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09/12/2018 13:31 CET | Aktualisiert 09/12/2018 19:58 CET

"Pseudo-Inzest-Storys verkaufen sich gut": Bekenntnisse eine Erotikbuch-Autorin

Als Nicht-Erotik-Autorin war ich zuerst zurückhaltend und nervös, aber bald fiel es mir leichter.

Nina Sinitskaya via Getty Images
"Die erotische Literatur vergiftete meine Seele", meint Autorin Tiffany White. (Symbolbild)

Die Autorin Tiffany White hat sich eine Zeit lang ihren Lebensunterhalt damit verdient, erotische E-Books unter einem Pseudonym zu schreiben. Was sich zunächst nach Spaß anhörte, wurde für die junge Frau irgendwann unerträglich: Harte Sex-Szenen und Pseudo-Inzest-Geschichten gehören zum Geschäft mit dazu, musste White lernen.

Ich lese keine Liebesromane. Dieses Genre verbinde ich immer noch mit meiner Mutter, die überall im Haus Stapel von Groschenroman-Heftchen auftürmte.

Während meine Kindheitsfreunde und ich uns im Bälleparadies gegenseitig mit Plastikbällen bewarfen, saß meine Mutter in einer Ecke und verschlang Bücher mit Titeln wie “Der Korsett-Mörder”. 

► Deshalb nahm ich diese Art der Literatur nie ernst, geschweige denn hätte ich mir vorstellen können, selbst Derartiges zu schreiben.

Doch nachdem ich in einem Buchladen ein paar quälende Minuten lang in “Fifty Shades of Grey“ geblättert hatte, kam mir derselbe Gedanken wie Millionen anderen: “Also diesen Mist kann ich auch schreiben.“Ein paar Jahre später hatte ich die Gelegenheit, es auszuprobieren.

Über reiche Idioten und ihre sexuellen Eskapaden schreiben

Damals sah ich mich gerade nach Schreibaufträgen um, als ich auf eine Anzeige stieß, in der ein E-Book-Verlag Ghostwriter für erotische Liebesromane suchte. Mir war schon bewusst, was für eine Art von Job das war – normalerweise ist die Bezahlung lächerlich gering.

Aber diese Firma gab an, dass aufgrund von Werbung mehr Geld herausspringen könnte. Aber abgesehen vom Geld dachte ich mir, dass diese Arbeit richtig Spaß machen könnte.

► Über reiche Idioten und ihre sexuellen Eskapaden zu schreiben und dafür bezahlt werden? Wofür sonst habe ich schließlich Englisch studiert?

Nach einer umfangreichen Bewerbungsmappe und einem kurzen Telefoninterview wurde mir umgehend der Job angeboten. Noch in derselben Woche begann ich mit dem ersten Auftrag.

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Wir waren ein Team von 20 Leuten unter einem gemeinsamen Pseudonym

Die Vorgehensweise bestand darin, dass Autoren abwechselnd Kapitel schreiben. Jeder Roman hatte ungefähr 30 Kapitel mit jeweils 1500 Wörtern. Die Handlung des Romans stand bereits im Vorhinein fest.

Entsprechend erhielten wir mit jedem Auftrag eine Zusammenfassung dessen, was im Kapitel geschehen sollte. Da jeder Ghostwriter war, arbeiteten wir alle unter einem gemeinsamen Pseudonym.

Erotik ist nach wie vor ein großes Geschäft – und das meistverkaufte Genre bei Amazon.

►  Es war ein brillantes System, unglaublich effizient. Ein Team von 20 Leuten konnte binnen einer Woche problemlos einen Roman vollenden.

Zu sehen, wie alles Form annahm, vom ersten Handlungsentwurf bis hin zum redigierten fertigen Manuskript, war faszinierend.

Die Menschen wollen unterhalten und angetörnt werden

► Erotik ist nach wie vor ein großes Geschäft – und das meistverkaufte Genre bei Amazon.

Erfolgreiche Autoren können locker ein sechsstelliges Einkommen erzielen mit Nischengeschichten, die in keiner Buchhandlung zu finden sind: wie Jungfrau-Milliardär-Romanzen zwischen Paaren aus unterschiedlichen Ländern oder Sex-Fantasien über eine Ménages à trois zwischen zwei Männern und einer Frau.

Das mag lächerlich klingen, aber Menschen, die diese Bücher lesen, suchen nicht nach dem nächsten Pulitzer-Preisträger. 

