POLITIK
21/06/2018 19:38 CEST | Aktualisiert 22/06/2018 09:41 CEST

Wie eine dubiose Söldnertruppe Erdogan an der Macht halten könnte

Ein unscheinbares Büro am Rand von Istanbul, offene IS-Sympathie und bedingunsgslose Treue für Erdogan.

Burak Kara via Getty Images
Zwei Soldaten in der Putschnacht am 15. Juli 2016.

Istanbul, Istikal Caddesi: die beliebteste Einkaufsmeile der Stadt. Menschen drängen sich vorbei an den Geschäften, den Simit-Verkäufern, die an ihren kleinen roten Wagen Hefegebäck anbieten. Es ist laut, elektronische Musik dringt aus Handy- und Modegeschäften, Reiseführer versuchen auf Arabisch, Touristinnen aus den Golfstaaten zu ködern, Eisverkäufer preisen ihre Ware an.

Nur einen Klang vermisst man dieser Tage. Noch vor rund einem Jahr, im April 2017, wenige Tage vor dem türkischen Verfassungsreferendum – war er an jeder Ecke zu hören. Der Klang des Wahlkampfs.

Wo noch vor einem Jahr überall Schlachtsongs des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan aus den Boxen plärrten, Menschen sich in Gruppen vor Plakaten und Fahnen ihrer Parteien versammelten, schrien und tanzten, scheint es heute fast ruhig zuzugehen.

Es ist eine Ruhe, die kaum darüber hinwegtäuschen kann, dass die Gesellschaft noch immer stark polarisiert ist. Manche glauben gar: am Rande eines Bürgerkriegs.

Der Chef der Kurdischen Gemeinde in Deutschland warnte in der HuffPost zuletzt: “Erdogan könnte eine Million seiner Anhänger bewaffnet haben”. Für den Fall, dass der türkische Präsident die Wahlen verliert, drohen gewaltsame Ausschreitungen.

Dafür konnte vor allem eine Gruppe sorgen, die in den vergangenen Jahren in der Türkei im Schatten der Erdogan-Regierung massiv an Macht gewonnen hat: die private Sicherheitsfirma Sadat.

Bombenbauen als Trainingsprogramm

Es ist der 16. August 2016, als Sadat zum ersten Mal auch in internationalen Medien Beachtung findet. Einen Monat ist seit der Niederschlagung des Putschversuches vergangen – und Erdogan macht den 73-jährigen Adnan Tanriverdi zum Sicherheitsberater.

Tandirverdi ist ehemaliger Brigarde-General, Medienberichten zufolge wurde er einst unehrenhaft aus dem Militär entlassen, weil er als religiöser Hardliner den Statuten des säkularen türkischen Militärs widersprach.

Im Jahr 2012 gründet Tanriverdi die Firma Sadat AS International Defense Consulting. Selbst beschreibt sie sich als “einzige Firma in der Türkei, die Beratung im internationalen Verteidigungssektor und militärisches Training anbietet”. 

Broschüren der Firma zeigen, dass es ihr nicht um die Vermittlung militärischen Grundwissens geht. Auch “Bombenbau”, “unkonventionelle Kriegsführung”, das Agieren aus dem Hinterhalt, “Terror” und “Mordanschläge” stehen im Kurskatalog von Sadat.

Das Unternehmen prägt nicht nur die Außenpolitik der türkischen Regierung, sondern hat auch innerhalb der Türkei eine bedrohliche Kulisse errichtet.

Sadat
Auszug aus einem von Sadat veröffentlichten Katalog, der das Trainingsangebot der Firma zeigt.

Erdogans islamistische Revolutionsgarde

Wer nutzt die zweifelhaften Dienste der Firma?

Warum sprechen viele in der Türkei bereits von einer Schatten-Armee? Und wieso hat sich die türkische Regierung trotz mindestens vier Anfragen der Opposition nie zu ihrer Verbindung zu Sadat erklärt?

Sound of Silence Group
Eine Anfrage des CHP-Abgeordneten Ali Riza Ötzturk blieb unbeantwortet.

In Avcılar am Rande von Istanbul finden sich kaum zufriedenstellende Antworten. Hier, etwa eine halbe Autostunde vom Atatürk-Flughafen entfernt, hat Sadat sein Büro.

Es ist ein unscheinbares Hochhaus, ganz in der Nähe hängt ein riesiges Erdogan-Plakat. Sadat steht zwar klein auf der Klingel, die Tür öffnet allerdings niemand. Nur die Logos an zwei Fenstern im vierten Stock lassen darauf schließen, dass die Sicherheitsfirma hier wirklich ihren Sitz hat.

