POLITIK
25/01/2018 09:59 CET | Aktualisiert 02/02/2018 17:02 CET

Wie eine kleine NGO für saubere Luft in unseren Städten kämpft

Der schlimmste Alptraum der Automobilindustrie.

Maximilian Urschl / DUH
Eine Demonstration der DUH bei der IAA im September 2017.
  • Die Deutsche Umwelthilfe zieht seit Jahren gegen Autokonzerne vor Gericht
  • Vorne dran im Kampf gegen Luftverschmutzung: ihr Geschäftsführer Jürgen Resch

Weiße Haare, kantige Brille, hellblaues Hemd und stets ein dunkles Sakko mit Krawatte. Jürgen Resch wirkt auf den ersten Blick wie der Boss eines großen Konzerns. Doch ganz im Gegenteil: Genau dort sitzen die größten Gegner Reschs.

Seit 1988 ist Resch Geschäftsführer der wohl kämpferischsten deutschen Umweltorganisation, der Deutschen Umwelthilfe (DUH). In dieser Zeit wurde er zum Schreck der deutschen Automobilbranche.

Obwohl Resch das anders sieht: “Ich kämpfe nicht gegen die Autoindustrie, ich kämpfe für saubere Luft”, sagt er.

Steffen Holzmann / DUH
Der Geschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe, Jürgen Resch.

So zum Beispiel beim Dieselgipfel Anfang August vergangenen Jahres: Während Autobosse und Politiker zusammensitzen und über Auswege aus der Abgaskrise beraten, steht der Umweltschützer stundenlang vor einem gewaltigen aufblasbaren Auto mit der Aufschrift “Diesel-Abgase töten!”

Die Deutsche Umwelthilfe kämpft mit Worten, Abgas-Messgeräten und Gerichtsprozessen

Es klingt wie ein unfairer Kampf.

Die DUH hat gerade einmal 300 Mitglieder.  

Mehr als 800.000 Menschen arbeiten in der deutschen Automobilbranche. Die Autobauer in Deutschland erwirtschaften jährlich einen Umsatz von mehr als 400 Milliarden Euro. Allein im November 2017 produzierte sie 580.000 Pkws produziert und exportierte davon 438.000 ins Ausland.

Doch Resch sieht das anders.

Gegenüber der HuffPost sagt er: “Wir sind auf Augenhöhe. Wir übernehmen im Moment in vielen Bereichen die Aufgabe, die eigentlich der Staat übernehmen müsste.”

Wer Resch bei Auftritten beobachtet, den erinnert sein Tonfall, seine Haltung und seine Ausdauer an einen Propheten. Oder an Robin Hood? “Ich bin nicht in Lederkluft und Pfeil und Bogen unterwegs. Wir sehen uns als Anwälte für Umwelt und Verbraucher”, sagt Resch.

Die DUH will die Industrie und die Bundesregierung dazu bringen, sich an Recht und Gesetz zu halten.

Resch: Automobilkonzerne regieren in Deutschland faktisch durch

Für den 57-Jährigen steht fest: Die Politik kapituliert vor den großen Wirtschaftsunternehmen, schon seit Jahrzehnten. “Erfreulicherweise funktionieren in Deutschland noch die Gerichte.”

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Im Bundesumweltministerium nennt jemand gegenüber der “Deutschen Presseagentur” Resch schmunzelnd “die wahre Opposition”.

Er selbst sagt dazu gegenüber der HuffPost: “Zu Zeiten eines Bundesumweltministers Klaus Töpfer (CDU) wurde schwerer Betrug der Industriekonzerne an Umwelt und Verbraucher von der Bundesregierung verfolgt und war geächtet. Heute haben selbst grün mitregierte Bundesländer ein ‘Herz für Dieselstinker’.”

Die Automobilkonzerne würden in Deutschland faktisch durchregieren. “Der niedersächsische Ministerpräsident Weil hat sogar einen Sitz im Aufsichtsrat von VW und verstößt mit seinem einseitigen Eintreten für den betrügerischsten aller Autokonzerne in Deutschland gegen seinen Amtseid.”

Ihm fehlt die Distanz zwischen Politik und Industrie.

“Die einen haben legitime, ökonomische Interessen, die sie auch vertreten sollen. Aber die Politik darf sich damit nicht gemein machen”, sagt Resch. Und darauf weißt Resch die Politik immer wieder hin: Mit Argumenten, eigenen Abgas-Messungen und vor allem mit dem Gang vor Gericht – der für ihn fast immer erfolgreich ausgeht.

