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22/03/2018 18:08 CET | Aktualisiert 08/08/2018 17:13 CEST

Wie ein Ehepaar dafür sorgt, dass es für Kinder in Afrika zum ersten Mal nachts hell ist

"Der Moment ist unbeschreiblich."

Sobald die Sonne untergegangen ist, ist das Leben in weiten Teilen Afrikas vorbei. Nur wer Strom hat, hat auch Licht. Und wo Licht ist, ist Leben.

Noch immer haben mehr als 600 Millionen Menschen auf dem afrikanischen Kontinent keinen Zugang zu Strom und damit auch keine Beleuchtung, wenn die Sonne untergeht. 

Wie die Kinder im Dorf Amaloul reagiert haben, als zum ersten Mal Straßenlaternen angingen, seht ihr im Video oben.

► Torsten Schreiber und seine Frau Aida arbeiten daran, dass sich das ändert – mit ihrem Startup Africa GreenTec. Sie versorgen Orte mit Solartainern. Das sind mobile Container mit Solarmodulen an den Seiten und auf dem Dach und einem Speicher. So schaffen die beiden unvergessliche Momente.

“Die Kinder haben die ganze Nacht getanzt und für uns gesungen. Es war unbeschreiblich”, sagt Torsten Schreiber. “An diesem Tag war alles anders.” Und das nur, weil er und seine Frau Aida plötzlich zwei Straßenlaternen angeschaltet haben. In Amaloul, einem kleinen Dorf in Niger. Das war im Oktober 2017.  

Da saßen die beiden im Sand und haben realisiert, was sie bewirken können. “Es hat uns tief berührt in den Augen der Kinder zu sehen, wie sehr sie sich gefreut haben”, sagt Aida Schreiber.

Es klingt wie eines von hunderten Entwicklungshilfe-Projekten. Doch es gibt einen entscheidenden Unterschied: Africa GreenTec finanziert sich selbst und hat somit nichts mit staatlicher Entwicklungshilfe zu tun. Stattdessen können Unternehmen und Privatpersonen in Africa GreenTec investieren.

Ein Gegenmodell zur traditionellen Entwicklungshilfe

Und die Solartainer werden auch nicht einfach verschenkt. Stattdessen müssen Dörfer oder landwirtschaftliche Betriebe für den Strom bezahlen.

► “Die Gemeinden bewerben sich bei uns. Sie sollten mindesten 3000 bis 4000 Einwohner haben, 20 bis 30 produktive Kleinbetriebe haben und in einer Region liegen, die gute Entwicklungschancen hat”, sagt der 45-jährige Torsten Schreiber.

Seitdem es Entwicklungshilfe seit Anfang der 1960er-Jahre gibt, ist die Kritik daran groß. Kommt die Hilfe dort an, wo sie soll? Bremst die Unterstützung die wirtschaftliche Entwicklung? Bereichern sich Organisationen, Politiker, Kriminelle und an den Geldern?

Erst im Oktober 2017 haben Forscher der Universität Heidelberg in einer großangelegten Studie gezeigt, dass die Entwicklungshilfe der Weltbank zu keinerlei Wirtschaftswachstum in afrikanischen Ländern führt.

Africa GreenTec
Ein aufgebauter Solartainer

Africa Green Tec will zeigen, dass private Investitionen ein Gegenmodell zur traditionellen Entwicklungshilfe sein können und es der Kontinent auch alleine schaffen kann, Dinge zu verändern.

Torsten Schreiber ist in Deutschland geboren, die 32-Jährige Aida in Mali. Kennengelernt haben sich die beiden vor zwölf Jahren in Frankfurt. “Es ging irgendwie alles ganz schnell”, sagt Aida.

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Für Klimaschutz und Nachhaltigkeit setzen sich die beiden schon lange ein. Vor allem nach der Geburt ihrer Tochter vor neun Jahren haben sie sich die Frage gestellt, welche Welt sie ihren Kindern hinterlassen wollen.

Der Energieminister Malis bat die Schreibers um Hilfe

“Ich hatte da früher immer einen ganz heftigen Traum”, sagt Torsten Schreiber. In dem ist meine Tochter ist Mitte 20, trägt eine Gasmaske, kommt an mein Sterbebett, tätschelt mir auf den Oberschenkel und fragt mich ‘Warum habt ihr all das nicht aufgehalten, Papa?’”. Er will verhindern, dass dieser Traum jemals real wird.

2014 erreichte die Schreibers eine Einladung aus Mali. Das Land galt zwei Jahrzehnte lang als stabil und als gelungenes Beispiel für Demokratisierung.

Aber dann kam es im Jahr 2012 zum Militärputsch. Zwei Jahre später, als sich die Lage ein wenig beruhigt hatte, bat der damalige Staatspräsident Dioncounda Traoré Torsten und Aida, nach Mali zu kommen.

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Gemeinsam mit dem Energieminister sah sich Torsten Schreiber bei dem Besuch in Mali ein Diesel-Kraftwerk an. Er wollte ein Bild davon bekommen, wie die Stromversorgung bislang funktioniert.

