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28/02/2018 17:12 CET | Aktualisiert 01/03/2018 11:36 CET

Wie es Großstädte in Amerika schaffen, Obdachlose auch bei Eiseskälte zu beschützen

"Es muss sicher und menschenwürdig sein."

Carlo Allegri / Reuters
Ein obdachloser Mann in New York
  • Wenn die Temperaturen immer niedriger werden, leiden vor allem Obdachlose 
  • Vier Städte in Amerika zeigen, wie den Menschen am besten geholfen werden kann

Minus 5 Grad, minus 10 Grad, minus 15 Grad. Europa erlebt eine Kältewelle, wie es sie länger nicht gegeben hat. Darunter leiden besonders obdachlose Menschen. Vor allem diejenigen, die nicht in Unterkünften schlafen wollen oder dort keinen Platz mehr finden.

In Deutschland leben geschätzt 52.000 Menschen auf der Straße. Vier sind in diesem Winter bereits erfroren.

Der Bürgermeister von Etterbeek, einer Gemeinde in Brüssel, hat deshalb am 26. Februar veranlasst, dass alle Obdachlosen, die sich weigerten, in Notunterkünfte zu gehen, zum Selbstschutz festgenommen werden.

Eine radikale Entscheidung, die mehrere Organisationen gegenüber der HuffPost als “freiheitsberaubend” und “bedauerlich” verurteilen.

Was ist also wichtiger – Freiheit oder Leben?

So schützen Großstädte in Amerika Obdachlose

In Europa sorgt der Schutz für Obdachlose schon für Aufregung, wenn es nur ein paar Tage kalt ist. Aber wie sieht es dann in Städten aus, in denen Minusgrade im Winter Alltag sind?

Die HuffPost hat mit Hilfsverbänden in Kanada und den USA gesprochen, um dieser Frage nachzugehen. Und Beispiele gefunden, von denen Europa, also auch Deutschland, lernen kann.

Mehr zum Thema: Ich kam als Flüchtling nach Deutschland und baue Häuser für Obdachlose – weil ich weiß, was es bedeutet, Hilfe zu brauchen

► Auch auf der anderen Seite des Atlantiks gibt es keine Wunderlösungen, um zu vermeiden, dass obdachlose Menschen auf der Straße sterben – egal ob im Sommer oder Winter. Aber es existieren wirksame Mittel, die Zahl der Opfer zu begrenzen.

Montreal: “Es gibt eine Menge Geld, um Obdachlosen zu helfen”

“Hier in Montreal haben wir eine Initiative, die Obdachlose ermutigen soll, in Sozialunterkünfte zu kommen”, sagt Pierre Gaudreau, Vorsitzender des Obdachlosen-Hilfnetzwerks von Montreal. “Wir wollen sie nicht bestrafen oder ausgrenzen, wie beispielsweise durch erzwungenes Einsperren.”

► Mit unterschiedlichen Maßnahmen will die Stadt den Obdachlosen helfen. “Jeden Abend sind ungefähr hundert Freiwillige und Polizisten unterwegs, um auf sie aufzupassen. Wenn sie im Freien bleiben wollen, sorgen wir dafür, dass sie etwas haben, um sich zuzudecken.”

Außerdem gibt es Shuttles, in denen sich Obdachlose aufwärmen können, wenn die Zugänge zur Metro zumachen.

“Aber die Hauptarbeit besteht darin, die Menschen dazu zu bewegen, mit uns in die Unterkünfte zu kommen”, erklärt Gaudreau.

ROBERT LABERGE via Getty Images
Eine Obdachlosen-Unterkunft in Montreal

In den Unterkünften ist immer viel los. Es gibt welche für Männer und welche für Frauen. “Sie sind das ganze Jahr lang ausgelastet, nicht nur im Winter.” Deshalb werden neue Räume geschaffen. Mehrere Projekte in der Stadt sind dabei, die Kapazitäten auszuweiten.

Das Geld dafür kommt vor allem von der Regierung von Quebec und der Stadt selbst. “Es gibt eine Menge Geld, um Obdachlosen zu helfen”, sagt Gaudreau.

Und weiter: “Für diejenigen, die nicht in die Unterkünfte zurückkommen wollen, haben wir eine neue Lösung gefunden: die sogenannten ‘Wärmehallen’.”

► Die Hallen sind Orte, an denen sich die Menschen für einen Moment aufwärmen können – und zwar gemeinsam mit ihren Partnern und Familien. Das ist in den Unterbringungszentren so nicht möglich. Von Anfang Dezember bis April sind die Hallen geöffnet.

Chicago: Hallen der Wärme

Wenn es sehr kalt ist, werden auch in den USA solche “Hallen der Wärme” genutzt. So zum Beispiel in Chicago. “Es ist tagsüber ein sicherer Ort für Obdachlose. Aber es reicht nicht, es gibt nicht genügend Betten, keine festen Unterkünfte für alle, die eine benötigen würden”, erklärt Doug Schenkelberg, der Direktor von “Chicago Homeless”. Er verweist auf die klassischen Unterkünfte. 

Jim Young / Reuters
Ein Arzt, der sich um Obdachlose in Chicago kümmert

Aber: Wenn man ihn fragt, ob Obdachlose dazu gezwungen werden sollten, nachts in Räumen zu schlafen, ist seine Antwort eindeutig: “Die Polizei in Chicago kann niemanden dafür verhaften, dass er Schutz ablehnt oder jemanden dazu zwingen, dorthin zu gehen.”

New York: Jeder Obdachlose muss eine Unterkunft bekommen 

In New York ist die Zahl der Obdachlosen in den vergangenen Jahren dramatisch angestiegen. Inzwischen leben 14 Prozent aller Obdachlosen in den USA in New York.

► 1979 klagte ein ehemaliger Kriegsveteran aus Korea gegen die Stadt, weil er im Freien schlafen musste. Er gewann – und seitdem ist die Stadt rechtlich verpflichtet, Obdachlose unterzubringen.

Shannon Stapleton / Reuters
Freiwillige Helfer in einer Obdachlosen-Unterkunft in Brooklyn

Das ist aus mehreren Gründen eine schwere Last für Bürgermeister Bill de Blasio. Zum einen protestiert die Bevölkerung systematisch gegen die Einrichtung neuer Unterkunftszentren. Gleichzeitig gibt es wenig Platz und Mittel, um neue Zentren zu bauen.

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► Trotzdem hat der Bürgermeister im Jahr 2015 das “Home-Stat”-Programm eingerichtet. Ein spezielles Programm, das darauf aufbaut, dass 300 Sozialarbeiter und 100 Polizeibeamte die im Freien lebenden Menschen überwachen und sie psychologisch und medizinisch unterstützen.

Das ultimative Ziel de Blasios: Für alle eine Unterbringung finden. Das klingt utopisch, aber der Bürgermeister glaubt daran.

Der Artikel ist zuerst in der französischen Ausgabe der HuffPost erschienen und wurde von Uschi Jonas übersetzt und angepasst.

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