Aktuell mit dem Kampf um saubere Luft in deutschen Städten.

Damit hat sich die DUH an die Spitze derer gestellt, die für saubere Luft in Städten und realistische Angaben zu Spritverbrauch und Abgasen kämpfen. Unternehmen sollen nachhaltiger wirtschaften und ökologische Belastungsgrenzen respektieren, so die Forderung.

Es ist das große Ganze, was Resch antreibt

In den vergangenen 30 Jahren hat Resch viele große Schlachten geschlagen –und überraschend viele gewonnen.

Angefangen hat alles mit dem Einsatz für den Katalysator.

Das ist inzwischen 30 Jahre her. Resch war damals neu bei der DUH und noch nicht Geschäftsführer. “Die Autoindustrie wollte uns weismachen, dass es Jahre dauere, im neu zu gestaltenden Bodenblech den Platz für einen Katalysator zu schaffen. Hierzu seien jahrelange Erprobungen notwendig.”

Ein jahrzehntelanger Kampf für sauberen Kraftstoff und saubere Luft

Doch dann kam alles anders, erzählt Resch:

Ein Hersteller ist vorgeprescht, hat den Katalysator bei einem Kleinwagen-Modell eingebaut und innerhalb kurzer Zeit fingen andere Autohersteller auch an, den Filter einzusetzen.

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Als der erste Kleinwagen mit Katalysator angeboten wurde, dauerte es nur wenige Monate, bis alle anderen Hersteller nachzogen. Denn natürlich will der Verbraucher nicht mit einem schmutzigen Auto herumfahren, sondern mit einem sauberen”, sagt Resch.

Vor 19 Jahren startete dann die Kampagne der DUH für sauberen Kraftstoff.

Im Fokus damals: Schwefelfreies Benzin. Die Mineralölwirtschaft beharrte darauf, dass das technisch nicht gehe. Die DUH bewies das Gegenteil und entwickelte einen.

Immer wieder profitiert die Industrie wirtschaftlich von Umweltmaßnahmen

“Damals hieß es, die Mineralölraffinerien sind in Deutschland nicht mehr konkurrenzfähig, wenn der saubere Kraftstoff vorgeschrieben wird, so dass nur noch im Ausland produziert wird”, sgt Resch. Doch das Gegenteil sei eingetreten: andere EU Staaten wollten auch den sauberen Kraftstoff und deutsche Raffinerien waren voll ausgelastet.

Ein steuerlicher Vorteil für schwefelfreien Kraftstoff wurde eingeführt und innerhalb kürzester Zeit war diese Qualität europaweit Standard, nicht nur in Deutschland.

“Die deutsche Industrie hatte erneut von einer Umweltmaßnahme wirtschaftlich profitiert, die anfangs erbittert bekämpft wurde”, ist Resch sicher.

Und dann wurde es 2015 und die Dieselaffäre schlug in der Autoindustrie ein wie eine Bombe.

“Die letzten zwei Jahren sind ein Ausnahmezustand”, sagt er. “Seit 15 Jahren fordern wir von den Autokonzernen die Einhaltung der Emissionsgrenzwerte nicht nur im Labor, sondern im Realbetrieb auf der Straße.”

Ein kriminelles Kartell aus Herstellern und Zulieferfirmen habe mit Betrugssoftware, zu kleinen AdBlue-Tanks und nur kurzzeitig funktionierenden Katalysatoren, viele Milliarden Euro eingespart, poltert er.  

“Körperverletzung mit Todesfolge in vielen tausend Fällen”

Eine Zeit lang wollte Resch der Industrie helfen, Dieselmotoren sauberer zu machen. Aber er fühlte sich immer wieder betrogen. Er spricht von legaler Manipulation, die in Abstimmung mit der Bundesregierung stattfand.

Sein Vorwurf ist hart: “Ich werfe den Vorstandsvorsitzenden der Diesel-Konzerne vorsätzliche schwere Körperverletzung mit Todesfolge in vielen tausend Fällen jedes Jahr vor.”

Aber wie sähe seine Lösung aus?

“Unsere Forderungen sind einfach: Ab 2018 müssen Diesel-Neuwagen auf der Straße genauso sauber sein wie im Labor.”

