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16/10/2018 19:30 CEST | Aktualisiert 17/10/2018 10:01 CEST

Wie ich einen Sugar-Daddy suchte und etwas Besseres fand

Wir gestehen uns gegenseitig so viele Freiheiten wie möglich zu und können über alles reden.

Peter Dazeley via Getty Images

Angefangen hat alles mit einem Jobangebot. Während eines Urlaubs lernte ich den Chef eines Hotels kennen. Als wir abends zusammen saßen, fragte er mich, ob ich nicht Lust hätte, für eine Saison in seinem Restaurant zu arbeiten. Der Mann, der knapp 20 Jahre älter war als ich, war sympathisch und gutaussehend.

Eigentlich bin ich Studentin und freie Journalistin. Mit der Gastronomie hatte ich nicht viel am Hut – abgesehen von nächtlichen Dönerbuden-Besuchen. Aber der Geldbeutel war nicht besonders prall gefüllt und ich nahm den Job über die Wintersemesterferien an.

Mit meinem Chef verstand ich mich sehr gut. Nach ein paar Abenden, die wir zusammen mit einigen Gläsern Wein im Personalzimmer verbrachten, führte eins zum anderen. Ich lernte die Früchte des Alters zu schätzen und ging mit ihm ins Bett.

Ich registrierte mich bei einem Sugar-Daddy-Portal

Daraus entsprang auch die Idee, mein knappes Studentenbudget durch Treffen mit betuchten, älteren Männern aufzubessern. Im Internet recherchierte ich über Sugar-Daddys, ältere Männer, die im Gegenzug für jugendliche Gesellschaft finanzielle Sicherheit bieten.

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► Ich suchte mir ein einschlägiges Portal. Die Anmeldung war nicht komplizierter als bei herkömmlichen sozialen Netzwerken. Ich legte mir einen Decknamen zu, lud ein Profilbild hoch, das genug zeigte, um authentisch zu wirken und zu wenig, um mich auf der Straße identifizieren zu können.

Dazu schrieb ich noch einen kurzen Text, der nicht so wirkte, als sei ich ein geldgeiles Luder auf der Suche nach einem Melkesel. Beliebt sind zum Beispiel Schlagwörter wie “Mentoring”viele Sugar-Daddys lesen gerne, dass es den Mädchen nur darum gehe, etwas vom reifen, erfahrenen Mann zu lernen.

Und dann gingen die Chats los.

Die Liaison mit meinem Chef ging weiter

Ein Michael S. schrieb mir als erster: groß, 43, braune Haare, verschmitztes Lächeln und die Arme im schwarzen Anzug dominant vor der Brust verschränkt. Ein wenig Smalltalk und dann antwortete er nicht mehr. Egal, denn kurz darauf erreichte mich eine Flut von Nachrichten verschiedenster Sugar-Daddys: “Wie viel kostet ein Date?”, “Hast du Lust mit mir in die Schweiz zu fahren?”, “Hättest du Probleme mit einem sehr dominanten Mann?”

Ein Nutzer namens Sven war ganz angetan, eine “normale Gesprächspartnerin“ auf dem Portal gefunden zu haben. Sein letztes Sugar-Babe habe sich gewünscht, bei ihm daheim Kätzchen zu spielen, dabei Windeln zu tragen und sich den Po von ihm pudern zu lassen.

Mich erreichte eine Flut von Nachrichten: “Wie viel kostet ein Date?”, “Hast du Lust mit mir in die Schweiz zu fahren?”, “Hättest du Probleme mit einem sehr dominanten Mann?”

► Er gab mir einen ersten Einblick, was in den Tiefen der Sugaring-Vermittlung so vor sich geht. Meine Liaison mit meinem Chef ging derweil jedoch weiter.

Obwohl ich nicht mehr für ihn arbeitete, trafen wir uns immer wieder in schicken Hotels, gingen essen und verbrachten zusammen spannende Abende. Ich erzählte ihm von meinen neuen Finanzplänen, da wir ein ziemlich offenes Verhältnis hatten.

“Dass das nichts für dich ist, weißt du selbst. Aber die Erfahrung musst du selber machen“, antwortete er.

