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21/05/2018 14:46 CEST | Aktualisiert 19/10/2018 11:50 CEST

Wie in dieser Stadt eine Parallelwirtschaft entsteht, in der alle profitieren

Die Keimzelle einer gerechteren Wirtschaft.

David Ehl
Ben Brangwyn ist "Doctor Bike".

“Was ist die Diagnose bei der Kette, Doktor?”, fragt der Mann mit der Schiebermütze, dem das Mountainbike gehört. Als er noch in London als Koch arbeitete, sei es sein bester Freund gewesen.

Aber hier, im ländlichen Südengland, habe er sich ein Auto angeschafft, Kinder bekommen, und sein Fahrrad setzte Staub an. Jetzt steht die Kette starr vor lauter Rost und lässt sich nur widerwillig von “Doctor Bike” alias Ben Brangwyn bearbeiten.

“Das wird ein bisschen dauern”, sagt er, trägt großzügig Kettenfett auf und verteilt es mit der freien Hand. Seine türkisblauen Gummihandschuhe reinigt er an einem öligen Lumpen. 

Kostenloser Service für ein besseres Zusammenleben

Dann reißt Doctor Bike kräftig am Pedal, etwas holprig lässt sich die Kette übers Zahnrad ziehen und bringt das Hinterrad in Schwung. “Einige sind noch hartnäckig – denen gebe ich noch etwas Liebe”, sagt Brangwyn und wiederholt die Prozedur. 

David Ehl
Kundengespräch: Ist mein Mountainbike noch zu retten?

Das Mountainbike mit der rostigen Kette ist das vierte Fahrrad, das an diesem Tag auf dem Ständer von Doctor Bike landet: Jeden Samstag von 9.30 bis 14 Uhr (es sei denn, das Wetter ist selbst für britische Verhältnisse schlecht) bietet er seine Dienste auf dem Wochenmarkt im südenglischen Städtchen Totnes an.

Und zwar kostenlos, um Totnes seiner Vision einer Fahrradstadt näher zu bringen – als Teil der “Gift Economy”, wie Brangwyn es nennt.

David Ehl
Ein Auto weniger: Auch Ben Brangwyns mobile Fahrradwerkstatt bewegt sich ohne Motor.

Im Hauptberuf arbeitet er beim Transition Town Network, das hier in Totnes seinen Anfang nahm und die Welt und ihre Bewohner ein Stückchen nachhaltiger machen will. “Vielleicht ist beides gar nicht so unähnlich”, sagt Brangwyn. “Ob ich rostige Fahrräder in Ordnung bringe oder die eingerostete Gesellschaft …”

Netzwerken für den Wandel

Totnes ist mit seinen pittoresken Gässchen ein Stück Bilderbuch-England und gleichzeitig die Heimat einer etwas elitären grünen Szene, wie man sie sonst in Freiburg oder in Prenzlauer Berg antrifft.

In diesem Milieu beschloss der aus Irland zugezogene Rob Hopkins im Jahr 2006, eine gesellschaftliche Antwort auf “Peak Oil” zu geben und den Klimawandel und seine Stadt nachhaltiger zu machen.

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Totnes wurde die erste Transition Town von mittlerweile mindestens 1.500 Orten in mehr als 50 Ländern. Genaue Zahlen, erklärt Ben Brangwyn, habe das Netzwerk gar nicht, weil einige Initiativen, die mit den Materialien arbeiten, nur auf Landesebene oder überhaupt nicht angedockt sind.

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Das darüber stehende Netzwerk beschäftigt rund 15 Mitarbeiter und finanziert sich überwiegend aus Stiftungsgeldern (ein großer Sponsor aus dem Ausland wird geheim gehalten, einige Stiftungen sind in Großbritannien ansässig).

Die inhaltliche Arbeit der Transition Towns findet in verschiedenen Bereichen statt:

► Nahrungsmittel sollen näher am Verbraucher produziert werden. Dabei helfen zum Beispiel Gemeinschaftsgärten oder Ernährungsräte, die eine lokale Lebensmittelwirtschaft stützen sollen.

► Energie soll gemeinschaftlich und nachhaltig produziert werden (und der Verbrauch gesenkt).

► Wirtschaft soll gemeinwohlorientierter und nachhaltiger werden.

► Kunst und Kultur sind wichtige Mittel für viele Transition Towns, um die Vision eines Wandels kreativ darzustellen.