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Wie das zu schaffen ist?

Und alle knapp neun Millionen betrogenen Halter von Diesel-Pkw müssten laut Resch entschädigt werden. Entweder durch ein technisches Upgrade oder Rückabwicklung des Kaufvertrags.

Im Februar wird das Bundesverwaltungsgericht in einer Grundsatzentscheidung klären, ob Kommunen bei Grenzwertüberschreitungen auch Fahrverbote für Diesel verfügen müssen.

Resch rechnet damit, dass es dann Fahrverbote in deutlich mehr Städten geben wird, als bislang angenommen.

Vorsichtig gerechnet seien es nach Untersuchungen der DUH 300 bis 400, und nicht nur die 90 bislang bekannten Städte, die Grenzwerte in der Luftreinhaltung regelmäßig überschreiten.

Gefährdet er den deutschen Wirtschaftsstandort?

Überraschenderweise fand die Autoindustrie auch während des Dieselskandals viele Fürsprecher, die eher die Grenzwerte für saubere Luft kippen wollten, als die Autoindustrie in die Pflicht zu nehmen, sie einzuhalten. Kritiker warfen Resch in der Debatte vor, er gefährde mit seinem Kampf für den Umweltschutz den Wirtschaftsstandort Deutschland.

“Das verwundert mich, dass das jemand denkt”, sagt Resch.

Er glaubt: Die deutsche Autoindustrie kann künftig nur erfolgreich sein, wenn sie umweltschonende Autos baut. “Eine Industrie, die auf Lug und Trug aufgebaut ist, hat keine Zukunft, ist nicht innovativ – und bietet auch keine Arbeitsplätze.”

Ein Beispiel, das Resch gerne bringt: Selbst im Jahr 2016 habe die deutsche Autoindustrie 36 Milliarden Euro Gewinn gemacht. “Wo beschädigen wir da den deutschen Wirtschaftsstandort?”, wundert er sich.

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Die Dieselgate-Affäre habe 2017 sogar dazu geführt, dass die Deutschen mehr als Autos als in den Jahren zuvor kauften. Der Run auf Neuwagen werde auch 2018 anhalten, glaubt Resch.

Sicher ist: Resch macht den deutschen Autokonzernen das Leben ungemütlich. In einem großen Industrieverband sagte jemand auf Nachfrage der “Deutschen Presseagentur”: “Wenn ich den Namen Resch höre, sehe ich Rot.”

Das sehen nicht alle bei den Autobauern und in der Regierung so. Der Umwelthilfe-Chef rühmt sich seiner Kontakte in der Autoindustrie und Bundesregierung. “Wir haben viele Dutzend Whistleblower”, sagt er.

Jetzt zieht die DUH erneut vor Gericht

Viele Ingenieure verzweifelten, dass ihre Konzepte zur Reduktion von CO2 und Abgasemissionen abgelehnt würden.

“Wem deshalb innerlich das Messer aufgeht, gibt uns häufig einen wichtigen Tipp für unsere Arbeit”, so beschreibt es Resch gegenüber der “Deutschen Presseagentur”.

Aktuell hat die Deutsche Umwelthilfe die Stadt Düsseldorf und neun weitere Städte nach dem Diesel-Abgasskandal verklagt

Resch und seine Anhänger hatten die Kfz-Zulassungsstellen der Städte aufgefordert, den Autos mit Abgas-Schummel-Software den Betrieb auf öffentlichen Straßen zu verbieten. Wegen der illegalen Software sei die Betriebserlaubnis für Autos mit dem VW-Motor des Typs EA 189 EU5 erloschen. Die Kfz-Zulassungsbehörden müssten die Wagen daher stilllegen. 

Am 24. Januar entschied das Düsseldorfer Verwaltungsgericht über die erste der zehn Klagen: Sie wurde abgelehnt. 

“Das Urteil ist enttäuschend, aber wir sind uns absolut sicher, dass es keinen Bestand haben wird”, sagte Resch der Deutschen-Presseagentur. Er und die DUH wollen in Berufung gehen. Für sie steht fest, dass sie nicht aufgeben werden. Niemals. 

Die HuffPost wird sich in einer Serie von Artikeln mit den Auswirkungen von Luftverschmutzung beschäftigen – und Projekte und Ideen präsentieren, die die Luftqualität verbessern und Leben retten können.

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(ben)