Die Gespräche verliefen immer wieder im Sand

Meine Suche nach einem persönlichen Investor lief parallel weiter. Immer wieder mischten sich unter die Gesprächspartner auch Profile attraktiver Männer mittleren Alters – Paradebeispiele eines Sugar-Babe-Traums. Aber die Gespräche verliefen immer wieder im Sand.

Immer mehr bekam ich den Eindruck, dass diese Profile vom Portal betrieben werden, um die potenziellen Sugar-Babes bei Laune zu halten. Meistens hatten die vermeintlichen Fakes nur ein einziges Profilbild, das aussah wie das Muster-Bewerbungsfoto für eine Managementposition oder eine Handvoll Schnappschüsse, die alle vor demselben Swimmingpool einer Mittelklasse-Vorstadtvilla aufgenommen wurden.

► Ich startete also einen neuen Versuch mit Tom, der nur 15 Kilometer entfernt wohnte – nicht gerade ein Adonis, aber doch recht witzig. Als ich ihm schrieb, dass ich Hunger habe, bot er mir an, meinen Kühlschrank zu füllen.

Mich für Fertigpizza und Kohlrabi verkaufen?

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Auf einmal fühlte es sich nicht mehr an wie ein exklusives Jetset-Leben

Auf einmal fühlte sich das gar nicht mehr nach einem exklusiven Jetset-Lifestyle an. Je mehr Männer ich kennenlernte, desto mehr verhärtete sich mein Verdacht, dass die meisten nicht etwa gut betucht und auf der Suche nach Abenteuern sind, sondern vielmehr auf der verzweifelten Suche nach einer Partnerin.

► Vielleicht haben zahlreiche Enttäuschungen sie zu dem Gedanken verleitet, dass ihre Persönlichkeit nicht ausreiche, um eine nette Frau kennenzulernen. Mich machte das Ganze eher traurig.

Ich löschte mein Profil also nach zweimonatiger Suche, ohne auch nur einen Mann getroffen oder einen Cent verdient zu haben. Ich wollte nicht dazu beitragen, einsamen Singles oder unglücklichen Ehemännern das Gefühl zu geben, sich Liebe, Nähe oder Zärtlichkeit erkaufen zu müssen.

Mit meinem Ex-Chef verbringe ich immer noch gerne Zeit

Mit meinem Ex-Chef treffe ich mich jedoch weiterhin. Wenn ich die ganze Sache reflektiere, stelle ich fest, dass ich in ihm etwas viel Besseres als einen Sugar-Daddy gefunden habe. Er unterstützt mich zwar ab und zu bei meiner Miete und lädt mich zu schönen Urlauben ein, aber vor allem verbringe ich auch verdammt gerne Zeit mit ihm.

Ich genieße es, mir von ihm Lebensratschläge geben zu lassen und er hebt gerne meinen Lebensstandard. Durch ihn habe ich erfahren, wie relativ doch das Alter ist, wenn sich zwei Menschen einfach gut verstehen.

► Wenn wir Händchen haltend durch die Stadt laufen, verdrehen die Menschen den Kopf nach uns. Mich stört das nicht. Ich sehe es eher als Pionierarbeit, um gesellschaftliche Tabus aufzubrechen.

Welche Art von Beziehung wir haben, wissen wir selbst nicht. Hartnäckig behaupten wir immer: gar keine. Das ist natürlich Quatsch. Dass wir in irgendeiner Form einer zwischenmenschlichen Beziehung zueinander stehen, lässt sich nicht verleugnen. Aber wir versuchen das Ganze einfach nicht zu definieren.

Seit kurzem reden wir sogar über Gefühle

Dadurch, dass wir uns nicht den Hut überstreifen, unser Verhältnis durch vorgefertigte Beziehungsformen bestimmen zu lassen, können wir unsere Beziehung jeden Tag neu gestalten. Wir gestehen uns gegenseitig so viele Freiheiten wie möglich zu und können über alles reden – vor kurzem sogar über ernsthafte Gefühle.

Vielleicht lässt es sich als offene Beziehung beschreiben, vielleicht ist er mein Sugar-Daddy. Sollte das so sein, kann ich mit dem Sugar-Daddy-Konzept ganz gut leben. Bedeutet Sugaring allerdings, sich wie auf einem Viehmarkt im Internet zu präsentieren, bin ich persönlich raus.