► Die psychische Gesundheit der Mitstreiter ist dem Transition Town Network wichtig – deshalb sind die Gruppenprogramme so gestaltet, dass sie Überforderung und Burnout verhindern sollen.

Ein Kernelement ist also das Lokale: Je näher Acker und Teller beisammen sind und je kleiner ein Wirtschaftskreislauf insgesamt ist, desto weniger Transportaufwand ist notwendig – und desto weniger Kapital wandert aus der Region ab.

Lokales Geld für lokale Wirtschaft

Um die Bürger und Betriebe von Totnes besser zu vernetzen und die lokale Wirtschaft zu verbinden, gibt es seit dem Jahr 2007 den Totnes Pound. Die Währung ist direkt an den britischen Pfund Sterling gekoppelt und kann nur innerhalb des Städtchens ausgegeben werden.

So sollen Regionalwährungen wie der Totnes Pound sicherstellen, dass Kapital auch tatsächlich im unmittelbaren Wirtschaftskreislauf verbleibt und dort direkt investiert wird, anstatt zu Großkonzernen und am Ende in irgendeine Steueroase zu fließen.

David Ehl
Währungshüter: John Elfords Wohnzimmer ist die Zentralbank von Totnes.

Mit ihrer Regionalwährung waren die Menschen in Totnes zwar nicht die Ersten – in dem österreichischen Bergdorf Wörgl hat eine ähnliche Währung bereits in den 1930er-Jahren die Folgen der Wirtschaftskrise abgefedert.

Aber der Totnes Pound ist eine der Regionalwährungen, die sich weltweit am längsten behauptet haben. Trotzdem ist Währungshüter John Elford nicht gerade euphorisch.

Der Totnes Pound gehört so sehr zu Totnes, dass wir kaum eine Möglichkeit hätten, ihn abzuschaffen, selbst wenn wir es wollten.

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“Der Totnes Pound sieht von außen groß aus, aber es gibt nur eine geringe Anzahl von Transaktionen”, sagt Elford bei einer Tasse Tee in seinem Wohnzimmer in Totnes.

Seit etwa acht Jahren betreut er den Totnes Pound, indem er vor allem die rund 40 teilnehmenden Läden mit frischem Geld versorgt oder Scheine in Sterling umtauscht.

“Im ganzen letzten Jahr habe ich das ungefähr zwanzig Mal gemacht”, sagt John Elford. Das sagt zwar nichts über die tatsächliche Geld-Zirkulation aus, aber Elford schätzt, dass auch die sich in Grenzen hält.

Wenn du das Geld einfach nur ausgibst und es denselben Wert wie der Sterling hat, fragst du dich, was ist der Vorteil? Wir haben versucht, die Ladeninhaber davon zu überzeugen, Rabatte auf Bezahlungen mit Totnes Pound zu geben – aber die Margen sind einfach zu gering”, sagt Elford.

Totnes Pound
Regionalgeld: Seit dem Jahr 2014 gibt es den Totnes Pound im aktuellen Design mit berühmten Söhnen und Töchtern der Stadt. Die 1-Pfund-Note zeigt die Schriftstellerin Mary Wesley, der 5-Pfund-Schein den Mathematiker Charles Babbage, die 10-Pfund-Note den Musiker Ben Howard und der 21-Pfund-Schein (ja, ernsthaft!) zeigt die Philantropin Dorothy Elmhirst. Außerdem kann man den Totnes Pound auf dem Smartphone digital nutzen.

Also sucht Elford nach anderen Anreizen, den Totnes Pound zu nutzen. Die Währung ist mit Pfund Sterling gedeckt – auf dem Deckungskonto liegen 18.000 Pfund. In Totnes Pounds dürfte aber wesentlich weniger im Umlauf sein, da immer wieder Scheine verloren gehen oder bei Sammlern landen.

Mit den Totnes Pounds, die er ohne frische Deckung aus dem Nichts erschaffen könnte, will John Elford neue Menschen zu seiner Währung bringen, zum Beispiel mit Verlosungen oder Preisgeldern.