Privat

Eine Sicherheitsfirma, die Beobachter längst als “türkisches Blackwater” bezeichnen – in Anspielung auf die berüchtigte US-Söldnerfirma, die sich besonders im Irak-Krieg zahlreicher Kriegsverbrechen schuldig gemacht hat.

Eine türkische Sicherheitsfirma, die Michael Rubin, Experte am American Enterprise Institute, bereits als “Erdogans Islamistische Revolutionsgarde” bezeichnet.

Sadat – das gilt als gesichert – trainierte bereits lang vor dem offiziellen Eintritt des türkischen Militärs in den Syrien-Krieg mehrere radikale Gruppierungen in der Konfliktregion. 

Von rund 3000 ausgebildeten Kämpfern geht der auf Kriegsführung spezialisierte US-Blog “Small Wars Journal” aus.

Auch im Südosten der Türkei treten sie Berichten zufolge auf – im Kampf der türkischen Sicherheitskräfte gegen aufständische Kurden. Es ist die Rede von Männern mit arabischen Tätowierungen, im Dorf Lice nahe Diyarbakir werden sie nur knapp an einem Massaker gehindert, als sie 34 Bewohner verbrennen wollen. So berichten es zumindest kurdische Nachrichtenseiten.

Offizielle Stellungnahmen folgen nicht.

Sadat
Eine Trainingsszene, mit der Sadat in einer Broschüre wirbt.

Offene IS-Sympathie

Sadat bleibt im Dunkeln.

Die Firma versucht seit jeher, die Medien zu meiden. Denn es geht auch um Vorwürfe, Kämpfer extremistischer Milizen wie der Al-Kaida und des IS ausgebildet zu haben.

Das wirft etwa der berühmte türkische Whistleblower Fuat Avni dem Unternehmen vor. Avni hat bereits mehrmals Verhaftungen regierungskritischer Journalisten vorhergesehen und sich im Korruptionsskandal der türkischen Regierung 2013 einen Namen gemacht.

Auch die russische Regierung beschuldigte die Türkei im Jahr 2016, den IS-Terror in Syrien zu unterstützen. In einem Report an die UN fällt laut Experte Rubin auch der Name Sadat.

Ein Indiz dafür, dass die Anschuldigungen nicht von Ungefähr kommen, findet sich auf dem persönlichen Blog von Melih Tanriverdi, Sohn von Sadat-Gründer Adnan und ebenfalls in der Führungsebene des Unternehmens.

Dort wirbt Tanriverdi offen für das IS-Magazin “Dabiq”. Der erklärte Salafist propagiert darin auch eine Ausdehnung der Türkei auf irakisches Territorium.

Screenshot
Ein Screenshot des Blogs.

Eine Gruppe, die auch in der Türkei für Chaos sorgen kann

Doch es ist längst nicht nur die Interventionspolitik in Syrien und dem Irak und der Schulterschluss mit Extremisten im Ausland, die Sadat in den Augen vieler brandgefährlich macht.

Türkei-Experte Howard Eissenstatt vom Project for Middle East Democracy wirft Erdogan vor, er habe “Sicherheitsstrukturen aufgebaut, um sich politische Loyalität und Kontrolle zu sichern”. Es sei ein “Netzwerk aus informellen Sicherheitsinstanzen entstanden, aus militärischen Dienstleistern, parteinahen Vereinen und der militanter werdenden AKP-Basis”.

Viel deutet darauf hin: Erdogan hat sich eine loyale, paramilitärische Truppe aufgebaut, die neben dem Militär existiert, dessen Beziehung zum Präsidenten auch nach Jahren des Umbaus noch von Skepsis geprägt ist.

Eine Miliz, die als schnelles Einsatzkommando des Präsidenten aus dem Verborgenen agieren könnte.

Ein Insider sagt der HuffPost: “Tanriverdi ist von Erdogan beauftragt worden, diese paramilitärische Einheit zu gründen. Diese Organisation arbeitet in direkter Weise mit dem MIT (Türkischer Geheimdienst, d. Red.). Ihr eigentliches Ziel ist es, in der Türkei eine parallele bewaffnete Macht zu etablieren.”

TRT
Erdogan-Berater und Sadat-Gründer Adnan Tanriverdi.

