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27/11/2018 12:09 CET | Aktualisiert 27/11/2018 12:09 CET

Wie es ist, mit einer Depression zu leben, wenn dir keiner glaubt

Wir funktionieren, aber es geht uns dabei nicht gut.

Joelle Riding / EyeEm via Getty Images
Malvika Padin muss immer wieder beweisen, dass sie depressiv ist. (Symbolbild)

Malvika Padin studiert Journalismus, arbeitet, scheint nach außen hin ganz normal zu sein – und ist trotzdem depressiv. Ihre Krankheit verläuft nicht typisch: Trotz Depression kann Padin ihren Alltag bewältigen, leidet deswegen aber nicht weniger. 

In ihrem Blog-Artikel beschreibt Padin eine Art der Depression, die viele Menschen nicht kennen und berichtet, wie sie mit ihrer Krankheit damit lebt.

Jeden Morgen wache ich auf, erledige, was man morgens eben so zu erledigen hat, gehe in den Unterricht, lächle die Leute an und spreche mit ihnen, wie man es von mir erwartet. Ich bin eine voll funktionierende erwachsene Frau. Was die meisten nicht wissen: Diese voll funktionierende erwachsene Frau leidet unter einer lähmenden Depression und Angststörung.

► “Du siehst nicht deprimiert aus.” 

► “Bei dir läuft doch alles, warum solltest du deprimiert sein?”

► “Dir scheint es gut zu gehen.”

► “Ich bin sicher, es ist nur eine Phase.”

Bekäme ich jedes Mal einen Cent, wenn mich jemand (sehr erfolglos) mit solchen Sprüchen aufheitern will, müsste ich definitiv nicht mehr arbeiten gehen.

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Bei Depressionen denkt man an Menschen, dessen Leben in Trümmern liegen

Solche Kommentare sind natürlich niemandem vorzuwerfen. Die meisten Menschen hören Depression und denken sofort an ein schluchzendes Häuflein von Mensch, das nie aus dem Bett kommt, dessen Leben in Trümmern liegt, ohne, dass etwas vorangehen würde.

Auf mich trifft keine dieser angeblichen Eigenschaften eines depressiven Menschen zu. Insofern kann ich nicht unter Depressionen leiden, oder?

Ich funktioniere extrem gut, äußerlich scheint alles in Ordnung zu sein. Ich nehme meinen Unterricht und meine Arbeit ernst, verschiebe nichts, was ich erledigen muss, gehe aus, treffe Menschen und kann herzhaft lachen.

Doch wenn ich durch die Straßen gehe, wenn ich durch soziale Medien scrolle, wenn ich mich für einen Netflix-Marathon auf dem Sofa einrolle, bricht plötzlich alles über mir zusammen. Ich bin in Tränen aufgelöst, ohne jegliche Hoffnung. Ich habe eine depressive Phase. Irgendetwas hat sie ausgelöst. Oder vielleicht wurde sie nicht speziell ausgelöst, aber sie hat mich heimgesucht – und das mit Sicherheit nicht nur, um sich nach einem kurzen Hallo wieder zu verabschieden.

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Nicht die Depression selbst ist das eigentliche Problem – obwohl, natürlich, ein Problem ist. Aber noch unangenehmer als mein quälender psychischer Zustand ist die Reaktion der Menschen darauf.

Auch depressive Menschen funktionieren im Alltag

Gut zu funktionieren ist an sich ein Segen. Ich kann Dinge erledigen und das Leben und seine Möglichkeiten wahrnehmen. Aber vielen Menschen geht es nicht in den Kopf, dass eine depressive Person, genauso wie eine mental gesunde, alles erledigen kann. Und egal, wie sehr ich es zu erklären versuche, die Bedeutung von “Hallo, ich bin deprimiert, aber ich bin nicht erloschen” scheint an ihnen vorüber zu ziehen.

Die Vorstellung einer hochfunktionalen Depression ist den Menschen offenbar fremd. Und für Betroffene ist es anstrengend, mit diesem fremden Phänomen zurechtzukommen. Du musst ständig prüfen, ob du Hilfe brauchst. An schlechten Tagen fühlst du dich schrecklich, weil du nicht das Beste aus dir herausgeholt hast. Und wenn dir ständig alle Leute sagen, dass du nicht depressiv bist, fängst du an, dich selbst in Frage zu stellen. Selbstzweifel sind nie gut für einen bereits verwirrten, angeschlagenen Geist.

Ich kann meine Depression nicht “einfach überwinden”

Auch wenn Menschen die Komplexität von hochfunktionalen Depressionen nicht gänzlich erfassen können, wünsche ich mir, dass sie eines verstehen: Ich kann sie nicht “einfach überwinden”. Ich brauche das gleiche Maß an Pflege und Unterstützung, das Menschen mit anderen psychischen (oder physischen) Problemen bekommen – sowohl von den ganz normalen Leuten als auch von medizinischem Fachpersonal.

Wir funktionieren, aber es geht uns dabei nicht gut. Ich würde mich freuen, wenn die Leute das verstünden. Ich würde gerne in all den Cents schwimmen, die ich für die oben genannten “aufmunternden Worten” bekommen hätte.

Aber noch lieber wäre es mir, die Leute akzeptierten mich, wie ich bin. Dass sie akzeptieren, dass ich zwar perfekt funktioniere, aber depressiv bin. Und dass ich jeden Tag an Besserung arbeite. Das Mindeste, was du tun kannst, ist, das zu verstehen.

Dieser Text erschien ursprünglich in der US-Ausgabe der HuffPost und wurde aus dem Englischen übersetzt von Sandra Tjong.