Sie wollen unterhalten und angetörnt werden. Sie wissen, was sie für ihre hart verdienten 99 Cent erwarten können – und das ist nicht viel.

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Die Ghostwriter, mit denen ich gearbeitet hatte, hatten echtes Talent

Die Gattung hat den Ruf, stümperhafte Autoren anzuziehen, die nicht mal das Alphabet beherrschen. Doch die Ghostwriter, mit denen ich gearbeitet habe, waren Profis mit echtem Talent.

► Allerdings mussten die Kapitel binnen 24 Stunden abgegeben werden. Aufgrund des zeitlichen Drucks lieferten die Autoren unter Niveau ab, statt die wahren Fähigkeiten unter Beweis zu stellen.

Wenn ich ein Kapitel annahm, das witzig zu sein versprach, war ich oft mehr damit beschäftigt, die vorgeschriebene Wortzahl zu erfüllen, als den Charakter zu entwickeln oder einen humorvollen Dialog zu entwerfen.

Es war eine Qual, in der Mitte eines Kapitels zu erkennen, dass es nicht mehr viel zu erzählen gibt. Ich löste das Problem, indem ich mich genervt in die Gedankenwelt der Figur versetzte und vor sich hin plätschernde Monologe schrieb.

Ich war zu Beginn sehr nervös

► Ein gängiges Romanthema war zum Beispiel, dass zwei Leute scharf aufeinander waren, aber aus welchen Gründen auch immer nicht zusammen sein konnten.

In Grunde dachte ich das ganze Kapitel lang darüber nach, in welchen Dutzenden Variationen ich Folgendes ausdrücken könnte: „Lass die Finger von ihm, Mädel! Wobei, dieser Schwanz…“

Als Nicht-Erotik-Autorin war ich zuerst zurückhaltend und nervös, aber bald fiel es mir leichter.

Der Aufbau sexueller Spannung machte allerdings nur die Hälfte des Buches aus. Nachdem die Protagonistin und ihr Auserwählter sich ein wenig kennen gelernt hatten, ging es direkt zum Sex.

Als Nicht-Erotik-Autorin war ich zuerst zurückhaltend und nervös, aber bald fiel es mir leichter. Entscheidend war, den richtigen Ton zu treffen – normalerweise ungefähr so: “Ich bin selbstsicher und scharf. Ich schrecke nicht davor zurück, Sex in diesem Umkleideraum zu haben!“

Alles, was erotisch oder sinnlich war, schien nicht gewünscht gewesen zu sein

Wir alle verwendeten viele Ausrufe – in einem Ausmaß, das nahezu skurril anmutete. Jedes Kapitel war gespickt mit “Heilige Scheiße!“ und “Fuck!“.

Anfangs fand ich es unpassend. Aber als ich begann, Sexszenen zu schreiben, wurde mir klar, dass solche Ausrufe gut geeignet waren zur klanglichen Unterstützung.

► Da jedes Kapitel in der ersten Person und im Präsenz geschrieben wurde, verließ ich mich bequem auf emotionale Wallungen im Bewusstseinsstrom, um den Leser dazu zu bringen, sich mit der Protagonistin zu identifizieren.

Ein Beispiel: “Er öffnet seine Hose, und, heilige Scheiße! Ist der riesig! Aber Fuck, er ist mein Boss!“ Es war oberflächlich und klang super billig, aber alles, was erotisch oder sinnlich war, schien “out“ zu sein, also habe ich es nicht einmal versucht.

Es gab Kapitel, deren einziger Inhalt “Duschsex” war

Ehrlich gesagt hat mich das Ganze anfangs amüsiert, aber nach ein paar Büchern ließ der Reiz des Neuen schnell nach. Manchmal kam ich bei einem Kapitel nicht weiter, dessen einziger Inhalt “Duschsex“ war, und irgendwie musste ich es schaffen, 1500 Wörter darüber zu schreiben.

► Als ich eine Analsex-Szene zwischen einem König und einer Prinzessin schrieb, stolperte ich über Ungereimtheiten in der Handlung.

Wo bitte findet man in diesem ollen mittelalterlichen Königreich Gleitmittel? Wenn es wirklich das erste Mal für die Prinzessin ist, würde sie definitiv nicht den “Super-Orgasmus“ erleben.

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Am Ende war die Frau schwanger und abhängig von ihm

Auch die Charaktere im Roman waren vorgegeben. Vor Beginn jedes Romans schickte uns der Herausgeber eine Zusammenfassung der Eigenschaften. Der männliche Protagonist war immer ein reicher Idiot, der aussah wie Liam Hemsworth und “missverstanden“ wurde.

