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04/06/2018 18:01 CEST | Aktualisiert 04/06/2018 18:10 CEST

Wie Estland mit kostenlosen Bussen durchs ganze Land Armut bekämpfen will

"Die ganze Gesellschaft wird davon profitieren."

AGrigorjeva via Getty Images
Ab Juli können Bürger mit dem Bus kostenlos durch ganz Estland fahren.

Ihr lebt nicht in Estland? Dann werdet ihr neidisch sein, wenn ihr diese Geschichte lest. Denn ab dem 1. Juli können alle Einwohner durch ganz Estland reisen, ohne auch nur einmal ihren Geldbeutel zu zücken.

Dieser Schritt baut auf dem ambitionierten Projekt auf, das in der Hauptstadt Tallinn bereits umgesetzt wird. Dort können die Bewohner seit 2013 kostenlos mit Stadtbussen, Trams, Oberleitungsbussen und Zügen fahren.

► Und bald können die Estländer den Bus im ganzen Land kostenlos nutzen können.

Dabei gibt es aber auch ein paar Einschränkungen. Die Estländer können zwar umsonst die Busse der verschiedenen Landkreise nutzen, aber keine Züge. Für Zuge wird es aber bald auch Subventionen geben, die die Tickets für das staatliche Bahnnetz billiger machen werden.

Mehr Mobilität für Bürger mit geringem Einkommen

In den Städten selbst – außer eben in Tallinn – müssen die Passagiere auch weiterhin zahlen, um das Nahverkehrsnetz zu nutzen.

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Trotzdem: Der Schritt von Estland ist weltweit einzigartig – und ein großartiges Vorbild.

Es wird das weltweit größte Projekt eines kostenlosen, landesweiten öffentlichen Verkehrsnetz sein.

Oberstes Ziel: Mehr Mobilität für Bürger mit geringem Einkommen. Nicht nur, um zu reisen, sondern auch, um so leichter Jobs zu finden.

Auch für die Umwelt kann es positive Auswirkungen haben. Denn die Verfechter des Projekts hoffen, dass dadurch die Zahl der Autos auf den Straßen sinkt und so Emissionen reduziert werden.

Die Nutzung des Nahverkehrs ist in Tallinn um 14 Prozent gestiegen

Doch wie vielversprechend ist das Ganze?

Wenn sie keine Tickets verkaufen, bedeutet das für die Busbetreiber, dass ihnen massiv Einnahmen fehlen. Dem will die estländische Regierung entgegenwirken, indem sie den Unternehmen 13 Millionen Euro zugesagt hat – finanziert aus Steuergeldern.

Außerdem gibt das Projekt in Tallinn bereits einige Aufschlüsse darüber, wie sich die neue Initiative auf nationaler Ebene abspielen könnte.

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In Tallinn gibt es seit 2013 kostenlosen Nahverkehr

Oded Cats ist Assistenz-Professor für Verkehr und Planung an der Delft Universität für Technologie in Holland. Er hat die Auswirkungen des Stadtprojekts im ersten Jahr untersucht.

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Obwohl seine Studie zeigt, dass die Nutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln um 14 Prozent gestiegen ist, fand er keine “eindeutigen Belege” dafür, dass die kostenlosen Fahrten einkommensschwachen- oder erwerbslosen Einwohnern geholfen hätten.

Auch wenn diese Menschen dadurch mobiler wurden, gibt es bislang keine Indizien dafür, dass sich ihre Berufsaussichten dadurch verbessert hätten.

Allan Alaküla ist Leiter des Büros der Europäischen Union in Tallinn und der offizielle Sprecher für das städtische Verkehrsprojekt. Trotz der Studie pocht er darauf, dass ein von der Stadt selbst durchgeführtes Gutachten zeige, dass einkommensschwache Leute sehr glücklich über den kostenlosen Busverkehr seien.

Soll einen Anreiz bieten, dass die Bürger seltener mit dem Auto fahren – oder am besten gar nicht

“Die kostenlose Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel gibt diesen Menschen die Möglichkeit, in einem weiteren Umfeld auf Jobsuche zu gehen und Arbeitsstellen in einem größeren Radius anzunehmen, als es ihnen zu Fuß möglich wäre”, sagte er der HuffPost.

Neben den Vorteilen für die Umwelt hat Cats Studie auch gezeigt, dass sich der Autoverkehr um 10 Prozent reduziert hat.

► Laut der Studie sind es vor allem Menschen, die schon vorher mit dem Nahverkehr unterwegs waren, die jetzt noch häufiger mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs sind. Aber auch solche, die früher mehr zu Fuß unterwegs waren.

