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20/03/2018 16:05 CET | Aktualisiert 20/03/2018 16:09 CET

Wie ein Hilfsprojekt auf Lesbos geflüchteten Frauen Schutz bietet

"Bashira" heißt "gute Nachricht".

Raquel Herzog
Raquel Herzog bei ihrer Arbeit im Frauenhaus Bashira auf Lesbos. 

Im Herbst 2015 ertrinkt der kleine Aylan Kurdi, seine Leiche wird an die türkische Mittelmeerküste geschwemmt. Das Bild des zweijährigen Flüchtlingsjungen geht um die Welt – und erschüttert mich dermaßen, dass ich beschloss mich aus der Empörung vor dem Bildschirm zu lösen und aktiv zu werden.

Nur wenig später stand ich nachts am Strand auf der griechischen Mittelmeerinsel Lesbos und trug klitschnasse Kinder mit blauen Lippen und starrem Blick zu unserem aufgeheizten Van, um sie dort mit trockenen Kleidern, einem Energieriegel und Wasser zu versorgen.

Ein Jahr später, am 8. März 2016 begegnete ich vor einem Haus an einem solchen Strand Ruha.

Plötzlich bat mich eine junge Frau um Hilfe

Wir wurden über ein Boot informiert, zu dem der Kontakt kurz nach dem Hilferuf abgebrochen war. Wir suchten stundenlang kleine Strände in unwegsamem Gebiet ab und hofften, dass es die Menschen sicher an Land schafften.

Irgendwo war plötzlich eine Menschengruppe vor einem Haus erkennbar und eine junge Frau stürzte aus dem Gartentor. Sie hielt meine Hand am offenen Wagenfenster und bat in perfektem Englisch um Hilfe: Ruha.

Ich hatte damals schon mit griechischen Kollegen die Flüchtlingshilfsorganisation SAO Association gegründet. Bis zum EU-Türkei-Deal im März 2016 waren wir in der Bootsrettung tätig. Später übernahmen wir das von einer Deutsch-Griechin gegründete Lagerhaus für Hilfsgüter.

Mit Ruhas Ankunft erlangte ich eine Erkenntnis. Aus der 21-jährigen Englisch-Studentin der Universität Damaskus hatte der Krieg ein 23-jähriges Familienoberhaupt gemacht, mit dem Auftrag, alle sicher nach Schweden zu bringen – eine Verantwortung, die oft schwer auf ihr lastete.

Ich entwickelte eine enge Verbundenheit zu Ruha, ihren beiden Schwestern, der Cousine und der 94-jährigen Grossmutter Amina.

Sie hat mich für die Situation von Frauen auf der Flucht sensibilisiert. Und so gründeten wir im vergangenen Sommer unser Tageszentrum für geflüchtete Frauen auf Lesbos – “Bashira”, auf deutsch “gute Nachricht”.

Hilfe für die Flüchtlingsfrauen von Moria

Es ist ein kleines, freundliches Haus, das wir liebevoll restauriert haben und das den verletzlichsten Frauen auf der Insel einen Schutzraum bietet. Die meisten unserer Besucherinnen leben in der “Section C“ im Lager Moria. Dort sind Frauen untergebracht, die alleine auf der Flucht sind.

Die Zustände im Lager sind katastrophal, die Überbelegung massiv und die sanitären Anlagen desolat. Zeitweise türmen sich die Abfallberge meterhoch.

Mehr zum Thema: Tausende Flüchtlinge auf Lesbos leben im Elend – ein Lager zeigt, dass es anders geht

Einer der wichtigsten Räume in Bashira ist deshalb: das Badezimmer. Es steht 8 Frauen pro Tag für 30 Minuten zur Verfügung – es ist wunderbar zu sehen, wie sie mit einem Lächeln auf dem Gesicht aus dem Waschraum kommen.

Raquel Herzog
Das Badezimmer im Frauenhaus Bashira auf Lesbos. 

In Bashira, wird gelacht, geweint, gebastelt, beraten. Wir bieten dort gesundheitliche, soziale, psychologische und auch juristische Hilfe an. 

Die meisten Frauen, die zu uns kommen, sind stark traumatisiert. Sie werden deshalb als “vulnerable“ (besonders verletzlich) anerkannt. Mit diesem Status dürfen sie die Insel verlassen. Doch auch das Festland bedeutet noch keine Sicherheit.

Mehr zum Thema: “Welcome to Europe ist zum Witz geworden”: Was Menschen auf Lesbos motiviert, Flüchtlingen zu helfen

 

Hilfe von Frauen für Frauen auf der Flucht

Damit wir nachhaltig Hilfe leisten können, betreiben wir in Athen das nach Ruhas Grossmutter benannte Tageszentrum Amina, wo wir die Frauen unterstützen, die nächsten Schritte zu tun.

Auch hier werden die Geflüchteten von Sozialarbeiterinnen, Psychologinnen und dem Team beraten und betreut. Sie lernen Griechisch, schliessen neue soziale Kontakte und finden hoffentlich den Weg in eine neue Zukunft.

Ruha und ihrer Familie ist dieser Weg gelungen. Sie leben mittlerweile in Schweden.

Zur Eröffnung unseres Frauenhauses kam Ruha mit ihren zwei Schwestern noch einmal für zwei Wochen nach Lesbos. Ohne sie hätte es Bashira nie gegeben. Sie und ihre Familie stehen für unser Credo:

“Wir alle sind Frauen. Wir sind Töchter, Mütter und Großmütter. Tanten, Patinnen und Freundinnen. Deshalb engagieren wir uns für Frauen, die alles hinter sich lassen mussten: für andere Töchter, Mütter oder Großmütter. Als Freundinnen.“ 

Wenn ihr für die Arbeit des Frauenhauses Bashira spenden wollte, könnt ihr das unter diesem Link tun. 

(mf)