Am wichtigsten ist der Anreiz für die lokale Währung

Hauptsächlich tüftelt John Elford jedoch an der Frage, wie ein Anreiz für eine regelmäßige Nutzung des Totnes Pounds aussehen könnte, um die Einschränkungen der auf wenige Produkte und Dienstleistungen limitierten Währung auszugleichen:

“Wir müssen die Währung essenziell machen. Es muss Produkte oder Dienstleistungen geben, die nur in Totnes Pound bezahlt werden können. Die Frage ist nur, was könnte das sein?”, sagt Elford.

David Ehl
Gebrauchsanweisung: Doctor Bike akzeptiert Totnes Pounds, Pasteten von Riverford, Umarmungen, Zeit und Tauschgeschäfte – aber keine britischen Pfund.

Ben Brangwyn und die Gift Economy

Einer, der explizit keine Pfund Sterling als Lohn für seine Arbeit annimmt, wohl aber Totnes Pounds, Pasteten und Umarmungen, ist “Doctor Bike” Ben Brangwyn.

Seine allwöchentliche Mechaniker-Arbeit auf dem Wochenmarkt bezeichnet er als “Gift Economy”, frei nach der sozialistischen Idee: Wenn wir alle einander etwas schenken, bekommt jeder etwas, aber keiner ist käuflich.

Den Besitzer des Fahrrads mit der rostigen Kette bittet er nur um 5 bis 10 Pfund für die neuen Bremskabel und -schläuche, die er gerade montiert.

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“Wir durchlaufen gerade eine wirklich tiefe Umstrukturierung”, sagt Ben Brangwyn, und meint nicht die Fahrradbremsen, sondern das Transition Network.

Transparenz nach außen

“Eine meiner Aufgaben ist, das alles möglichst transparent zu gestalten, damit Menschen außerhalb der Organisation verstehen können, was wir tun und warum. – Verdammt, ich dachte, ich hätte noch mehr von dem Kabel.”

Ein Herzstück dieser neuen Transparenz soll der sogenannte “Healthcheck” werden – ein Evaluierungsbogen, mit dem die einzelnen Initiativen bereits seit Längerem die eigenen Stärken und Schwächen reflektieren, indem sie Leitfragen beantworten.

Brangwyns Vision ist, dass dieser regelmäßige “Healthcheck” nicht mehr auf dem Papier, sondern digital stattfindet und dass die Daten auch für andere zugänglich sind.

David Ehl
Straßenszene: Britischer kann eine Stadt kaum aussehen.

“Das hilft in zweierlei Weise: Wir können sehr eng mit ihnen zusammenarbeiten, und es gibt uns einen wunderbaren Überblick.” So könnten aus den Daten der einzelnen Gruppen sogar größere Erkenntnisse gewonnen werden.

“Sagen wir, Spanien ist gut darin, die Kommunalverwaltungen mit ins Boot zu holen, Deutschland ist gut in der Arbeit mit alten Menschen”, sagt Ben Brangwyn als Beispiel.

Der hochkomplexe und bislang sehr wenig greifbare Nachhaltigkeitswandel innerhalb des Netzwerks könnte so messbar und international vergleichbar werden. Ob die Daten nur innerhalb des Netzwerks oder für jedermann zugänglich gemacht werden sollen, ist noch nicht entschieden.

Fahrradreparatur im Tausch für ein Mittagessen

“Aber”, sagt Brangwyn, “das hilft uns, gezielt auf Spender zuzugehen und zu sagen: Deutschland hat Nachholbedarf in dem und dem Bereich – hier ist der Beweis.” Und auch Initiativen selbst können so herausfinden, von wem sie auf welchem Feld lernen können.

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Bei dem alten Mountainbike improvisiert “Doctor Bike” derweil: “Die Kabel für die Bremsen und für die Gangschaltung sind unterschiedlich dick. Das für die Gangschaltung ist etwas dünner, aber ich habe die richtigen Kabel nicht, also nutze ich die dickeren.”

Mit routinierten Handgriffen schiebt er ein Stahlkabel durch die Ummantelung am Rahmen und spannt es in die Gangschaltung ein. Dann nimmt er das Rad vom Ständer ab, setzt sich drauf und fährt die Rampe zur Stadthalle hoch und wieder herunter.

Die Kette knackt noch manchmal, aber sie läuft über die Zahnräder. Das Mountainbike ist wieder fahrtüchtig – Ben Brangwyn bekommt zum Dank ein warmes Mittagessen.

Der Artikel ist zuerst bei Perspective Daily erschienen.

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