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25/01/2018 10:16 CET | Aktualisiert 26/01/2018 16:37 CET

Mütter werden in Deutschland unfair behandelt

In Frankreich gibt es das Wort "Rabenmutter" gar nicht.

KidStock via Getty Images
"Ich finde, dass in Deutschland sehr viel Druck auf Frauen ausgeübt wird. Sie gelten schnell als “Rabenmütter“ – ein Wort, das es in Frankreich gar nicht gibt."

Als ich erfahren habe, dass ich schwanger bin, lebte ich gerade in Frankfurt. Dort war ich bei einem Risikokapital-Investor angestellt.

Frankfurt war nicht die erste Stadt in Deutschland, in der ich gewohnt hatte. Zuvor hatte ich in Frankreich und in Berlin Ingenieurwissenschaften studiert.

Meine Zeit in Deutschland zeigte mir die unfaire Behandlung gegenüber Müttern

In dem Moment, als ich wusste, dass ein Kind unterwegs war, wollte ich eine Entscheidung für ein Land treffen.

Nachdem ich alle privaten und beruflichen Aspekte abgewogen hatte, habe ich mich für Frankreich entschieden. Denn trotz meiner Liebe zu Deutschland sprachen am Ende mehr Gründe für Frankreich.

Zum einen sind viele meiner Freunde und meine Familie in Paris und ich hatte dort ein tolles Jobangebot. Zum anderen erlebte ich in meiner Zeit in Deutschland, dass Mütter ziemlich unfair behandelt werden.

Mehr zum Thema: Warum ich schon nach einem Monat Mutterschutz wieder arbeiten gehen wollte

Meine deutschen Freunde waren schockiert

Ein Beispiel: Die Diskriminierung fing in Frankfurt schon an, bevor ich überhaupt das Kind bekommen hatte. Jeder meiner Kollegen und Bekannten dort fragte mich, wie lange ich vorhabe, in Elternzeit zu gehen.

Für mich waren vier Monate Pause immer die perfekte Zeit. Doch meine deutschen Freunde hat das schockiert: “Wie, du nimmst dir kein Jahr Zeit?” Das hat sich für mich schon wie ein Vorwurf angehört.

Ich finde, dass in Deutschland sehr viel Druck auf Frauen ausgeübt wird, die kürzer als ein Jahr in Elternzeit gehen. Sie gelten schnell als “Rabenmütter“ – ein Wort, das es in Frankreich gar nicht gibt.

Rabenmutter oder Abhängig vom Mann

Ein klares Plus, was für das System hierzulande steht: In Deutschland können Frauen viel Elternzeit nehmen, wenn sie es wollen. Übrigens länger und finanziell deutlich besser unterstützt als in Frankreich.

Schöpfen sie diese Elternzeit nicht voll aus, stehen sie allerdings schnell als schlechte Mütter da, die sich nicht gut um ihre Kinder kümmern. Wenn sie eine längere Zeit zu Hause bei ihrem Kind bleiben, dann wird ihnen oft unterstellt, sie seien von ihrem Mann abhängig.

Eine Zwickmühle für deutsche Mütter. Hinzu kommt, dass die Politik in Deutschland stark darauf ausgerichtet ist, Eltern zu unterstützen, die zu Hause bleiben.

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Jede Frau sollte die freie Wahl haben

In Frankreich fließen die Finanzen doch mehr in Richtung Kinderbetreuung, in Krippen und in Zuschüsse für Kinderbetreuung zu Hause.

Das spiegelt sich auch in der Gesellschaft wider: Hier in Frankreich waren meine Freunde eher überrascht, dass ich “erst“ vier Monate nach der Geburt meiner Tochter wieder arbeiten wollte. Denn für französische Verhältnisse ist das lang.

Was besser ist, muss jeder für sich selbst entscheiden. Am Ende sollte jede Frau die freie Wahl haben ohne, dass über sie geurteilt wird. Das finde ich in beiden Ländern noch nicht ausreichend gelöst.

Eine richtige Elternzeit gibt es in Frankreich nicht

Von einem Elterngeld wie in Deutschland können wir nur träumen: In Frankreich haben Mütter nämlich nur insgesamt 16 Wochen Mutterschutz - sechs Wochen vor der Geburt des Kindes und zehn Wochen danach.

In der Zeit bekommen sie ihr normales Gehalt. Eine richtige Elternzeit danach gibt es nicht, nur eine sehr geringe finanzielle Unterstützung vom Staat, wenn sich ein Elternteil entschließt, nicht oder nur in Teilzeit zu arbeiten.  

Allerdings ist es in Frankreich leichter, sein Kind betreuen zu lassen, wenn man wieder in den Job zurückkommt. Die Zahl der Krippenplätze ist im Gegensatz zu Deutschland ausreichend. 

Sollten Eltern doch keinen Platz für ihr Kind haben, dann suchen sie eine Nanny – und der Staat bezuschusst das. Dieser Service sorgt dafür, dass in Frankreich sehr viele Mütter schnell nach der Geburt ihres Kindes wieder arbeiten können – und wollen. 

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Wir haben als Frauen noch einen langen Weg vor uns

Doch es ist für Frauen durchaus nicht alles besser in Frankreich. Eigentlich finde ich, dass beide Länder in Sachen Frauenförderung noch im 19. Jahrhundert feststecken. 

Es ist sowohl in Frankreich als auch in Deutschland noch ein weiter Weg zur Gleichstellung. Das funktioniert nur auf der Basis von Respekt und der festen Überzeugung, dass Frauen genauso viel können wie Männer.

Und diese Einstellung ist in beiden Ländern noch nicht wirklich angekommen. Da haben wir noch einen langen Weg vor uns, den wir uns als Frauen täglich bewusst machen müssen.

Das Protokoll wurde von Katharina Schneider aufgezeichnet.

Clémentine Lalande ist die Co-CEO der Slow-Dating App Once, die in mittlerweile acht Ländern das Online Dating revolutioniert. Sie startete ihre Karriere als Projektleiterin in der Boston Consulting Group und wurde danach Venture Capital Investorin. Nach ihrem Studium an der Ecole Centrale de Paris und der Technischen Universität Berlin arbeitete sie insgesamt drei Jahre in Deutschland – in Berlin und Frankfurt. Clémentine spricht vier Sprachen, ist verheiratet und hat eine zweijährige Tochter.