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08/10/2018 21:49 CEST | Aktualisiert 08/10/2018 22:59 CEST

Ich bin auf russische Propaganda reingefallen – das ist die perfide Masche

„Russland ist ein großes Land und braucht einen starken Führer“, schrieb die vermeintliche Feministin im Internet.

Screenshot / Youtube
Eine Szene aus dem Video.

Ich habe neulich eine Geschichte erlebt, die mir im Nachhinein sehr peinlich ist. Und doch möchte ich sie erzählen – weil sie zeigt, wie gefährlich moderne Desinformationskampagnen sind.

Es war vor gut einer Woche, irgendwann nach Feierabend. Ich saß auf meinem Sofa und scrollte durch meine Facebook-Timeline. Einer meiner Freunde hatte einen Artikel aus dem Webangebot des Deutschlandfunks gepostet. Über ein Video, das gerade im Netz die Runde machete.

Zu sehen war eine angebliche feministische Aktivistin namens Anna Dowgaljuk, die breitbeinig sitzenden Männern in der St. Petersburger U-Bahn eine Flüssigkeit in den Schritt kippte. Ein vermeintlicher Protest gegen das, was Feministinnen „Manspreading“ nennen. Damit ist das breitbeinige Sitzen von Männern in öffentlichen Verkehrsmitteln gemeint, sodass andere Passagiere weniger Platz haben. 

Im Text stand, dass es sich bei der Flüssigkeit um Bleichmittel handelte. Also eine chemische Verbindung, die organische Stoffe in Textilien zerstört und bisweilen auch hautreizend wirken kann. Und es wurde weitgehend kritiklos über die angeblichen gesellschaftspolitischen Absichten der Frau berichtet.

Keine Gewalt als Mittel der politischen Auseinandersetzung

Ich habe nichts gegen Feminismus und Gleichberechtigung. Allerdings bin ich gegen Gewalt als Mittel der politischen Auseinandersetzung. Da bin ich ziemlich konsequent. Egal, ob sie sich gegen Menschen oder Gegenstände richtet und egal, ob sie nun von links oder von rechts kommt. Ich kann mit dieser Form der Radikalität nichts anfangen.

Ich habe geglaubt, was ich dort gelesen habe. Die Quelle, immerhin der Deutschlandfunk, schien mir vertrauenswürdig. Und ich habe mich im Stillen auch über diese Form des aktivistischen Feminismus aufgeregt.

Am Montagmorgen veröffentlichte der Watchblog “EU vs. Desinformation” nun eine Analyse zu dem Video. Das Angebot wird vom Europäischen Auswärtigen Dienst der EU betrieben und wendet sich gegen Manipulationsversuche im öffentlichen Raum.

► Was ich bis dahin nicht wusste: Das Video ist auch deswegen zum viralen Hit geworden, weil es von der Seite “In the Now” verbreitet wurde. Das Angebot gehört zum russischen Staatssender RT. Allein auf der Facebookseite von „In the Now“ hat das Video bis heute 6,5 Millionen Abrufe.

Mehr noch: In der Analyse wird auch ein Artikel des russischen Online-Magazins „Bumaga“ zitiert, das in St. Petersburg ansässig ist und als eine der wenigen freien Stimmen in der russischen Medienlandschaft gilt.

Die Journalisten von „Bumaga“ haben einen der Männer gefunden, die angeblich mit Bleiche übergossen wurden. Er gab in den sozialen Medien zu, dass er dafür bezahlt wurde, ein „Opfer“ zu spielen und prahlte damit, dass er mit zwei Wechselhosen zum Set gekommen und mit einem Honorar nach Hause gegangen sei.

Als „Bumaga“ ihn darauf ansprach, löschte er seinen Beitrag.

Vermeintliche Feministin entpuppt sich als Putin-Fan

► Ebenfalls pikant: Anna Dowgaljuk, die angebliche Aktivistin, hatte in den sozialen Medien mit ihrer Stimme für Wladimir Putin bei der Präsidentschaftswahl im März dieses Jahres kokettiert.

„Russland ist ein großes Land mit einer großen Zukunft und es braucht einen starken Führer“, schrieb sie auf Instagram. Dazu die Hashtags: #Wahlen2018, #putinteam und #kremlin_putin und ein Bild von einem Wahlzettel mit einem Häkchen im Feld des Kandidaten Wladimir Wladimirowitsch Putin.

Wir wissen also, dass mindestens ein angebliches Opfer fürs Schauspielen bezahlt wurde. Außerdem, dass die vermeintlich sozialkritische Aktivistin eine stramme Putin-Anhängerin ist. Und dass dieses Video durch die 6,4 Millionen Abrufe auf der Seite einer Kreml-Publikation eine enorme Publizität erfuhr.

“Manspreading-Video war inszenierte Kreml-Propaganda”

Ich finde die Schlussfolgerung von „EU vs. Desinformation“ durchaus überzeugend, so wie sie in der Überschrift der Analyse steht: „Virales ‚Manspreading’-Video war inszenierte Kreml-Propaganda“.

Das ist auch deswegen schlüssig, weil das Video einen bekannten Propaganda-Ansatz verfolgt, wenn auch mit einem neuen Thema. Dabei geht es um die Spaltung von politischen Öffentlichkeiten. Die Macher von modernen Desinformationskampagnen sind auf der Suche nach Möglichkeiten, um bereits bestehende politische Konflikte gezielt anzufachen.

Der daraus entstehende Streit schwächt nicht nur die Konsensfähigkeit von demokratischen Gesellschaften. Er führt auch zu einer Radikalisierung in der politischen Debatte. Wir verletzen uns so lange gegenseitig, bis wir uns nicht mehr vertrauen.

Solche Propaganda kann man nicht zu jedem x-beliebigen Thema machen. Sie braucht einen Markt.

Wie Andersdenkende zu Feinden werden

Bleiben wir bei meinem Beispiel: Ich habe was gegen radikalen Aktivismus, der sich in Gewalt äußert. Deswegen war ich bereit zu glauben, was ich in dem Video gesehen hatte – ich fürchte ja tatsächlich, dass politische Gewalt zunimmt. Und folgerichtig habe ich mich empört.

Die Autoren des Deutschlandfunk-Textes dagegen fanden die Aktion zumindest debattenfähig. Und die selbsternannten Gender-Kritiker wiederum werden vor Wut gekocht haben, weil sie ohnehin schon immer geglaubt haben, dass Feministinnen verrückt geworden seien.

Genauso entsteht der perfekte Shitstorm, an dessen Ende wir alle unsere kleinen Verletzungen nach Hause tragen und in unserem Glauben bestärkt werden, dass Andersdenkende zu unseren Feinden geworden sind.

► Wie man solchen Dingen entgegen wirken kann? Ich habe mir jedenfalls vorgenommen, das nächste Mal noch intensiver nach der Quelle für solche Informationen zu suchen, bevor ich mich empöre.

Und uns allen wäre damit geholfen, wenn wir nicht immer gleich annehmen würden, dass unsere vermeintlichen politischen Gegner zum Schlimmsten fähig sind. Manchmal steckt dahinter eben nur der Versuch, uns gegeneinander aufzuhetzen.