“Das Kraftwerk war ein qualmendes, stinkendes Monster aus den 1960er Jahren. Das hat mich so tief schockiert, dass ich wusste, du musst hier etwas tun.”

Der Minister bat Schreiber um Hilfe.

Sauberer Strom, der die Menschen frei und unabhängig macht

Während Strom in der westlichen Welt zur Grundversorgung gehört, ist er in vielen Regionen Afrikas ein Luxusgut. Oft ist es nicht möglich, zentrale Netzstrukturen aufzubauen. Deshalb ist beispielsweise in Niger nur rund ein Prozent der Bevölkerung auf dem Land an das Stromnetz angeschlossen. Die meiste Energie wird mit veralteten, schmutzigen Diesel-Generatoren erzeugt.

Und auch den Treibstoff zu bekommen, ist nicht einfach. Er muss über weite Entfernungen transportiert werden. Hinzu kommt: Der Strom ist teuer. Weil die alten Kraftwerke so ineffizient sind kostet eine Kilowattstunde umgerechnet bis zu einem Euro, in Deutschland sind es gerade einmal 28.

► Die Container von Africa Green Tec hingegen sind nicht an ein nationales Netz gebunden, sauber – und die Sonne liefert dauerhaft und verlässlich Energie. “Das macht die Menschen frei und unabhängig”, sagt Schreiber.

Und der Strom wird billiger. Die Solartainer benötigen keine intensiven Investitionen und die Kilowattstunde kostet gerade einmal halb so viel wie Strom aus Dieselgeneratoren. 

Gleichzeitig ist Africa Green Tec auch eine Chance, dass weniger Menschen als Klimaflüchtlinge ihre Heimat verlassen wollen und müssen.

Bis in fünf Jahren drei Millionen Menschen mit sauberem Strom, Wasser und Internet versorgen

Der Klimawandel trifft Afrika schon heute stärker und schonungsloser als Europa. Vor wenigen Tagen hat die Weltbank Ergebnisse einer neuen Untersuchung der schleichenden Auswirkungen klimatischer Veränderungen vorgestellt.

Im südlichen Afrika, Lateinamerika und Südasien sei der Klimawandel zu einem “Motor für Migration” geworden, sagte Kristalina Georgiewa, Geschäftsführerin der Weltbank.

Dürren, Missernten, Sturmfluten und steigende Meeresspiegel werden dafür sorgen, dass allein in der Subsahara-Region 86 Millionen Menschen bis 2050 ihr Zuhause verlieren und zur Umsiedlung oder Flucht gezwungen sein werden.

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Dagegen etwas zu tun, haben sich auch die Schreibers zur Aufgabe gemacht. “Viele Menschen in Afrika verstehen den Zusammenhang zwischen Klimawandel und Dürren oder Starkregen nicht. Sie denken, das ist von Gott so gewollt. Das ist manchmal sehr frustrierend, da braucht es noch viel Aufklärung.”

► Strom ist ein Grundbedürfnis und wenn das gedeckt ist, sinkt die Wahrscheinlichkeit, die eigene Heimat verlassen zu wollen. Deshalb sagt Schreiber ist Africa Green Tec auch ein Startup, das nicht nur Afrika, sondern auch Europa hilft. Emissionsfreie Stromerzeugung kann den Klimawandel mindern. Außerdem schafft Africa Green Tec Arbeitsplätze.

“Wir brauchen Helden”

“Für das Aufbauen und Instandhalten der Container bilden wir lokale junge Menschen aus. Dieses Jahr stellen wir alleine in Mali 100 Menschen ein”, sagt Torsten Schreiber.

Vier Solartainer stehen bereits, drei weitere sind gerade auf dem Weg nach Mali und in den Niger, zehn weitere werden gerade gebaut.

“Wir wollen bis Ende 2018 25 Anlagen in Betrieb genommen haben”, sagt Torsten Schreiber. In den nächsten fünf Jahren will er drei Millionen Menschen mit sauberem Strom, Wasser und Internet versorgen. 

Africa GreenTec
Aida und Torsten Schreiber

Die Schreibers sind mittlerweile Helden in den Regionen, denen sie Licht gebracht haben. 

Vor allem Aida. Die Frau, die ihre Heimat verlassen hat und jetzt wieder zurückkehrt und allen zeigt, dass die Menschen auch ein gutes Leben in ihrer Heimat haben können und nicht fliehen müssen, ermutigt viele, zeigt ihnen Perspektiven auf. “Ich bin für viele junge Menschen ein Vorbild. Das ist eines der Dinge, die mich am meisten antreiben”, sagt Aida Schreiber.

“Ich glaube, wir brauchen mehr Helden”, sagt Torsten Schreiber. “Wir haben zu viele Bösewichte auf der Welt, auch in den Nachrichten. Und wir brauchen Menschen, die zeigen, dass man Positives bewirken kann und Veränderung auch leben kann. Damit wollen wir inspirieren.” 

Am Sonntag, den 1. April 2018 um 16.30 Uhr zeigt das ZDF unter dem Titel “Die Solarstrom-Macher” eine Dokumentation über Africa GreenTec.