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25/09/2018 11:44 CEST

Wie ein Arzt mit Plastikflaschen hunderttausende Kinderleben retten will

Eine leere Shampooflasche lieferte Dr. Mohamad Chisti die zündende Idee zu seiner Erfindung.

Anupam Thareja
Mit Plastik konstruierte Dr. Mohamad Chisti  ein kostengünstiges Beatmungsgerät, das vor allem unter Lungenentzündungen leidenden Kindern helfen soll.  

Plastikflaschen haben an sich ja einen eher schlechten Ruf.

Ein Arzt aus Bangladesch allerdings weiß das zu ändern: Dr. Mohamad Chisti kann mit Plastikflaschen das Leben von Säuglingen und Kindern retten!

Chisti hat es geschafft, eine herkömmliche Plastikflasche so umzufunktionieren, dass damit Kinder mit Sauerstoff versorgt werden können. Die Erfindung rettet nicht nur kostbares Leben, sondern ist auch besonders günstig, da es aus einer handelsüblichen Plastikflasche hergestellt werden kann.

Chisti will nun Krankenhäuser auf der ganzen Welt mit seinem Beatmungsgerät aushelfen, berichtet die britische Wochenzeitung Economist.

Als nächstes steht ein Krankenhaus in Äthiopien auf seiner Liste. Insgesamt, so hofft Chisti, soll mithilfe seiner Erfindung vor allem die Kindersterblichkeitsrate in Bezug auf Lungenentzündung weltweit deutlich sinken.

Derzeit machen Lungenentzündungen rund 16 Prozent der Todesfälle bei Kindern aus.  

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Künstliche Beatmung ist bei einer Lungenentzündung lebensrettend

Eine Lungenentzündung war auch der Auslöser, der Chistis Motivation vor über 20 Jahren ins Rollen brachte. Der heutige Arzt aus Bangladesch wollte nicht mehr mit ansehen, wie Kinder an den Folgen einer Lungenentzündung starben, bloß weil es zu wenig Beatmungsgeräte gab.

“In meiner ersten Nacht als Assistenzarzt starben vor meinen Augen drei Kinder. Ich habe mich so hilflos gefühlt, dass ich weinte”, erzählte Chisti dem britischen Sender BBC.

Bei einer Lungenentzündung ist sehr häufig Sauerstoffmangel ein gängiges Symptom, da die Patienten unter Atemnot leiden. Eine künstliche Beatmung kann daher lebensrettend sein.

Allerdings sind Beatmungsgeräte kostspielig und nicht jedes Krankenhaus verfügt über genügend finanzielle Mittel, solche Geräte anzuschaffen.

Hier kommt Chisti ins Spiel.

Mit einer Shampoo-Plastikflasche Babys das Leben retten

Die Idee zu seinem Plastikflaschen-Gerät hatte Chisti in Australien, als er dort ein zu früh geborenes Baby beobachtete, dass mithilfe von kontinuierlich positivem Atemwegsdruck, dem so genannten bubble-CPAP Verfahren, erfolgreich beatmet wurde.

Ein solches Gerät kann allerdings rund 6.000 US Dollar (umgerechnet rund 5.130 Euro) kosten.

Warum also nicht versuchen, selbst ein bubble-CPAP Beatmungsgerät nachzubauen?

Gesagt, getan. Chisti suchte nach Inspiration und fand sie durch Zufall in einer weggeworfenen Shampoo-Plastikflasche, die er auf der Intensivstation des Krankenhauses fand.  

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Die Säuglingssterberate durch Lungenentzündungen sank um 75 Prozent

Es dauerte zwar noch eine Weile, bis Chistis Erfindung ausgereift war, doch sein Ehrgeiz zahlte sich aus: Heute hilft das selbstgebaute Beatmungsgerät, bestehend aus Schläuchen, Sauerstoffzufuhr und einer mit Wasser gefüllten Plastikflasche, Patienten dabei, mit weniger Anstrengung zu atmen – und ist spürbar günstiger als das original bubble-CPAP Gerät.

Denn auch wenn Plastikflaschen nicht unbedingt umweltfreundlich sind, haben sie es Chisti ermöglicht, ein Beatmungsgerät für 1,25 US Dollar (rund einen Euro) herzustellen, anstatt für 6.000 US Dollar.

Außerdem wird deutlich weniger Sauerstoff verbraucht, sodass auch die laufenden Kosten für Krankenhäuser deutlich geringer ausfallen.

Vor gut drei Jahren stellte Chisti seine Erfindung erstmals dem “International Centre for Diarrhoeal Disease Research” in Dhaka vor. Seitdem benutzt das Krankenhaus Chistis Plastikflaschen-Geräte und konnte so die Säuglingssterblichkeitsrate durch Lungenentzündungen um sage und schreibe 75 Prozent verringern.

Damit ist die Überlebenschance eines erkrankten Babys inzwischen fast genauso hoch, wie in besser ausgestatteten Einrichtungen, die teure Beatmungsgeräte besitzen.

Chisti berichtet zudem, dass das Krankenhaus dank seiner Erfindung 90 Prozent weniger Geld für die Behandlung von Lungenentzündungen ausgibt. 

Jedes vierte Kind in Bangladesch stirbt an einer Lungenentzündung

Obwohl Lungenentzündung weltweit zu der häufigsten Todesursache bei Kindern zählt, wird die Erforschung der Krankheit finanziell nur wenig gefördert. 

Allein in 2017 starben 920.000 Kinder unter fünf Jahren an Lungenentzündung. Laut dem Magazin Economist gibt es in dieser Altersspanne keine häufigere Todesursache.

Auch in Chistis Heimat Bangladesch ist die Sterberate erschreckend hoch: 28 Prozent der Säuglings- und Kindersterblichkeit sind auf Lungenentzündungen zurückzuführen.

In Bangladesch wird Chistis Beatmungsgerät derzeit besonders dringend gebraucht. Denn vor allem unterernährte Kinder sind anfällig für Lungenentzündungen – und durch die Migration von 900.000 muslimischen Rohingya, die auf der Flucht vor religiöser Verfolgung nach Bangladesch kamen, befinden sich gerade besonders viele von ihnen im Land.

Derzeitige Schätzungen gehen davon aus, dass sich allein unter den Rohingya ca. 700.000 unterernährte Kinder befinden. Dank Chistis gibt es die Hoffnung, dass viele von ihnen überleben werden. 

Dieser Beitrag stammt von Global Citizen und wurde dort zuerst veröffentlicht. Global Citizen ist eine globale Bewegung junger, engagierter Menschen, die die drängendsten Herausforderungen unserer Zeit bewältigen wollen. Mehr erfahren könnt ihr auf www.globalcitizen.org/de, aktiv werden und euch für eine bessere Welt für alle stark machen. 

(ujo)