Denn Erdogan fürchte die Armee trotz des niedergeschlagenen Putschversuchs noch immer. Grob teile sich die Armee in einen Nato-treuen Flügel (darunter viele der mittlerweile entlassenen mutmaßlichen Gülenisten) und die Russland zugewandte “Perinçek-Flanke” des umstrittenen nationalistischen Politikers Doğu Perinçek. Erdogan habe versucht, beide Seiten zu schwächen, aber sich nicht durchsetzen können. 

Der Insider vermutet: “Da Erdogan aber auf keinen Fall die Kontrolle verlieren möchte, hat er Sadat als Druckmittel gegen die Perinçek-Flanke errichtet. Sadat muss sich, anders als das türkische Militär, nicht an Gesetze halten.”

Auch ein ehemaliger türkischer Offizier, der nach dem Putschversuch seinen Job verloren hat, berichtet über diese Spaltung. Er glaubt: Es könnt gar zu einem Krieg zwischen Sadat und der Periçek-Flanke kommen.

Enthauptungen mitten in Istanbul

Zu was die Miliz in der Lage ist, zeigte sich bereits am 15. Juli 2015.

Es ist etwa zehn Uhr, als F-16-Militärjets über Istanbul donnern. Auf der Bosporusbrücke und der Fatih-Sultan-Mehmet-Brücke bringen sich Soldaten in Stellung.

Etwa zum selben Zeitpunkt setzen sich Panzer in Bewegung. Sie rollen in Richtung des Atatürk-Flughafens im Westen von Istanbul. Soldaten eröffnen aus Helikoptern das Feuer auf Passanten, in Ankara umstellen Putschisten das Parlament.

Europa hält den Atem an: Kurz sieht es so aus, als würde das türkische Militär hier gerade den gewählten Präsidenten Recep Tayyip Erdogan stürzen. Doch der Plot scheitert. Wohl auch wegen Anhängern der Firma Sadat und einer Partnerorganisation namens Asder.

Mustafa Hacımustafaoğlu, ein enger Freund Adnan Tanriverdis, erklärt später im türkischen Fernsehen, es habe einen Notfallplan gegen den Putsch gegeben, der sofort gegriffen habe.

Auch der Sadat-Berater Nevzat Tarhan, ein Neuro-Psychologe, der auch in Deutschland immer wieder auftritt, berichtet von einer freiwilligen Mobilisierung der paramilitärischen Gruppen. An der Seite anderer Einheiten zeigen mehrere Bilder auch AKP-Politiker (hier Ismail Altinok) mit schweren Waffen.

Privat
AKP-Politiker Ismail Altinok (mitte) am 15. Juli 2016.

Übereinstimmende Berichte deuten daraufhin: Die Kämpfer stellen sich nicht nur den Putschisten in den Weg. Laut mehreren Augenzeugen verüben unidentifizierte Täter ein regelrechtes Massaker

Mehrere Putschisten werden Berichten zufolge erstochen, obwohl sie sich bereits ergeben hätten. Andere werden demnach in IS-Manier enthauptet. Augenzeugen werfen den Männern vor, sogar Zivillisten ermordet zu haben.

Ermittlungen werden nie eingeleitet.

Bereitet Tanriverdi Straßenschlachten vor?

Stattdessen sorgt Sadat erst zu Beginn dieses Jahres wieder für Aufsehen.

In sieben Trainingszentren würden sich Anhänger des Präsidenten an Waffen ausbilden lassen, berichtet “ABC” im Januar. Es handle sich um “religiöse und faschistische” Gruppierungen.

Die heutige Präsidentschaftskandidatin Meral Aksener (Iyi-Partei) beschuldigt Sadat. Einem Ermittler teilt sie später mit, sie habe von einer Quelle, die anonym bleiben müsse, Fotos der Ausbildungseinrichtungen zugespielt bekommen.

Der Vorwurf dahinter ist klar. Die Erdogan-treue Gruppierung bereite sich auf erneute Straßenkämpfe vor. Womöglich gar für den Fall einer Wahlniederlage.

Im Februar antwortet Adnan Tanriverdi. Er behauptet: “Unsere Basis in der Türkei bietet kein militärisches Training. Die Ausbildung an der Waffe ist hier kein Thema. Wir bewaffnen keine Zivillisten.”

Seither wieder: Schweigen. Tanrivedi mag es ruhig.

Diese Tage vor der Wahl dürfen ihm gefallen.

Getty / Reuters

HuffPost-Redakteur Lennart Pfahler berichtet zur Türkei-Wahl eine Woche lang aus Istanbul. Darüber, wie Erdogan die Türkei bereits verändert hat, wie sich vor allem junge Menschen gegen den Präsidenten auflehnen – und natürlich darüber, wie die Wahlen am Sonntag ausgehen.