“Wir hoffen, dass es den Leuten einen Anreiz gibt, um ihr Auto weniger zu nutzen oder es für den Weg zur Arbeit ganz stehen zu lassen”, sagt Alaküla.

Er sagt, dass der kostenlose Nahverkehr das Potential habe, um Staus und Luftverschmutzung auf den Straßen zu reduzieren. Dafür müssten aber auch noch andere Maßnahmen umgesetzt werden.

Kostenlose öffentliche Verkehrsmittel allein reichen nicht

“In Tallinn haben wir, neben dem kostenlosen Nahverkehr, verschiedene Maßnahmen ergriffen, um den Autoverkehr zu reduzieren. Es gibt spezielle Busspuren, wir haben mehr Stellplätze für Fahrräder geschaffen. Zudem haben wir die Parkgebühren an den Straßen erhöht und die Zahl der Parkplätze reduziert.”

Auch Cats meint, der kostenlose Nahverkehr müsse mit anderen Maßnahmen kombiniert werden, um die Leute wirklich vom Autofahren zu lösen.

“Der Fahrpreis für den Personennahverkehr ist nur selten der Grund, warum Leute vom Auto auf die Öffentlichen umsteigen”, sagt er.

“Wenn man das Autofahren teurer macht, dann bewirkt das was. Aber gleichzeitig muss man den öffentlichen Nahverkehr auch attraktiver machen. Ein gut funktionierendes System erfordert eine langfristige Bindung.”

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Damit die Idee so richtig einschlägt, wird es allerdings noch einiger Überzeugungsarbeit brauchen. Eine aktuelle Umfrage zeigt, dass nur 25 Prozent der Landbevölkerung Estlands hinter den Plänen stehen.

Noch gibt es Skeptiker

“Leute vom Land nutzen die öffentlichen Verkehrsmittel nicht wirklich, weil die Qualität der Dienstleistung bislang nicht gut war – der Service hat Lücken, mancherorts fahren zu wenig Busse”, erklärt Aivar Voog, Studienleiter der estländischen Forschungsagentur “Kantar Emor”.

Die Menschen seien skeptisch, weil ein Service gefördert werden, der im ländlichen Raum bislang mangelhaft war.

Das Projekt ist zweifelsohne eine Herausforderung.

Ein Verkehrssystem zu finanzieren, dass nicht nur kostenlos, sondern auch landesweit und effizient funktionieren soll, damit viele Leute befördert werden können, ist zweifelsohne kein leichtes Unterfangen.

Aber das hält andere europäische Länder nicht davon ab, Ähnliches zu wagen.

Die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo hat eine Studie in Auftrag gegeben, um die Vor- und Nachteile eines kostenlosen Nahverkehrs in der französischen Hauptstadt zu diskutieren. Angetrieben von dem Wunsch, die Zahl der extrem umweltschädlichen Fahrzeuge auf den Straßen zu reduzieren.

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Letztlich stehen und fallen die Projekte immer mit den Kosten. Seit 2012 ist die Metro in der Innenstadt von Seattle nicht mehr kostenlos, weil die Stadt es sich nicht länger leisten kann. 

Besonders für gesellschaftlichen mit großer sozialer Ungleichheit ein spannendes Konzept

Die steigenden Kosten haben auch die belgische Stadt Hasselt dazu gezwungen, die Fahrtkosten 2013 wieder einzuführen – nachdem 16 Jahre lang das Busfahren umsonst war. 

Auch in deutschen Städten werden immer wieder Projekte zu kostenlosem Nahverkehr getestet – doch bislang scheitert das auch oft an der Finanzierung.

Befürworter finden aber, kostenloses Reisen zu finanzieren sei notwendig und wertvoll, wenn man Gesellschaft nachhaltig verändern will.

“Es macht Sinn, wenn die kostenlosen öffentlichen Verkehrsmittel durch Steuergelder finanziert werden, weil die ganze Gesellschaft davon profitiert und nicht nur diejenigen, die auch damit fahren”, sagt João Peschanski, ein Forscher von der Universität in Wisconsin-Madison. Er hat unterschiedliche Systeme für einen kostenlosen Personennahverkehr auf der ganzen Welt untersucht.

“Besonders für Gesellschaften, in denen Armut und Ungleichheit herrscht, ist es ein wichtiges Konzept.

Denn ohne diese Unterstützung für die Mobilität haben manche Menschen keinen Zugang zu Ressourcen wie Jobs, Kultur und Freizeitangeboten.”

Dieser Artikel erschien zuerst bei der HuffPost USA und wurde von Patrick Steinke aus dem Englischen übersetzt und von Uschi Jonas angepasst.