Die Protagonistin war immer eine blonde Frau, Typ Mädchen von nebenan, dabei selbstbewusste Geschäftsfrau, die gerne ihren Ruf ruiniert und ihr Leben für ein 30-Zentimeter-Ding wegwirft.

► Das Thema, das den Büchern zugrunde lag, war stets dasselbe: Erfolgreiche Frauen mussten für den Mann ihre Karriere aufgeben.

Warum verschwendest du deine Zeit mit Müll, statt etwas zu schreiben, das dich weiter bringt?“, fragte mich mein Freund.

Am Ende war die Frau schwanger, zu Hause und abhängig von einem groß gewordenen Kindskopf, der gerade mal 20 Kapitel zuvor eine Stripperin nach der anderen gevögelt hatte. 

Ich erreichte einen neuen Tiefpunkt

Genug von dem ganzen Grauen hatte ich aber wohl, als ich an einem Roman mit Tabuthema mitarbeiten sollte. “Pseudo-Inzest-Storys verkaufen sich momentan wirklich gut“, sagte mir der verantwortliche Redakteur.

► Es ging um einen Roman über wirklich heißen Sex zwischen einer 19 Jahre alten Jungfrau und ihrem “Bad Boy“-Stiefvater. Bevor euch das Kotzen kommt, solltet ihr wissen: Das Thema ist zurzeit in Erotikkreisen ziemlich verbreitet, man findet Dutzende solcher Angebote auf Amazon.

Wie auch immer, ich nahm den Auftrag an, aber das bedeutete einen neuen Tiefpunkt für mich. Die Bücher davor hatten eine konventionelle Handlung: Mädchen trifft Typ, zwischen Mädchen und Typ baut sich eine sexuelle Spannung auf, Mädchen und Typ haben Sex und leben danach glücklich bis ans Ende ihrer Tage.

► Das Pseudo-Inzest-Buch aber war von Anfang bis Ende brutaler Hardcore-Sex. Da ich eine Schweigeklausel unterzeichnet hatte, kann ich leider keine Detail nennen, aber was immer ihr euch vorstellt, genauso war es... nur hundert Mal schlimmer.

Die erotische Literatur vergiftete meine Seele

Nach dem Stiefvater-Buch machten sich meine Angehörigen Sorgen.

“Warum verschwendest du deine Zeit mit Müll, statt etwas zu schreiben, das dich weiter bringt?“, fragte mich mein Freund, als ich mich um 1 Uhr nachts durch die x-te Sexszene unter der Dusche kämpfte.

Er hatte recht. Die erotische Literatur lag mir nicht am Herzen, ich war lediglich naiv und hatte gedacht, dass sie “leicht“ zu schreiben sei. Doch schon bald musste ich erkennen, dass sie langsam meine Seele vergiftete. Auch die Bezahlung war zu gering, um bei diesem Job zu bleiben.

► Warum sollte ich weitermachen, wenn es nicht annähernd so viel Spaß machte, wie ich angenommen hatte? Also kündigte ich nach etwa vier Monaten – na ja, genau genommen antwortete ich einfach nicht mehr auf die E-Mails des Redakteurs.

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Schriftstellerei kann auch ein Geschäft sein

Wenn ich etwas aus der Erfahrung gelernt habe – abgesehen von mir gänzlich neuen Fetischen –, dann, dass die Schriftstellerei ein Geschäft sein kann wie jedes andere auch.

Mir ist klar, dass viele Menschen der Gedanke an Ghostwriter abschreckt. Aber das ist die harte Realität. Die Vorstellung eines einzelnen Schriftstellers, der für seine “Kunst“ harte und ehrliche Arbeit leistet, entspricht nicht immer der Wirklichkeit.

► Es geht um klassische Ökonomie von Angebot und Nachfrage. Frauen wollen etwas Schmutziges lesen und bezahlen dafür ein paar Cent.

Außerdem gibt es eine unbegrenzte Anzahl verzweifelter Schriftstellerinnen, die mehr als gewillt sind, auszuprobieren, ob sie die nächste Bestseller-Autorin werden.

Ich hoffe nur, dass sie auch bereit sind für jede Menge Sex unter der Dusche.

Dieser Artikel erschien ursprünglich bei bei der HuffPost USA und wurde von Sandra Tjong aus dem Englischen übersetzt und redaktionell angepasst.

(ak)