch besser untersuchen, meinen die Forscher. „Ein Computer könnte helfen, die richtigen Prakriti zuzuordnen und traditionelle Praktizierende könnten diese Informationen für Diagnose und Therapieentscheidungen verwenden“, sagte Prasher. Im Rahmen ihrer aktuellen Forschung füttern die Wissenschaftler eine Künstliche Intelligenz mit den Diagnosen von Ayurveda-Praktizierenden. Ihr Team besteht aus Experten unterschiedlicher Fachrichtungen: von Biologen und Mediziner über Statistikspezialisten bis hin zu Informatikern.

Doch die Konkurrenz schläft nicht. Auch im aufstrebenden Nachbarland China wird die Künstliche Intelligenz genutzt, um die traditionelle chinesische Heilkunde ins 21. Jahrhundert zu beamen. Im November 2017 eröffnete in der Provinz Zhejiang die erste Klinik, die KI-Technologie und traditionelle Heilpraxis miteinander verbindet. Vor diesem Hintergrund erscheint es kaum verwunderlich, dass Indien und Japan ihre Kräfte bündeln wollen. Die Zukunft wird zeigen, ob mit diesen Ansätzen tatsächlich moderne Heilmethoden entwickelt werden können, die der westlichen Medizin womöglich sogar überlegen sind.